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Nachrichten , 14.10.2019 :

Tages-Chronologie von Montag, 14. Oktober 2019

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Pressespiegel überregional:


Neue Westfälische Online, 14.10.2019:
Nach Terror in Halle - Tausende setzen ein Zeichen

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www.hiergeblieben.de - Zusammenfassung - Montag, 14. Oktober 2019


Vom 9. bis 12. Oktober 2019 bot der Förderverein: "Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne e.V." zum 70. Jahrestag der Einweihung der Evangelischen Lagerkirche in Stukenbrock-Senne mehrere Veranstaltungen.

Am 16. Dezember 2014 wurde im Buchverlag Andrea Stangl ""Ich hatte nichts gegen Deutsche, nur gegen Faschisten": Die Lebensgeschichte des Ferdinand Matuszek" (Friedhelm Schäffer, Oliver Nickel) publiziert.

Am 11. Juli 2014 starb der Überlebende des Holocaust Ferdinand Matuszek, der bereits mit 15 Jahren von Tarnopol (in Polen) nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert wurde, mit 88 Jahren in Löhne-Gohfeld.

Am 30. September 2019 klagte das 73 Jahre alte "NPD"-Mitglied Günther Hartwig (aus Bielefeld) vor dem Verwaltungsgericht Minden wegen der Rücknahme seiner Waffenbesitzkarte (Aktenzeichen: 8 K 1025/18).

Am 9. November 2019 rufen Neonazis um die Kleinstpartei "Die Rechte" in Bielefeld zu der Demonstration "Freiheit für Ursula Haverbeck!" der inhaftierten Shoah-Leugnerin "zum 91. Geburtstag" (08.11.1928) auf.

Vom 10. bis 18. Oktober 2019 rufen Herforder Bürgerinnen und Bürger dazu auf - jeden Tag, weiße Rosen an der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Herford-Detmold, als "Zeichen der Solidarität" - niederzulegen.

Am 13. Oktober 2019 gestaltete "Bielefeld stellt sich quer - Bündnis gegen Rechts" - in Absprache mit der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld, eine Mahnwache gegen Antisemitismus vor der Synagoge Beit Tikwa.

Am 10. Oktober 2019 bestätigte das Landgericht Bielefeld das Urteil der Vorinstanz vom 22. Februar 2018 gegen Sascha Krolzig (Beleidigung, Volksverhetzung) von sechs Monaten Freiheitsstrafe ohne Bewährung.

"Ende September" 2019 erhielt die Jüdische Kultusgemeinde Bielefeld einen anonymen Drohbrief (in DIN-A-5-Format) - darin gehe es auch um eine Aufforderung, dass die Jüdinnen, Juden "verschwinden sollen".

Am 9. Mai 2019 berichtete die Neonazi-Kleinstpartei "Die Rechte", dass sie vor der Synagoge Beit Tikwa in Bielefeld, Plakate "Israel ist unser Unglück!" und "Spitzenkandidatin Ursula Haverbeck" aufgehangen hat.

Am 29. April 2019 sammelten sich vor der Synagoge Beit Tikwa (der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld) etwa zehn junge Männer, einer versuchte in die Synagoge zu gelangen - und bespuckte das Klingelschild.

Am 12. Oktober 2019 schmierten Unbekannte in Schloß Holte wahrscheinlich zwischen 8.00 und 12.00 Uhr drei - etwa zehn Zentimeter große - Hakenkreuze an die katholische Kirche "St. Ursula" in der Kirchstraße.

