www.hiergeblieben.de

Westfalen-Blatt / Herforder Kreisblatt , 08.10.2018 :

Zellentrakt zeigt Film

Herford (HK). Im Zusammenhang mit der Ausstellung "Rassendiagnose: Zigeuner - Der Völkermord an den Sinti und Roma und der lange Kampf um Anerkennung" in der Gedenkstätte Zellentrakt und in Kooperation mit dem Capitol-Kino können Schulklassen noch bis zum 18. Dezember den französischen Film "Django - Ein Leben für die Musik" sehen.

Der Jazzgitarrist Django Reinhardt spielt in ausverkauften Sälen und begeisterte das Publikum mit seinem Gypsy-Swing, einer Musik voller Lebenslust und Witz, der sich auch die deutschen Besatzer nicht entziehen können. Während andere Sinti in ganz Europa verfolgt werden, konnte sich Django auf Grund seiner Popularität in Sicherheit wiegen - bis ihn die Nationalsozialisten auf Tournee nach Deutschland schicken wollen. Django weigert sich. Seine Pariser Geliebte hilft ihm, mit seiner schwangeren Frau und seiner Mutter an der Schweizer Grenze unterzutauchen.

Pro Schüler wird ein Eintritt von 3,50 Euro erhoben. Terminabsprachen können über die Gedenkstätte Zellentrakt, Telefon 05221 / 189257 (E-Mail: info@zellentrakt.de) erfolgen.

_______________________________________________


Westfalen-Blatt / Herforder Kreisblatt, 30.08.2018:

Noch immer Angst vor Diskriminierung

"Rassendiagnose: Zigeuner" im Zellentrakt - Eröffnung am Freitagabend

Von Hartmut Horstmann

Herford (HK). Herforder Sinti-Familien bleiben im Verborgenen. Um mehr über ihr Schicksal in der NS-Zeit zu erfahren, müssten sie Unterlagen zur Verfügung stellen, sagt Gisela Küster (Kuratorium Erinnern Forschen Gedenken). Doch bis heute hätten sie Angst vor Diskriminierung.

Die aus Angst entstandene Zurückhaltung war Thema, als Vertreter des Kuratoriums gestern die neue Ausstellung in der Gedenkstätte Zellentrakt präsentierten. Sie trägt den Titel "Rassendiagnose: Zigeuner" und wurde vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma zusammen gestellt. Wie bei anderen Wechselausstellungen auch hat das Kuratorium die allgemeinen Informationen mit lokalen Bezügen ergänzt. Doch gibt es im Fall der Sinti weder Namen noch Fotos. Stattdessen wird die Verfolgung nur aus den öffentlichen Schriftstücken ersichtlich. So rät der Bürgermeister von Herford-Hiddenhausen im Jahr 1936 dazu, die Ausfertigung von Wandergewerbescheinen zu unterbinden. Die mitgeführten Kinder solle die Polizei in Anstalten unterbringen.

"In Herford leben heute zehn bis 15 Sinti-Familien. Unter ihnen gab es etliche Opfer."
Christoph Laue

Dies galt zum Beispiel für einen Musiker aus Herford, dessen Fall Gisela Küster recherchiert hat. Der Vater von fünf Kindern kommt zum Arbeitsdienst - nach dem Tod der Ehefrau werden die Kinder auf Anstalten verteilt. Der Mann wird 1940 in Dachau ermordet. Als die Kinder einen Antrag auf Entschädigung stellten, erhielten sie vom Regierungspräsidenten 1957 die Antwort, die Maßnahmen seien nicht aus "rassischen Gründen", sondern wegen "asozialen Verhaltens" erfolgt. Grund: Die Verhaftung fand vor dem Auschwitz-Erlass (1942) statt.

48 Tafeln beinhaltet alleine die Ausstellung vom Dokumentationszentrum. Es geht zum einen um die Ausgrenzung und Entrechtung der Sinti und Roma im Deutschen Reich sowie um den Völkermord in der NS-Zeit. Zum anderen handelt die Ausstellung vom Kampf der Überlebenden um die Anerkennung als NS-Opfer.

Etwa 500.000 Sinti und Roma sind unter den Nationalsozialisten ermordet worden. Christoph Laue vom Kuratorium Erinnern Forschen Gedenken sagt: "In Herford leben heute zehn bis 15 Sinti-Familien. Unter ihnen gab es etliche Opfer." Wie viele genau, das wisse man jedoch nicht. Nach dem bisherigen Kenntnisstand sind vier Sinti aus Herford in Konzentrationslagern umgekommen.

Die Ausstellung wird vom 31. August bis zum 18. Dezember gezeigt. Eröffnet wird sie am morgigen Freitag ab 19 Uhr im Großen Sitzungssaal des Rathauses. Für Musik sorgt das Kuss-Weiss-Duo.

Musik steht auch im Mittelpunkt eines Films, mit dem sich das Kino Capitol beteiligt. Es präsentiert den hochgelobten Film "Django - Ein Leben für die Musik". Das Angebot richtet sich an Schulklassen, die vom 3. September bis zum 18. Dezember Vorführungstermine vereinbaren können. Der Kontakt läuft über die Gedenkstätte, Tel. 05221 / 189257.

Bildunterschrift: Gisela Küster und Christoph Laue (beide vom Kuratorium Erinnern Forschen Gedenken) vor dem Titelfoto der Ausstellung: Zum Begleitprogramm gehört der Film "Django - Ein Leben für die Musik" im Capitol. Schulklassen können Termine vereinbaren.

Bildunterschrift: Zu den Herforder Opfern gibt es lediglich offizielle Dokumente der Behörden. Hier geht es um einen Antrag auf Entschädigung aus dem Jahr 1957. Viele Sinti hätten immer noch Angst vor Diskriminierung, erfuhren die Ausstellungsmacher. Die Ausstellung läuft bis zum 18. Dezember.

Bildunterschrift: Dieses Gemälde von Jörg Boström entstand auf Grundlage eines Fotos, das der Maler in Gelsenkirchen machte. Auf dem Unterarm der Sinti-Frau ist die KZ-Nummer zu sehen.

Kommentar

Die Aussage, dass es immer noch schwer fällt, an Informationen über Sinti-Familien in der NS-Zeit zu kommen, lässt aufhorchen. Bis heute hätten die Mitglieder der überlebenden Familien Angst vor einer Diskriminierung, heißt es.

Etwa 500.000 Sinti und Roma sind in der NS-Zeit ermordet worden. Auf der einen Seite die gewaltigen Dimensionen dieses Völkermordes, auf der anderen Seite die Angst vieler Opferfamilien, die keine Öffentlichkeit wollen: Eine Angst, die in Zeiten von Hetzjagden gegen Minderheiten mit Sicherheit nicht abnimmt. Daher sind Ausstellungen wie die im Zellentrakt notwendig. Sie dienen auch als Korrektiv.

Hartmut Horstmann


zurück