www.hiergeblieben.de

WDR-Nachrichten aus Westfalen-Lippe , 13.02.2018 :

Völkische Szene in Ostwestfalen-Lippe

13.02.2018 - 05.51 Uhr

Die Landesregierung bestätigt vereinzelte Kontakte zwischen Vereinsmitgliedern der umstrittenen Ahnenstätte Seelenfeld in Petershagen und rechtsextremistischen Personen und Organisationen.

Das geht aus einer am Montag (12.02.2018) vorgestellten Antwort zu einer Kleinen Anfrage der Bielefelder SPD-Abgeordneten Christina Kampmann hervor. Mehrfach hatten sich auf und in der Nähe des Friedhofs Rechtsextremisten getroffen. Gegründet wurde der nicht-christliche Privatfriedhof 1929 von völkischen Ludendorffern. Die Betreiber der Begräbnisstätte sollen ihrer antisemitischen Ideologie noch heute nahestehen.

Laut Landesregierung ist die völkische Szene in Ostwestfalen-Lippe relativ stark präsent. Besonders ehemalige Mitglieder des 2008 verbotenen Collegium Humanums seien in der Region aktiv, aber ohne feste Strukturen. Die Stadt Petershagen ist zusammen mit dem Friedhofsverein dabei, die Geschichte der Ahnenstätte Seelenfeld aufzuarbeiten.

_______________________________________________


Mindener Tageblatt, 10.02.2018:

Verbindung zu Rechtsextremisten / Ministerium antwortet auf Anfrage

Von Stefan Koch

Petershagen-Seelenfeld (mt). Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen bestätigt lockere Verbindungen zwischen den Aktiven um die so genannten "Ahnenstätte Seelenfeld" und Rechtsextremisten. Eine entsprechende Kleine Anfrage zu diesem Thema hatte die Bielefelder SPD-Landtagsabgeordnete Christina Kampmann im Januar gestellt. Anlass dazu waren Medienberichte im Sommer vergangenen Jahres (das MT berichtete).

"Der Landesregierung sind vereinzelte lose Kontakte zwischen Mitgliedern der Ahnenstätte Seelenfeld und ihres Trägervereins zu rechtsextremistischen, insbesondere völkischen und antisemitischen Organisationen und Einzelpersonen bekannt", teilte am Mittwoch das NRW-Innenministerium mit. Des Weiteren schreibt das Innenministerium in seiner Antwort auf mehrere Teilfragen zum Rechtsextremismus, dass sich im Vergleich zu anderen Regionen des Landes Nordrhein-Westfalen die völkisch-rechtsextremistische Szene in Ostwestfalen-Lippe durch eine relative starke örtliche Präsenz auszeichne. "Insbesondere ehemalige Mitglieder des 2008 durch den Bundesminister des Inneren verbotenen Vereins Collegium Humanum sind ohne feste Strukturen immer wieder in der Region aktiv." Vor allem am Rande von Prozessen gegen bekannte Holocaust-Leugner fänden diese Zusammentreffen auch öffentlich statt.

Bislang hatte die Stadt Petershagen die Ahnenstätte als touristisches Kuriosum bewertet. Mittlerweile soll durch einen Aufklärungsprozess die Entstehungsgeschichte des Friedhofs genauer beleuchtet werden.

Die Landtagsabgeordnete Kampmann: "Der Trägerverein der Ahnenstätte muss seine Beziehungen zur rechtsextremistischen Szene einstellen." Weitere Kontakte zwischen Mitgliedern des Trägervereins und der rechtsextremistischen Szene seien nicht akzeptabel und müssten umgehend beendet werden. Die Landesregierung solle die Stadt Petershagen bei der Aufarbeitung der Geschichte der Ahnenstätte unterstützen.

Bildunterschrift: Die Ahnenstätte wirft Fragen auf.

_______________________________________________


Ministerium des Inneren des Landes Nordrhein-Westfalen, 07.02.2018:

"Völkisch-rechtsextremes Netzwerk in Ostwestfalen-Lippe"

Der Minister

Präsidenten des Landtags
Nordrhein-Westfalen
Herrn Andre Kuper MdL
Platz des Landtags 1
40221 Düsseldorf

Kleine Anfrage 704 der Abgeordneten Christina Kampmann der Fraktion der SPD "Völkisch-rechtsextremes Netzwerk in Ostwestfalen-Lippe", LT-Drs. 17/1706

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident,

namens der Landesregierung beantworte ich die Kleine Anfrage 704 wie folgt:

Frage 1

Welche Kontakte der "Ahnenstätte Seelenfeld" bzw. ihres Trägervereins zu rechtsextremistischen Organisationen sind der Landesregierung bekannt?

Der Landeregierung sind vereinzelte lose Kontakte zwischen Mitgliedern der "Ahnenstätte Seelenfeld" und ihres Trägervereins zu rechtsextremistischen, insbesondere völkischen und antisemitischen, Organisationen und Einzelpersonen bekannt.

Frage 2

Welche Aktivitäten entfaltet die "Arbeitsgemeinschaft für Heimat und Naturkunde in Westfalen-Lippe" (Bielefeld)?

Die "Arbeitsgemeinschaft für Heimat- und Naturkunde in Westfalen-Lippe" ist kein Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen, sodass zu dieser Organisation keine weitergehenden Angaben gemacht werden können.

Frage 3

Welche Veranstaltungen haben der "Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V." und der "Arbeitskreis für Lebenskunde e.V." seit 2010 in NRW durchgeführt? Bitte aufschlüsseln nach Datum, Ort und ggf. Teilnehmerzahl.

Der "Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V." (BfG) ist eine rechtsextremistische Organisation mit Vereinssitz in Bayern und mit Vereinsobjekten in anderen Bundesländern außerhalb von Nordrhein-Westfalen. Hier liegt auch der Schwerpunkt der Aktivitäten der Gruppierung. Durch den BfG organisierte Veranstaltungen in Nordrhein-Westfalen sind der Landesregierung nicht bekannt.

Der "Arbeitskreis für Lebenskunde e.V." ist zwar beim Amtsgericht Essen als Verein eingetragen, hat seinen Sitz aber in Schleswig-Holstein. Der Verein beruft sich auf die religiös-völkische Ideologie der Mathilde Ludendorff. Veranstaltungen der Organisation in Nordrhein-Westfalen sind der Landesregierung nicht bekannt.

Frage 4

Wie bewertet die Landesregierung die völkisch-rechtsextremistische Szene in OWL im Vergleich zu anderen Regionen im Land?

Im Vergleich zu anderen Regionen in Nordrhein-Westfalen zeichnet sich die völkisch-rechtsextremistische Szene in Ostwestfalen-Lippe durch eine relativ starke örtliche Präsenz aus. Insbesondere ehemalige Mitglieder des 2008 durch den Bundesminister des Innern verbotenen Vereins "Collegium Humanum" sind ohne feste Strukturen immer wieder in der Region aktiv. Vor allem am Rande von Prozessen gegen bekannte Holocaust-Leugner finden diese Zusammentreffen auch öffentlich statt.

Mit freundlichen Grüßen

Herbert Reul

_______________________________________________


Mindener Tageblatt, 18.01.2018:

Kleine Anfrage zur Ahnenstätte

Bielefelder SPD-Landtagsabgeordnete verlangt Informationen über rechtsradikale Szene

Von Stefan Koch

Petershagen-Seelenfeld (mt). Die Ahnenstätte Seelenfeld beschäftigt demnächst auch den Landtag in Düsseldorf. So hat die Bielefelder SPD-Landtagsabgeordnete Christina Kampmann vor einigen Tagen eine Kleine Anfrage zur Bedeutung des nicht-christlichen Friedhofs für die rechtsextreme Szene in Ostwestfalen-Lippe gestellt. Die Landesregierung soll unter anderem die Frage beantworten, ob Kontakte der Ahnenstätte beziehungsweise ihres Trägervereins zu rechtsextremistischen Organisationen bekannt sind.

Kampmann bezieht sich in ihrer Anfrage auf die Medienberichterstattung, nachdem im Juni vergangenen Jahres Rechtsextremisten an einer Veranstaltung des Trägervereins in Seelenfeld teilgenommen hatten (das MT berichtete). "Vor allem Verbindungen zu den rechtsextremen Ludendorffern, Anhängern der völkischen Ideologen Mathilde und Erich Ludendorffs, wurden in Seelenfeld offensichtlich", schreibt Kampmann. "Die Ahnenstätte wurde 1929 von Ludendorff-Anhängern gegründet und auch die heutigen Betreiber sollen dieser Ideologie nahestehen."

