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7 Artikel , 23.05.2021 :

Pressespiegel überregional

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Übersicht:


haGalil - Jüdisches Leben online, 23.05.2021:
Stilles Gedenken an den Überfall auf Kreta vor 80 Jahren

haGalil - Jüdisches Leben online, 23.05.2021:
350 Jahre jüdisches Leben in Brandenburg

Jüdische Allgemeine Online, 23.05.2021:
"Schade das hitler euch nicht ausgerottet hat!!!"

Jüdische Allgemeine Online, 23.05.2021:
1.200 Teilnehmer bei Nürnberger Kundgebung "Nein zu Juden-Hass"

tagesschau.de, 23.05.2021:
Vorgehen gegen Antisemitismus / "Sehschwäche" auf dem rechten Auge?

Jüdische Allgemeine Online, 23.05.2021:
Berlin / Polizei-Beauftragter gegen Juden-Hass: Antisemitismus wurde lange unterschätzt

Neue Westfälische am Sonntag, 23.05.2021:
Antisemitismus wurde bislang unterschätzt

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haGalil - Jüdisches Leben online, 23.05.2021:

Stilles Gedenken an den Überfall auf Kreta vor 80 Jahren

Vor 80 Jahren, am 20. Mai 1941, begann die "Operation Merkur": Die Wehrmacht des nationalsozialistischen Deutschland, vor allem Fallschirmjäger und auch Gebirgsjäger aus Reichenhall überfielen die griechische Insel Kreta. Mit dieser großen Luftlandeoperation sollte nach dem Krieg gegen Griechenland auch Kreta besetzt werden.

Von Rainer Thiemann, VVN-BdA Traunstein

Der Traunsteiner Kreisverband der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes - Bund der Antifaschistinnen, Antifaschisten machte mit einem kleinen spontanen Gedenken an der Reichenhaller Kreta-Brücke auf dieses besondere Datum aufmerksam. Ursprünglich war eine größere öffentliche Gedenkfeier geplant, die aber Corona-bedingt heuer nicht durchgeführt werden konnte. Im Mittelpunkt stand die Erinnerung an die vielen griechischen Frauen, Männer und Kinder der Bevölkerung Kretas, welche Opfer der deutschen Kriegsführung geworden sind.

In einer kurzen Ansprache ging die VVN-BdA auch auf Hintergründe des damaligen Geschehens ein.

Für die Nazi- und Wehrmachtsführung stand seit längerem der Überfall auf die Sowjetunion, der dann am 22. Juni begann, im Mittelpunkt aller Überlegungen. Mit einer geschlossenen Südflanke sollte dies abgesichert und überdies verhindert werden, dass die britische Luftwaffe rumänische Erdölfelder angreifen konnte. Deshalb war auch vorher der gesamte Balkan mit Krieg überzogen worden; mit der Eroberung Kretas sollte das zu Ende geführt werden, um anschließend ungestört die Sowjetunion angreifen zu können.

Griechische Truppen, die kretische Bevölkerung und britische, australische und neuseeländische Truppen leisteten erbitterten Widerstand und kämpften zur Überraschung der deutschen Militärführung mit hohen Eigenverlusten, obwohl sie keinerlei Luftunterstützung hatten und die Vorteile der Briten auf See bei dieser Auseinandersetzung keine Rolle spielte.

Tausende von deutschen Soldaten, von denen viele der Nazi-Propaganda folgten und glaubten, man müsse Tausende von Kilometer entfernt von den Grenzen Deutschlands die "Heimat" verteidigen, verloren dabei ihr Leben, unter ihnen auch bis zu 300 Reichenhaller Gebirgsjäger.

Die Schlacht um Kreta hat eine unmenschliche Besatzungspolitik eingeleitet, die bis heute oftmals verschwiegen oder verharmlost wird.

Schon die ersten vier Wochen der "Schlacht um Kreta" hatten das klar gemacht.

