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Westfalen-Blatt / Zeitung für Halle, Steinhagen und Werther , 06.10.2020 :

Kurator erklärt die Ausstellung

Werther (WB). David Riedel, Künstlerischer Leiter des Museum Peter August Böckstiegel und zugleich Kurator der aktuellen Ausstellung, führt am Mittwoch, 7. Oktober, von 18 bis 19 Uhr durch die aktuelle Schau "Dunkle Jahre, voller Farben - Peter August Böckstiegel. 1933 - 1945". Gezeigt wird an Hand von rund 70 Gemälden, Grafiken und Skulpturen, wie sich die Jahre der NS-Diktatur in Böckstiegels Werk und Biografie niederschlagen, welche Einschränkungen er erlebte und wie er trotz Verfemung durch das NS-Regime weiterhin als Künstler tätig sein konnte. Weitere Kuratoren-Führungen (Preis: zehn Euro) sind für den 11. November und 9. Dezember, jeweils um 18 Uhr geplant. Anmeldung unter 05203 - 2961220 oder info@museumpab.de.

Hinweise zu Corona: Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist beim Besuch im Museum verpflichtend. Besucher werden gebeten, das Museum nur bei guter Gesundheit zu betreten und auf ausreichend Abstand zu achten. Gruppen umfassen derzeit maximal zehn Personen. Das gesamte Corona-Hygiene-Schutzkonzept ist unter www.museumpab.de zu finden. Auch das Team gibt Auskunft über die aktuell gültigen Bestimmungen.

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Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt, 06.01.2020:

Böckstiegel während der NS-Zeit

Im Böckstiegel-Museum wird eine Ausstellung vorbereitet, bei der Bilder des Malers auf ein Werk der jüdischen Künstlerin Mia Weinberg treffen / Auch ihre Wurzeln liegen in Werther

Anja Hustert

Werther. "Dunkle Jahre voller Farben" - unter diesem Titel sollen ab Mai Werke von Peter August Böckstiegel aus der Zeit von 1933 bis 1945 im Museum zu sehen sein. "Wir präsentieren erstmalig die Gemälde Böckstiegels aus der Zeit des Nationalsozialismus und setzen sie in den geschichtlichen Kontext", sagt David Riedel, künstlerischer Leiter des Peter August Böckstiegel-Museums.

Das Thema sei hochaktuell - nicht nur nach dem jüngsten antisemitischen Anschlag in Halle / Saale. Auch die Diskussion um die Nazi-Vergangenheit des berühmten Expressionisten Emil Nolde, dessen Bilder im Frühjahr aus dem Kanzleramt entfernt wurden, gibt diesem Bereich der Kunstgeschichte eine ganz neue Bedeutung.

"Seine Kunst galt als entartet"

Nun steht Peter August Böckstiegel in keiner Weise in dem Verdacht, ein Anhänger der Nazis gewesen zu sein. Im Gegenteil. Seine Kunst galt als entartet, er wurde vom Kunst-Leben seiner Wahlheimat Dresden ausgegrenzt. "Böckstiegel war im Kreis der Dresdner Künstler isoliert", weiß Riedel aus zahlreichen Quellen und Briefen. Für ihn ist es interessant, wie sich der westfälische Expressionist mit Blick auf die Kunst-Ideologie und -Politik der NS-Diktatur im Dritten Reich positioniert hat. Seit 1913 / 1914 war Böckstiegel Künstler-Mitglied der SPD.