Wie die Bielefelder Landtagsabgeordnete weiterhin feststellt, beschränkten sich die Aktivitäten der völkischen Rechtsextremisten nicht auf Petershagen-Seelenfeld allein. Regelmäßig habe der rechtsextreme "Bund für Gotterkenntnis" der Ludendorff-Sekte mit Sitz in Tutzing (Bayern) in der Vergangenheit zu Veranstaltungen in Ostwestfalen-Lippe eingeladen. Das Netzwerk der völkischen Rechtsextremisten in Ostwestfalen-Lippe umfasse auch die "Arbeitsgemeinschaft für Heimat- und Naturkunde in Westfalen-Lippe" mit Sitz in Bielefeld. Heute agiere diese "Arbeitsgemeinschaft" offenkundig ausschließlich im Hintergrund. Auch die Aktivitäten der Ludendorffer sowie Heimat- und Naturkundler sind Gegenstand der Kleinen Anfrage.

Jahrelang war die Ahnenstätte Seelenfeld als touristisches Kuriosum der Region von der Stadt Petershagen beworben worden, obwohl der Ort auch schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein Treffpunkt für Ludendorff-Anhänger auch zu Kundgebungen war. Im Sommer 2017 hatte dann der Hamburger Publizist Julian Feldmann in mehrere Medienbeiträgen über aktuelle rechtsradikale Tendenzen in Verbindung mit dem neuheidnischen Friedhof berichtet. Zuletzt musste auch die Stadt ihre Bewertung des Friedhofs revidieren.

So will Petershagen nun einen zweistufigen Aufklärungsprozess angehen und die Entstehungsgeschichte des Friedhofs und die damalige Bedeutung erarbeiten. Anschließen soll die öffentliche Präsentation der Ergebnisse besprochen werden.

Bislang gab es am Eingang der Ahnenstätte nur eine Hinweistafel. Dabei wurde der Ursprung des Friedhofs in der völkisch-esoterischen Szene, die sich vor rund 100 Jahren um das Ehepaar Mathilde und Erich Ludendorff gebildet hatte, verschwiegen.

Bildunterschrift: Der Adler als Symbol der Ludendorff-Bewegung ist auf einigen Grabsteinen in Seelenfeld präsent.


Copyright: Texte und Fotos aus dem Mindener Tageblatt sind urheberrechtlich geschützt. Weiterverwendung nur mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion.

_______________________________________________


Landtag Nordrhein-Westfalen - 17. Wahlperiode, 11.01.2018:

Kleine Anfrage 704 der Abgeordneten Christina Kampmann, SPD

Drucksache 17/1706

Datum des Originals: 09.01.2018

Völkisch-rechtsextremes Netzwerk in Ostwestfalen-Lippe

Nachdem im Juni an einer Veranstaltung eines völkischen Vereins in Petershagen-Seelenfeld (Kreis Minden-Lübbecke) Rechtsextremisten auch aus anderen Bundesländern teilgenommen hatten, haben Medien das Thema "völkischer Rechtsextremismus" in Ostwestfalen-Lippe aufgegriffen. Der Trägerverein der "Ahnenstätte Seelenfeld", eines heidnischen Friedhofs, hatte am 11.06.2017 zu einer Vortragsveranstaltung mit anschließender "Ahnenstätten"-Besichtigung geladen. Daran nahmen laut dem Informationsdienst "Blick nach Rechts" (16.06.2017) auch Rechtsextremisten teil, zum Beispiel Herr S., der dem rechtsextremistischen Verein "Gedächtnisstätte e.V." mit Sitz in Vlotho (Kreis Herford) vorsteht. In der Vergangenheit fanden immer wie-der Treffen mit dreistelligen Teilnehmerzahlen in Seelenfeld statt, daran nahmen 2010 zum Beispiel mehrere Führungspersonen des später verbotenen "Nationalen Widerstands Dortmund" teil.

Vor allem Verbindungen zu den rechtsextremen "Ludendorffern", Anhängern der völkischen Ideologen Mathilde und Erich Ludendorff, wurden in Seelenfeld offensichtlich. Die "Ahnenstätte" wurde 1929 von Ludendorff-Anhängern gegründet und auch die heutigen Betreiber sollen dieser Ideologie nahestehen.

Doch die Aktivitäten der völkischen Rechtsextremisten beschränken sich nicht auf Petershagen-Seelenfeld. Regelmäßig lud der rechtsextreme "Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff)" (Sitz: Tutzing / Bayern) in der Vergangenheit zu Veranstaltungen in Ostwestfalen-Lippe. Das Netzwerk der völkischen Rechtsextremisten in Ostwestfalen-Lippe umfasst auch die "Arbeitsgemeinschaft für Heimat- und Naturkunde in Westfalen-Lippe" mit Sitz in Bielefeld. Heute agiert diese "Arbeitsgemeinschaft" offenkundig ausschließlich im Hintergrund.

Vor diesem Hintergrund frage ich die Landesregierung:

1. Welche Kontakte der "Ahnenstätte Seelenfeld" beziehungsweise ihres Trägervereins zu rechtsextremistischen Organisationen sind der Landesregierung bekannt?

2. Welche Aktivitäten entfaltet die "Arbeitsgemeinschaft für Heimat- und Naturkunde in Westfalen-Lippe" (Bielefeld)?

3. Welche Veranstaltungen haben der "Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V." und der "Arbeitskreis für Lebenskunde e.V." seit 2010 in NRW durchgeführt? Bitte aufschlüsseln nach Datum, Ort und gegebenenfalls Teilnehmerzahl.

4. Wie bewertet die Landesregierung die völkisch-rechtsextremistische Szene in OWL im Vergleich zu anderen Regionen im Land?

Christina Kampmann

_______________________________________________


Mindener Tageblatt, 03.01.2018:

Historiker soll helfen

Ahnenstätte Seelenfeld

Petershagen-Seelenfeld (plö). Die Stadt ist an der Aufarbeitung von Vergangenheit und Gegenwart der Ahnenstätte Seelenfeld interessiert und distanziert sich ausdrücklich von rechtsextremen Tendenzen. Das macht Evelyn Hotze aus der Stabsstelle für Tourismus gegenüber Hans-Ulrich Graef deutlich. Graef hatte in einem offenen Schreiben Bezug auf einen Beitrag der Hildesheimer Zeitung genommen, in dem es um den "Missbrauch von Begräbnisstätten" geht.

Graef wörtlich: "Ich wünsche mir, dass die Stadt Petershagen und die Parteien im Rat, aber vor allem auch der SPD-Kreisverband Minden-Lübbecke ebenfalls zur öffentlichen Auseinandersetzung über den politischen Missbrauch der Ahnenstätte durch rechtsnationale Gruppen und Alt-Nazis aufrufen würde, damit eine transparente öffentliche Aufarbeitung der Historie in Gang gesetzt wird." Das Umschreiben der Historie und Hinweistafeln reichen nach Graefs Auffassung nicht aus.

Im laufenden Prozess, so Evelyn Hotze, gehe es neben der geschichtlichen Einordnung wesentlich um die Einordnung des Trägervereins und seiner Ausrichtung. Und: "Zum aktuellen Prozesstand kann ich Ihnen mitteilen, dass derzeit noch verschiedene Rückmeldungen von übergeordneten Behörden hinsichtlich der Einschätzung des Trägervereins ausstehen." Weiterhin werde die Beauftragung eines Historikers erfolgen, der die geschichtliche Einordnung vornehmen soll. Weiter verweist Evelyn Hotze auf die Internetseite der Stadt Petershagen, auf der die aktuellen Informationen zur Ahnenstätte veröffentlicht werden.

Das Thema Ahnenstätte Seelenfeld war im Vorjahr durch Berichterstattungen über Treffen so genannter "völkischer Gruppen" in den Fokus geraten. Die Stadt plant, so Hotze, eine informative und reflektierte Broschüre.


Copyright: Texte und Fotos aus dem Mindener Tageblatt sind urheberrechtlich geschützt. Weiterverwendung nur mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion.