Nachdem die Nazi-Wehrmacht in Dörfern, in denen besonders heftiger Widerstand durch Einheimische geleistet wurde, eigenmächtig willkürlich Teile der Bevölkerung erschossen hatte, erließ General Kurt Student am 31. Mai einen Befehl über so genannte "Vergeltungsmaßnahmen", womit alle bisherigen Untaten nachträglich gerechtfertigt und weitere Strafmaßnahmen unter der Zivilbevölkerung gefordert wurden unter "Beiseiteschieben aller Formalien und unter bewusster Ausschaltung besonderer Gerichte". Das war ein Freibrief für eine unmenschliche Tragödie:

In den ersten 30 Tagen wurden mindesten 2.000 Kreter erschossen, gehängt, verbrannt und ertränkt.

Nach dem Krieg wurden 3.474 hingerichtete Männer, Frauen und Kinder gezählt, nicht eingeschlossen die zivilen Opfer und die Zerstörung ganzer Dörfer durch Artilleriebeschuss.

Die deutsche Besatzung etablierte in der Folgezeit systematischen Zwangsarbeit für die gesamte Bevölkerung, Sippenhaft und Geiselnahmen, Verschleppungen, willkürliche Massenhinrichtungen, Zerstörung der Infrastruktur und schließlich die Vernichtung der jüdischen Einwohner Kretas.

Das stille Gedenken der VVN-BdA war all den griechischen Opfern Kretas gewidmet. Erinnert wurde aber auch an den sinnlosen Tod der deutschen Soldaten und der Reichenhaller Gebirgsjäger, die in diesen mörderischen Vernichtungskrieg gehetzt und dessen Werkzeug wurden. Am Geländer der Kretabrücke wurde eine kleine provisorische Tafel mit Blumen angebracht. Sie sollte als Friedensbrücke verstanden werden, die Krieg und Gewalt verurteilt und zur Völkerverständigung und weltweiter Abrüstung mahnt.

Bildunterschrift: Erschießung von Zivilisten in Kondomari, Foto: Bundesarchiv.

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haGalil - Jüdisches Leben online, 23.05.2021:

350 Jahre jüdisches Leben in Brandenburg

Das Land Brandenburg begeht 2021 das Festjahr "1.700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland" und feiert gleichzeitig "350 Jahre Jüdisches Leben in Brandenburg". Dazu ging am vergangenen Freitag - am Jahrestag der Aufnahme von 50 geflüchteten jüdischen Familien aus Wien in der Mark im Jahr 1671, eine Webseite online.

Die Homepage zu "350 Jahre Jüdisches Leben in Brandenburg" ist ein Projekt des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien in Potsdam sowie des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur.

Brandenburgs Wissenschafts- und Kulturministerin Dr. Manja Schüle: "Ob in der Philosophie, in der Kunst, in Wissenschaft, Medizin oder Wirtschaft - überall haben Jüdinnen und Juden in Deutschland Herausragendes geleistet. Einen Namen möchte ich hervorheben: Moses Mendelssohn, Wegbereiter der jüdischen Aufklärung, dessen Wirken weit über unsere Region hinausstrahlt und einen Wendepunkt markiert. Mit der Aufklärung kamen die Emanzipation des Judentums und die rechtliche Gleichstellung der Jüdinnen und Juden in Preußen. 350 Jahre jüdisches Leben in Brandenburg stehen für 350 Jahre Bereicherung, Impulse und Austausch. Dafür bin ich außerordentlich dankbar - ebenso wie für das jüdische Leben, das sich seit 1990 in unserem Land wieder entwickelt hat. Aber 350 Jahre jüdisches Leben in Brandenburg lassen sich nicht betrachten, ohne das beispiellose Verbrechen der Shoah zu sehen. Dieses Jubiläum begehen wir auch in Erinnerung an die Jüdinnen und Juden, die von ihren deutschen Mitbürgerinnen, Mitbürgern ausgegrenzt, verfolgt, ermordet wurden", so Ministerin Schüle.

