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Paderborner Kreiszeitung / Neue Westfälische , 19.10.2010 :

Sieben Schicksale aufgeklärt / Rainer Wester hält Vortrag zum Zugunglück von Ostern 1945

Von Simone Flörke

Salzkotten. Sieben Menschen hat Rainer Wester mit seinen Recherchen die Identität zurückgegeben und ihre Schicksale aufgeklärt. Es sind die sieben identifizierten Toten eines Zugunglücks in der Osternacht 1945. In den Wirren des nahen Kriegsendes und des Heranrückens der Amerikaner waren am Stadtbusch zwischen Geseke und Salzkotten in der Nacht des 31. März zwei Züge aufeinander gefahren.

Der Upsprunger Wester, leidenschaftlicher Eisenbahnfreund und Ortschronist, wird die Ergebnisse seiner Recherchen in einem Vortrag vorstellen. Dieser beginnt am Freitag, 29. Oktober, um 19.30 Uhr im Polizeimuseum Salzkotten. Auch Nachfahren der beim Unglück ums Leben gekommenen Menschen werden dabei sein. "Ich hätte nicht gedacht, dass so viel noch zu erfahren ist", bilanziert der 37-Jährige die Gespräche, Telefonate, E-Mails und Briefe der vergangenen sechs Monate. Geholfen haben ihm der Paderborner Militärhistoriker Friedhelm Henning, Heinz Claes (bei der Stadt Salzkotten im Bereich Archiv tätig) sowie Erzählungen von Zeitzeugen und ihren Nachfahren. Und ohne Alfons Dunkers erste Ausführungen zu dem Unglück aus den 1980er Jahren "wäre wohl niemand auf das Thema gekommen". Seither hat sich viel in der Archivarbeit getan, so dass Wester Dinge ergänzte, andere widerlegen konnte und vor allem Neues hinzufügte.

Fünf Zivilisten und zwei Soldaten sind bei dem Aufprall eines Bauzugs - am Regler der Lippstädter Reichsbahnlokführer Bernhard Wilhelm Hohlbein und als Heizer Martin Jonat aus Lippstadt - auf zwei aneinander gekoppelte, auf der Strecke stehende und unbeleuchtete Lokomotiven mit mehreren Personen auf dem Führerstand ums Leben gekommen.

Wester konnte auch klären, warum die Loks auf freier Strecke in der mondhellen März-Nacht hielten: Nachfahren der Opfer sprachen davon, dass der Zug beschossen worden war. Beide Züge, so eine Aussage des Lokführers Franz Karthaus, hätten wohl eine Fahraufforderung Richtung Nordhausen im Harz bekommen - raus aus dem Ruhrgebiet, wo sich der Ring der Alliierten immer enger zog.

Augenzeugen hätten von Todesschreien und Hilferufen gesprochen, davon, dass Tote herausgeschleudert wurden, Überlebende hilflos und unter Schock herumgeirrt seien, dass auch am nächsten Tag, dem Ostersonntag, noch das Wimmern in den zusammengekeilten Waggons zu hören gewesen sei, beschreibt der Upsprunger ein Horror-Szenario. Das Rote Kreuz Salzkotten habe die sieben Toten geborgen.

Die Amerikaner seien erst am 6. April mit schwerem Gerät zur Bergung angerückt. Ob die Verunglückten ausgeplündert worden seien, darüber gebe es unterschiedliche Aussagen, erklärt Wester. Auffällig: "Jeder der sieben Toten führte etwas mit sich, was ihn später identifizierbar machte. Als "mysteriös" bezeichnet er die Tatsache, dass die Amerikaner einen zum Unglückszeitpunkt bereits vorhandenen nahen Bombentrichter bei der Bergung zuschütteten. Liegen darin weitere Tote? Ließen sie Waffen und Munition verschwinden? Dafür spricht, dass Wester und Henning dort die Reste eines französischen Beutegewehres fanden. Wester hat die Stadt Geseke informiert mit der Bitte, den verschütteten Trichter im Stadtwald zu öffnen.

Alle sieben identifizierten Toten sind in Salzkotten beerdigt worden. Ernst Lange aus Gladbeck ist dort geblieben, ebenso der Soldat Wilhelm Kremeier aus Bökendorf, der auf dem Ehrenfriedhof ruht. Die anderen wurden überführt. Besonders berührt hat Rainer Wester das Schicksal der erst 15 Jahre jungen Edith Josefine Waldmann, die wegen Verzögerungen bei der Überführung insgesamt viermal beerdigt wurde, ehe sie in Essen ihre letzte Ruhestätte fand.

Trotzdem ist das Buch zum Zugunglück noch nicht geschlossen: Wester versucht beispielsweise gemeinsam mit Friedhelm Henning Kontakt zu amerikanischen Veteranen-Organisationen zu bekommen, um mögliche Zeitzeugen der Bergung zu finden. Er will seine Erkenntnisse auch in ein Heft zusammenfassen, das er den Archiven zur Verfügung stellen wird.

Bombe unter der Kuh

Bereits am 25. März 1945 war es an der so genannten Blockstelle Verne - der Bau diente zur Überwachung der Bahnstrecke und zur Beschleunigung des Zugverkehrs - zu einem schweren Unfall gekommen. Ein amerikanischer Jagdflieger blieb an den Telegrafendrähten hängen und rast in das Blockstellengebäude. Das Flugzeug explodiert, das Gebäude auch. Eine Zehn-Kilo-Bombe des Flugzeuges wurde in den Stall des Schrankenwärter-Häuschens geschleudert und blieb unter einer Kuh liegen. Was dann passierte, wird Rainer Wester in seinem Vortrag ausführen.

Bildunterschrift: Dort geschah es am 31. März 1945: Rainer Wester zeigt auf einer Karte die Stelle an der Bahnstrecke zwischen Geseke und Salzkotten, wo der Bauzug auf zwei zusammengekoppelte Lokomotiven knallte.

Bildunterschrift: Ernst Lange: Der Gladbecker blieb in Salzkotten beerdigt.


lok-red.paderborn@neue-westfaelische.de

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