www.hiergeblieben.de

Lippische Landes-Zeitung Online , 24.11.2021 :

Völkische sind auf dem Vormarsch - auch in OWL

24.11.2021 - 19.30 Uhr

Hajo Gärtner

Dörentrup. Die Zahlen sprechen für sich: Elf Millionen Mal sollen die zehn erschienenen Bücher über Anastasia, die "Tochter der Taiga", bislang verkauft worden sein. Die zentrale Romanfigur der Buchreihe des russischen Autors Wladimir Megre ist eine "wunderschöne blonde Prinzessin, die mit Tieren sprechen kann" - und eine raffinierte Marketing-Strategie, um die "völkische Landnahme" einer sektenhaften, esoterisch-rassistischen Bewegung voranzutreiben, sagt Andrea Röpke. Die Journalistin gilt als Kennerin der rechten Szene. Am Dienstagabend hat sie einen gut besuchten Vortrag im Dörentruper Bürgerhaus gehalten.

Nicht ohne Grund, sorgte doch die Hillentruper "Lebensgemeinschaft Rawaule" vor kurzem für Aufsehen. Die "Lebensgemeinschaft", vor wenigen Jahren eingezogen in der alten Schule, steht im Verdacht, der Anastasia-Bewegung zumindest in Teilen anzugehören (die LZ berichtete).

Aussteiger von rechts

Röpke hat das Buch "Völkische Landnahme" geschrieben, zugleich der Titel ihres Dörentruper Vortrags. Organisiert wurden der Abend von der "Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus OWL". Die Journalistin und Autorin beobachtet, wie "rechte Ökos" in ländliche Regionen drängen, um Land aufzukaufen, Häuser zu bauen und eigene Wirtschaftsnetze zu flechten. Die "Aussteiger von rechts" betreiben demnach ökologische Landwirtschaft, pflegen altes Handwerk und nationales Brauchtum.

Teilnehmer der Vortragsveranstaltung berichteten in der anschließenden Diskussion, dass sich die alte Schule wohl "zu einer Art Fortbildungszentrum" entwickelt habe. Jedenfalls hingen dort Zettel mit Einladungen zu Seminaren aus. Das halte sie für durchaus möglich, antwortete die Referentin, wisse dazu aber nichts Genaues. Ihre Daten beziehen sich vielmehr auf viele Dörfer, in denen sie ausgiebig recherchiert hat. Fündig geworden ist sie vor allem in Jamel (Mecklenburg). Mitten im Dorf zeige zum Beispiel ein Wegweiser nach Braunau, dem Geburtsort Adolf Hitlers.

Blut-und-Boden-Ideologie

Das Verhalten der "rechten Ökos" klingt zunächst nach einem Eskapismus, wie er in der Hippie-Kultur auffällig in Erscheinung getreten ist. Der neuen, völkisch-nationalistischen Variante geht es nach Andrea Röpkes Erkenntnissen aber nicht um "Love and peace all over the world", sondern um das glatte Gegenteil: Sie wollen keinesfalls die Welt retten, sondern einzig radikalen "Volksschutz" betreiben. Langwierige Recherchen und Analysen von Schriften belegen laut Röpkes Worten: Diese neuen Aussteiger siedeln in "Wehrdörfern" mit dem Konsens, unter "Gleichen" leben zu wollen. Viele hängen der "Blut-und-Boden"-Ideologie der Nazis an und verbreiten ein elitäres Vokabular gegen "Überfremdung".

Andrea Röpke stuft die Bewegung als durchaus gefährlich ein; nicht umsonst werde sie jetzt auch in Teilen vom Verfassungsschutz beobachtet. In ihrem Vortrag zeigte sie die Präsenz prominenter Köpfe der rechtsextremen Szene, denn völkische Ideologie breite sich auch in Parteisatzungen wie der der AfD aus.

Völkische Szene in OWL angekommen

Bei der direkten Landnahme vor Ort gehe es um Akzeptanzgewinn: Die neuen Rechten dringen ihr zufolge in örtliche Vereine vor, unterwandern die lokale Politik und Schulen. Sie versuchen, Umweltschutz mit völkischer Gesinnung zu verbinden. Ihre Strategie nennen sie auch "nationale Graswurzelarbeit".

Woher haben die das Geld? Röpke ist sich sicher, dass auch russische Geldgeber dahinter stecken. Derweil ist die völkische Szene auch in Ostwestfalen-Lippe angekommen. Die Externsteine üben eine geradezu magische Anziehungskraft auch auf rechtsesoterische Kreise aus, zeigte Röpke auf. Hier gebe es Verbindungen zu völkischen Siedlern. Hochbelastete Begriffe wie "Rasse" werden chiffriert, sie reden zum Beispiel von "Artgemeinschaft".

Zivilgesellschaftliches Engagement sinnvoll

Das durchaus entsetzte Publikum wollte wissen, was man dagegen unternehmen könne. Sich allein auf staatliche Maßnahmen zu berufen, davon hält Andrea Röpke nicht viel. Die rechte Szene habe sich professionalisiert, vermeide vor Ort Straftaten in der Öffentlichkeit.

Da habe die Polizei wenig Handhabe. Viel effektiver ist ihrer Ansicht nach "zivilgesellschaftliches Engagement": Deutlich Gegenposition zu beziehen, wenn die "völkische Landnahme" sich ausweitet und verhindern, dass rechtsradikale Aktivisten weiterhin Land, alte Höfe und Häuser aufkaufen.

Bildunterschrift: Die Lebensgemeinschaft Rawaule bewohnt die alte Schule in Hillentrup.

Bildunterschrift: Andrea Röpke bei ihrem Vortrag im Bürgerhaus Dörentrup.

_______________________________________________


- Dienstag, 23. November 2021 um 18.30 Uhr -


Vortrag von Andrea Röpke: "Völkische Landnahme"


Veranstaltungsort:

Bürgerhaus der Gemeinde Dörentrup
Am Rathaus 2
32694 Dörentrup


Hinweis: Es gilt die 2G-Regelung (Zutritt nur mit Impf- oder Genesungsnachweis), die Anzahl der Plätze ist beschränkt.