"Antisemitismus ist in unserer Gesellschaft leider nach wie vor verwurzelt. Das haben die anti-israelischen Demonstrationen der vergangenen Tage, der verbale anti-jüdische Hass im Internet, die physische Gewalt gegenüber Jüdinnen und Juden überdeutlich gezeigt. Antisemitismus ist kein überkommener Begriff aus dem Geschichtsbuch, sondern für in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden täglich bedrohliche Realität. Ich bin überzeugt: Eine Antisemitismus-Klausel in der Brandenburger Landesverfassung und der Schutz jüdischen Lebens als Staatsziel würden zeigen, dass der Kampf gegen anti-jüdischen Hass eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft und alle Institutionen des Staates ist. Jüdinnen und Juden sollen sich in Brandenburg sicher fühlen und unserer Solidarität gewiss sein. Das Moses Mendelssohn Zentrum, dem wir dieses Internetportal zu verdanken haben, betreibt mit weltweiter Anerkennung europäisch-jüdische Studien und setzt so das Werk seines Namensgebers fort. Mit dem Abraham Geiger Kolleg, dem Zacharias Frankel College und der School of Jewish Theology hat sich Potsdam zu einer Stätte jüdischer Gelehrsamkeit entwickelt, die mittlerweile internationale Strahlkraft hat."

Prof. Miriam Rürup, Direktorin des Moses Mendelssohn Zentrums: "Die Webseite zu 350 Jahre jüdisches Leben soll ein Türöffner sein. Gerade eine Zeitreise lässt uns unsere Gegenwart noch einmal ganz anders wahrnehmen. Ich hoffe sehr, dass viele Interessierte die Webseite und die Angebote aller Beteiligten nutzen und sich mit uns auf Spurensuche zu jüdischem Leben in Vergangenheit und Gegenwart begeben werden. So lässt sich auch ein gewohntes Umfeld neu entdecken und neu kennen lernen. Die Webseite ist erstmal nur der Ort einer virtuellen Begegnung, der hoffentlich nur ein Vorgeschmack ist auf viele vor uns liegende Begegnungen in diesem Jahr."

Im Jahr 2021 werden drei Jubiläen in Verbindung mit jüdischer Geschichte begangen: 1.700 Jahre datiert ein Dekret des römischen Kaisers Konstantin zurück, das Juden in der Stadt Köln erwähnt. 350 Jahre ist es her, dass Kurfürst Friedrich Wilhelm die Ansiedlung von 50 aus Wien vertriebenen jüdischen Familien in Brandenburg gestattete - ab diesem Zeitpunkt beginnt in Brandenburg, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, eine kontinuierliche jüdische Geschichte. Und vor 30 Jahren gründete sich die erste Jüdische Gemeinde Land Brandenburg nach 1945. Seither hat es eine dynamische Entwicklung gegeben: Die jüdischen Zuwanderinnen und Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion haben mittlerweile auch Gemeinden in Brandenburg an der Havel, Cottbus, Frankfurt (Oder), Bernau, Oranienburg und Königs Wusterhausen gegründet.

Zum Auftakt der Jubiläumsveranstaltungen in Brandenburg ist die Webseite zu "350 Jahre Jüdisches Leben in Brandenburg" online. Sie bietet unter anderem einen Veranstaltungskalender mit Informationen zum Festjahr, eine historische Chronologie zu jüdischem Leben in Brandenburg und eine Netzwerk-Seite mit Informationen zur jüdischen Gegenwart im Land. Außerdem stellen sich Initiativen, Gemeinden, Vereine, Einzelpersonen und Forschungseinrichtungen vor. So fungiert die Website als Wegweiser durchs jüdische Brandenburg und ist Plattform für alle jene, die sich auf unterschiedliche Weise mit jüdischen Themen im Land beschäftigen. Sie stellt ein digitales Netzwerk der Brandenburger Akteure zu jüdischem Leben her. Die Webseite ist unter www.juden-in-brandenburg.de abrufbar und wird fortlaufend um neue Angebote und Einträge erweitert.