_______________________________________________


Mindener Tageblatt, 21.11.2017:

Stadt nimmt Ahnenstätte ins Visier

Die Geschichte des Friedhofs wird professionell aufgearbeitet / Außerdem sollen die Informationstafeln erneuert werden

Von Oliver Plöger

Petershagen (mt). Wenn es um die Ahnenstätte Seelenfeld geht, will die Stadt mit einem "zweistufigen Prozess" in die Aufklärungsarbeit gehen. Das macht Evelyn Hotze aus der Stabstelle für Wirtschaftsförderung und Tourismus deutlich. In einer ersten Phase soll die Entstehungsgeschichte des Friedhofs und ihre damalige Bedeutung samt Ausrichtung erarbeitet werden. Sobald diese Phase abgeschlossen ist, werde über die Veröffentlichung und Darstellung gesprochen.

Grund für die Geschäftigkeit im Petershäger Rathaus ist nicht zuletzt die kritische Berichterstattung, nach der das "Interesse an der Ahnenstätte gestiegen ist", wie Evelyn Hotze sagt. Die Stadt Petershagen werde die nächste Zeit nutzen, um sich ein umfassendes Bild zu machen. So hatte es auch Bürgermeister Dieter Blume im TV-Interview deutlich gemacht - nicht ohne den Hinweis allerdings, dass sich die Stadt selbst überrascht zeige, was die Vorwürfe gegen den Ahnenstätten-Verein betreffe. Auch Ortsheimatpfleger Friedrich Dralle habe hier keine Neonazis gesehen, wie er selbst nach den Berichten sagte.

Derzeit würden laut Evelyn Hotze Informationen aus verschiedenen unabhängigen Quellen zusammengetragen, darunter Fachbeiträge, Tagungsbände, Bücher zum Thema. Neben dem städtischen Archiv erhoffe sich die Stadt Informationen aus dem Klosterarchiv Loccum, dem Mindener Geschichtsverein, dem Kommunalarchiv Minden, aber auch der Mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus. Letztere bietet nach eigener Darstellung allen Organisationen, Institutionen, Gruppen und Einzelpersonen Hilfe an, die vor Ort akute Probleme mit extrem rechten oder rassistischen Vorkommnissen haben. Hier sei bereits die Bereitschaft zur Mitarbeit signalisiert worden, wie Evelyn Hotze im Ausschuss für Wirtschaftsförderung und Tourismus sagte. Weiter sei deutlich geworden, dass auch der Ahnenstättenverein Niedersachsen seine Öffentlichkeitsarbeit intensivieren müsse, um Transparenz zu schaffen. Dass es diese Probleme möglicherweise in Seelenfeld geben könnte, wurde nicht zuletzt durch den Vortrag des Kieler Soziologen und Journalisten Julian Feldmann deutlich, der im September im Alten Amtsgericht über "Die "Ahnenstätte" Petershagen-Seelenfeld und den rechtsextremen "Bund für Gotterkenntnis"" sprach, Untertitel: "Ein politischer Ort unserer Region seit 1929 und seine heutige Bedeutung." Julian Feldmann geht nach seinen Recherchen davon aus, dass die Ahnenstätte Teil eines heute noch aktiven Verbundes rechts-esoterischer Kreise ist (MT berichtete).

Besonders wichtig ist der Stadt die Darstellung nach außen

Feldmann betonte, dass die mit 120 bis 150 Personen in Seelenfeld auftretenden "völkischen Sippen" keine gewaltbereiten Krawall-Nazis seien, sondern eher die stillen Vertreter der Szene darstellten. Auch Julian Feldmann, der ohnehin eine eigene Veröffentlichung zum Thema plant, habe seine Mitarbeit bei der weiteren Recherche-Arbeit der Stadt Petershagen zugesagt.

Besonders wichtig sei der Stadt die Darstellung nach außen, wie Evelyn Hotze betont. "Geplant ist eine informative, reflektierte Schrift, die jedem Interessierten eine eigenständige geschichtliche Einordnung des Friedhofs ermöglicht."

Auch die bestehenden Informationstafeln vor Ort sollen überarbeitet werden. Und Hotze: "Die entsprechende Begleitung durch eine Veröffentlichung im Internet versteht sich von selbst."

Bei der Veranstaltung im September musste die Stadt aus Zuschauerreihen Kritik am unkritischen Umgang mit der Geschichte einstecken. Zumindest da wird gegengesteuert, wie im jüngsten Ausschuss für Wirtschaftsförderung und Tourismus deutlich gemacht wurde. Evelyn Hotze: "Das Credo "Nur wer seine Geschichte kennt, kann Zukunft gestalten" gilt für alle Bereiche der Stadt Petershagen. Ein Verschweigen oder Tabuisieren wird an keiner Stelle betrieben." Gerade der offene Umgang mit geschichtsträchtigen Orten zeichne die Stadt aus. Um Verständnis bittet die Verwaltung aber, dass die Ergebnisse nicht "von heute auf morgen" vorliegen. Die Thematik sei komplex und solle in allen Facetten erfasst werden, hieß es im Ausschuss.

Fakt ist: Die Ahnenstätte Seelenfeld lässt sich zurückverfolgen bis zur völkisch-heidnischen Bewegung um das Ehepaar Mathilde und Erich Ludendorff, erklärte Antisemiten und Gegner der Weimarer Republik.

Bildunterschrift: Die Stadt will Aufklärungsarbeit leisten, was die Ahnenstätte Seelenfeld betrifft.

_______________________________________________


Mindener Tageblatt, 06.10.2017:

Ruheplatz für völkisch-nationale Heiden

Mathilde und Erich Ludendorff trugen maßgeblich zur Entstehung der Ahnenstätte bei

Petershagen-Seelenfeld (sk). Die Geschichte der Ahnenstätte Seelenfeld ist Teil der Entwicklung jener völkisch-heidnischen Bewegung, deren Urheber das Ehepaar Mathilde und Erich Ludendorff ist - beide waren Antisemiten und Gegner der Weimarer Republik. Ihrer Religionsgemeinschaft sollen heute noch ein paar 1.000 Menschen angehören. Verfassungsschutzbehörden stufen den eingetragenen Verein als rechtsextrem ein.

Erich Ludendorff, der bereits als General in den letzten Monaten des Kaiserreichs zur politischen Person aufstieg, versuchte nach dem Ersten Weltkrieg, seine Karriere als Politiker fortzusetzen. Er gilt als einer der Erfinder der Dolchstoßlegende und wurde zum Weggefährten Adolf Hitlers, mit dem er 1923 den erfolglosen Hitler-Ludendorff-Putsch unternahm. Später war Ludendorff an der Gründung der deutsch-völkischen Organisationen "Tannenbergbund" und "Deutschvolk" beteiligt.

Im Jahr 1933 wurde der Tannenbergbund verboten, da es zum Streit mit Hitler kam. Letzterer hatte aus taktischen Gründen an seiner Nähe zu den Kirchen festgehalten, was die heidnischen Ludendorffer verärgerte. Die ideologische Schnittmenge zwischen Nazis und Ludendorffern blieb aber weiterhin groß. Juden, Freimaurer, Kommunisten waren die Gegner. Als es 1937 zur Aussöhnung zwischen Ludendorff und Hitler kam, durfte der vorübergehend in Ungnade gefallene Mitmarschierer aus Putschisten-Tagen seinen "Bund für Deutsche Gotterkenntnis" ins Vereinsregister eintragen - das Nachfolgemodell zum Tannenbergbund war damit aus der Taufe gehoben.

Mathilde Ludendorff, eine ehemalige Nervenärztin, trat in der Weimarer Republik als Verfasserin völkisch-esoterischer Publikationen auf. Nachdem Deutschland erneut einen Weltkrieg verloren hatte, versuchte sie, ihre Sekte in die Bundesrepublik hinüber zu retten. 1951 gelang ihr die Wiederauflage unter der Bezeichnung "Bund für Gotterkenntnis". Ein darauf folgendes Verbot konnte die Organisation später durch juristische Interventionen abwenden. Ludendorffer haben auch heute Kontakt zu Ahnenstätten und nutzen sie als Friedhöfe. In Tutzing befindet sich das Zentrum des Vereins, wo sich die Villa der Eheleute und damit das Mekka der Ludendorffer befindet. Auch der Weltkriegsgeneral ruht in Tutzing unter seiner Bronze-Büste.