Ökologie und Esoterik von Rechts, die Anastasia-Bewegung und völkische Netzwerke

Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus OWL lädt die Autorin Andrea Röpke nach Dörentrup ein.

In den vergangenen Monaten ist das Thema "Anastasia-Bewegung" unter anderem durch die öffentliche Berichterstattung in Lippe bereits Thema gewesen. Der Vortrag soll Aufschluss über die ideologische Verortung dieser Bewegung und ihre Verstrickungen in rechtsextreme Netzwerke geben.

Seit Jahren siedeln sich junge Rechtsextreme bewusst in ländlichen Regionen an, um dort generationsübergreifend "nationale Graswurzelarbeit" zu betreiben. Dieser unauffällige Aktionismus ist gegen die moderne und liberale Gesellschaft gerichtet, es herrschen alte Geschlechterbilder und autoritäre Erziehungsmuster vor. Die Aussteigerinnen, Aussteiger von rechts betreiben ökologische Landwirtschaft, pflegen altes Handwerk und nationales Brauchtum, organisieren Landkauf-Gruppen und eigene Wirtschaftsnetzwerke, die bundesweit agieren. Sie bringen sich in örtlichen Vereinen ein und gehen in die lokale Politik, um Umweltschutz mit "Volksschutz" zu verbinden und eine angebliche "Überfremdung" zu verhindern.

Andrea Röpke verfolgt seit Jahren diese kaum beachtete Entwicklung. In ihrem Vortrag zeigt sie die historischen Wurzeln und aktuellen Vernetzungen auf, die bis in die Parlamente reichen. Dabei wird deutlich: hier handelt es sich um eine unterschätzte Gefahr. Schwerpunkt des Vortrags sind die Netzwerke zwischen völkischen, rechtsbündischen und esoterischen Rechten u.a. aus dem Spektrum der "Anastasia-Bewegung".


Buchempfehlung:

Andrea Röpke, Andreas Speit: "Völkische Landnahme - Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos", Ch. Links Verlag, ISBN: 978-3-86153-986-5, 208 Seiten, 18 Euro


MBR OWL

Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus OWL / Regierungsbezirk
Detmold

Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus OWL (MBR OWL) ist eine Beratungsstelle für alle, die sich mit Rechtsextremismus oder Rassismus auseinandersetzen wollen oder müssen. Unsere Arbeit ist menschenrechtsorientiert und hat ein diskriminierungsfreies Miteinander zum Ziel.

Kontakt:

(05221) 17457-25 / -26
info@mbr-owl .de
www.mbr-owl .de


Ausschlussklausel:

Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

_______________________________________________


Lippische Landes-Zeitung Online, 10.10.2021:

Nähe zur "Anastasia"-Bewegung: Vorwürfe gegen Hillentruper Kommune Rawaule

10.10.2021 - 10.31 Uhr

Jens Rademacher

Dörentrup-Hillentrup. Im Dunstkreis der so genannten Anastasia-Bewegung vermischen sich esoterisch ausgerichtete Gruppen, alternativ wirkende Projekte und rechtsextreme Ansichten. Auch in Hillentrup soll es Anastasia-Anhänger in der Rawaule-Lebensgemeinschaft geben. Extremismus-Fachmann Sascha Schmittutz vom Kreis Lippe warnt vor Unterwanderung von Projekten durch Rechtsextreme.

Der WDR hatte berichtet, dass sich Rawaule-Bewohner der Anastasia-Bewegung zurechnen. In dem Bericht finde sich ein "Bündel von Falschbehauptungen", sagte ein Rawaule-Bewohner der LZ. Weiter wollte sich die Rawaule nicht äußern, weil die LZ auf ihre Bedingung nicht eingegangen ist, ihr den Artikel vor der Veröffentlichung vorzulegen. Daraufhin wollten die Bewohner der LZ ein schriftliches Statement senden und schriftlich Fragen beantworten. Beides geschah nicht.

Benannt nach dem Straßennamen

In einem auf Facebook veröffentlichten Statement bestreitet die Gruppe die Rechtsextremismus-Vorwürfe. Der Rawaule-Bewohner, der das Facebook-Statement verfasst hat, betont darin, er habe eine Antifa-Gruppe gegründet, als 1989 die "rechtspopulistischen Republikaner mit ihrem Franz Schönhuber an der Spitze mit ausländerfeindlichen Parolen auf Stimmenfang" gingen. Indirekt bestätigt das Statement allerdings die Nähe einiger Bewohner zu Anastasia. Denn es heißt, es stünden nicht alle Bewohner hinter der Anastasia-Bewegung. Im Umkehrschluss bedeutet das: Andere aber schon.

Die Rawaule-Lebensgemeinschaft, benannt nach dem Straßennamen, hatte sich im Jahr 2015 im alten Schulgebäude nahe der Hillentruper Kirche gegründet. Nach eigenen Angaben leben dort zur Zeit neun Menschen. Eine der Mitgründerinnen ist vor einiger Zeit ausgezogen. Die Rawaule sei ein "Begegnungsort für Denkfreiheit, Kreativität und Wissensweitergabe", heißt es auf ihrer Internetseite. Zentrale Punkte sind die Idee des Gemeinschaftseigentums, wie die LZ 2018 schrieb, die Selbstversorgung und die "gesunde, faire und ökologische Ernährung aus unserer großen Gemeinschaftsküche".

"Wir müssen aufpassen"

Punkte wie gesunde Ernährung, autarkes Leben, Ökologie, Klimaschutz oder Permakultur sind nach den Worten von Sascha Schmittutz vom Kreis Lippe Anknüpfungspunkte für Rechtsextreme - und "zu wichtig, um sie rechten Ideologien zu überlassen", wie Schmittutz sagt. Er ist für die Koordination der Prävention vor Rassismus und Extremismus und für Demokratie-Förderung zuständig und sagt mit Blick auf die Anastasia-Bewegung: "Wir müssen als ländlicher Kreis aufpassen, dass Menschen mit einer solchen Gesinnung uns nicht Vereine und Projekte durch ideologische Unterwanderung kaputtmachen."

Sprich: Rechtsextremisten nutzten solche Themen und Gruppen, um dort anzudocken. Wenn von Anastasia-Anhängern behauptet werde, dass man eher links sei, "dann habe ich meine Zweifel", sagt Schmittutz.

