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Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt , 04.12.2021 :

Stadtgeschichte / Das Rätsel um Heinrich Ostmann

Der Helpuper galt als kluger, leicht versponnener Typ / Er war Kommunist und verachtete die Nazis / Auf der Zugfahrt nach Berlin starb er unter mysteriösen Umständen

Horst Biere

Oerlinghausen. Heinrich Ostmann muss wohl ein kluger, wenn auch leicht versponnener Typ gewesen sein. Der Helpuper, der um 1905 geboren wurde, wohnte mit seiner Mutter an der Bielefelder Straße etwa gegenüber der heutigen Sporthalle. Schon in der Schule versetzte er seinen Lehrer Brand in Erstaunen, denn er löste selbst schwierigste Aufgaben an der Tafel ganz locker. "Er war überklug" beschrieb ihn August Stegelmann, einer seiner engsten Freunde. August Stegelmanns Tochter Elisabeth berichtete jetzt über das außergewöhnliche Leben von Heinrich Ostmann, der in den 1930er Jahren unter mysteriösen Umständen auf der Zugfahrt nach Berlin ums Leben kam.

"Man fand ihn tot am Bahndamm auf der Strecke hinter Hannover", erinnert sich Elisabeth Stegelmann, die in Brüntorf bei Lemgo lebt, an Erzählungen ihres Vaters. "Und man brachte den Leichnam, der stark verstümmelt war, zu seiner Mutter." Obwohl Heinrich Ostmann aus der Kirche ausgetreten war, erklärte sich der Helpuper Pfarrer bereit, ihn zu beerdigen - der Mutter wegen. An einen Selbstmord glaubte August Stegelmann nicht, denn sein Freund Heinrich Ostmann galt als einer der wenigen Kommunisten in Helpup, und er war offenbar auf dem Weg zur Reichskanzlei in Berlin um, wie er sagte, "Adolf Hitler abzusetzen". "Heinrich war ein Roter", meinte Stegelmann, eine Auseinandersetzung mit den Nazis erschien ihm deshalb wesentlich wahrscheinlicher.

Ein Schlüsselerlebnis in Eben Ezer

Heinrich Ostmanns Leben in Helpup verlief anfangs eher unspektakulär. Die Mutter, eine Flickschneiderin, hatte ihn und seinen Bruder Wilhelm sehr streng erzogen. Der Vater, ein ehemaliger Maschinist bei der Handelsmarine, starb bereits mit 40 Jahren an Malaria, die er sich in den Tropen zugezogen hatte. Bei Dürkopp in Bielefeld erlernt Ostmann den Beruf des Drehers, gemeinsam mit seinem Freund August Stegelmann. Ostmann war ein Tüftler, perfekt in Mathematik, beherrschte Maschineschreiben und Stenografie. Er fertigte oft Zeichnungen mit Zirkel und Lineal an, über denen er stundenlang brütete. "Er besaß offenbar eine hohe technische Intelligenz", meint Elisabeth Stegelmann, "scherzhaft sagte man im Dorf, er sei der Erfinder des Mähdreschers".

Doch Heinrich Ostmann zeigte sich auch sehr unternehmungslustig und mutig. Er organisierte oft ungewöhnliche Ausflüge mit seinen Freunden zu Zielen, über die er in der Zeitung gelesen hatte. "Es gibt Fotos von der Freundesgruppe an der Hohlsteinhöhle in Veldrom bei Leopoldstal - datiert vom 8. Mai 1930. Die jungen Männer waren mit Taschenlampen und Seilen ausgerüstet und stiegen in die enge etwa zehn Meter tiefe Höhle hinab. Meinem Vater war der Abstieg zu unheimlich", sagt Elisabeth Stegelmann.

Ein Sonntagsausflug Mitte der 30er Jahre allerdings veränderte Heinrich Ostmanns Verhalten völlig - es war der vorletzte Tag seines Lebens. Die beiden Freunde statteten der kranken Schwester von August Stegelmann in der Anstalt Eben Ezer in Stapellage einen Besuch ab. Dort muss er irgendein Schlüsselerlebnis gehabt haben. "Auf dem Heimweg nach Helpup war er völlig verändert. Er bemerkte, er wolle die Oberschwester der Anstalt absetzen. Als er Hakenkreuz-Flaggen an Häusern sah, sagte er: Die hole ich alle noch herunter, wartet nur", berichtet Elisabeth Stegelmann.

Doch das Unglück nahm seinen Lauf. Am nächsten Morgen wanderte Heinrich Ostmann zum Helpuper Bahnhof, um nach Berlin zu fahren. Als der Schalterbeamte ihm den Preis für die Fahrkarte nannte, antwortete ihm Heinrich Ostmann: "Ich dachte, zu Hitler bekäme man einen Freifahrtschein." Erfolglos ging er nach Hause zurück. Er wartete bis seine Mutter das Haus verlassen hatte und bediente sich dann am Haushaltsgeld aus der Schrankschublade. Nun hatte er mehr Glück und bekam seine Zugfahrkarte nach Berlin. Elisabeth Stegelmann sagt: "An diesem Morgen wurde Heinrich Ostmann zum letzten Mal lebend in Helpup gesehen." In der Eisenbahn müsse es zu einer Tragödie gekommen sein. Sie fragt sich, ob er vielleicht auf der Zugfahrt auch Anti-Nazi-Parolen geäußert habe und deswegen kurzerhand von Sicherheitsleuten aus dem Zug gestoßen worden sei.

Auch habe sich ihr Vater August Stegelmann schon Vorwürfe gemacht, dass er nicht rechtzeitig auf die offensichtliche Radikalisierung seines Freundes reagiert habe. Denn offenbar hatte ein Eindruck in der Anstalt Eben Ezer, wo behinderte Menschen untergebracht waren, zu diesem plötzlichen Sinneswandel von Heinrich Ostmann geführt. Von einem Polizeibericht oder einer Meldung in der Zeitung über den Todesfall haben sie und ihr Vater nie etwas gesehen. Elisabeth Stegelmann fragt sich, ob heute noch jemand Informationen über Heinrich Ostmann oder den Helpuper Freundeskreis besitzt.

Kontakt: westlippe@nw.de

Bildunterschrift: Auf einer Wanderung zum Donoper Teich entstand das Foto des Helpuper Freundeskreises. Vorn links sitzt Heinrich Ostmann, daneben sein Freund August Stegelmann. Die anderen Personen sind unbekannt.

Bildunterschrift: Die Helpuper Bahnhofstraße auf einer Postkarte von 1930.

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Am 4. Dezember 2021 berichtete die "Neue Westfälische" - über den Kommunisten Heinrich Ostmann aus Helpup - der "Mitte der 30er Jahre" bei einer Zugfahrt nach Berlin unter mysteriösen Umständen verstarb.

Im Oktober 2019 wurde auf der Webseite der Stadt Oerlinghausen, die dritte Ausgabe von "Die Opfer des Nationalsozialismus aus Oerlinghausen. Ein Erinnerungsbuch", Jürgen Hartmann, als Download eingestellt.

Am 7. April 2016 wurde "Die Opfer des Nationalsozialismus aus Oerlinghausen. Ein Erinnerungsbuch" - auf der Internetseite der Stadt Oerlinghausen auch als Download abrufbar - von Jürgen Hartmann vorgestellt.

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www.oerlinghausen.de/de-wAssets/docs/Erinnerungsbuch_NS-Opfer_Oerlinghausen_dritte_Ausgabe_2019.pdf

04./05.12.2021

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