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4 Artikel , 09.10.2019 :

Pressespiegel überregional

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Übersicht:


Jüdische Allgemeine Online, 09.10.2019:
Halle / Angriff an Jom Kippur

Westfalen-Blatt Online, 09.10.2019:
Zwei Tote in Halle: Täter griff Synagoge gezielt an

n-tv.de, 09.10.2019:
Moscheen und Parteien bedroht / Polizei geht mit Razzien gegen Neonazis vor

Blick nach Rechts, 09.10.2019:
Extrem rechte Tendenzen in der Thüringen-AfD

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Jüdische Allgemeine Online, 09.10.2019:

Halle / Angriff an Jom Kippur

09.10.2019 - 19.06 Uhr

Sicherheitsvorkehrungen vor Synagogen in Dresden und Leipzig erhöht

Bei Angriffen mitten in Halle / Saale haben schwer bewaffnete Täter vor einer Synagoge und in einem Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen.

In der Synagoge hielten sich 70 bis 80 Menschen auf.

Die Stadt Halle sprach am Mittwoch von einer "Amok-Lage". Die Polizei teilte am Mittag mit, mehrere bewaffnete Täter seien mit einem Auto auf der Flucht. Am frühen Nachmittag meldete die Polizei die Festnahme einer Person.

Ermittlungen

Der Generalbundesanwalt zog die Ermittlungen an sich - wegen Mordes von besonderer Bedeutung. Ob es sich um eine antisemitische Tat handelt, sei noch unklar, sagte ein Sprecher in Karlsruhe.

Nach Angaben des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, richtete sich der Angriff der Täter direkt gegen die Synagoge, in der zu dem Zeitpunkt 70 bis 80 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur feierten.

"Ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr hat versucht, unsere Türen aufzuschießen."
Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle

Kameras

"Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen", sagte Privorozki der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten". "Aber unsere Türen haben gehalten." Der oder die Täter hätten außerdem versucht, das Tor des danebenliegenden jüdischen Friedhofs aufzuschießen, sagte der Vorsitzende.

Auch Stunden nach den Taten gab die Polizei keine Entwarnung. Die Stadt rief die Menschen überall in Halle dazu auf, in Sicherheit in Gebäuden zu bleiben.

Polizei

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte in Berlin, die Hintergründe der Tat seien noch nicht bekannt. Die Polizei warnte vor Spekulationen.

Etwa 30 Meter vor der Synagoge lag am frühen Nachmittag ein Todesopfer auf einer Straße mit einer blauen Decke bedeckt gegenüber der Synagoge, wie ein dpa-Reporter berichtete. Zudem soll nach Augenzeugenberichten ein Täter in einem Kampfanzug mit einem Gewehr in einen Döner-Laden geschossen und einen Besucher getötet haben.

Ein Polizeisprecher sagte dem "Spiegel", ein Mann sei in einem Imbiss getötet worden. Das andere Opfer in der Nähe der Synagoge sei eine Frau. Auf dpa-Anfrage wollte die Polizei zu den Opfern zunächst nichts offiziell sagen, weder zum Geschlecht, noch wo sie gefunden wurden. Die Gegend um das Lokal - etwa 600 Meter entfernt von der Synagoge - war abgesperrt.

Es gab mindestens zwei weitere Verletzte. Sie wurden in das Universitätsklinikum Halle gebracht. "Ein Patient hat Schussverletzungen und wird gerade operiert", sagte ein Kliniksprecher.

Video

Die "Mitteldeutsche Zeitung" aus Halle zeigte ein Foto, auf dem ein dunkel gekleideter Mann mit Helm und Stiefeln zu sehen ist, der ein Gewehr im Anschlag hat. Der MDR zeigte ein Video, auf dem womöglich derselbe Mann aus einem Auto aussteigt und mehrfach seine Waffe abfeuert.

Auch in Landsberg, rund 15 Kilometer östlich von Halle, gab es Schüsse, bestätigte eine Polizeisprecherin in Halle. Menschen sollen auch hier Gebäude und Wohnungen nicht verlassen, hieß es. Die Zufahrt zu dem Ortsteil Wiedersdorf war abgesperrt.