Die Anastasia-Bewegung fußt auf einer Buchreihe des russischen Autors Wladimir Megre, die auf den ersten Blick eher ins esoterische Milieu passt. Die Anastasia-Bücher seien nicht antisemitisch, heißt es im Rawaule-Statement. Doch Fachleute widersprechen: Darin würden eben nicht nur naturreligiöse Anschauungen verbreitet, sondern auch rechte und antisemitische Verschwörungsmythen. So stellt die Amadeu Antonio Stiftung, die sich gegen Rechtsextremismus wendet, fest: "Die Buchreihe des russischen Autors verbreitet unverhohlen antisemitische und rassistische Ansichten" und diene als Inspiration für völkisch-esoterische Siedler. Nach Schmittutz’ Worten heißt es ab dem vierten Buch der Reihe, Juden seien auserkoren, die Weltherrschaft an sich zu reißen. "Eine unerträgliche Ideologie", stellt der Präventionsbeauftragte fest.

Ihm zufolge propagieren die Anastasia-Bücher auch Blut-und-Boden-Ideologie, die mit der die Ablehnung von Zuwanderung einhergehe. Der Lüdenhauser Pfarrer Horst-Dieter Mellies, Beauftragter der Lippischen Landeskirche für Weltanschauungsfragen und Sekten, weiß, dass auch der Gedanke der "Reinheit der Art" eine Rolle spielt.

Anastasia-Gruppe wollte sich auch in Detmold niederlassen

Die Amadeu Antonio Stiftung erläutert außerdem: Die Anhänger der rechts-esoterischen Bewegung versuchten, autarke Selbstversorger-Siedlungen aufzubauen. Davor warnt auch Mellies: Es könne ganz harmlos anfangen. "Man bezieht ein verlassenes Gehöft, bringt sich in das Gemeinwesen ein und fängt dann an, seine Inhalte zu transportieren." Und die seien nicht harmlos. Auch im Kreis Lippe soll eine Anastasia-Gruppe aus dem Detmolder Raum ein großes Haus mit Garten gesucht haben. In Extertal soll es dann den vergeblichen Versuch gegeben haben, ein leerstehendes Gebäude zu kaufen. Für Mellies ist nach dem Studium der Rawaule-Internetseite und anderer verbundener Seiten nicht von der Hand zu weisen, dass es hier eine Verbindung zu Anastasia gibt. Für eine genauere Beurteilung fehle ihm aber das Material.

Auf Facebook teilen manche Rawaule-Mitglieder beziehungsweise ehemalige Mitglieder esoterische Themen, Impf-Skeptiker-Posts, aber nach Schmittutz’ Worten auch Seiten, die für Reichsbürger und Verschwörungstheoretiker interessant sind. Darüber hinaus werden Inhalte geteilt, mit denen Hartz-IV-Empfänger und Flüchtlinge gegeneinander ausgespielt werden sollen. Schmittutz fordert deshalb auch mit Blick auf die Menschen in solchen Projekten: "Man muss sich gegenüber denjenigen abgrenzen, die Anastasia befürworten." Ähnlich sieht es Pfarrer Mellies: Wer sich für Anastasia interessiere, "der muss wissen, unter welcher Fahne er mitläuft". Er warnt: Die Esoterik-Szene habe eine "offene Flanke in den rechten Rand hinein".

Dorfbewohner haben Kontakt zu Rawaule-Bewohnern

In Hillentrup selbst, wissen Dorfbewohner zu berichten, habe man durchaus Kontakt mit den Rawaule-Bewohnern. "Es war bislang eine vernünftige Nachbarschaft", sagt ein Hillentruper. So wollten die Rawaule-Leute demnächst wieder mit anderen Hillentrupern Saft pressen. Rechtsextreme Ansichten hätten Bewohner nicht geäußert. Auch sei kein Versuch bekannt, andere zu bekehren. "Aber was die hinter ihrer Haustür machen, weiß ich natürlich auch nicht", sagt der Hillentruper.

Dörentrups Bürgermeister Friso Veldink zeigte sich denn auch überrascht von dem Bericht. Er habe sich in seiner Gemeindeverwaltung erkundigt: Dort sei nichts Negatives bekannt. Es folgte ein persönliches Treffen zwischen Veldink und fünf Rawaule-Bewohnern, in denen diese betont hätten, sie richteten sich nicht dogmatisch nach irgendeiner Lehre, sagt Veldink. Überdies hatte die Rawaule die Nachbarn kürzlich zu einem "Bürgerabend" eingeladen. Er sei nicht beunruhigt, betont der Bürgermeister, werde sich aber weiter informieren, was es mit der Bewegung auf sich hat. "Wir werden die Augen weiter offen halten, um rechtsextreme Tendenzen in Dörentrup frühzeitig zu erkennen."

Bildunterschrift: Lebensgemeinschaft Rawaule bewohnt die alte Schule in Hillentrup.

_______________________________________________


Lippische Landes-Zeitung, 09./10.10.2021:

Vorwürfe gegen die Rawaule

Einigen Mitgliedern der Hillentruper Lebensgemeinschaft wird eine Nähe zur "Anastasia"-Bewegung nachgesagt / Diese gilt als in Teilen antisemitisch und rassistisch / Die Bewohner bestreiten, rechtsextrem zu sein / Bürgermeister Veldink will die Augen offen halten

Jens Rademacher

Dörentrup-Hillentrup. Im Dunstkreis der so genannten Anastasia-Bewegung vermischen sich esoterisch ausgerichtete Gruppen, alternativ wirkende Projekte und rechtsextreme Ansichten. Auch in Hillentrup soll es Anastasia-Anhänger in der Rawaule-Lebensgemeinschaft geben. Extremismus-Fachmann Sascha Schmittutz vom Kreis Lippe warnt vor Unterwanderung von Projekten durch Rechtsextreme.

Der WDR hatte berichtet, dass sich Rawaule-Bewohner der Anastasia-Bewegung zurechnen. In dem Bericht finde sich ein "Bündel von Falschbehauptungen", sagte ein Rawaule-Bewohner der LZ. Weiter wollte sich die Rawaule nicht äußern, weil die LZ auf ihre Bedingung nicht eingegangen ist, ihr den Artikel vor der Veröffentlichung vorzulegen. Daraufhin wollten die Bewohner der LZ ein schriftliches Statement senden und schriftlich Fragen beantworten. Beides geschah nicht.