Aber nicht dort, sondern angeblich in Petershagen-Seelenfeld wollte der im Jahr 1937 Verstorbene begraben sein. Belegt ist, dass das Ehepaar Ludendorff 1930 die Ahnenstätte aufgesucht hatte. Zuvor brachte ein junger Ludendorff-Anhänger die völkisch-nationalen Gedanken noch unter der Ägide des Tannenbergbundes in das idyllische Seelenfeld mit, als er dort eine Stelle als Dorfschullehrer antrat. Daraus erwuchs ein Konflikt mit dem für den Ort zuständigen Pfarrer. Schließlich spaltete sich die mehr als 300 Seelen zählende Gemeinde in Christen auf der einen Seite und Tannenberger auf der anderen ab, die damals massenweise aus der Kirche austraten. Die Neuheiden sicherten sich 1929 eine Begräbnisstätte und betrieben sie in privatrechtlicher Trägerschaft. Bei dem Gelände handelte es sich ein archäologisch bedeutsames Hügelgräberfeld aus der Bronzezeit, das 1915 entdeckt worden war. Auch heute noch gibt es den Verein.

Bildunterschrift: Mathilde Ludendorff setzte das "Erbe" fort.

Bildunterschrift: Erich Ludendorff wollte angeblich in Seelenfeld begraben werden.

_______________________________________________


Mindener Tageblatt, 06.10.2017:

Ahnungslos zur Ahnenstätte

Auf Medienberichte über rechtsradikalen Zuspruch für den Seelenfelder Friedhof folgte eine Vortragsveranstaltung im Alten Amtsgericht Petershagen / Anwohner gaben sich überrascht, Kritiker forderten mehr Information

Von Stefan Koch

Petershagen-Seelenfeld (mt). Wie ein Unterstand aus dem Ersten Weltkrieg wirkt die Totenkammer. Über der Tür ist der Deutschvolk-Adler der Ludendorffer in Stein gemeißelt - so wie auf einer Handvoll jener Brocken, die die mehr als 100 Begräbnisstellen zieren. Nicht von Familien, sondern von "Sippen" ist auf den Inschriften die Rede. Und nur ein Teil der Toten scheint aus Seelenfeld zu stammen, wie die Angaben verraten, die auch zum akademischen Grad der Verblichenen nicht schweigen.

Über zwei unverschlossene Tore ist die Ahnenstätte Seelenfeld zu betreten, denn sie soll allen Besuchern offen stehen. Sie ist Teil des touristischen Angebotes der Stadt Petershagen und wird in Broschüren beworben. "Ihre Anlage löste in Deutschland eine Bewegung aus, die vom NS-Staat am 23.09.1933 abrupt durch Verbotsverfügung beendet wurde", behauptet die Hinweistafel des Betreibervereins am Eingang - und geht dann zur Heimatkunde über.

Dass sich Anhänger des braunen Spektrums von der Seelenfelder Ahnenstätte angezogen fühlen, berichtet dagegen der Journalist Julian Feldmann aus Kiel. Schon vor sieben Jahren beobachtete er, wie sich bei einer Feier des Freundeskreises Ahnenstätte Seelenfeld unter den 120 Besuchern Rechtsextremisten aus dem Ruhrgebiet und aus Süddeutschland tummelten. Zuletzt war im Juni Wolfgang Schiedewitz, der im thüringischen Guthmannshausen den Verein Gedächtnisstätte betreibt, dabei, als sich rund 80 Personen vor Ort einfanden. Nachdem der Journalist in mehreren Medien über das Seelenfelder Treiben berichtet hatte, strahlte auch der WDR einen Beitrag aus Petershagen aus. Seitdem läuft die öffentliche Diskussion (das MT berichtete).

"Die Ahnenstätte Petershagen-Seelenfeld und der rechtsextreme Bund für Gotterkenntnis" lautete in der vergangenen Woche der Titel eines Vortrags mit Feldmann im Alten Amtsgericht Petershagen. Auf Grund des hohen Publikumsinteresses waren die Stühle ausgegangen. Einladende waren der Mindener Geschichtsverein in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen, dem LWL-Industriemuseum Glashütte Gernheim und dem Verein "Minden - Für Demokratie und Vielfalt".

Feldmann, dessen thematischer Schwerpunkt auf dem völkisch-antisemitischen Teil der Gesellschaft liegt und der auch über die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel berichtet hatte, sieht in der Seelenfelder Ahnenstätte eine Anlage im Verbund von vier weiteren. Zwischen den Standorten gebe es enge personelle Beziehungen. Dem Trägerverein der Seelenfelder Ahnenstätte gehörten drei Personen an, so der Journalist, die bereits in der rechtsextremen Szene aufgefallen seien - zwei davon lebten im Petershäger Raum.

Feldmann machte deutlich, dass die mit 120 bis 150 Personen in Seelenfeld auftretenden "völkischen Sippen" keine gewaltbereiten Krawall-Nazis seien, sondern eher die stillen Vertreter der Szene darstellten. "Natürlich sind auch nicht alle Mitglieder des Ahnenstättenvereins in der rechten Szene engagiert - viele sind familiär in das Umfeld hineingeboren worden", erklärte Feldmann.

Wenig begeistert über seine Berichterstattung erwiesen sich bei der Vortragsveranstaltung anwesende Seelenfelder. Ortsheimatpfleger Friedrich Dralle monierte, dass im WDR-Beitrag zum Ahnenstätten-Treffen im Juni von Schäferhunden die Rede gewesen sei, die am Eingang angeleint waren. Als Zeuge habe er weder die Tiere noch Neonazis gesehen. Und von "dem Schiedewitz" habe er erst aus Medienberichten erfahren.

Ein Anderer bemerkte, dass seine Vorfahren auf dem Friedhof ruhten. Diese seien weder Antisemiten noch Nationalsozialisten gewesen. "Viele hatten damals bloß Zweifel am christlichen Glauben."

Und noch ein weiterer Seelenfelder erklärte, dass es Kontakte zwischen der Kulturgemeinschaft und den Betreibern der Ahnenstätten gegeben habe. "Da hat niemand etwas Rechtsradikales gesagt."

Kritische Stimmen rügten bei der Vortragsveranstaltung dagegen, dass die Stadt Petershagen schon vor drei Jahren über das völkisch-nationale Umfeld der Ahnenstädte informiert worden sei. Nichts sei geschehen. Und auch die jüngsten Reaktionen der Stadt auf die Medienberichte wurden als dürftig bewertet.

Das allerdings könnte sich ändern, denn Petershagen denkt darüber nach, die Informationen der Öffentlichkeit in Bezug auf die Ahnenstätte zu überarbeiten. Und Julian Feldmann will noch in diesem Jahr ein Buch über seine Recherchen zum völkischen Friedhofswesen in Seelenfeld veröffentlichen.

Bildunterschrift: Die Totenkammer liegt gleich am nordwestlichen Eingang der Ahnenstätte in Seelenfeld.

Bildunterschrift: Der Journalist Julian Feldmann beobachtet die Ahnenstätte. Hier bekam sie am 6. Juni 2010 Besuch aus völkischen Kreisen, darunter Dennis Giemsch von den Autonomen Nationalisten in Dortmund.

_______________________________________________


Mindener Tageblatt, 29.09.2017:

Ahnenstätte in der Kritik

170 Besucher kamen zum Vortrag von Julian Feldmann

Von Stefan Koch

Petershagen (mt). Die Ahnenstätte in Petershagen-Seelenfeld sei nicht nur ein Ort außerchristlicher Religiosität, sondern vor allem von politischer Bedeutung. Diese Feststellung traf der Journalist Julian Feldmann aus Kiel bei seinem Vortrag im Alten Amtsgericht Petershagen am Mittwochabend.

Seit mehreren Jahren verfolgt der Beobachter der rechten Szene das Geschehen in dem beschaulichen Ort. Dabei stellte der Soziologe fest, dass die Ahnenstätte Teil eines heute noch aktiven Verbundes rechts-esoterischer Kreise ist. Unter anderem hatte er den vom Verfassungsschutz beobachteten Rechtsextremisten Wolfram Schiedewitz in Seelenfeld angetroffen.

Rund 170 Zuhörer waren gekommen, um den Vortrag mit dem Titel "Die Ahnenstätte Petershagen-Seelenfeld und der rechtsextreme Bund für Gotterkenntnis" zu hören. Eingeladen hatte der Mindener Geschichtsverein in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen, dem LWL-Industriemuseum Glashütte Gernheim und dem Verein "Minden - Für Demokratie und Vielfalt".

