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Neue Westfälische - Zeitung für das Lübbecker Land , 31.07.2020 :

Erinnerungen an eine dunkle Zeit

Serie "Kirchenkampf in Schnathorst", Teil 1: Wolfgang Weiß (77) hat an Hand einer Schulchronik den mutigen Widerstand des Schnathorster Presbyteriums gegen die Gleichschaltung im Nationalsozialismus aufgearbeitet

Wolfgang Weiß

Hüllhorst-Schnathorst. Als ich im Jahre 1970 die Wohnung meines Großvaters Heinrich Hartke in Schnathorst auflösen musste, fiel mir unter anderem die Schnathorster Schulchronik in die Hände. Mein Großvater hatte sie, aus guten Gründen, wie man sehen wird, jahrzehntelang unter Verschluss gehalten. Die Schulchronik befindet sich inzwischen im Archiv der Gemeinde Hüllhorst. Aus der Chronik geht vor allem hervor, wie der damalige Pastor Johannes Balke und das Schnathorster Presbyterium einen jahrelangen außerordentlich mutigen Kampf gegen die Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten geführt haben und, und das ist das Erstaunlichste, letztlich gewonnen haben - ein Ruhmesblatt für die Schnathorster Kirchengemeinde.

Der Mut der Schnathorster evangelischen Kirche, insbesondere von Pastor Balke und der Mehrheit der Presbyter, verdient bekannt gemacht zu werden. Zu meinem großen Bedauern hat mein Großvater in dieser Auseinandersetzung eine führende Rolle für die örtlichen Nationalsozialisten gespielt. Dies schildert er selbst aus seiner Perspektive in dieser Schulchronik, und das erklärt, warum er sie nach dem Krieg zurückgehalten hat. Beide Kontrahenten, Heinrich Hartke und Pastor Johannes Balke, lebten in räumlicher Nähe, Hartke in dem Kantorhaus, Schnathorst 80 (mein Geburtshaus), und Pastor Balke im Pfarrhaus, neben der Kirche. Sie werden sich häufig begegnet sein.

Ich ergänze diesen Bericht durch persönliche Erinnerungen an meinen Großvater. Ich bin der letzte noch lebende Zeuge aus der Familie und möchte meine Erinnerungen notieren, so lange mir das noch möglich ist. Der Bericht ist keine wissenschaftliche Auseinandersetzung über die "Bekennende Kirche" und die "Deutschen Christen" am Beispiel des Schnathorster Konflikts. Dazu müssten sowohl kirchliche Dokumente herangezogen werden wie Dokumente der Gestapo. Mein Großvater scheint Pastor Balke dort angezeigt zu haben. Nach meiner Kenntnis lagern die Akten im Staatsarchiv in Detmold. Eine umfangreiche Aufarbeitung dieser Vorgänge wäre wünschenswert.

Es wird so Weihnachten 1953 bei meinen Großeltern in Schnathorst gewesen sein. Ich war gerade elf Jahre alt geworden. Wie jedes Jahr feierten wir Heiligabend im Wohnzimmer mit einem großen Weihnachtsbaum und echten Kerzen. Mein Großvater spielte Klavier und wir sangen, wie ich als Kind fand, viel zu viele Weihnachtslieder mit viel zu vielen Strophen. Es dauerte mir einfach zu lange, bis wir endlich die Geschenke anschauen konnten. Viele waren es damals sowieso noch nicht. In den Jahren nach dem Krieg ging es noch sparsam zu.

So war meine Freude groß, dass ich unter dem Weihnachtsbaum ein wunderschönes Fotoalbum fand für all die Fotos, die sich bei mir schon angesammelt hatten.