In einem auf Facebook veröffentlichten Statement bestreitet die Gruppe die Rechtsextremismus-Vorwürfe. Der Rawaule-Bewohner, der das Facebook-Statement verfasst hat, betont darin, er habe eine Antifa-Gruppe gegründet, als 1989 die "rechtspopulistischen Republikaner mit ihrem Franz Schönhuber an der Spitze mit ausländerfeindlichen Parolen auf Stimmenfang" gingen. Indirekt bestätigt das Statement allerdings die Nähe einiger Bewohner zu Anastasia. Denn es heißt, es stünden nicht alle Bewohner hinter der Anastasia-Bewegung. Im Umkehrschluss bedeutet das: Andere aber schon.

Die Rawaule-Lebensgemeinschaft, benannt nach dem Straßennamen, hatte sich im Jahr 2015 im alten Schulgebäude nahe der Hillentruper Kirche gegründet. Nach eigenen Angaben leben dort zur Zeit neun Menschen. Eine der Mitgründerinnen ist vor einiger Zeit ausgezogen. Die Rawaule sei ein "Begegnungsort für Denkfreiheit, Kreativität und Wissensweitergabe", heißt es auf ihrer Internetseite. Zentrale Punkte sind die Idee des Gemeinschaftseigentums, wie die LZ 2018 schrieb, die Selbstversorgung und die "gesunde, faire und ökologische Ernährung aus unserer großen Gemeinschaftsküche".

Punkte wie gesunde Ernährung, autarkes Leben, Ökologie, Klimaschutz oder Permakultur sind nach den Worten von Sascha Schmittutz vom Kreis Lippe Anknüpfungspunkte für Rechtsextreme - und "zu wichtig, um sie rechten Ideologien zu überlassen", wie Schmittutz sagt. Er ist für die Koordination der Prävention vor Rassismus und Extremismus und für Demokratie-Förderung zuständig und sagt mit Blick auf die Anastasia-Bewegung: "Wir müssen als ländlicher Kreis aufpassen, dass Menschen mit einer solchen Gesinnung uns nicht Vereine und Projekte durch ideologische Unterwanderung kaputtmachen."

"Zu wichtig für rechte Ideologien"

Sprich: Rechtsextremisten nutzten solche Themen und Gruppen, um dort anzudocken. Wenn von Anastasia-Anhängern behauptet werde, dass man eher links sei, "dann habe ich meine Zweifel", sagt Schmittutz.

Die Anastasia-Bewegung fußt auf einer Buchreihe des russischen Autors Wladimir Megre, die auf den ersten Blick eher ins esoterische Milieu passt. Die Anastasia-Bücher seien nicht antisemitisch, heißt es im Rawaule-Statement. Doch Fachleute widersprechen: Darin würden eben nicht nur naturreligiöse Anschauungen verbreitet, sondern auch rechte und antisemitische Verschwörungsmythen. So stellt die Amadeu Antonio Stiftung, die sich gegen Rechtsextremismus wendet, fest: "Die Buchreihe des russischen Autors verbreitet unverhohlen antisemitische und rassistische Ansichten" und diene als Inspiration für völkisch-esoterische Siedler. Nach Schmittutz’ Worten heißt es ab dem vierten Buch der Reihe, Juden seien auserkoren, die Weltherrschaft an sich zu reißen. "Eine unerträgliche Ideologie", stellt der Präventionsbeauftragte fest.

Ihm zufolge propagieren die Anastasia-Bücher auch Blut-und-Boden-Ideologie, die mit der die Ablehnung von Zuwanderung einhergehe. Der Lüdenhauser Pfarrer Horst-Dieter Mellies, Beauftragter der Lippischen Landeskirche für Weltanschauungsfragen und Sekten, weiß, dass auch der Gedanke der "Reinheit der Art" eine Rolle spielt.

Die Amadeu Antonio Stiftung erläutert außerdem: Die Anhänger der rechts-esoterischen Bewegung versuchten, autarke Selbstversorger-Siedlungen aufzubauen. Davor warnt auch Mellies: Es könne ganz harmlos anfangen. "Man bezieht ein verlassenes Gehöft, bringt sich in das Gemeinwesen ein und fängt dann an, seine Inhalte zu transportieren." Und die seien nicht harmlos. Auch im Kreis Lippe soll eine Anastasia-Gruppe aus dem Detmolder Raum ein großes Haus mit Garten gesucht haben. In Extertal soll es dann den vergeblichen Versuch gegeben haben, ein leerstehendes Gebäude zu kaufen. Für Mellies ist nach dem Studium der Rawaule-Internetseite und anderer verbundener Seiten nicht von der Hand zu weisen, dass es hier eine Verbindung zu Anastasia gibt. Für eine genauere Beurteilung fehle ihm aber das Material.

"Offene Flanke in den rechten Rand"

Auf Facebook teilen manche Rawaule-Mitglieder beziehungsweise ehemalige Mitglieder esoterische Themen, Impf-Skeptiker-Posts, aber nach Schmittutz’ Worten auch Seiten, die für Reichsbürger und Verschwörungstheoretiker interessant sind. Darüber hinaus werden Inhalte geteilt, mit denen Hartz-IV-Empfänger und Flüchtlinge gegeneinander ausgespielt werden sollen. Schmittutz fordert deshalb auch mit Blick auf die Menschen in solchen Projekten: "Man muss sich gegenüber denjenigen abgrenzen, die Anastasia befürworten." Ähnlich sieht es Pfarrer Mellies: Wer sich für Anastasia interessiere, "der muss wissen, unter welcher Fahne er mitläuft". Er warnt: Die Esoterik-Szene habe eine "offene Flanke in den rechten Rand hinein".

In Hillentrup selbst, wissen Dorfbewohner zu berichten, habe man durchaus Kontakt mit den Rawaule-Bewohnern. "Es war bislang eine vernünftige Nachbarschaft", sagt ein Hillentruper. So wollten die Rawaule-Leute demnächst wieder mit anderen Hillentrupern Saft pressen. Rechtsextreme Ansichten hätten Bewohner nicht geäußert. Auch sei kein Versuch bekannt, andere zu bekehren. "Aber was die hinter ihrer Haustür machen, weiß ich natürlich auch nicht", sagt der Hillentruper.