Die Stadt Halle sprach am Nachmittag von einer "Amok-Lage" und berief einen Krisenstab ein.

Mehrere Mannschaftswagen der Polizei, darunter auch Fahrzeuge aus Sachsen, waren vor Ort. Auch zwei Krankenwagen waren zu sehen. Am Mittwochnachmittag gegen 16.00 Uhr landete auf einem Feld bei Wiedersdorf nach Angaben eines dpa-Reporters zudem ein Hubschrauber der Bundespolizei. Angaben zu den Hintergründen machte die Polizei nicht.

Krisenstab

Die Stadt Halle sprach am Nachmittag von einer "Amok-Lage" und berief einen Krisenstab ein. Alle Rettungskräfte der Feuerwehr seien in Alarmbereitschaft versetzt worden. Die Polizei zog seit den Mittagsstunden alle verfügbaren Kräfte in Sachsen-Anhalt ab und verlegte sie nach Halle.

Im benachbarten Leipzig verstärkte die Polizei ihre Kräfte vor der Synagoge. Auch vor der Synagoge in Dresden wurde nach Angaben der Polizei der Schutz erhöht. In anderen deutschen Städten wurde der Schutz ebenfalls entsprechend verstärkt.

Das Europaparlament legte am eine Schweigeminute für die Opfer ein.

Der Bahnhof von Halle wurde wegen polizeilicher Ermittlungen gesperrt. Das teilte das Unternehmen über Twitter mit. Es komme zu Verspätungen. Die Bundespolizei verstärkte ihre Kontrollen an Bahnhöfen und Flughäfen in Mitteldeutschland. Das gelte auch für die Verkehrswege nach Polen und Tschechien, hieß es.

Reaktionen

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zeigte sich entsetzt über die Tat. "Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land." Er kehrte von einer Konferenz in Brüssel vorzeitig zurück.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte in Berlin, die Bundesregierung hoffe, dass der Täter oder die Täter schnell gefasst würden. Die Gedanken gingen "an die Freunde und die Familien der Todesopfer", sagte er.

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir twitterte: "Schreckliche Nachrichten aus Halle, heute am jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur. Ich bin erschüttert und traurig." Allen Verletzten und Angehörigen wünschte er viel Kraft und dankte den Einsatzkräften.

Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch schrieb auf Twitter: "Am höchsten jüdischen Feiertag ein Anschlag auf jüdisches Leben in Deutschland - ekelhaft! Antisemitismus darf in unserer Gesellschaft keinen Millimeter Platz haben."

Die Antisemitismus-Beauftragte von Nordrhein-Westfalen, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger twitterte: "Ein fürchterlicher Angriff auf jüdisches Leben in Halle. Der Anschlag am Versöhnungsfest Jom Kippur zeigt erneut die hässliche Fratze des Antisemitismus. Wir müssen gegen den Hass auf Juden eng zusammenstehen."

Schweigeminute

Auch aus dem Ausland kamen bestürzte Reaktionen. Das Europaparlament legte am eine Schweigeminute für die Opfer ein. In Gedanken sei man bei Deutschland, der deutschen Polizei und bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sagte Parlamentspräsident David Sassoli. (dpa)

Bildunterschrift: Polizisten sichern die Umgebung.

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Westfalen-Blatt Online, 09.10.2019:

Zwei Tote in Halle: Täter griff Synagoge gezielt an

Stunden der Angst in Halle: Ein Schwerbewaffneter will eine Synagoge stürmen und scheitert. Kurz danach werden zwei Menschen vor der Synagoge und in einem Döner-Imbiss erschossen.

Halle / Saale (dpa). Bei Angriffen mitten in Halle / Saale sind vor einer Synagoge und in einem Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen worden. Die Jüdische Gemeinde entging unmittelbar vorher womöglich einer Katastrophe.

"Nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnisse müssen wir davon ausgehen, dass es sich zumindest um einen antisemitischen Angriff handelt", sagte Innenminister Horst Seehofer (CSU) am Mittwochabend.

Der Täter von Halle ist nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen ein 27-Jähriger, der mutmaßlich in Sachsen-Anhalt wohnt. Es sei davon auszugehen, dass Stephan B. deutscher Staatsangehöriger sei und die Tat einen rechtsextremistischen Hintergrund habe, hieß es am Mittwoch.

Der Täter mit Stahlhelm und Stiefeln hatte am Mittwochmittag versucht, die Synagoge mit Waffengewalt zu stürmen, scheiterte jedoch, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen erfuhr. In dem Gotteshaus feierten zu dem Zeitpunkt 70 bis 80 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

Die Stadt Halle sprach am frühen Nachmittag von einer "Amok-Lage". Die Polizei hatte zuvor mitgeteilt, mehrere bewaffnete Täter seien mit einem Auto auf der Flucht. Fotos und Videos, die von Medien veröffentlicht wurden. Auch Augenzeugen sprachen nur von einem Täter. Am frühen Nachmittag meldete die Polizei die Festnahme einer Person. Aus Sicherheitskreisen hieß es am Abend, es deute nun doch alles auf einen Einzeltäter hin.

Der Generalbundesanwalt zog die Ermittlungen an sich - wegen Mordes von besonderer Bedeutung. Ob es sich um eine antisemitische Tat handelt, sei noch unklar, sagte ein Sprecher in Karlsruhe. Die Stadt rief die Menschen am frühen Nachmittag überall in Halle dazu auf, in Sicherheit in Gebäuden zu bleiben.

Die Polizei gab erst am Abend gegen 18.15 Uhr Entwarnung. "Sie können wieder auf die Straße, die Warnungen sind aufgehoben", twitterte die Polizei. Die Gefährdungslage werde nicht mehr als akut eingestuft.

Bei dem Angriff auf die Synagoge legte der Täter auch selbstgebastelte Sprengsätze vor dem Gotteshaus ab. Es seien dabei mehrere Schüsse gefallen. Ein weibliches Opfer sei vor der Synagoge von den tödlichen Schüssen getroffen worden, erfuhr die dpa weiter. Ob sie ein Zufallsopfer sei, sei unklar. Außerdem habe es einen männlichen Toten im oder an einem Döner-Imbiss gegeben.

Nach Angaben des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, richtete sich der Angriff der Täter direkt gegen die Synagoge. "Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen", sagte Privorozki der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten". "Aber unsere Türen haben gehalten." Der oder die Täter hätten außerdem versucht, das Tor des danebenliegenden jüdischen Friedhofs aufzuschießen, sagte der Vorsitzende.

Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus bestätigte der dpa nach einem Telefonat mit Privorozki, der maskierte Täter habe gegen die Tür geschossen, dabei aber nicht in die Synagoge eindringen können. Rund 20 Menschen seien am Nachmittag noch in der Synagoge verschanzt gewesen, darunter auch mehrere Gäste aus den USA. Laut Salomon wurden auch Flaschen mit Flüssigkeit geworfen. Eine habe die Sukka (Laubhütte), eine andere den Jüdischen Friedhof in unmittelbarer Nähe und eine den Hof der Synagoge getroffen. Nur die Flasche gegen den Friedhof habe sich entzündet.

Etwa 30 Meter vor der Synagoge lag ein Todesopfer auf einer Straße mit einer blauen Decke bedeckt gegenüber der Synagoge, wie ein dpa-Reporter berichtete. Zudem soll nach Augenzeugenberichten ein Täter in einem Kampfanzug mit einem Gewehr in einen Döner-Laden geschossen und einen Besucher getötet haben.

Es gab mindestens zwei weitere Verletzte. Sie wurden in das Universitätsklinikum Halle gebracht. "Ein Patient hat Schussverletzungen und wird gerade operier"», sagte ein Kliniksprecher.