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Jüdische Allgemeine Online, 23.05.2021:

"Schade das hitler euch nicht ausgerottet hat!!!"

23.12.2021 - 18.43 Uhr

Der Zentralrat der Juden hat mit einem viel beachteten Video Hass-Nachrichten an ihn öffentlich gemacht

Über 160.000 Mal wurde das Video des Zentralrats der Juden in Deutschland angeklickt. Es ist mit einem Warnhinweis zum "verstörenden Inhalt" überschrieben. Unter Klarnamen haben Internet-Nutzer Aussagen gepostet wie: "Schade das hitler euch nicht komplett ausgerottet hat!!!" Oder: "Ich hoffe das dieser Judenhass immer größer wird."

50 Hass-Nachrichten erreichten den Zentralrat täglich, sagte Präsident Josef Schuster der "Bild am Sonntag". Er forderte Nachbesserungen im Strafrecht: Die meisten Absender wüssten genau, wie sie vorgehen müssten, um juristisch nicht belangt werden zu können.

Auf Grund einer Gesetzeslücke kann der Zentralrat die Juden-Hasser bei der Polizei nicht zur Anzeige bringen. "Obwohl uns Menschen mit ihrem Klarnamen geschrieben haben, können wir juristisch nicht dagegen vorgehen, weil das Strafrecht zum Beispiel Beleidigungen nur gegen Personen, nicht aber gegen Institutionen unter Strafe stellt", so Schuster.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) kündigte an, eine jüngst beschlossene Änderung des Strafrechts zügig umzusetzen. "Wir schaffen einen neuen Straftatbestand der verhetzenden Beleidigung", sagte sie der Zeitung. Das bedeute: "Wer gegen Juden hetzt, muss vor Gericht konsequent zur Verantwortung gezogen werden."

Derweil werden Rufe nach mehr Konsequenz und einer härteren Gangart im Umgang mit Antisemiten laut. Der CSU-Vorsitzende Markus Söder erklärte, Antisemitismus - auch so genannter Alltags-Antisemitismus - sei ein schweres Vergehen. "Da sollten wir auch mit höheren Strafen operieren", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt fügte in der "Bild am Sonntag" hinzu, wenn Asylbewerber an anti-israelischen Demonstrationen teilnähmen, müssten Abschiebungen möglich sein.

Zudem rückt das Thema Integration in den Blickpunkt. Wenn junge Menschen "aus Marokko oder aus der Türkei" nach Deutschland kämen, müsse man ihnen erklären, dass die Deutschen für das Existenzrecht Israels eine besondere Verantwortung hätten, sagte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Beispielsweise solle man Jugendliche zu Besuchen in KZ-Gedenkstätten ermuntern. Zuvor hatte die Erziehungsgewerkschaft GEW darauf hingewiesen, dass der Antisemitismus auch an Schulen wachse.

Neben rechtsstaatlicher Härte, so Schäuble, brauche es den "Konsens der Politik, dass es keinen Platz für Antisemiten gibt". Das betonte auch Grünen-Politiker Cem Özdemir: "Wir haben in Deutschland eine besondere Verantwortung gegen jeden Antisemitismus", sagte er der "Welt am Sonntag". Es spiele keine Rolle, wer Juden und Jüdinnen bedrohe: Entscheidend sei, dass sie sich sicher fühlten.

Jahrzehntelang habe es eben diesen Konsens gegeben, sagte der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Viele Holocaust-Überlebende zweifelten inzwischen jedoch daran, dass er heute noch so bestehe. "Jede antisemitische Protest-Attacke, jede angezündete Israel-Flagge, jeder durchgestrichene Judenstern, jeder zerstörte Stolperstein, bestätigt, dass in der Gesellschaft etwas ins Rutschen gekommen ist."