Dörentrups Bürgermeister Friso Veldink zeigte sich denn auch überrascht von dem Bericht. Er habe sich in seiner Gemeindeverwaltung erkundigt: Dort sei nichts Negatives bekannt. Es folgte ein persönliches Treffen zwischen Veldink und fünf Rawaule-Bewohnern, in denen diese betont hätten, sie richteten sich nicht dogmatisch nach irgendeiner Lehre, sagt Veldink. Überdies hatte die Rawaule die Nachbarn kürzlich zu einem "Bürgerabend" eingeladen. Er sei nicht beunruhigt, betont der Bürgermeister, werde sich aber weiter informieren, was es mit der Bewegung auf sich hat. "Wir werden die Augen weiter offen halten, um rechtsextreme Tendenzen in Dörentrup frühzeitig zu erkennen."

Sie erreichen den Autor dieses Artikels per E-Mail an jrademacher@lz.de und unter Telefon (05261) 9466-13.

Bildunterschrift: Die Mitglieder der Lebensgemeinschaft Rawaule bewohnen die alte Schule in Hillentrup.

_______________________________________________


WDR-Nachrichten aus Ostwestfalen-Lippe, 14.09.2021:

Völkische Siedler jetzt auch im Kreis Lippe

14.09.2021 - 16.50 Uhr

Von Oliver Jürgens

Die antisemitische und völkische Anastasia-Bewegung versucht jetzt auch im Kreis Lippe Fuß zu fassen.

Die Anhänger einer russischen Lehre leben als Selbstversorger in Öko-Siedlungen und haben Kontakte in die rechte Szene.

Auf dem Internet-Portal Ebay-Kleinanzeigen sucht die Gruppe zur Zeit ein Gemeinschaftshaus. Einzelne Anhänger der Anastasia-Bewegung leben nach WDR-Informationen bereits im Detmolder Raum. Es handelt sich um mindestens fünf Familien. Die Detmolder Gruppe sucht ein Haus mit großem Garten, um dort auch Gemüse und Obst anzubauen. Außerdem sollen auf dem Gelände weitere Häuser entstehen.

Offenbar wird eine ganze Siedlung geplant - typisch für die Mitglieder der Bewegung, die als Selbstversorger leben möchten.

Treffen an den Externsteinen

Auch im lippischen Dörentrup gibt es mit der "Rawaule" bereits eine Gemeinschaft, die sich in Teilen der Anastasia-Bewegung zurechnet. Von dort wurde im Dezember die Besichtigung einer leerstehenden Gaststätte in der Gemeinde Extertal organisiert. Das Haus ist inzwischen anderweitig verkauft worden. Außerdem gab es zur Wintersonnenwende ein Treffen an den Externsteinen.

Bürgermeister war überrascht

Die Menschen in der Gemeinde Dörentrup zeigen sich nach der Berichterstattung des WDR besorgt über die weltanschaulichen Hintergründe der Wohngemeinschaft. Auch Bürgermeister Frisko Veldink von der CDU war von den Recherchen des WDR überrascht. Die Bewohner seien völlig zurückhaltend und bisher überhaupt nicht negativ aufgefallen.

Von den Dörentrupern wurde Veldink bereits angesprochen, dass er sich mit den Bewohnern dort unterhalten solle. Der Bürgermeister will aber auch mit dem Extremismus-Beauftragten des Kreises Lippe sprechen und sich beraten lassen, wie er mit der Gruppe umgehen soll.

Experten warnen vor völkischen Siedlern

Die Anastasia-Bewegung kommt aus Russland und basiert auf einer Roman-Buchreihe des russischen Autors Wladimir Megre. Er berichtet darin von einer fiktiven Begegnung mit einer Frau namens Anastasia, die zum Leben auf dem Land aufruft. Das erste Buch dieser Reihe erschien 1996.

Nach der WDR-Berichterstattung haben die Buchhandelsketten Thalia und Hugendubel die Anastasia-Bücher aus dem Programm genommen. Derartige Titel dauerhaft aus der Online-Suche zu entfernen sei vor allem deshalb schwierig, weil Herausgeber teilweise immer wieder neue ISBN-Nummer und Verlagsnamen vergeben, äußerte eine Sprecherin von Thalia auf WDR-Anfrage.

Nach Meinung von Rechtsextremismus-Expertin Anna Weers von der Amadeu-Antonio-Stiftung ist die Anastasia-Bewegung gefährlich: "Viele Akteurinnen, Akteure haben bereits eine rechtsextreme Vergangenheit und sind dort gut vernetzt. Andersdenkende werden bedroht." Die Anastasia-Anhänger richteten sich gegen alles, was die moderne Welt ausmache - Menschenrechte, Gleichberechtigung, Anerkennung einer diversen Gesellschaft.

Die Ansiedlung läuft dabei immer gleich, sagt der Präventionsbeauftragte des Kreises Lippe, Sascha Schmittutz: "Sie versuchen in einem Dorf viel Land zu kaufen und infiltrieren auf lange Sicht eine Dorfgemeinschaft."

Anastasia-Anhänger geben sich harmlos

Auf WDR-Anfrage wollte sich die Aufgeberin der Ebay-Kleinanzeige dazu nicht äußern. Auch die Bewohner der "Rawaule" waren kurzfristig nicht zu einem Interview bereit. Schriftlich teilten sie jedoch mit: "Jede Form von politischem Extremismus oder Menschenfeindlichkeit hat in der Rawaule keinen Platz." Die Journalistin und Rechtsextremismus-Expertin Andrea Röpke wirft aber zumindest einem Bewohner der Rawaule vor, enge Kontakte in die rechte Szene zu haben.

Verfassungsschutz prüft Hinweise in NRW

Die Sicherheitsbehörden haben die Anastasia-Bewegung inzwischen auf dem Radar. Der NRW-Verfassungsschutz sagte dem WDR, aktuell würden Hinweise auf Aktivitäten der Gruppe in Nordrhein-Westfalen geprüft.