Die "Mitteldeutsche Zeitung" aus Halle zeigte ein Foto, auf dem ein dunkel gekleideter Mann mit Helm und Stiefeln zu sehen ist, der ein Gewehr im Anschlag hat. Der MDR zeigte ein Video, auf dem womöglich derselbe Mann aus einem Auto aussteigt und mehrfach seine Waffe abfeuert.

Auch in Landsberg, rund 15 Kilometer östlich von Halle, gab es Schüsse, bestätigte eine Polizeisprecherin in Halle. Menschen sollen auch hier Gebäude und Wohnungen nicht verlassen, hieß es. Die Zufahrt zu dem Ortsteil Wiedersdorf war abgesperrt. Mehrere Mannschaftswagen der Polizei, darunter auch Fahrzeuge aus Sachsen, waren vor Ort. Auch zwei Krankenwagen waren zu sehen. Am Mittwochnachmittag gegen 16 Uhr landete auf einem Feld bei Wiedersdorf nach Angaben eines dpa-Reporters zudem ein Hubschrauber der Bundespolizei. Angaben zu den Hintergründen machte die Polizei nicht.

Die Stadt Halle hatte einen Krisenstab einberufen. Alle Rettungskräfte der Feuerwehr waren in Alarmbereitschaft versetzt worden. Die Polizei hatte seit den Mittagsstunden alle verfügbaren Kräfte in Sachsen-Anhalt abgezogen und sie nach Halle verlegt.

Im benachbarten Leipzig hatte die Polizei ihre Kräfte vor der Synagoge verstärkt. Auch in anderen deutschen Städten wurde der Schutz von Synagogen verstärkt.

Der Bahnhof von Halle war wegen polizeilicher Ermittlungen gesperrt. Es kam zu Verspätungen. Die Bundespolizei verstärkte ihre Kontrollen an Bahnhöfen und Flughäfen in Mitteldeutschland. Das gelte auch für die Verkehrswege nach Polen und Tschechien, hieß es.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zeigte sich entsetzt über die Tat. "Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land."

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte in Berlin, die Bundesregierung hoffe, dass der Täter oder die Täter schnell gefasst würden. Die Gedanken gingen "an die Freunde und die Familien der Todesopfer", sagte er.

Aus dem Ausland kamen ebenfalls bestürzte Reaktionen. Das Europaparlament legte eine Schweigeminute für die Opfer ein. In Gedanken sei man bei Deutschland, der deutschen Polizei und bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sagte Parlamentspräsident David Sassoli.

Auch UN-Generalsekretär António Guterres bewerte den Vorfall als "eine weitere tragische Demonstration von Antisemitismus", teilte ein UN-Sprecher in New York mit.

AfD-Fraktionschefin Alice Weidel twitterte: "Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien. Ich hoffe, die Polizei fasst den oder die Täter schnell, ohne dass weitere Menschen zu Schaden kommen."

Bildunterschrift: Einsatzfahrzeuge stehen auf einer Hauptstraße nahe der Synagoge in Halle.

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n-tv.de, 09.10.2019:

Moscheen und Parteien bedroht / Polizei geht mit Razzien gegen Neonazis vor

Unbekannte bedrohen Moscheen und Parteizentralen mit Sprengstoffanschlägen. Die E-Mails sind mit den Namen einschlägig bekannter Neonazi-Gruppierungen unterschrieben. Bei Razzien in vier Bundesländern werden sechs Menschen vorläufig festgenommen.

Bei den Durchsuchungen in vier Bundesländern wegen rechtsextremer Drohschreiben gibt es insgesamt sieben Beschuldigte. Sechs Menschen seien vorläufig festgenommen worden, teilte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann mit. Nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen seien die sechs Verdächtigen wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Der siebte Beschuldigte sei bislang noch nicht angetroffen worden.