In seinem Vortag widmete sich Feldmann der Entstehungsgeschichte der Ahnenstätte, die bis in die Zeit der Weimarer Republik zurückgeht sowie der Entwicklung der so genannten Ludendorff-Bewegung mit ihren Nachfolgeorganisationen bis in die heutige Zeit.

In der Diskussion kamen auch Einwohner von Seelenfeld zu Wort, die durch verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Friedhof in Privatträgerschaft verbunden sind. Dabei machten die Betroffenen deutlich, dass ihnen rechtsextremes Gedankengut weder in der Vergangenheit aufgefallen sei, noch dass sie derartigen Tendenzen nahestünden. Offen blieb, wie die Stadt Petershagen weiter mit der Ahnenstätte umgehen soll, die bislang als Teil des touristischen Angebotes beworben wurde. Einige Redner machten deutlich, dass der unkritische Umgang mit der aus einer bronzezeitlichen Begräbnisstätte hervorgegangen Anlage ein Ende habe müsse.

Ausführlicher Bericht folgt.

Bildunterschrift: Der Journalist Julian Feldmann.

_______________________________________________


- Mittwoch, 27. September 2017 um 19.00 Uhr -


Vortrag von Julian Feldmann, Kiel: Die "Ahnenstätte" Petershagen-Seelenfeld und der rechtsextreme "Bund für Gotterkenntnis"

- Ein politischer Ort unserer Region seit 1929 und seine heutige Bedeutung


Veranstaltungsort:

Altes Amtsgericht
Mindener Straße 16
32469 Petershagen


Die Gründung der "Ahnenstätte" Petershagen-Seelenfeld reicht in die Weimarer Republik zurück. Ihre Wurzeln hat sie bis heute in der Bewegung der so genannten "Ludendorffer".

Angesichts dieses völkischen Hintergrunds und aktueller Berichterstattung in den Medien bedarf es einer erneuten historischen wie politischen Einordnung. Die Veranstalter wollen deshalb einen Anstoß zur historischen Aufklärung leisten und laden dazu die interessierte Öffentlichkeit zu einem Vortrag mit anschließendem Gespräch mit dem Journalisten Julian Feldmann ein. Feldmann berichtete bereits vielfach über dieses Thema in verschiedenen Medien und bereitet zur Zeit eine eigene Publikation dazu vor. Er wird aus seiner journalistischen und publizistischen Recherche und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema berichten.

Vor knapp 90 Jahren wurde die "Ahnenstätte" Seelenfeld gegründet, die sich an vorgeblich germanischen Begräbnisstätten orientierte. Sie wurde zur Gründungszeit durch den explizit völkisch-antisemitischen Geist ihrer Gründer getragen. Heute wird sie durch einen Verein betrieben; das Gräberfeld ist vergrößert worden. Wie die "Ahnenstätte" in Seelenfeld entstand und was sich heute dahinter verbirgt, soll in der Veranstaltung geklärt werden.


Der Journalist Julian Feldmann arbeitet für öffentlich-rechtliche Fernsehsender vor allem zum Themenbereich Rechtsextremismus. Er ist Autor der Jüdischen Allgemeinen und für "bnr", den "Blick nach Rechts". Mit den Ludendorffern - auch in Ostwestfalen-Lippe - befasst er sich seit sieben Jahren.


Veranstalterinnen: Mindener Geschichtsverein in Kooperation mit der AG Alte Synagoge Petershagen, dem LWL-Industriemuseum Glashütte Gernheim und dem Verein "Minden - Für Demokratie und Vielfalt e.V.".

_______________________________________________


Mindener Tageblatt , 27.09.2017 :

Historische Einordnung

Vortrag über die Ahnenstätte in Seelenfeld

Petershagen-Seelenfeld (mt/hy). Der Mindener Geschichtsverein lädt in Kooperation mit der AG Alte Synagoge Petershagen, dem LWL-Industriemuseum Glashütte Gernheim und dem Verein "Minden - Für Demokratie und Vielfalt" heute, 27. September, zu einem Vortrag mit anschließendem Gespräch ein.

Der Journalist Julian Feldmann aus Kiel referiert über das Thema "Die "Ahnenstätte" Petershagen-Seelenfeld und der rechtsextreme "Bund für Gotterkenntnis". Ein politischer Ort unserer Region seit 1929 und seine heutige Bedeutung." Beginn ist um 19 Uhr im Alten Amtsgericht Petershagen. Der Eintritt ist frei.

Die Gründung der "Ahnenstätte" reicht in die Weimarer Republik zurück. Ihre Wurzeln hat sie bis heute in der Bewegung der so genannten "Ludendorffer". Angesichts dieses völkischen Hintergrunds und aktueller Berichterstattung in den Medien bedarf es einer erneuten historischen wie politischen Einordnung.

Die Veranstalter wollen deshalb einen Anstoß zur historischen Aufklärung leisten. Julian Feldmann berichtete bereits vielfach über dieses Thema und bereitet zur Zeit eine eigene Publikation dazu vor. Er wird aus seiner journalistischen und publizistischen Recherche und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema berichten. Feldmann arbeitet für öffentlich-rechtliche Fernsehsender vor allem zu Rechtsextremismus.

Bildunterschrift: Die Ahnenstätte in Seelenfeld.

_______________________________________________


Mindener Tageblatt, 07.09.2017:

"Ahnenstätte" neu einordnen

In einem Vortrag im Alten Amtsgericht wird der Kieler Journalist Julian Feldmann über "einen politischen Ort unserer Region" und dessen heutige Bedeutung referieren

Von Oliver Plöger

Petershagen-Seelenfeld (mt). Für eine historische und politische Einordnung der "Ahnenstätte Seelenfeld" plädiert der Mindener Geschichtsverein in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen, dem LWL-Industriemuseum Glashütte Gernheim und dem Verein "Minden - Für Demokratie und Vielfalt". Dazu Sven Panthöfer vom Mindener Geschichtsverein: "Vor knapp 90 Jahren wurde die "Ahnenstätte" Seelenfeld gegründet, die sich an vorgeblich germanischen Begräbnisstätten orientierte. Sie wurde zur Gründungszeit durch den explizit völkisch-antisemitischen Geist ihrer Gründer getragen. Heute wird sie durch einen Verein betrieben; das Gräberfeld ist vergrößert worden." Wie diese "Ahnenstätte" in Seelenfeld entstand und was sich heute dahinter verbirgt, soll in einer Veranstaltung geklärt werden, die am Mittwoch, 27. September, ab 19 Uhr im Alten Amtsgericht Petershagen stattfindet. Eingeladen wurde dazu der Journalist Julian Feldmann, der unter anderem für "Spiegel Online" über die Verfahren gegen die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel berichtet hat. Über den Petershäger Friedhof plant Feldmann aktuell eine eigene Publikation.

Zuletzt war das mediale Interesse an dem Gräberfeld in Seelenfeld wieder größer geworden, nachdem ein Treffen stattgefunden hatte, bei dem auch bekannte Rechtsextremisten anwesend gewesen sein sollen. Auch der Westdeutsche Rundfunk hatte über die Zusammenkunft berichtet. Die Stadt Petershagen hatte in der Folge dem Eindruck widersprochen, dass die Grabanlage eine Begräbnisstätte für Völkische sei und dass sich Petershagen zum Treffpunkt der rechten Szene entwickelt habe. Auch Friedrich Dralle, Ortsheimatpfleger in Seelenfeld, habe keine rechtsextreme Propaganda feststellen können, die Gäste hätten die Ahnenstätte seinen Beobachtungen zufolge instandgesetzt.

Anders der Kieler Journalist Julian Feldmann, der den Vortrag am 27. September halten wird. Sein Thema: "Die "Ahnenstätte" Petershagen-Seelenfeld und der rechtsextreme "Bund für Gotterkenntnis". Ein politischer Ort unserer Region seit 1929 und seine heutige Bedeutung."

An besagtem Wochenende hätten sich 80 Personen zu einer internen Veranstaltung der Ahnenstätte getroffen. Vorab habe es einen Vortrag über die Archäologie des Bestattungswesens von der Steinzeit bis zur Neuzeit gegeben. Nach Feldmanns Worten soll auch Wolfgang Schiedewitz aus Seevetal vor Ort gewesen sein, der im thüringischen Guthmannshausen den Verein "Gedächtnisstätte" betreibt.