Levi Israel Ufferfilge, Schulleiter und Buchautor, mahnte eine stärkere Transferleistung an. Nur weil es einen "hart erarbeiteten, eingeübten öffentlichen Konsens über die Schoah" gebe, bedeute das nicht, dass heutiger Antisemitismus erkannt werde, sagte er der "Welt". "Wenn der Antisemit nicht den Hitlergruß macht, wenn er die Synagoge anzündet, oder eine antisemitische Partei in ihrem Namen nicht mit NS-, sondern mit A- beginnt, bemerken sie es oft nicht einmal als Juden-Hass."

Hinzu kommt nach Worten des Vizepräsidenten des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Maram Stern, ein mangelndes Wissen über den Nahost-Konflikt. Zugleich habe sich die Unterscheidung zwischen Juden und Israel in der Wahrnehmung vieler Menschen aufgelöst, schreibt er in einem Beitrag für den am Wochenende aus Berlin erscheinenden Hintergrunddienst "Der Hauptstadtbrief". Dabei könne es beim Antisemitismus keine zwei Seiten geben. "Ja, es kann nicht einmal Neutralität geben", so Stern.

Und doch greifen Rassismus und Antisemitismus nach Beobachtung der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano "im ganzen Land" um sich. Sie selbst habe keine Angst mehr um ihr Leben, sagte die 96-Jährige der "Bild am Sonntag". Aber es gebe offensichtlich viele Menschen, "die nichts aus all den Verbrechen gelernt haben, die mir und Millionen anderen Juden angetan wurden".

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Jüdische Allgemeine Online, 23.05.2021:

1.200 Teilnehmer bei Nürnberger Kundgebung "Nein zu Juden-Hass"

23.12.2021 - 20.12 Uhr

Die Demonstration wurde von der Allianz gegen Rechtsextremismus und vom Rat der Religionen unterstützt

Unter einem großen Polizeiaufgebot haben rund 1.200 Menschen in Nürnberg am Sonntag gegen Antisemitismus demonstriert. Die Veranstaltung blieb komplett friedlich, wie ein Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelfranken sagte.

Die Kundgebung stand unter dem Motto "Nein zu Juden-Hass" und wurde von zahlreichen Polizisten begleitet, die unter anderem von Dächern aus ein Auge auf die Menge hatte. Einige Teilnehmer trugen Israel- oder Regenbogen-Flaggen. "Gegen jeden Antisemitismus" stand auf Plakaten, oder die Forderung nach "Solidarität mit Israel".

Die Kundgebung wurde von der Allianz gegen Rechtsextremismus und vom Rat der Religionen in der Metropol-Region Nürnberg unterstützt. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (beide CSU) nahmen an der Kundgebung. (dpa)

Bildunterschrift: Teilnehmer der Kundgebung "Nein zu Juden-Hass" in Nürnberg.

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tagesschau.de, 23.05.2021:

Vorgehen gegen Antisemitismus / "Sehschwäche" auf dem rechten Auge?

23.12.2021 - 13.23 Uhr

Nach den jüngsten antisemitischen Vorfällen wirft der Zentralrat der Juden der Justiz eine "gewisse Sehschwäche" auf dem rechten Auge vor. Politiker kündigten ein härteres Vorgehen an. Eine Holocaust-Überlebende warnt.

"Auf dem rechten Auge blind": Diesen Vorwurf mussten sich bundesrepublikanische Instanzen über Jahrzehnte gefallen lassen. Angesichts der antisemitischen Vorfälle der vergangenen Tage attestiert der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, der Justiz "auf dem rechten Auge eine gewisse Sehschwäche". "Zum Kampf gegen den Antisemitismus gehören immer mindestens zwei: ein entschlossener Gesetzgeber und eine Justiz, die dieses Recht auch entschlossen umsetzt". Auch die Polizei werde ihren Aufgaben nicht immer gerecht, sagte Schuster der "Augsburger Allgemeinen".

Interpretationsspielraum bei antisemitischen Straftaten?