_______________________________________________


Neue Westfälische, 19.08.2021:

Rechte Esoteriker zieht es nach OWL

In einer Internetanzeige suchen mutmaßliche Anhänger der Anastasia-Bewegung ein Grundstück und weitere Gleichgesinnte im Kreis Lippe / Experten warnen vor der rechtsesoterischen Ideologie

Lukas Brekenkamp

Bielefeld. Anhänger der sektenähnlichen Anastasia-Bewegung suchen in OWL ein Haus, um offenbar ein Siedlungsprojekt zu starten. Im Internet kursiert eine entsprechende Anzeige. Doch was steckt hinter der esoterischen Bewegung, die an antisemitische und rassistische Verschwörungsmythen glaubt?

Anhänger der Anastasia-Bewegung haben ihr Leben nach einer Buchreihe ausgerichtet. Einer Buchreihe, in der neben naturreligiösen Anschauungen auch rechte und antisemitische Verschwörungsmythen sowie Demokratie-Feindlichkeit verbreitet werden: die "Anastasia"-Bücher.

Zehn Teile sind erschienen, geschrieben von dem Russen Wladimir Megre. Manche Anhänger der Bewegung versuchen, nach den Büchern zu leben, vorwiegend durch Schaffung von Familienlandsitzen. Ein Lebensstil, der in die Richtung der Selbstverwalter geht. Der Tenor allerdings: Die Welt wird untergehen, die Gesellschaft ist am Ende. Da liegt der kritische Punkt: Experten und Verfassungsschützer sehen in der Bewegung verschwörungsideologische, rassistische und antisemitische Inhalte. Man kann Teile der Gruppen zudem in die völkische Blut-und-Boden-Ideologie einordnen.

"Auf den ersten Blick geht es bei Anastasia um einen ökologischen Lebensstil. Doch der Eindruck trügt", sagt Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er hat sich intensiv mit dem Anastasia-Kult beschäftigt, bezeichnet sie als rechte Ideologie unter esoterischen Öko-Siedlern. Und: "Es werden zum Teil krude Anschauungen verbreitet und es gibt teils deutliche Schnittstellen mit dem rechten bis rechtsextremen Spektrum." Verfassungsschützer bezeichnen die Bewegung als heterogen. Es seien viele, verschiedene Strömungen entstanden.

Mittlerweile scheint sich auch OWL als Ort für ein Anastasia-Siedlungsprojekt zu entpuppen. Mindestens fünf Familien, so heißt es in einer Anzeige auf eBay-Kleinanzeigen, suchen ein Gemeinschaftshaus in Detmold. Ein großer Garten sollte vorhanden sein, zum Anbau von Nahrungsmitteln und zum Bauen von Häusern. Weiter heißt es:"Wir alle richten uns nach dem Lebensstil in den Büchern "Anastasia"." Man könne sich melden, auch um die Familien bei Interesse kennen zu lernen. Auf Anfrage dieser Redaktion wollten sich die mutmaßlichen Anhänger der Bewegung nicht zu den von Experten geäußerten Vorwürfen und Kritikpunkten äußern.

Pöhlmann beobachte seit einiger Zeit, dass in entsprechenden Foren oder Sozialen Medien vermehrt nach Immobilien oder generell Gleichgesinnten gesucht wird. Er hält die Immobilien-Anzeige aus Detmold für echt. Der Experte bemerkt, dass Anhänger der Bewegung aktiver werden, um sich zu treffen, zu vernetzen und Familienlandsitze zu schaffen. Doch sind die Anhänger der Bewegung am Ende doch nur Esoteriker mit abstraktem Glauben? Oder stecken auch Gefahren dahinter? Fakt ist: Bei manchen Personen aus dem Umfeld der Bewegung sind deutliche Vernetzungen in die rechtsextreme Szene zu erkennen, wie Pöhlmann berichtet, andere sympathisieren mit Reichsbürgern und der ganzen Szene der Staatsleugner. Auch Verfassungsschützer sehen personelle Überschneidungen in der Reichsbürger-Szene.

Die Bewegung hat in NRW bisher kaum eine Rolle gespielt. Vor einem Jahr hieß es aus dem Innenministerium, dass der Verfassungsschutz keine Kenntnisse über Aktivitäten der Bewegung in NRW hatte. Mittlerweile heißt es, der NRW-Verfassungsschutz prüfe Hinweise auf Aktivitäten.

Aufgefallen ist die Bewegung vor allem in Ostdeutschland, teils auch in Bayern oder Baden-Württemberg. Dort existieren bereits Siedlungsprojekte - insgesamt soll es 17 im Bundesgebiet geben. Zum Beispiel im tiefsten Brandenburg, im Dorf Grabow bei Blumenthal. Anhänger der Anastasia-Bewegung haben hier mehrere Hektar Land ergattert und eine eigene Gemeinde aufgebaut: Goldenes Grabow.

Pöhlmann sagt: "Teils sind die Anhänger der Bewegung einfach esoterisch und ökologisch veranlagt. Andere wiederum haben eine Vergangenheit in rechtsextremen Kreisen. Generell bietet die Anastasia-Bewegung zahlreiche Berührungspunkte mit der rechtsextremen Szene." Und weil die Übergänge zwischen Verschwörungsgläubigen, Impf-Gegnern, rechten Esoterikern bis hin zu Antisemiten und extrem Rechten immer weiter aufweichen, sollte man die Anastasia-Bewegung künftig genaustens Blick haben, rät der Experte.

Auch in der NRW-Politik ist das Thema bereits angekommen. Die Vorsitzende und innenpolitische Sprecherin der Grünen, Verena Schäffer, sagt: "Die Ideologie der Anastasia-Bewegung hat einen völkischen, antisemitischen und rassistischen Kern. Sie ist demokratiefeindlich, gibt sich aber ein naturverbundenes Image und versucht darüber ihre Ideologie zu verbreiten." Sie sieht eine Gefahr darin, dass durch abgeschottetes Leben in der Gemeinschaft die Ideologie an die Kinder weitergegeben werde. "Deshalb muss der Verfassungsschutz diese Gruppierung beobachten. Außerdem wären Hinweise für Kommunen und Immobilienbesitzer sinnvoll, wenn der Verfassungsschutz Aktivitäten in NRW feststellt, um einen Immobilienerwerb zu verhindern", fordert Schäffer.