Zu den Gründerinnen dieses Vereins gehörte die mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilte Vlothoerin Ursula Haverbeck-Wetzel, die in ihrer Heimatstadt auch das 2008 verbotene rechtsextreme Schulungszentrum "Collegium Humanum" betrieben hatte. In Vlotho saß zunächst auch der Verein "Gedächtnisstätte", bevor er 2011 nach Thüringen umzog.

Ein Hügelgräberfeld von überregionaler Bedeutung

Auf diese Zusammenhänge weist vor Ort das Schild "Dorfspaziergang Seelenfeld" nicht hin. Aber darauf, dass die Anlage auf einem kulturhistorisch bedeutsamen Gelände errichtet wurde: "Als im Kriegsjahr 1915 zur ackerbaulichen Umnutzung die geometrischen Parzellierungen erfolgten, entdeckte man auf diesem west-östlichen Höhenzug das Bronzezeitliche Hügelgräberfeld von überregionaler Bedeutung." So hätten unsere Vorfahren schon von dreieinhalb Jahrtausenden am "Sole Velde", also in Seelenfeld gelebt. Der Begräbnisplatz sei 1929/30 vom Landschaftsgärtner Rudolf Bergfeld gestaltet worden, Schirmherr war Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff.

Bildunterschrift: Die Anlage in Seelenfeld ist in den vergangenen Monaten verstärkt in den Blick der Medien geraten. Julian Feldmann will in Petershagen über die Hintergründe aufklären.

_______________________________________________


Mindener Tageblatt, 08./09.07.2017:

Friedhofsruhe gestört

Eine Veranstaltung auf der Ahnenstätte Seelenfeld mit Besuch aus der rechten Szene wirft Fragen auf / Nun will die Stadt Petershagen für mehr Transparenz und Information sorgen

Von Stefan Koch

Petershagen-Seelenfeld (mt). Um die Ruhestätte für Anhänger völkisch-esoterischen Gedankenguts in Seelenfeld ist es vor einigen Tagen lauter geworden. Als sich vor drei Wochen dort ein größerer Kreis zusammenfand, wurden auch bekannte Rechtsextremisten gesichtet. Nachdem der Hamburger Journalist Julian Feldmann über das Treffen auf der Internetplattform "Blick nach Rechts" berichtete, kam der WDR zu einem Drehtermin bei der Stadt Petershagen vorbei. Denn die Stadt hat die Ahnenstätte Seelenfeld in ihr touristisches Angebot eingebaut und informiert darüber in einer Broschüre. Die muss nun überarbeitet werden.

1929 wurde die Ahnenstätte unter Schirmherrschaft des Weltkriegsgenerals Erich Ludendorff von Anhängern des Tannenbergbundes in Seelenfeld begründet. Ludendorff und vor allem dessen Frau Mathilde gelten als Stifter der völkischen Religion, die auch heute noch als "Bund für Gotterkenntnis" firmiert.

Wie Feldmann berichtete, waren am 12. Juni mehr als 80 Personen nach Seelenfeld gekommen. Nicht nur aus Ostwestfalen-Lippe, dem angrenzenden Niedersachsen, sondern auch aus Düsseldorf, Münster, Braunschweig, Bremen, Hamburg, Northeim, der Lüneburger Heide und Schleswig-Holstein seien die Besucher angereist - darunter auch Wolfram Schiedewitz aus dem Kreis Harburg. Er werde vom Verfassungsschutz als einer der Funktionäre der rechten Szene beobachtet. "Nicht alle Teilnehmer und Angehörige der Ahnenstätte Seelenfeld stammen aus dem völkischen Milieu, doch viele kommen aus Familien, die tief verstrickt sind in die rechte Szene", so der Journalist.

Friedrich Dralle, Ortsheimatpfleger in Seelenfeld, sieht den jüngsten Friedhofsbesuch gelassen. Nach seinen Beobachtungen hätten die Gäste die Ahnenstätte instandgesetzt. Von rechtsextremer Propaganda sei nichts festzustellen gewesen. "Bis heute besteht ein harmonisches Verhältnis zwischen der Dorfgemeinschaft und dem Friedhofsverein", meint Dralle, der selbst in seiner Eigenschaft als Fremdenführer Touristen mit vorbereitetem Text zur Ahnenstätte begleitet. "Es handelt sich schließlich um eine einzigartige Begräbnisanlage."

Findlinge statt Grabkreuz, Runen und Deutschvolk-Adler der Ludendorffer im Ambiente der Heidelandschaft machen den Charakter der Ahnenstätte aus. Um sie kümmert sich Udo David mit einem Betreiberverein. Der ehemalige Realschullehrer ist nicht nur im gesellschaftlichen Leben Petershagens vernetzt, sondern soll laut der Recherchen Feldmanns auch an Veranstaltungen des Bundes für Gotterkenntnis teilgenommen haben und dem Verein Ludendorff-Gedenkstätte angehören, der den ehemaligen Sitz des Ludendorff-Ehepaares als religiöses Zentrum betreibt. David selbst war auf MT-Anfrage nicht zu erreichen.

Die Stadt Petershagen sieht keine Verbindung zur rechten Szene

"Auf Grund der jüngsten Beiträge im Internet sowie der erfolgten Berichterstattung im WDR und NDR ist das mediale Interesse an der Anlage gestiegen", teilt Evelyn Hotze, Leiterin der Stabsstelle für Wirtschaftsförderung und Tourismus bei der Stadt Petershagen mit. Die Stadt widerspreche dabei ausdrücklich dem Eindruck, dass die Grabanlage eine Begräbnisstätte für Völkische sei und dass sich Petershagen zum Treffpunkt der rechten Szene entwickelt habe. "Ganz im Gegenteil: Seitens der Stadt Petershagen werden beispielsweise seit Jahren gemeinsam mit Schulklassen Gedenkfeierlichkeiten für das Arbeitserziehungslager Lahde abgehalten, um die Erinnerung wachzuhalten. Gleiches gilt für die Arbeiten des Vereins der Alten Synagoge Petershagen. In diesem Zusammenhang seien auch die Stolpersteine in Petershagen erwähnt, die ebenfalls gegen das Vergessen wirken sollen", teilt Hotze in einer Pressemitteilung mit.

Laut Hotze wurde allerdings nach einem Gespräch der Stadt mit dem Ahnenstättenverein und der Ortschaft Seelenfeld deutlich, dass der Verein Ahnenstätte Seelenfeld seine Öffentlichkeitsarbeit intensivieren müsse, um Transparenz zu schaffen und sich vom Rechtsextremismus zu distanzieren. In diesem Zuge werde auch die städtische Publikation überarbeitet und mit weitergehenden Informationen versehen, die eine umfassendere geschichtliche Einordnung ermöglichten. Zudem sei eine neue Publikation speziell für die Ahnenstätte Seelenfeld angedacht, was wegen der Komplexität der Thematik nicht kurzfristig geschehen könne. "Im Ergebnis soll eine informative, reflektierte Schrift vorliegen."

Bildunterschrift: Als eine einzigartige Begräbnisstätte bewerten der Ortsheimatpfleger und die Stadt Petershagen die Ahnenstätte Seelenfeld. Im touristischen Angebot hat die von einem privaten Verein betriebene Anlage einen festen Stellenwert.

Bildunterschrift: Der Deutschvolk-Adler der Ludendorffer ist auf dem Friedhof als Emblem verbreitet.

_______________________________________________


WDR-Nachrichten aus Westfalen-Lippe, 05.07.2017:

Rechte Szene trifft sich regelmäßig in Petershagen

05.07.2017 - 10.44 Uhr

Privatfriedhof Treffpunkt der rechten Szene

Stadt äußert Überraschung

Geschichte des Friedhofs soll aufgearbeitet werden

Im Petershagener Ortsteil Seelenfeld gibt es seit der Zeit der Weimarer Republik einen Privatfriedhof, auf dem auch Anhänger einer antisemitisch-rassistischen Bewegung begraben werden. Die so genannte "Ahnenstätte Seelenfeld" wurde von Menschen geschaffen, die sich den völkischen Theorien des Ehepaares Mathilde und Erich Ludendorff verbunden fühlen.

Ein Verein kümmert sich heute um den runenübersäten Friedhof. Einige der Vereinsmitglieder haben nach WDR-Recherchen enge Verbindungen in die völkische Szene.