"Das Album habe ich sofort in mein Herz geschlossen"

Die Weihnachtsteller waren gefüllt mit Marzipan, Äpfeln, Nüssen und selbst gebackenem Butterspekulatius. Da wurde nicht gespart. Oft und gern haben wir als Kinder beim Backen geholfen, gab es doch zwischendurch immer viel zu naschen. Die anderen Geschenke von damals habe ich vergessen, aber das Fotoalbum habe ich sofort in mein Herz geschlossen. Leider dauerte die Freude nicht lange. Denn plötzlich war die gute Stimmung vorbei. Ein dicker Fettfleck hatte sich mitten auf dem Umschlag ausgebreitet. Sicher hatte ich mit vom Spekulatius fettigen Fingern das Album in die Hand genommen. Ich habe bitterlich geweint. Alle Freude des Weihnachtsfests war verschwunden. Da griff mein Großvater ein und begann mich zu trösten. "Hör auf zu weinen! Morgen mache ich dir einen neuen Umschlag für das Album. Der wird noch viel schöner als der alte Umschlag."

Am nächsten Tag sah ich meinem Großvater zu, wie er braun-grüne Farben zusammenrührte, wie er mit einem Spachtel auf großem Papier ein schönes Muster zauberte und wie er etwas später das getrocknete Papier auf den Papp-Umschlag klebte. Ich habe das Album heute noch.

Die kleine Geschichte beschreibt meine persönliche Erinnerung an diesen Großvater. Verständnisvoll konnte er mit Kindern umgehen, er konnte Grenzen setzen, hatte eine natürliche Autorität. Im Nachbarhaus war die Schule. Dort war er Schulleiter. Im Dorf war er angesehen, war nebenbei Standesbeamter - meine Geburtsurkunde hat mein Großvater ausgestellt. Die Schreibmaschine stand im Wohnzimmer. Erst in späteren Jahren wurde mir klar, dass dieser Großvater noch eine andere Seite hatte, die mir erst nach und nach bewusst wurde.

In den Dreißigerjahren wurden die Nationalsozialisten in Deutschland immer mächtiger. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Mein Großvater war ein glühender Anhänger Adolf Hitlers. Erfahren habe ich von den Vorgängen in Schnathorst aus der Schnathorster Schulchronik. Schulleiter waren verpflichtet, so eine Chronik zu führen. Mein Großvater hatte sie jahrelang bei sich zu Hause versteckt. Ich habe sie nach seinem Tode in seiner Wohnung gefunden. Heute liegt sie im Archiv der Gemeinde Hüllhorst. Schon im Herbst 1932 schreibt Heinrich Hartke in der Schulchronik: "Unter Papen (Franz von Papen, deutsch-nationaler Politiker und früherer Reichskanzler, nach Kriegsende Angeklagter vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess; Anm. d. Red.) wurde uns Lehrern gestattet, der NSDAP beizutreten. Ich war prompt im NSLB (Nationalsozialistischer Lehrerbund; Anm. d. Red.) und kurz darauf in der hiesigen Ortsgruppe der NSDAP ( ... ). Ich habe mir längst zugelegt: Hitler, "Mein Kampf", und Fritsch, "Handbuch der Judenfrage", und Kriek "Nationalpolitische Erziehung", "Völkischer Beobachter" und andere parteipolitische Schriften."

Im Folgenden beschreibt Hartke seinen Kampf für die neue Bewegung: "Plakate kleben, Zettel anfertigen und rundbringen, Redner besorgen und abholen, Versammlungen leiten ( ... ). Wie oft kam man spätnachts nach Haus. Einmal wollte man mich nicht allein nach Haus gehen lassen, weil ich "in Gefahr" wäre." Und Hartke schließt mit der stolzen Feststellung: "Wir bösen Nazis haben hier bei Weitem die absolute Mehrheit ( ... ). Das Schönste ist, dass man mit den Dörflern zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenwächst" (Schulchronik, 1932).