Am 14. Oktober 2019 berichtete der völkisch-nationalistische "AfD"-"Kreisverband Höxter" - im September 2020 bei den Kommunalwahlen in Warburg, Bad Driburg und Höxter sowie auf Kreisebene zu kandidieren.


www.stalag326.de

www.ferdinandmatuszek.com

www.theaterlabor.de

www.jg-hf-dt.de

www.kuratorium-herford.de

www.zellentrakt.de

www.juedische-gemeinde-bielefeld.de

www.bielefeldstelltsichquer.wordpress.com

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www.antifabuendnisbielefeld.noblogs.org

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www.schlossholtestukenbrock.de/buerger-stadt/gesellschaft-soziales/demokratie-leben/

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Artikel-Einträge in der Datenbank:


Westfalen-Blatt / Zeitung für Schloß Holte-Stukenbrock, 14.10.2019:
Eine spezielle Art der Stille

Blick nach Rechts, 14.10.2019:
Waffenfrei für Ex-NPDler

Westfalen-Blatt / Bielefelder Zeitung, 14.10.2019:
Ein Zeichen der Solidarität

Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt, 14.10.2019:
Leserbriefe an bielefeld@nw.de / Nazi-Demo

Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt, 14.10.2019:
Starke Unterstützung für Jüdische Gemeinde

Neue Westfälische, 14.10.2019:
Kommentar / Kampf gegen Rechts / Staatsversagen

Neue Westfälische - Tageblatt für Schloß Holte-Stukenbrock, 14.10.2019:
Hakenkreuze an der St.-Ursula-Kirche

Westfalen-Blatt / Zeitung für Schloß Holte-Stukenbrock, 14.10.2019:
Hakenkreuze an der Kirche

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Westfalen-Blatt / Zeitung für Schloß Holte-Stukenbrock, 14.10.2019:

Eine spezielle Art der Stille

"Im Herzen ein Nest aus Stacheldraht" in der Entlausung aufgeführt

Von Monika Schönfeld

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Mehr als 40 Mal hat er das Stück schon gespielt, sagt Schauspieler Michael Grunert. Aber hier, im alten Theater, das nach dem Zweiten Weltkrieg im ehemaligen Entlausungshaus des Stalag 326 war, ist es etwas Besonderes. "Dies ist der Ort, wo das Stück hingehört", sagt Michael Grunert.

"Im Herzen ein Nest aus Stacheldraht" hinterlässt während zweier Vorstellungen eine spezielle Art der Stille.

Im Bielefelder Theaterlabor hatte das Stück vor anderthalb Jahren Premiere. Es fußt auf der Lebensgeschichte des ehemaligen Kriegsgefangenen Ferdinand Matuszek, die die Historiker Oliver Nickel und Friedhelm Schäffer (Gedenkstätte Stalag 326) aufgeschrieben haben. Der Titel: "Ich hatte nichts gegen Deutsche, nur gegen Faschisten".

Matuszek ist im Juli 2014 gestorben. In seinen letzten Jahren hat er in Schloß Holte-Stukenbrock mit Jugendlichen des Drei-Schulen-Theaters gearbeitet, die die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers Stalag 326 thematisiert hatten. Am Ende des Theaterstücks der Jugendlichen singt Matuszek mit ihnen das russische Sehnsuchtslied Katjuscha. Am Ende des Stücks "Im Herzen ein Nest aus Stacheldraht" wird eine Filmaufnahme eingeblendet, in der Matuszek das Lied ebenfalls singt.

Schauspieler Michael Grunert und Regisseurin Regina Berges haben den Hof in Rehme besucht, wo Ferdinand Matuszek als Kriegsgefangener eingesetzt war. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb er in Deutschland. Er sagte immer von sich, er hatte Glück. Er war nicht im KZ, er hat auf dem Bauernhof nicht gelitten. Aber er hat Bilder im Kopf, die Schreie der Mütter und Kinder, die von den Nazis getrennt wurden, das Bild des russischen Kriegsgefangenen, der vor seinen Augen erschossen wurde, weil er ein paar Kartoffeln aufsammelte. Die Schreie lassen seinen Kopf noch Jahre später fast zerspringen. Oder die Stille, wenn er gar nichts mehr fühlt.