Stadt zeigt sich überrascht

Obwohl die rechten Hintergründe anderer "Ahnenstätten" bereits lange bekannt sind, zeigte sich die Stadt Petershagen überrascht über die Vorwürfe gegen den Verein. Der Bürgermeister sagte, er wolle jetzt die Geschichte der Ahnenstätte aufarbeiten lassen.

Sendehinweis: Lokalzeit OWL - Heute, 19.30 bis 20.00 Uhr.

_______________________________________________


Blick nach Rechts, 16.06.2017:

Begräbnisstätte für Völkische

Von Julian Feldmann

Auf einer "Ahnenstätte" im ostwestfälischen Seelenfeld (Kreis Minden-Lübbecke) werden seit der Weimarer Zeit vor allem völkische Ludendorff-Anhänger beigesetzt - zu einem "Ahnenstätten"-Treffen kamen auch bekannte Rechtsextremisten.

Hier auf dem neuheidnischen Friedhof im Tannenberger Grund, in idyllischer Heidelandschaft außerhalb des Ortes, wollte einst schon Erich Ludendorff begraben werden. Das war dem Erste-Weltkriegs-General nicht vergönnt, nach seinem Tod 1937 bekam er ein von Adolf Hitler angeordnetes Staatsbegräbnis im oberbayerischen Tutzing. Bereits 1930 war die "Ahnenstätte Seelenfeld" von Anhängern des völkisch-antisemitischen Tannenbergbundes (Schirmherr: Ludendorff) auf einem germanischen Hügelgräberfeld ins Leben gerufen worden. Erich Ludendorff und seine Frau Mathilde hatten Seelenfeld während der Weimarer Republik auch selbst besucht. In dem Ort war ein großer Teil der Bevölkerung aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Eine Tannenbergbund-Publikation schwärmte 1932: "Dieses herrliche Fleckchen deutscher Erde hat die Deutschvolkgemeinde Seelenfeld als Begräbnisstätte für ihre Toten bestimmt."

Auf der "Ahnenstätte" selbst dominiert völkische Symbolik. Keine christlichen Zeichen, keine Kreuze. Der "Deutschvolk-Adler", bis heute Zeichen der "Ludendorffer", ist nicht nur auf Grabsteinen zu sehen, sondern auch in Sandstein gemeißelt über dem Eingang zum Geräteschuppen. Der Verein "Deutschvolk" war der Vorläufer des "Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)", der bis heute die völkische Ideologie Mathilde Ludendorffs verbreitet. Auf vielen Grabsteinen sind die Geburts- und Sterbedaten mit Runen gekennzeichnet. Einige "Ludendorffer" haben bereits ihren Grabstein, obgleich sie noch unter den Lebenden weilen. Der Friedhof, auf dem zahlreiche große Findlinge liegen, wird seit 2008 erweitert - offenbar gibt es eine große Nachfrage.

Deutsche Schäferhunde vor dem Tor

Vor dem Eingangstor zur "Ahnenstätte" wachen am vergangenen Sonntag zwei Deutsche Schäferhunde. Mehr als 80 Personen besichtigen die Begräbnisstätte an diesem Tag, sie kamen zu einer internen Veranstaltung der "Ahnenstätte". Die Hunde gehören zu einem umtriebigen Rechtsextremisten aus Niedersachsen: Wolfram Schiedewitz aus Seevetal (Kreis Harburg) wird vom Verfassungsschutz als einer der Funktionäre der Szene beobachtet, denn er führt den rechtsextremen "Verein Gedächtnisstätte" an, der im thüringischen Guthmannshausen (Kreis Sömmerda) ein Zentrum für Geschichtsrevisionisten betreibt. "Schiedewitz sieht Deutschland im "Krieg", dessen Ziel die "Umzüchtung der Deutschen" und der Zerstörung des "deutschen Nationalismus" sei", schreibt der niedersächsische Verfassungsschutz. "Unter dem Deckmantel des Gedenkens an die deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs" agitiere der Schiedewitz‘ Vereinigung "gegen den demokratischen Verfassungsstaat".

Im 300-Seelen-Dorf Seelenfeld bei Petershagen, im äußersten Nordosten Nordrhein-Westfalens, versammelten sich am vergangenen Wochenende Völkische aus ganz Nord- und Westdeutschland. Vor allem aus Ostwestfalen-Lippe und den angrenzenden niedersächsischen Landkreisen reisten die Teilnehmer an. Aber auch aus Düsseldorf, Münster, Braunschweig, Bremen, Hamburg, Northeim, der Lüneburger Heide und Schleswig-Holstein kamen teilweise ganze Familien. Jung bis Alt trafen sich am Vormittag im Seelenfelder Gasthaus Strahs. Dort lauschten sie einem Vortrag über die Archäologie des Bestattungswesens von der Steinzeit bis zur Neuzeit. Dann ging es auf die "Ahnenstätte".

"Ahnenstätten"-Verein eng mit der völkischen Szene verbunden

Als Organisator vor Ort trat Udo David auf, ein ehemaliger Realschullehrer. David ist Mitglied im Verein "Ludendorff-Gedenkstätte", der sich um das ehemalige Landhaus des Ehepaars Ludendorff in Tutzing am Starnberger See in Oberbayern kümmert. Die "Villa Ludendorff" dient den Ludendorff-Anhängern bis heute als eine Art Schrein. Bilder zeigen David auch als Teilnehmer von Veranstaltungen des rechtsextremen "Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)", er sitzt im Vorstand des Betreibervereins der "Ahnenstätte Seelenfeld". Der "Ahnenstätten"-Verein ist eng mit der völkischen Szene in Ostwestfalen-Lippe verbunden, mehrere ehemalige Vorstandsmitglieder waren auch in rechten Vereinigungen wie dem "Bund Deutsche Heimat" aktiv.

Nicht alle Teilnehmer und Angehörigen der "Ahnenstätte Seelenfeld" stammen aus dem völkischen Milieu, doch viele kommen aus Familien, die tief verstrickt sind in die rechte Szene. Auch Anhänger des "Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)" sind dabei. Bei einer ähnlichen Versammlung 2008 trat als Referent Nordfried Preisinger aus Schleswig-Holstein auf. Der "Ludendorffer" setzt sich seit Jahren für die Jugenderziehung im Sinne Mathilde Ludendorffs ein.

Großen Andrang gibt es alle paar Jahre in Seelenfeld, so auch im Sommer 2010. Zu einem Vortrag mit dem Titel "Hermann der Cherusker und Erich Ludendorff - zwei deutsche Feldherren, die Weltgeschichte gestaltet haben" und einem gemeinsamen Mittagessen trafen sich damals mehr als 120 Personen im örtlichen Gasthaus.

"Autonome Nationalisten" in der "Ahnenstätte"

Zu der "geschlossenen Veranstaltung" hatte Helge Ohlsen eingeladen, der als Ansprechpartner der Deutschen Hochschulgilde "Gorch Fock zu Hamburg" fungierte und Leserbriefe in der rechten "Jungen Freiheit" schrieb. Ein Aufsatz von Ohlsen erschien 2009 in der rechtsextremen Zeitschrift "Mensch und Maß". Heute ist Ohlsen Vorsitzender des "Ahnenstätten"-Vereins.

Neben Familienverbänden aus ganz Deutschland fanden 2010 auch Neonazis aus dem Ruhrgebiet den Weg nach Seelenfeld. Eine Gruppe "Autonomer Nationalisten" um Dennis Giemsch, Michael Brück, Christoph Drewer und Alexander Deptolla. Die Aktivisten des als gewaltbereit geltenden "Nationalen Widerstands Dortmund", der inzwischen verboten ist, besuchten auch die "Ahnenstätte" und lauschten dort einem Vortrag von Udo David.

In der Region scheint die "Ahnenstätte Seelenfeld" allerdings kaum auf Kritik zu stoßen. Sowohl die Stadt Petershagen als auch der Landkreis Minden-Lübbecke empfehlen die neuheidnische Begräbnisstätte als Ausflugsziel. Darauf hingewiesen, dass der Friedhof von Angehörigen der völkischen Bewegung angelegt wurde und auch die heutigen Betreiber noch eng mit der rechten Szene verbandelt sind, fehlt. Auch auf den Hinweistafeln am Eingang fehlt eine historische Einordnung.

Bildunterschrift: Auf der "Ahnenstätte Seelenfeld" wollte schon Erich Ludendorff begraben werden.