Bildunterschrift: Einige Anhänger der Anastasia-Bewegung leben nach den "Anastasia"-Büchern. Der Lebensstil charakterisiert sich primär durch Selbstverwaltung und die Schaffung von Familienlandsitzen.

Anastasia-Ideologien könnten Demokratie gefährden

Laut Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, gibt sich die Bewegung nach außen harmlos, fröhlich und naturnah. Doch in den Büchern, nach denen sich die Menschen richten, werden Ideologien verbreitet, die in einer Demokratie durchaus für Gefahren sorgen können. In den Büchern ist mal die Rede von levitischen Priestern unter der Führung eines Oberpriesters, die die heimlichen Drahtzieher des Weltgeschehens sind. Ein typischer Verschwörungsglaube in antisemitischen Kreisen. "Die Anastasia-Anhänger müssen selbst durchschauen, wer hinter den "Priestern" steckt", sagt Pöhlmann. Oder in den Büchern wird aus der Demokratie plötzlich die "Dämon Kratie".

Bildunterschrift: Sekten-Experte Matthias Pöhlmann.

_______________________________________________


Neue Westfälische Online, 06.08.2021:

Anastasia-Bewegung will offenbar in NRW Fuß fassen - was steckt dahinter?

06.08.2021 - 18.42 Uhr

Rechte Esoteriker

In einer Internetanzeige suchen mutmaßliche Anhänger der Bewegung ein Grundstück und weitere Anhänger im Kreis Lippe. Experten warnen vor der Ideologie.

Lukas Brekenkamp

Bielefeld. Anhänger der sektenähnlichen Anastasia-Bewegung suchen in OWL ein Haus, um offenbar ein Siedlungsprojekt zu starten. Im Internet kursiert eine entsprechende Anzeige. Doch was steckt hinter der esoterischen Bewegung, die offenbar an antisemitische und rassistische Verschwörungsmythen glaubt?

Hinter grünen Fassaden müssen sich nicht immer grüne Ansichten verbergen. Die Anastasia-Bewegung ist ein Beispiel dafür. Die Anhänger der Gruppen aus dem rechtsesoterischem Spektrum haben ihr Leben nach einer Buchreihe ausgerichtet. Einer Buchreihe, in der neben naturreligiösen Anschauungen auch rechte und antisemitische Verschwörungsmythen sowie Demokratie-Feindlichkeit verbreitet werden: die "Anastasia"-Bücher.

Experten warnen vor Inhalten

Zehn Teile sind erschienen, geschrieben von dem Russen Wladimir Megre. Manche Anhänger der Bewegung versuchen, gemäß den Ideen Anastasias zu leben, vorwiegend durch Schaffung von Familienlandsitzen. Ein Lebensstil, der in die Richtung der Selbstverwalter geht. Der Tenor allerdings: Die Welt wird untergehen, die Gesellschaft ist am Ende. Da liegt der kritische Punkt: Experten und Verfassungsschützer sehen in der Bewegung verschwörungsideologische, rassistische und antisemitische Inhalte. Man kann Teile der Gruppen zudem in die völkische Blut-und-Boden-Ideologie einordnen.

"Auf den ersten Blick geht es bei Anastasia um einen ökologischen Lebensstil. Doch der Eindruck trügt", sagt Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er hat sich intensiv mit dem Anastasia-Kult beschäftigt, bezeichnet sie als rechte Ideologie unter esoterischen Öko-Siedlern. Und: "Es werden zum Teil krude Anschauungen verbreitet und es gibt teils deutliche Schnittstellen mit dem rechten bis rechtsextremen Spektrum." Verfassungsschützer bezeichnen die Bewegung als heterogen. Es seien viele, verschiedene Strömungen entstanden, ausgehend von den Anastasia-Büchern.

Auf der Suche nach Immobilie

Mittlerweile scheint sich auch OWL als Ort für ein Anastasia-Siedlungsprojekt zu entpuppen. Mindestens fünf Familien, so heißt es in einer Anzeige auf eBay-Kleinanzeigen, suchen ein Gemeinschaftshaus. In Detmold. Ein großer Garten sollte vorhanden sein, zum Anbau von Nahrungsmitteln und zum Bauen von Häusern. Und: "Wir alle richten uns nach dem Lebensstil in den Büchern "Anastasia"." Man könne sich melden, auch um die Familien bei Interesse kennen zu lernen. Auf Anfrage von nw.de wollten sich die mutmaßlichen Anhänger der Bewegung nicht zu den von Experten geäußerten Vorwürfen und Kritikpunkten äußern.

Pöhlmann beobachtet nach eigenen Angaben in letzter Zeit, dass in entsprechenden Foren oder Sozialen Medien vermehrt nach Immobilien oder generell Gleichgesinnten gesucht wird. Er hält die Immobilien-Anzeige aus Detmold für echt.

Pöhlmann bemerkt, dass Anhänger der Bewegung aktiver werden. Um sich zu treffen. Um sich zu vernetzen. Um Familienlandsitze zu schaffen. Doch sind die Anhänger der Anastasia-Bewegung am Ende doch nur Esoteriker mit abstraktem Glauben? Oder stecken auch Gefahren dahinter? Fakt ist: Bei manchen Personen aus dem Umfeld der Bewegung sind deutliche Vernetzungen in die rechtsextreme Szene zu erkennen, wie Pöhlmann berichtet, andere sympathisieren mit Reichsbürgern und der ganzen Szene der Staatsleugner. Auch Verfassungsschützer in verschiedenen Bundesländer sehen personelle Überschneidungen in der Reichsbürger-Szene.

"Nach Außen gibt sich die Bewegung harmlos"

Pöhlmann berichtet etwa von Frank Willy L. ("ein wichtiger Player der Szene"), der unter dem Namen "Urahnenerbe Germania" rassistische Narrative verbreitet - und ein Anhänger des Kultes sei. Zu einer Veranstaltung von L. in Sachsen-Anhalt sind laut Verfassungsschutz zum Beispiel auch Mitglieder der Reichsbürger-Szene gekommen.