Um das Theaterstück zu verstehen, muss man nicht bis ins Detail in die Geschichte von Ferdinand Matuszek eintauchen. "Matuszek ist noch keine 16 Jahre alt, als er aus seiner polnischen Heimat verschleppt wird. Seine Gedanken können Jugendliche, die im gleichen Alter sind, nachvollziehen. Das können sie sich vorstellen. Das geht unter die Haut", sagt Michael Grunert. Das Stück schlägt einen Bogen zu denen, die heute aus ihrer Heimat gerissen werden.

"Im Herzen ein Nest aus Stacheldraht" wurde im Rahmen des Programms zum 70. Geburtstag der Evangelischen Lagerkirche auf dem Gelände aufgeführt. Der kleine Raum in der Entlausung bietet 50 Zuschauern Platz und war zweimal ausverkauft.

Bildunterschrift: Michael Grunert spielt das Theaterstück über den ehemaligen Kriegsgefangenen Ferdinand Matuszek.

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Blick nach Rechts, 14.10.2019:

Waffenfrei für Ex-NPDler

Einem früheren NPD-Funktionär ist von der Behörde die 2010 erteilte Waffenerlaubnis entzogen worden.

Der Bielefelder Sportmediziner und Jäger Günther H. (Jg. 1946) muss seine sechs Schusswaffen und die Waffenbesitzkarte abgeben, so ein Bericht des "Westfalen-Blatts". Demnach widerrief die zuständige Waffenbehörde die 2010 erteilte Waffenerlaubnis und wurde jetzt von der 8. Kammer des Verwaltungsgerichts Minden bestärkt. Grund für den Waffenentzug sind die jahrzehntelangen rechtsextremen Aktivitäten von H., der nach eigenen Angaben vor eineinhalb Jahren aus der NPD ausgetreten sein will.

So kandidierte der einstige NPD-Kreisvize Unna bei Landtagswahlen für seine Partei, war mehrfach Parteitagsdelegierter bei Landes-und Bundesparteitagen, nahm an einschlägigen Demonstrationen zum Beispiel in Dresden teil und fungierte 2015 und 2016 als Ringarzt beim Neonazi-Szene-Event "Kampf der Nibelungen". Nach dem Tod des Antisemiten und Rassisten Jürgen Rieger trug sich H. in das virtuelle NPD-Kondolenzbuch ein und bekundete: "Das Maß des Lebens ist seine Leistung an Gutem, nicht seine Länge. Jürgen Riegers Einsatz für Deutschland bleibt unvergessen."

Erforderliche Zuverlässigkeit abgesprochen

Zuletzt besaß H. eine Pistole, einen Revolver, zwei Repetiergewehre, eine Bockdoppelflinte und eine Selbstladebüchse. Im Juni 2017 wurde Hartwig von der Waffenbehörde bei der Polizei Bielefeld nach Anhörung mitgeteilt, dass man die 2010 ausgestellte Waffenbesitzerlaubnis zurücknehme. Als Begründung wurden dessen rechtsextreme Aktivitäten angegeben. Dagegen klagte H. vor dem Verwaltungsgericht und verlor nun. Grundlage für die Behörde war der Paragraph 5 des Waffengesetzes, in welchem Personen die erforderliche Zuverlässigkeit abgesprochen wird, bei denen "Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie einzeln oder als Mitglied einer Vereinigung Bestrebungen verfolgen oder unterstützen oder in den letzten fünf Jahren verfolgt oder unterstützt haben, die gegen die verfassungsmäßige Ordnung gerichtet" seien. Zuletzt hatte im Juni hatte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschieden: Waffenrechtlich unzuverlässig sei, wer "aktiv, insbesondere durch Wahrnehmung von Parteiämtern oder Mandaten" verfassungswidrige Bestrebungen einer Partei unterstütze. (Urteil vom 19. Juni 2019 - BVerwG 6 C 9.18). Das sah das Verwaltungsgericht Minden im Fall H. als gegeben. (am)

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Westfalen-Blatt / Bielefelder Zeitung, 14.10.2019:

Ein Zeichen der Solidarität

Rund 1.000 Menschen kommen zur Mahnwache an der Synagoge

Bielefeld (MiS). Rund 1.000 Menschen haben sich am Sonntag an einer Mahnwache vor der Synagoge an der Detmolder Straße beteiligt.