Als Beispiel nannte Schuster eine Demonstration von Gegnern der Corona-Politik in Unterfranken. Hier habe ein Redner die Maßnahmen der Regierung gegen die Pandemie mit dem Vorgehen der Nationalsozialisten gegen Juden gleichgesetzt. "Die Anzeige aber wurde von der Staatsanwaltschaft nicht weiter verfolgt", kritisierte der Zentralratspräsident. "Sie war der Meinung, dass der Mann nicht den Holocaust relativiert hat - was strafbar gewesen wäre -, sondern dass er nur von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hat." Diese Logik verstöre ihn, so Schuster. Er sieht Polizei und Justiz gefordert, wenn auf Demonstrationen antisemitische Parolen gebrüllt und zu Gewalt gegen Juden aufgerufen wird. Nur wenn die Polizei ermittle und den Vorfall anzeige, könne die Justiz auch Strafen verhängen.

In der "Bild am Sonntag" beklagte Schuster zudem, dass das deutsche Strafrecht ein Vorgehen gegen viele Formen von Hass-Nachrichten nicht zulasse. Der Zentralrat bekäme momentan etwa 50 solcher Nachrichten am Tag. Die meisten Absender wüssten genau, wie sie vorgehen müssten, um für die verbalen Angriffe nicht juristisch belangt zu werden: "Das deutsche Strafrecht lässt ihnen im Internet große Schlupflöcher". Obwohl Schreiben unter Klarnamen geschickt worden seien, könne der Zentralrat nicht juristisch vorgehen, kritisierte Schuster, weil das Strafrecht derzeit zum Beispiel Beleidigungen nur gegen Personen, nicht aber gegen Institutionen unter Strafe stelle.

Söder für "neue Integrationsidee"

Auch in der Politik werden Forderungen lauter, entschiedener gegen Antisemitismus vorzugehen. Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: "Antisemitismus - auch der Alltags-Antisemitismus - ist ein schweres Vergehen. Da sollten wir auch mit höheren Strafen operieren." Er halte außerdem eine "neue Integrationsidee" für notwendig. "Am Ende muss klar sein: Ob Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Hinduisten oder Atheisten - alle müssen sich als deutsche Staatsbürger fühlen und die Philosophie einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft leben."

Söders Parteikollege, CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, forderte Abschiebungen für Asylbewerber, die an "Hass-Demonstrationen gegen Israel" teilgenommen hätten. "Wer Israel das Existenzrecht abspricht, antisemitische Parolen skandiert, Hass gegen Juden verbreitet und zu Gewalt aufruft, hat sein Schutzrecht verwirkt und muss unser Land verlassen", sagte Dobrindt der "Bild am Sonntag".

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) kündigte an, eine jüngst beschlossene Änderung des Strafrechts zügig umzusetzen. "Wir schaffen einen neuen Straftatbestand der verhetzenden Beleidigung", sagte sie der Zeitung. Das bedeute: "Wer gegen Juden hetzt, muss vor Gericht konsequent zur Verantwortung gezogen werden."

Schuster sieht Juden-Hass weit verbreitet

Zentralratspräsident Schuster warnt davor, die jüngsten antisemitischen Vorfälle mit Migration und der Flüchtlingskrise von 2016 in Verbindung zu bringen. "Solche Demonstrationen und Krawalle haben wir auch schon früher gesehen", etwa beim Gaza-Krieg 2014, sagte Schuster der "Augsburger Allgemeinen". "Ich behaupte nicht, dass es unter den Zugewanderten keinen Hass auf uns Juden gibt." Er glaube nur nicht, dass der muslimische Antisemitismus durch die Migration nach Deutschland stark zugenommen habe.

Vielmehr sei Juden-Hass auch in anderen Bereichen der Gesellschaft verbreitet: "Diese so genannten Querdenker sind von Rechtsextremisten und -populisten unterwandert, auch Politiker der AfD bekennen sich ganz offen dazu", so Schuster. "Und da steigen dann auch noch Impf-Gegner, Esoteriker und christliche Fundamentalisten mit ins Boot. Der gemeinsame Feind, das Böse, wenn Sie so wollen, sind in diesen Kreisen schnell die Juden. Diese neuen Allianzen beobachte ich mit großer Sorge."

