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Neue Westfälische - Gütersloher Zeitung , 13.09.2018 :

"Wir sind mehr!" als erwartet

Marsch: Mit 250 Menschen hatte das "Aktionsbündnis Rheda-Wiedenbrück gegen rechten Hass" gerechnet / Gekommen sind doppelt so viele, um ein Zeichen für Demokratie zu setzen / Und den Reden zu lauschen

Von Marion Pokorra-Brockschmidt

Rheda-Wiedenbrück. Auf einer Demonstration war Luisa noch nie. Doch gestern ist die 15-Jährige mit Handballerinnen des WTV bei dem friedlichen Marsch "für Demokratie, Vielfalt und Toleranz und gegen Gewalt" mitgegangen. "Das Thema ist total wichtig und aktuell", sagte sie. Das sahen rund 500 andere Teilnehmer genau so. "Es reicht nicht, Sympathie zu fühlen, man muss sie auch zeigen", meinte Monika Nuppenau. Die 60-Jährige war aus Gütersloh gekommen.

Mit 250 Demonstranten hatte das "Aktionsbündnis Rheda-Wiedenbrück gegen rechten Hass" gerechnet. Doppelt so viele waren vom Kirchplatz zum Rathausplatz gezogen. "Wir sind positiv überrascht und froh, dass es keine Zwischenfälle gegeben hat", resümierte Christine Spitzberg, einer der Initiatorinnen des Friedensmarsches unter dem Motto "Wir sind mehr!".

Dieses Leitmotiv betonten die Redner bei der Abschlusskundgebung oft - und bekamen Applaus von Jungen und Alten, von Politikern und Privatleuten, von Sportlern und Kirchenvertretern, von Rheda-Wiedenbrückern und Auswärtigen. Sie wollen nicht hinnehmen, "dass sich Menschen mit rechten Parolen gegen unsere Verfassung wenden", so Initiatorin Iris Hansel.

Berührt von der großen Menschenmenge, "die hier eng zusammensteht", zeigte sich Bürgermeister Theo Mettenborg. Er sagte ein striktes Nein zu Rassismus und fremdenfeindlichen Vorurteilen, betonte das Eintreten für Werte, die für ein gutes und friedliches Miteinander stehen.

Das Verbreiten von Hass-Botschaften erinnere an die dunkelste Zeit deutscher Geschichte, so Hermann Heller-Jordan. Losgelöst von Partei-Politik "müssen wir uns mit einer Stimme rechten Auswüchsen entgegen stellen".

Das forderte auch Claudia Müller. Sie ist sicher, dass es in Rheda-Wiedenbrück keine Menschenjagd gibt. "Aber auch hier wird mit Unmut über Migranten geredet." Sprache sei wichtig, wenn beispielsweise manipulative Schlagwörtern wie Asyl-Tourismus benutzt würden. "Wir sind mehr, die achtsam sind, was um uns herum passiert, die ein Potenzial in unterschiedlichen Kulturen sehen, die demokratische Rechte bewahren."

Für Imam Alammarin, der aus Syrien geflohen ist und als Englischlehrer arbeitet, ist "Rheda-Wiedenbrück ein Beispiel für ein gutes Zusammenleben, weil hier alle offen sind". Gäbe es ein Problem, er betonte den Konjunktiv, würde es mit Toleranz überwunden. "Ich hoffe, dass Rassismus hier keinen Einzug hält", blickte er auf die Zukunft.

Wie es früher in der Stadt war, erinnerte Ulla Fallner. Die 69-Jährige erzählte über ihre große Verwandtschaft, die fast ausnahmslos einen Kriegstoten zu beklagen hatte. Sie rückte als Schülerin mit anderen zusammen, "als Flüchtlinge kamen". Sie war froh, als Jugendliche im Ausland nicht mit Nazi-Deutschland konfrontiert zu werden, "sondern sogar willkommen zu sein".

Patrick Büker dankte den Organisatorinnen des friedlichen Marsches, der ein starkes Signal in und aus der Stadt sende. Ängste durch Migration müsse man ernst nehmen - darin waren sich die Redner einig. "Aber die Frage darf nicht sein, woher jemand kommt, sondern wohin er mit uns will", so Büker.

Bildunterschrift: "Rheda-Wiedenbrück ist bunt und weltoffen": Hinter diesem Transparent nehmen rund 500 Demonstranten an dem friedlichen Marsch teil.

Bildunterschrift: "Sprache lernen": Imam Alammarin floh aus Syrien.

Bildunterschrift: "Nicht nur reden": Monika Nuppenau und Alexandre du Toit.

Bildunterschrift: "Ist ein guter Zweck": Die 13-jährige Liv Kupka zeigt Mitgefühl.

Bildunterschrift: "Herz statt Hetze": Aufmerksam hören die zahlreichen Demonstranten den Rednern zu.


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