Das Bielefelder "Bündnis gegen Rechts" hatte dazu nach einem Anschlag auf die Synagoge in Halle / Saale, bei dem zwei Menschen getötet worden waren, aufgerufen. Das Motto lautete: "Gegen Antisemitismus - Solidarität mit unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern". Wegen des großen Andrangs musste die Polizei die Detmolder Straße in Richtung Innenstadt sperren. Die Stadtbahn konnte auf der Linie 2 vorübergehend nicht verkehren. Der Autoverkehr wurde umgeleitet. Das "Bündnis gegen Rechts" hatte ursprünglich mit rund 200 Teilnehmern gerechnet und eine entsprechende Zahl bei der Polizei angemeldet. Zur Mahnwache gekommen waren unter anderem die Bielefelder Bundestagsabgeordneten Wiebke Esdar (SPD) und Britta Haßelmann (Grüne), ebenso Christian Bald, Superintendent des Ev. Kirchenkreises.

Redebeiträge waren während der Mahnwache nicht geplant. Lediglich Irith Michelsohn, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld, richtete einen Appell an Politik und Polizei, die für den 9. November, den Jahrestags des Juden-Pogroms, angekündigte Demonstration der Partei "Die Rechte" doch noch zu verhindern. Die Rechtsradikalen wollen dann in Bielefeld für die Freilassung der Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck demonstrieren. Das Verwaltungsgericht Minden hatte ein Verbot der Demonstration untersagt, die Polizei daraufhin auf weitere Rechtsmittel verzichtet (diese Zeitung berichtete).

Bei seiner erneuten Nominierung am Samstag beim SPD-Parteitag hatte Oberbürgermeister Pit Clausen deutlich Stellung gegen die geplante Demonstration bezogen: "Ich finde es widerlich, den Gedenktag auf diese Weise zu missbrauchen und die Opfer der Nazi-Herrschaft zu verhöhnen", hatte Clausen erklärt. Er rief alle Bielefelder dazu auf, "sich den Rechten am 9. November entgegen zu stellen" und ab 17.30 Uhr an der Gedenkveranstaltung an den Juden-Pogrom am Standort der früheren Synagoge an der Turnerstraße teilzunehmen.

Nach Veranstalterangaben rund 300 Menschen zogen am Samstagnachmittag vom Hauptbahnhof durch die Bielefelder Innenstadt zum Kesselbrink, um gegen den Anschlag auf die Haller Synagoge zu demonstrieren. Veranstalter war die "Antinationale Linke Bielefeld". Deren Sprecherin Sarah Fried sagte, rechter Terror gehöre in Deutschland zum Alltag.

Bildunterschrift: Eine halbe Stunde stilles Gedenken: Vor der Synagoge an der Detmolder Straße versammeln sich am Sonntag etwa 1.000 Menschen.

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Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt, 14.10.2019:

Leserbriefe an bielefeld@nw.de / Nazi-Demo

Neonazis dürfen nun doch am 9. November für Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck in Bielefeld demonstrieren, entschied das Verwaltungsgericht Minden (NW vom 1. Oktober).

Es ist schon eine Provokation, wenn die Nazis am Gedenktag an die Reichspogromnacht durch Bielefeld marschieren wollen. Gut ist, dass sich dagegen breiter Widerstand in der Bevölkerung organisiert hat und Flagge gegen die Rechten zeigt. Es ist auch ein Zeichen, dass man das Gerichtsurteil nicht nachvollziehen kann, das diese Demonstration erlaubt.

Was mich allerdings irritiert und ich im Zusammenhang des Gedenkens an die Reichspogromnacht nicht nachvollziehen kann, ist, dass die Bielefelder Wirtschaft an diesem Tag in der Stadthalle feiert. Als "Highlight der Ball-Saison" wird dieses Ereignis angekündigt.