Böckstiegel versucht die Zeit in Dresden, wo er normalerweise die Wintermonate verbringt, so knapp wie möglich zu halten. In Werther in seinem Haus in Arrode - eine Idylle, die heute unverändert zu bestaunen ist - malt er Erntebilder und Blumenstillleben. "Aber nicht mehr mit so viel Farbe", so Riedel. Seine Bilder seien unpolitisch gewesen, hätten keine Angriffsfläche für die Nazis geboten. "Er blieb sich treu. Seine Bilder sind keine Nazi-Kunst", sagt Riedel. Dennoch musste auch Böckstiegel seinen Lebensunterhalt bestreiten. "Er ist ein Künstler, der seine Handlungsspielräume in dieser Zeit herausfinden muss", beschreibt der künstlerische Leiter das Spannungsfeld, in dem sich der Maler in dieser Zeit bewegt. Es sind auch jüdische Sammler, die sich für Böckstiegels Bilder interessieren. Einer von ihnen ist der Zigarrenfabrikant Julius Weinberg, zu dem Böckstiegel ein freundschaftliches Verhältnis pflegte. Der Familie Weinberg gelingt die Flucht aus Nazi-Deutschland, die vier Kinder werden mit Kindertransporten ins sichere Ausland geschickt. "Diese Geschichte hat der Arbeitskreis Jüdisches Leben in Werther aufgearbeitet", erzählt David Riedel. Und damit kommt ein weiterer Aspekt zu der geplanten Ausstellung hinzu. Im Studio des Museums soll die multimediale Installation "Fractured Legacy" der kanadischen Künstlerin Mia Weinberg gezeigt werden. Sie ist die Enkelin eben jenes Zigarrenfabrikanten Julius Weinberg. "Ihr Werk hat inhaltlich und bildsprachlich vielfältige Beziehungen zu Böckstiegel und thematisiert die Rolle und Verfolgung der eigenen Familie", so Riedel.

"Mia Weinberg ist Mitglied in unserem Arbeitskreis und arbeitet von Kanada aus darin mit", erzählt Ute Dausenschön-Gay, Sprecherin des Arbeitskreises Jüdisches Leben in Werther. 1994 sei sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Vater Kurt gemeinsam durch die Stadt seiner Kindheit gegangen - diese Bilder und Eindrücke bilden die Grundlage der Installation, die sie bereits 1997 geschaffen hat und die für die Ausstellung in Werther noch einmal aktualisiert wird. "Fractured Legacy", der Titel des Kunstwerks, bedeutet übersetzt so etwas wie "Zersplittertes Vermächtnis".

Identität, Verfremdung, Ausgrenzung

Dass die geplante Ausstellung sich von bisherigen unterscheidet und damit auch über die Stadt Werther und den Kreis Gütersloh hinausweist, zeigt sich auch daran, dass die Lokale Aktionsgruppe GT 8, in der sich acht Kreiskommunen zusammengeschlossen haben, sie für förderwürdig hält. Daher bewirbt sich das Böckstiegel-Museum auch um knapp 25.000 Euro Fördermittel aus dem VITAL-Topf des Landes. VITAL, das steht für verantwortlich, innovativ, tatkräftig, attraktiv und ländlich.

Riedels Antrag samt Projektbeschreibung liegt bereits bei der Bezirksregierung. In seinem Förderantrag schreibt er, dass in der Ausstellung erstmalig der Westfälische Expressionismus auf zeitgenössische Kunst treffe. "Auch wenn es auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist, nehmen sich beide in Werther verwurzelten Künstler der Themen Identität, Verfremdung und Ausgrenzung an. Im Hinblick auf den gesellschaftlichen Rechtsruck sind diese Themen aktueller denn je."

Der Arbeitskreis "Spuren jüdischen Lebens", der eng mit den Schulen in Werther zusammenarbeitet, wird die Ausstellung mit einem speziellen Programm - Vorträgen und Workshops - begleiten. Riedel freut sich auf die Ausstellungseröffnung am 17. Mai und das folgende Rahmenprogramm. "Das ist ein Projekt, das typisch für unser Museum ist: Wir fangen klein an und ziehen immer größere Kreise."

Bildunterschrift: David Riedel, künstlerischer Leiter des Böckstiegel-Museums, möchte das Leben des Malers während der NS-Zeit ausstellen. Im Hintergrund ist das rote Wohnhaus des Wertheraner Expressionisten Peter August Böckstiegel zu sehen.

Bildunterschrift: Das Böckstiegel-Museum befindet sich in direkter Nachbarschaft zum roten Wohnhaus des Künstlers in Werther-Arrode.

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Am 7. Oktober 2020 führt Kurator David Riedel im "Museum Peter August Böckstiegel", Werther durch die Ausstellung "Dunkle Jahre voller Farben" - Werke Peter August Böckstiegels - aus der Zeit 1933 bis 1945.

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