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Bünder Tageblatt / Neue Westfälische , 19.02.2009 :

Wut und Angst und Annäherung / Palästinenser und Juden in heftiger Debatte über Nahost-Konflikt

Von Hartmut Brandtmann

Kreis Herford. Risiko. Die Juso-AG hat es einfach mal probiert: Bei den zweiwöchigen Treffen steht am Ende der Tagesordnung der Themenkomplex "International", zum Beispiel der Nahostkonflikt vor dem Hintergrund der Gaza-Krise. Der wurde auf Einladung der Jungsozialisten heftig diskutiert, mitten in Herford, in der Gaststätte Nil.

Julian Frohloff, der stellvertretende Vorsitzende der AG, bat um eine "strukturierte" Diskussion. Unmöglich. Was Harry Rothe, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, in seinem Eröffnungsstatement sagte, brachte die vielen Palästinenser unter den knapp 50 Zuhörern auf: Das Land sei dem Abraham verheißen worden, die Juden hätten es zur Blüte gebracht und in Verteidigungskriegen neu erobert. Auf Vertreibung gäbe es keine Hinweise, vielmehr hätten 30.000 wohlhabende Araber 1948 das Land als erste verlassen. Die Opfer von Gaza seien die Opfer der Terror-Organisation Hamas. Auf den Zwischenruf "Unverschämtheit" drohte Rothe mit Abbruch des Gesprächs, weil er seine Redezeit beschnitten glaubte.

Raif Hussein, Vertreter der Palästinensischen Gemeinde in Deutschland, nannte Rothes Ausführungen so überholt, dass selbst israelische Historiker sie widerlegt hätten. Schlimmer sei, dass Faschisten in der Knesset säßen. Es sei sarkastisch, mit ihnen über Frieden zu reden.

Den ersten Vermittlungsversuch machte Friedensaktivist Clemens Niemann mit der Frage: "Was können wir tun, damit dieser Konflikt nicht unser Zusammenleben belastet?" Eine Brücke baute auch Professor Matitjahu Kellig, Dekan der Musikhochschule Detmold, mit der Einsicht, die ein Appell war: "Wer sagt, er wisse die Lösung, hat schon verloren."

Dennoch: Die Zuhörer mussten ihre Erlebnisse schildern. Zum Beispiel die junge Deutsch-Libanesin. Sie berichtete von Bombardierungen, die sie im Urlaub in ihrer Heimat erlebt hat. Seitdem habe sie eine Fluglärm-Phobie. "Wer Angst hat, macht auch Angst", stellte sie fest. Hussein definierte die Angst: Bei den Palästinensern ist es die Angst vor der Vertreibung, bei den Juden die Bedrohung des Existenzrechts. "Ein Volk, das ein anderes unterdrückt, kann selbst nicht frei sein", lautete eine weitere Erkenntnis.

Ein Zusammenleben und -arbeiten ist möglich. Yousef Taha, stellvertretender Vorsitzender der Palästinensischen Gemeinde Herford, betreibt eine Werbe-Agentur. Sein Zeichner ist Jude "und mittlerweile mein Freund". Dann sprach er der Jüdischen Gemeinde Herford eine "herzliche Einladung" aus. Gegen ein Gespräch hat auch Harry Rothe "nichts einzuwenden". Raif Hussein nannte die Bedingung: "Solange nicht mit gespaltener Zunge gesprochen wird." Das Schlusswort hatte Ben Gurion. Matitjahu Kellig zitierte den ersten israelischen Premierminister: "Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist."

Bildunterschrift: "Verheißung Abrahams ist Blödsinn." Yousef Taha, Palästinensische Gemeinde Herford.

Bildunterschrift: "In der Knesset sitzen Faschisten." Raif Hussein, Palästinensische Gemeinde Deutschland.

Bildunterschrift: "Es gibt keine Hinweise auf Vertreibung." Harry Rothe, Jüdische Gemeinde Herford.

Bildunterschrift: "Wer sagt, er weiß die Lösung, hat verloren." Matitjahu Kellig, Jude und Dekan der Musikhochschule.


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