Frage: Wie geschichtsvergessen ist die Bielefelder Wirtschaft, an diesem Tag zu feiern? Es fehlt den Wirtschaftsführern wohl die nötige Sensibilität. Anscheinend hat keiner von ihnen daran gedacht, dass das kein Tag zum Feiern ist. Vielleicht handelt es sich hier um ein allgemeines Phänomen der gesellschaftlichen Rechtsentwicklung. So konnte Fleischfabrikant Tönnies beim Tag des Handwerks in Paderborn eine rassistische Rede halten und keiner der Anwesenden tat sein Missfallen kund.

Da wird man doch sehr nachdenklich ( ... ). Ich freue mich über jeden Unternehmer, der auf Grund des Datums, dann doch lieber zu Hause bleibt.

Peter Ridder-Wilkens
33615 Bielefeld

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Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt, 14.10.2019:

Starke Unterstützung für Jüdische Gemeinde

Synagoge im Mittelpunkt: Ein Zeichen der Solidarität mit den jüdischen Mitbürgern der Stadt setzten die Bielefelder am Sonntagmittag / Die Zahl der Teilnehmer überraschte auch die Organisatoren / Am Nachmittag folgten ein Konzert und eine weitere Mahnwache

Bielefeld. Zu einer Mahnwache der stillen Art hatte das Bündnis gegen Rechts die Bielefelder für Sonntag aufgerufen. Mit 200 Teilnehmern hatten die Organisatoren gerechnet, doch es kamen viel mehr Bürger, um vor der Synagoge Beit Tikwa Solidarität mit ihren jüdischen Mitbürgern zu bekunden. "Sie ermutigen uns", sagte Irith Michelsohn, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld später bei einer Veranstaltung im jüdischen Gotteshaus. "Wir wissen, dass alle hinter uns stehen und lassen uns nicht entmutigen oder einschüchtern."

Eine Menschenmenge verteilte sich auf der Detmolder Straße

Lokalpolitiker Michael Gugat hatte die Mahnwache am Freitag spontan für 12 Uhr am Sonntag angemeldet. Eine weitere privat organisierte Mahnwache mit 25 Teilnehmern fand am selben Tag gegen 17.30 Uhr vor der Synagoge statt. Am Nachmittag ließ zudem das Damen-Trio Cannelle im Inneren des Gotteshauses die Welt vor den Türen für einen Moment vergessen - mit nostalgischen Chansons, aufmüpfigen Liedern und melancholischen Instrumentalstücken der Zwanzigerjahre und vor voll besetzten Stuhlreihen.

Zuvor hatten sich am Sonntagmittag Hunderte Teilnehmer bereits kurz vor Beginn der Mahnwache an der Detmolder Straße eingefunden. Im Verlauf der dreißigminütigen Solidaritätsbekundung kamen immer mehr Bielefelder hinzu. Zum Ende der Veranstaltung schätzte die Polizei die Menschenmenge, die sich zwischen der Synagoge Beit Tikwa und dem Bahnsteig der Haltestelle Mozartstraße verteilte, auf beachtliche 1.000 Personen.

Gemeinsam gedachten die Teilnehmer der Toten und Verletzen des Terroranschlags von Halle / Saale. Da es sich um eine stille Mahnwache handelte, waren keine Reden geplant, wie die Organisatoren bereits zuvor mitgeteilt hatten. Diese Demonstration der Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde sei ein großes und gutes Zeichen der Bielefelder, sagte Organisator Gugat vom Bündnis gegen Rechts.

Am Nachmittag schützten dann zwei bewaffnete Polizistinnen die Konzertveranstaltung in der Synagoge, Sicherheitsleute schauten beim Einlass genau hin. "Wir sind noch aufmerksamer geworden", bestätigte Michelsohn. Doch sie betonte, das Gemeindeleben werde weitergehen wie bisher. So begann mit einem Gottesdienst ebenfalls am Sonntag das jüdische Laubhüttenfest, das acht Tage dauern wird und an die Zeit der Wüstenwanderung des Volkes Israel erinnert.