In mehreren Bundesländern waren Einsatzkräfte zu Razzien gegen Rechtsextremisten ausgerückt. Insgesamt sieben Objekte wurden seit dem Morgen in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Bayern durchsucht, wie die Generalstaatsanwaltschaft München und das bayerische Landeskriminalamt mitteilten. In Bayern erfolgten drei Durchsuchungen: jeweils eine in Oberbayern, Niederbayern und Oberfranken. In Baden-Württemberg fanden die Aktionen in zwei Objekten statt, in Sachsen-Anhalt und Thüringen gab es jeweils eine Durchsuchung. Nähere Angaben zu den durchsuchten Objekten machten die Behörden zunächst nicht.

Anlass für die Durchsuchungen sind Ermittlungen der Behörden und der bayerischen Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus gegen die mutmaßlichen Urheber von insgesamt 23 Drohschreiben, die zwischen dem 8. Juli und dem 23. Juli bundesweit an verschiedene Institutionen verschickt wurden. Davon betroffen waren unter anderem Ankerzentren in Bayern, islamische Zentren, Moscheen, Parteizentralen und Presse- und Medienagenturen.

SEK an Razzien beteiligt

Die Verfasser drohten mit Sprengstoffanschlägen auf diese Einrichtungen. Unterschrieben waren die Schreiben mit "Volksfront", "Combat 18" oder "Blood and Honour (trotz Verbot sind wir nicht tot)". Weitere Angaben zu den Razzien wurden zunächst nicht gemacht. Das Neonazi-Netzwerk "Blood and Honour" (Blut und Ehre) ist verboten. Die gewaltbereite rechtsextreme Organisation "Combat 18" gilt als bewaffneter Arm von "Blood and Honour" und ist in mehreren europäischen Ländern aktiv.

"Combat" steht im Englischen für Kampf. "18" gilt als Szenecode für den ersten und den achten Buchstaben im Alphabet, also A und H - die Initialen von Adolf Hitler. Die "Volksfront" ist eine ursprünglich aus den USA stammende rechtsextreme Organisation. Offiziell hatte sie sich 2012 aufgelöst.

Beteiligt seien an den Durchsuchungen rund 120 Beamte, sagte ein Sprecher des Bayerischen Landeskriminalamts. In Bayern gebe es drei Durchsuchungen: jeweils eine in Oberbayern, Niederbayern und Oberfranken. Die Ermittler werden von Spezialeinsatzkräften und der örtlichen Polizei unterstützt. Neben der Generalstaatsanwaltschaft und dem Landeskriminalamt in Bayern ist auch die Bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) an den Ermittlungen beteiligt.

Bildunterschrift: 120 Beamte sind im Einsatz.

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Blick nach Rechts, 09.10.2019:

Extrem rechte Tendenzen in der Thüringen-AfD

Von Kai Budler

Knapp drei Wochen vor der Landtagswahl in Thüringen kritisieren neue Studien den AfD-Landesverband unter Björn Höcke, dem ein Angriff auf die liberale Demokratie und ein antipluralistisches Gesellschaftsverständnis attestiert wird.

Der Thüringer Landesverband der "Alternative für Deutschland" (AfD) wird durch verfassungsfeindliche Tendenzen charakterisiert. Zu diesem Schluss kommt der habilitierte Politikwissenschaftler Prof. Kai Hafez, der seit 2003 an der Universität Erfurt lehrt, in seiner Kurzanalyse des Landeswahlprogramms der Thüringer AfD.

Hafez bilanziert, dass die vom Verfassungsschutz im Januar 2019 festgestellten "Verdachtsmomente im Hinblick auf eine Ausrichtung gegen die freiheitliche-demokratische Grundordnung" sich auch im Thüringer Landeswahlprogramm der AfD finden ließen. An Hand von neun Punkten aus dem Wahlprogramm attestiert der Wissenschaftler dem Landesverband einen "kaschierten fundamentalistischen Angriff auf die liberale Demokratie", einen "zweifelhaften Umgang mit Rechtsstaatlichkeit im Bereich der Medienpolitik" und "Ansätze eines Gesellschaftsverständnisses, das anti-pluralistisch und gegen die Meinungsfreiheit gerichtet ist". Das Wahlprogramm enthalte keine klare Abgrenzung zu extrem rechten Bewegungen, mit denen die AfD unter anderem ein ethnopluralistisches und neorassistisches Weltbild teile, so Hafez. Vielmehr werde die Gefahr sichtbar, "dass eine AfD-Regierung dem Rechtsextremismus Tür und Tor öffnet".