Holocaust-Überlebende warnt

Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano sieht Parallelen zur Nazi-Zeit. "Heute werden wieder Juden auf den Straßen angegriffen, so wie damals", sagte sie der "Bild am Sonntag". Rassismus und Antisemitismus griffen "im ganzen Land" um sich. Offensichtlich gebe es viele Menschen, die nicht verstehen wollten, was in der NS-Zeit passiert sei, fügte Bejarano hinzu. "Menschen, die nichts aus all den Verbrechen gelernt haben, die mir und Millionen anderen Juden angetan wurden." Sie selbst habe keine Angst mehr um ihr Leben. Aber:""Es wurde viel zu lange geschwiegen! Damit muss nun Schluss sein", so die 96-Jährige.

Bildunterschrift: Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, fordert ein schärferes Vorgehen gegen Antisemitismus.

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Jüdische Allgemeine Online, 23.05.2021:

Berlin / Polizei-Beauftragter gegen Juden-Hass: Antisemitismus wurde lange unterschätzt

23.05.2021 - 18.24 Uhr

Wolfram Pemp: Das Problem ist nicht nur das muslimische Milieu

Der Hass auf Juden ist nach Ansicht des Antisemitismus-Beauftragten der Berliner Polizei lange massiv unterschätzt worden. "Nicht nur der muslimische Antisemitismus, sondern Antisemitismus in Gänze wurde viel zu lange nicht so wahrgenommen, wie man ihn hätte wahrnehmen müssen", sagte Wolfram Pemp am Wochenende dem "Tagesspiegel". "Einige sind davon ausgegangen, das Thema hätte sich für uns erledigt. Doch es hat sich eben nicht erledigt."

Das gilt laut Pemp nicht nur im Kontext der israelfeindlichen Demonstrationen, bei denen es auch zu zahlreichen antisemitischen Ausschreitungen kam, sondern beispielsweise auch "bei Protesten der so genannten Corona-Bewegung, wo meist Menschen ohne jeglichen Migrationshintergrund die krudesten, antisemitischen Theorien verbreiten". Laut Pemp wurde das Phänomen Antisemitismus in Gänze unterschätzt - sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft.

Mit Blick auf die Hass-Kriminalität im Netz sagte der Antisemitismus-Beauftragte, in Berlin seien bei der Polizei Internet-Auswerter eingestellt worden. "Inzwischen gibt es mehr Verurteilungen, weil wir mehr Täter ermitteln können. Die Botschaft an die Opfer von virtueller Hass-Kriminalität muss sein, es anzuzeigen. Das ist wichtig, auch wenn wir nicht alle Taten aufklären können."

Antisemitismus war in Berlin diese Woche auch Thema im Abgeordnetenhaus. Anlass waren judenfeindliche Vorfälle bei anti-israelischen und pro-palästinensischen Demonstrationen in Deutschland. (dpa/ja)

Bildunterschrift: Wolfram Pemp, Antisemitismus-Beauftragter der Berliner Polizei.

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Neue Westfälische am Sonntag, 23.05.2021:

Antisemitismus wurde bislang unterschätzt

Berlin. Der Hass auf Juden ist nach Ansicht des Antisemitismus-Beauftragten der Berliner Polizei lange massiv unterschätzt worden. "Nicht nur der muslimische Antisemitismus, sondern Antisemitismus in Gänze wurde viel zu lange nicht so wahrgenommen, wie man ihn hätte wahrnehmen müssen", sagte Wolfram Pemp. "Einige sind davon ausgegangen, das Thema hätte sich für uns erledigt. Doch es hat sich eben nicht erledigt." Das gilt laut Pemp nicht nur im Kontext der pro-palästinensischen Demonstrationen, sondern beispielsweise auch "bei Protesten der so genannten Corona-Bewegung, wo meist Menschen ohne jeglichen Migrationshintergrund die krudesten, antisemitischen Theorien verbreiten". Laut Pemp wurde das Phänomen Antisemitismus in Gänze unterschätzt - sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft.

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