Dass die Ereignisse in Halle dennoch auch in der Bielefelder Gemeinde Spuren hinterlassen haben, davon erzählte Elena Egorov. Sie ist Sozialarbeiterin der Jüdischen Gemeinde. Unter den rund 320 Mitgliedern sei eine gewisse Unruhe spürbar, so Egorov am Rande der Konzertveranstaltung. "Viele fragen sich, ob man jetzt Angst haben muss."

Gerade bei den Älteren kämen alte Ängste wieder hoch. "Manche trauen sich im Moment nicht zu, zum Gottesdienst zu kommen", sagte Egorov.

"Verwandte und Freunde melden sich besorgt bei uns"

Andere kämen dagegen gerade jetzt zu den Veranstaltungen, um ihre Solidarität zu bekunden - jüdische, aber auch nicht jüdische Mitbürger. Wie das Ehepaar Brunke, das beim Konzert in der Synagoge zu den rund 100 Zuhörern zählte. Beide sind katholische Theologen: "Wir hatten ohnehin überlegt zu kommen, aber der Terroranschlag hat uns noch einmal darin bestärkt", sagen sie.

Ihren Cousins in Israel hat Elena Egorov unterdessen Fotos der Mahnwache geschickt. Auch, um zu beruhigen. "Viele Verwandte und Freunde aus dem Ausland melden sich in diesen Zeiten besorgt und fragen, wie es uns geht." Die Bilder der 1.000 Mahnwachen-Teilnehmer vor der Synagoge zeigten allen: "Es gibt doch noch Hoffnung."

Bildunterschrift: An der Detmolder Straße: Rund 1.000 Bielefelder versammelten sich zur Mahnwache vor der Synagoge Beit Tikwa und stellten sich hinter die Jüdische Gemeinde. Deren Vorsitzende Irith Michelsohn ist vorne in der Mitte zu sehen. Sie dankte den Teilnehmern.

Bildunterschrift: Zwischen Normalität und Fragen: Der Auftritt der Musikerinnen von Cannelle sorgte für eine Portion Leichtigkeit. Doch die Ereignisse in Halle haben auch in der Bielefelder Gemeinde Spuren hinterlassen.

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Neue Westfälische, 14.10.2019:

Kommentar / Kampf gegen Rechts / Staatsversagen

Carsten Heil

Was ist los in unserem Staat? Nach dem Anschlag in Halle / Saale, der ursprünglich den betenden Juden in ihrer Synagoge galt, ist überall von großer Betroffenheit die Rede. Politiker und Verwaltungsverantwortliche äußern sich bestürzt: "Wie konnte das passieren?" Dabei ist seit Jahren bekannt, dass die Rechtsradikalen zunehmend gewalttätiger werden, sich immer unverfrorener versammeln, sich über und mittels Teilen der AfD immer weiter in die Mitte der Gesellschaft vorfressen. Juden und Muslime sind bevorzugte Opfer.

Es ist unerträglich, dass jüdische Würdenträger wie der Vorsteher der Herforder Gemeinde privat eine Geheimadresse benötigen, um sicher leben zu können. Es ist unerträglich, dass die Bielefelder Kultusgemeinde Drohungen erhält und ihre Synagoge wie andernorts nur fest verrammelt nutzen kann.

Warum machen Polizei und Justiz den Neonazis das Leben nicht so schwer wie möglich? Nein, das Verwaltungsgericht Minden winkt die geplante Neonazi-Demo am 9. November, dem Gedenktag der Juden-Pogrome, unter Hinweis auf die Meinungsfreiheit ohne Einschränkungen durch. Immerhin hat die Bielefelder Polizei anders als im vergangenen Jahr den Versuch unternommen, das unwürdige Spektakel auf einen anderen Tag zu verschieben. Gut so.