Ergebnisse widersprechen der Protestwahl-These

Während Hafez seine Analyse in Erfurt vorstellte, legte das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IFZ) seine Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von Thüringer Wahlberechtigten vor, die es in den Tagen nach den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen durchgeführt hat. Danach hält weniger als ein Drittel der Befragten die AfD für "eine normale demokratische Partei", knapp drei Viertel halten die AfD für etwas oder viel zu rechts. Rund die Hälfte der Befragten lehnt eine Beteiligung der AfD an der nächsten Landesregierung ab. Bei den befragten potenziellen AfD-Wählerinnen und -Wählern kommt nicht mal jeder Dritte zu dem Schluss, die Thüringer AfD stehe zu weit rechts. Dafür finden 71 Prozent die Partei unter Björn Höcke "genau richtig".

Der Direktor des IDZ, Matthias Quent, erklärte dazu, die Ergebnisse widersprächen der Protestwahl-These: "Mehr als zwei Drittel der AfD-Wähler stehen politisch hinter dem rechtsradikalen Thüringer Landesverband und wollen nicht nur den anderen Parteien einen Denkzettel verpassen." Der IDZ-Studienleiter Axel Salheiser kommentierte, potenzielle Wähler/innen der Thüringer AfD unterschieden sich in ihren Einstellungen zum Teil markant von der Mehrheit der Wahlberechtigten. "Viele potenzielle AfD-Wähler sind autoritärer und pessimistischer." Laut den Ergebnissen ist ein Viertel der rund 500 repräsentativ Befragten bei der Wahlentscheidung noch unentschlossen.

"Politisch-kulturelles Raumklima" für AfD-Erfolg verantwortlich

Eine weitere zeitgleich vorgestellte Studie des IDZ zu den Thüringer Kreistagswahlen geht der Frage nach dem Zusammenhang zwischen AfD-Wahlerfolgen und regionalen und lokalen Spezifika nach. Bei der Kommunalwahl im Mai 2019 hatte die AfD durchschnittlich 17,7 Prozent der abgegebenen Stimmen und insgesamt 177 Sitze in den Kommunalparlamenten erzielt. Im südthüringischen Kreis Sonneberg wählte fast jeder Vierte die AfD, ihr schlechtestes Ergebnis erzielte die AfD mit 12,3 Prozent der abgegebenen Stimmen im Kreis Hildburghausen. Bei den vorangegangenen Kommunalwahlen 2014 war die AfD nur in zwei Wahlkreisen angetreten.

In der IDZ-Studie heißt es, entgegen der Annahme, die Wahl der AfD auf kommunaler Ebene sei eine "Protestwahl in abgehängten Regionen", zeige die detaillierte Analyse, dass Faktoren wie Arbeitslosenquote oder Einkommen keinen nennenswerten Einfluss auf die Wahl der AfD Erfolge hätten. Die AfD schneide vielmehr dort besonders gut ab, "wo sich Rechtsextremismus über eine lange Zeit normalisieren konnte und Teile der Bevölkerung sich vom demokratischen System abgekoppelt haben". Der Studienautor Christoph Richter macht für den AfD-Erfolg bei den Kreistagswahlen ein "politisch-kulturelles Raumklima" verantwortlich, das "von Demokratie-Verdrossenheit und zum Teil auch offener Ablehnung der Demokratie geprägt ist". Die AfD habe 2019 besonders hohe Stimmanteile erzielt, "wo 2014 noch die NPD stark war".

Bildunterschrift: Wissenschaftler sieht verfassungsfeindliche Tendenzen bei der Thüringen-AfD (Screenshot).

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