Pöhlmann generell: "Nach Außen gibt sich die Bewegung harmlos, fröhlich und naturnah. Doch in den Büchern, nach denen sich die Menschen richten, werden Ideologien verbreitet, die in einer Demokratie durchaus für Gefahren sorgen können." In den Büchern ist mal die Rede von levitischen Priestern unter der Führung eines Oberpriesters, die die heimlichen Drahtzieher des Weltgeschehens sind. Ein typischer Verschwörungsglaube in antisemitischen Kreisen. "Die Anastasia-Anhänger müssen selbst durchschauen, wer hinter den "Priestern" steckt", sagt Pöhlmann. Oder in den Büchern wird aus der Demokratie plötzlich die "Dämon Kratie".

Völkische und rassistische Inhalte

Generell strebe die Anastasia-Bewegung eine andere Weltordnung an, so Pöhlmann. Eine weitere Gefahr: Durch ihre nach außen harmlos wirkende Erscheinung sei der Kult in bestimmten Kreisen durchaus anschlussfähig.

An anderen Stellen in den Büchern werden völkische und rassistische Inhalte mit der so genannten "Telegonievorstellung" verbreitet. Demnach sollen frühere Geschlechtspartner einer Frau die Eigenschaften eines später gezeugten Kindes bestimmen. "Diese Vorstellung wurde und wird auch durch Rechtsextremisten vertreten, um eine Bedrohung der eigenen "Rasse" zu begründen", urteilen Verfassungsschützer aus Baden-Württemberg.

Fakt ist, dass die Bewegung in NRW bisher kaum eine Rolle gespielt hat. Vor einem Jahr hieß es aus dem Innenministerium, dass der Verfassungsschutz keine Kenntnisse über Aktivitäten der Bewegung in NRW hatte. Mittlerweile heißt es auf Anfrage von nw.de, der NRW-Verfassungsschutz prüfe Hinweise auf Aktivitäten.

Bundesweit mehrere Siedlungsprojekte

Aufgefallen ist die Bewegung vor allem in Ostdeutschland, teils auch in Bayern oder Baden-Württemberg. Dort existieren bereits Siedlungsprojekte - insgesamt soll es 17 im Bundesgebiet geben. Zum Beispiel im tiefsten Brandenburg, im Dorf Grabow bei Blumenthal. Anhänger der Anastasia-Bewegung haben hier mehrere Hektar Land ergattert und eine eigene Gemeinde aufgebaut: Goldenes Grabow.

Pöhlmann sagt: "Teils sind die Anhänger der Anastasia-Bewegung einfach esoterisch und ökologisch veranlagt. Andere wiederum haben eine Vergangenheit in rechtsextremen Kreisen. Generell bietet die Anastasia-Bewegung zahlreiche Berührungspunkte mit der rechtsextremen Szene." Und weil die Übergänge zwischen Verschwörungsgläubigen, Impf-Gegnern, rechten Esoterikern bis hin zu Antisemiten und extrem Rechten immer weiter aufweichen, sollte man die Anastasia-Bewegung künftig genaustens Blick haben, rät der Experte.

NRW-Politik ist gewarnt

Auch in der NRW-Politik ist das Thema bereits angekommen. Die Vorsitzende und innenpolitische Sprecherin der Grünen, Verena Schäffer, sagt gegenüber nw.de: "Die Ideologie der Anastasia-Bewegung hat einen völkischen, antisemitischen und rassistischen Kern. Sie ist demokratiefeindlich, gibt sich aber ein naturverbundenes Image und versucht darüber ihre Ideologie zu verbreiten." Sie sieht eine Gefahr darin, dass durch abgeschottetes Leben in der Gemeinschaft die Ideologie ungehindert an die Kinder weitergegeben werde. "Deshalb muss der Verfassungsschutz diese Gruppierung beobachten."

"Außerdem wären Hinweise für Kommunen und Immobilienbesitzer in ländlichen Regionen sinnvoll, wenn der Verfassungsschutz Aktivitäten in NRW feststellt, um zu verhindern, dass Anhänger der Anastasia-Bewegung hier Immobilien erwerben können", fordert Schäffer.

Bildunterschrift: Siedlungsprojekte werden vor allem im ländlichen Raum gestartet (Symbolbild).

Bildunterschrift: Matthias Pöhlmann.

_______________________________________________


Am 23. November 2021 referierte die Journalistin Andrea Röpke in Dörentrup über "Ökologie und Esoterik von Rechts, die Anastasia-Bewegung und völkische Netzwerke", veranstaltet von: "Mobile Beratung OWL".

Am 9. Oktober 2021 berichtete die "Lippische Landes-Zeitung" - über die Nähe der "Lebensgemeinschaft" der "Rawaule" - ein "Begegnungsort für Denkfreiheit" - in Hillentrup zur völkischen "Anastasia"-Bewegung.

Am 14. September 2021 berichtete Oliver Jürgens in den WDR-Nachrichten aus Ostwestfalen-Lippe - dass die antisemitische / völkische "Anastasia"-Bewegung - "jetzt auch im Kreis Lippe Fuß zu fassen" versuche.

Am 13. September 2021 berichtete die "Lokalzeit OWL" des Westdeutschen Rundfunks - in einem Beitrag über die "Anastasia"-Bewegung als eine "völkische Gruppierung" - in Ostwestfalen-Lippe (06.42 Minuten).

Am 6. August 2021 berichtete die "Neue Westfälische" - Lukas Brekenkamp -, dass die rechts-esoterische "Anastasia-Bewegung", die völkische und antisemitische Gedanken vertritt, im Kreis Lippe Fuß fassen will.

Am 21. Dezember 2020 hatte die Wintersonnenwende-Feier der völkischen "Anastasia"-Bewegung an den Externsteinen ihren Ausgangspunkt an der "Rawaule", ein "Begegnungsort für Denkfreiheit", in Hillentrup.

Am 21. Dezember 2020 feierten über 30 Anhängende - zum überwiegenden Teil aus Ostwestfalen-Lippe - der antisemitischen und völkischen "Anastasia"-Bewegung, die Wintersonnenwende an den Externsteinen.

_______________________________________________


www.mobile-beratung-owl.de

www.hiergeblieben.de

https://nordlippegegenrechts.blackblogs.org


zurück