Die Mindener Richter aber geben ein Beispiel von Staatsversagen. Sie haben bei ihren Urteilen immer Spielraum. Sie hätten anders entscheiden können. Es behagte ihnen aber, gegen Demokratie und Freiheit und für die Neonazis zu urteilen. Die Richter müssen sich fragen lassen, ob sie klammheimliche Sympathien für das rechte, verseuchte Gedankengut haben. Oder von Geschichte keine Ahnung. In beiden Fällen sind sie Fehl am Platz. Es gäbe reichlich weitere Beispiele dieser Art.

Anders das Landgericht Bielefeld in der vergangenen Woche. Der bekannte Rechtsradikale Sascha Krolzig ist dort mit seiner Berufung gegen die Haft gescheitert. Die Richter ließen sich von seinem Gerede nicht beeindrucken. Das macht Hoffnung.

Was ist los in unserem Staat? Die rechten Umtriebe und Gewalttaten sind keine Randerscheinung mehr, die belächelt werden kann. Die Neonazis werden zur Gefahr nicht nur für Minderheiten. Erst Juden und Muslime (wie im Falle des NSU), dann alle anderen. Und wer das Nazi-Regime und den Holocaust zu einem "Vogelschiss der Geschichte" erklärt, wer heute auf Flüchtlinge schießen lassen will, wie es AfD-Spitzenpolitiker tun, bereitet dem rechten Terror den Weg.

carsten.heil@ihr-kommentar.de

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Neue Westfälische - Tageblatt für Schloß Holte-Stukenbrock, 14.10.2019:

Hakenkreuze an der St.-Ursula-Kirche

Schockiert: Pfarrer Karl-Josef Auris "will keinen braunen Mob in Deutschland"

Schloß Holte-Stukenbrock (th/lvn). Unbekannte haben vermutlich schon am Freitagmorgen mehrere Hakenkreuze an die Kirche St. Ursula an der Kirchstraße in Schloß Holte gemalt. Die Leitstelle der Gütersloher Polizei bestätigte den Vorfall auf Nachfrage der Neuen Westfälischen. Die Schmierereien waren laut Angaben des Pfarrbüros etwa zehn Zentimeter groß und dreimal vorhanden.

Pfarrer Karl-Josef Auris reagierte schockiert auf die Nachricht: "Ich will keinen braunen Mob in Deutschland wiederhaben und keine schwache Kirche wie damals. Es regt mich auf."

Die Polizei geht derweil davon aus, dass die Unbekannten zwischen dem Öffnen der Küsterin um 8 und um 12 Uhr vor Ort waren. Gemeindereferentin Mechthild Bömelburg hat die Zeichen mittlerweile gemeinsam mit Joachim Emmler entfernt.

In den vergangenen Monaten berichtete die Gemeindereferentin immer wieder von unschönen Vorfällen. Erst Anfang des Jahres hatten Unbekannte den Vorraum der Kirche mit Kerzenwachs von Teelichtern verunstaltet.

Zuletzt waren auch auf zwei Gütersloher Sportplätzen Hakenkreuz-Schmierereien aufgetaucht. Es traf sowohl die Anlage des aramäischen Vereins Tur-Abdin am Kamphof als auch den Platz des Vereins Aramäer Gütersloh. Der Bundesverband der Aramäer wertete die "widerwärtigen rechtsradikalen Schmierereien" damals als "gezielten Angriff".

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Westfalen-Blatt / Zeitung für Schloß Holte-Stukenbrock, 14.10.2019:

Hakenkreuze an der Kirche

Schloß Holte-Stukenbrock (WB/bs). Drei etwa zehn Zentimeter große Hakenkreuze haben Unbekannte am Freitag vermutlich zwischen 8 und 12 Uhr an die Haupttür der St.-Ursula-Kirche geschmiert. Anzeige wurde erstattet. Nachdem die Polizei Fotos gemacht hat, wurden die Schmierereien entfernt. "Ich bin empört. Das menschenverachtende Symbol ist ein Angriff auf die Freiheit", sagte Karl-Josef Auris, Leiter des Pastoralen Raums Am Ölbach, auch vor dem Hintergrund der Tat in Halle.

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