Besonders interessant ist Hartkes Beschreibung seiner Rolle in der Schule. Die für einen beamteten Schulleiter gebotene Zurückhaltung und Neutralität empfindet er als Hindernis, das es so schnell wie möglich zu überwinden gilt: "In der Schule fangen wir an und singen wieder stramme Vaterlandslieder
( ... ). Die Kinder versuchen immer auf Spaziergängen zu singen. "Die Fahne hoch". Erst bleibt es bei Ansätzen. Als aber der "Kantor" nichts hört oder sagt, da bricht’s los aus den jungen Herzen, und die Leute an der Straße schauen uns verwundert nach" (Schulchronik, 1932).

"In der Schule singen wir wieder stramme Vaterlandslieder"

Nach der Machtergreifung sind für ihn alle Dämme gebrochen: "Das gab auch in der Schule am Morgen des 31. Januar ein Hallo. "Was kommt nun?", fragten die Jungen. Dann wurde gesungen: "SA marschiert", "Deutschland über alles", "Ich hab mich ergeben". Dann haben wir noch erzählt, was jetzt wird, von Adolf Hitler, Göring, Goebbels ... - Und dann: "Hurra, schulfrei!" Und noch einmal beim Tag von Potsdam: "Wieder schulfrei!"" Begeistert berichtet Hartke vom "Menschenmeer auf dem Tempelhofer Feld" am 1. Mai 1933: "Hitler, der große Erzieher! Lernen wir Erzieher von ihm!" Für die Schule heißt das: "Im Gesinnungsunterricht wirkt sich das naturgemäß am meisten aus, besonders in Geschichte kann der Führergedanke zur Geltung kommen" (Schulchronik, Februar - August 1933). Neben seiner Position als Schulleiter war Heinrich Hartke auch Kantor in der nahe gelegenen evangelischen Kirche. Schon früh taucht bei ihm der Versuch auf, auch die örtliche Kirchengemeinde für den Nationalsozialismus zu vereinnahmen.

Darüber mehr im 2. Teil.

Bildunterschrift: Das historische Foto aus dem Privatfundus von Wolfgang Weiß zeigt links das Kantorhaus, sein Geburtshaus. Das Pfarrhaus befand sich rechts neben der evangelischen Kirche.

Bildunterschrift: Das Foto zeigt Heinrich Hartke um 1933.

Über den Autor

Wolfgang Weiß wurde im November 1942 in Schnathorst im Hause seiner Großeltern geboren. Sein Vater kehrte aus dem Krieg nicht zurück, seine Mutter zog von Hamburg und dann Thüringen zurück ins Elternhaus in Westfalen, wo sie die Kinder in sicherer Obhut wusste. Später ließ sich die Familie in Porta Westfalica nieder.

Wolfgang Weiß war häufig bei seinen Großeltern in Schnathorst zu Besuch und lebte dort während des zweiten Schuljahres für einige Zeit. Als junger Mann ergriff er den Beruf des Lehrers. Heute lebt der 77-Jährige in Berlin. Sein Motiv für das Schreiben des Textes, den die NW als Serie veröffentlicht, sei die Auseinandersetzung mit der Geschichte gewesen. Zudem wollte er die "Doppelgesichtigkeit" der Nazis deutlich machen. Auf der einen Seite der freundliche Großvater, auf der anderen Seite der linientreue Nationalsozialist Heinrich Hartke.

Die Schnathorster Schulchronik, die er 1970 im Hause seines Großvaters Heinrich Hartke fand und auf der sein Bericht basiert, hat er der Gemeinde Hüllhorst übergeben.

Wolfgang Weiß betont, dass sein Bericht keine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Kirchengeschichte während der NS-Zeit sei, eine Aufarbeitung der Vorgänge aus seiner Sicht aber wünschenswert wäre. (tir)

Bildunterschrift: Wolfgang Weiß.

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Am 31. Juli 2020 veröffentlichte die "Neue Westfälische - Zeitung für das Lübbecker Land" Teil 1 der Serie "Kirchenkampf in Schnathorst" von Wolfgang Weiß (1942) über seinen Großvater Heinrich Hartke (NSDAP).

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www.stadtarchiv.detmold.de


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