_______________________________________________


Autorenteam, 04.12.2013:

( ... ) 7. Die Ludendorff-Bewegung - eine antisemitische "Weltanschauungsgemeinschaft"

Seit einigen Jahren führt der antisemitische "Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V." (BfG) regelmäßig
Veranstaltungen im Kreis Minden-Lübbecke durch, an der ebenso regelmäßig militante Neonazis
teilnehmen.

Die Ludendorff-Bewegung beruft sich auf die völkischen Lehren des populären Generals im Ersten
Weltkrieg, Erich Ludendorff, und seiner Frau Mathilde. 1923 nahm er am Putschversuch von Adolf Hitler in
München teil. Ludendorff wurde im anschließenden Prozess wegen seiner "Verdienste" im Ersten Weltkrieg freigesprochen. Während der Weimarer Republik war er zeitweise Reichstagsabgeordneter für die
"Nationalsozialistische Freiheitspartei" und Mitbegründer des völkischen Tannenbergbundes ("Tannenberg-Bund. Arbeitsgemeinschaft völkischer Frontkrieger- und Jugendverbände"). Kurz vor seinem Tod 1937 fanden Ludendorff und Hitler erneut zusammen. Die Beisetzung Erich Ludendorffs, der eigentlich in Petershagen-Seelenfeld beerdigt werden wollte, wurde als Staatsakt im bayrischen Tutzing zelebriert. Mathilde Ludendorff formte maßgeblich die verschwörungstheoretische "Philosophie" der "Deutschen Gotterkenntnis". Sie wurde im Nationalsozialismus als religiöses Bekenntnis zugelassen.

Mathilde Ludendorff engagierte sich in der jungen Bundesrepublik in ihrem Bund für Gotterkenntnis und starb 1966.

Vorgänger des Bundes für Gotterkenntnis war der 1930 gegründete Verein "Deutschvolk", dessen Periodika eine Auflagenstärke von über 100.000 Exemplaren hatte. Die Ludendorff-Bewegung wird heute als bedeutende völkische Organisation der Zwischenkriegszeit und geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus gesehen.

Die Ludendorff-Bewegung greift über den in Tutzing ansässigen "Bund für Gotterkenntnis" hinaus. Jugend-, Volkstanzgruppen sowie regionale Zirkel gehören ihr an, Ahnenstätten ("heidnische" Friedhöfe), Ferienheime und weitere Immobilien stehen ihr zur Verfügung. Das Mitteilungsblatt "Mensch und Maß", das vom Verlag Hohe Warte in Pähl (Oberbayern) herausgegeben wird, hat eine Auflage von rund 2.000 Exemplaren. Die Anhängerinnen und Anhänger verteilen sich auf etliche Vereine und Zusammenschlüsse in der Bundesrepublik, welche die Lehren Mathilde Ludendorffs vermitteln.

Ihre Aktivitäten bestehen vor allem in der Organisation von Tagungen zu "philosophischen" und politischen Themen. Volkstanz und ähnliche Aktivitäten ergänzen das völkische Kulturangebot. Im Vereinsgeflecht der Ludendorffer existieren daneben auch größere Vereine, allen voran die bundesweite Jugendorganisation "Arbeitskreis für Lebenskunde e.V." (AfL). Der "Arbeitskreis für Lebenskunde e.V." vermittelt die Ideologie der Bewegung an Kinder und Jugendliche. In Zeltlagern wird neben Wander- oder Kanutouren auch revisionistischer Geschichtsunterricht angeboten. Traditionell eng verbunden sind den Ludendorffern andere stark völkisch ausgerichtete Organisationen wie die inzwischen verbotene "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ) beziehungsweise deren Nachfolgestrukturen ("Interessengemeinschaft Fahrt und Lager") und die NPD.

Ideologische Nähe zum Nationalsozialismus

Für die Ludendorffer, wie für alle völkischen Gruppierungen, ist die Vorstellung eines rassisch konstituierten Volkes, das es "rein" zu halten gelte, von zentraler Bedeutung. Die Ludendorffer überbauen diese Ideologie mit dem religiösen Konstrukt der "deutschen Gotterkenntnis". Jedes Volk besitze eine eigene Form von Gotterkenntnis, so die Ludendorffer. Das "deutsche Volk" und die "deutsche Gotterkenntnis" sehen die Ludendorffer durch eine Verschwörung "überstaatlicher Mächte" bedroht. Dazu gehören ihrer Ansicht nach die Katholische Kirche, die Jesuiten, Freimaurer, die kommunistische Internationale und insbesondere "die Juden" als angebliche Urheber aller Verschwörungen. Sie wähnen "die Juden" als Hintermänner der dem "deutschen Volke aufgezwungenen und artfremden" christlichen Religion und des "Bolschewismus". Hier stehen die Ludendorffer in eindeutiger Nähe zu den Nationalsozialisten. Daher verwundert es auch nicht, dass immer wieder im Rahmen ihrer Veranstaltungen einschlägig bekannte Personen der Neonazi-Szene auftreten.

Ahnenstätte in Petershagen-Seelenfeld

Das größte Event der Ludendorffer in Nordrhein-Westfalen ist das alle zwei Jahre stattfindende Treffen des "Freundeskreises" der Ahnenstätte in Petershagen-Seelenfeld im Kreis Minden-Lübbecke: Mehr als 120 Personen aus der gesamten Bundesrepublik, darunter zahlreiche Familien mit Kindern, lauschten am 6. Juni 2010 einem Vortrag zum Thema "Hermann der Cherusker und Erich Ludendorff - zwei deutsche Feldherren, die Weltgeschichte gestaltet haben". Eingeladen hatte zu dem Vortrag und der anschließenden Begehung der Ahnenstätte der Funktionär der "Deutschen Gildenschaft", Helge O. aus Hamburg. Unter den Angereisten war auch eine Gruppe Neonazis aus dem Ruhrgebiet, angeführt vom Dortmunder Dennis G., der als Vater des Konzeptes der "Autonomen Nationalisten" im Westen der Republik gilt. Gäste, die bereits zuvor anreisten, konnten beim inzwischen verstorbenen Ludendorffer-Freund Heinrich R. im Findlings-Wald campieren. 2008 referierte der "Ludendorffer"-Funktionär Nordfried P. aus Schleswig-Holstein über "Gibt es ein Leben nach dem Tode? Kreationisten, Evolutionsbiologen und Mathilde Ludendorff geben eine Antwort" in Petershagen-Seelenfeld. Der Vorsitzende des während der NS-Zeit gegründeten Vereins, der sich um die Ahnenstätte in Seelenfeld kümmert, stammt aus Bad Salzuflen. Das nächste Treffen des "Freundeskreises" der Ahnenstätte in Petershagen-Seelenfeld ist für den Sommer 2014 anberaumt.

Regelmäßige Treffen in Minden

Das Ahnenstätten-Treffen bei Petershagen ist nicht die einzige Veranstaltung in der Region: In unregelmäßigen Abständen treffen sich mehrmals im Jahr Mitglieder und Sympathisanten des "Bund für Gotterkenntnis" in Minden. So kamen am 20. März 2010 etwa 20 Ludendorffer in der Gaststätte "Lindenhof" zusammen, um den Vortrag von Gerhard B. aus Braunschweig über "Englands Kriegserweiterungsstrategie und die Besetzung Norwegens vor 70 Jahren" zu hören. Bereits in den 1900er Jahren führte der "Bund für Gotterkenntnis" Veranstaltungen in Ostwestfalen-Lippe durch. Damals referierte unter anderem der Vorsitzende Gunther D. aus Dachau in Minden. Gegenwärtig schätzen Beobachtende der Szene, dass im Kreis Minden-Lübbecke etwa 25 Ludendorffer aktiv sind.

_______________________________________________


roter Winkel (VVN-BdA), Juli 1992:

Die Karriere des Germanenfriedhofs

"Ahnenstätte Seelenfeld"

Von Jens Breder

In Seelenfeld steckt Geschichte. 1228 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, sorgte das beschauliche 340-Einwohner-Dorf nordöstlich von Petershagen im Kreis Minden-Lübbecke zu Beginn des 20. Jahrhunderts für Schlagzeilen: 1914 wurden dort in einem altgermanischen Hügelgräberfeld Urnen aus der Bronzezeit entdeckt. Allerdings entschwand das Interesse an Seelenfeld ebenso schnell, wie es gekommen war.

Die "Karriere" des Hügelgräberfeldes indes endete nicht. Sie begann. 1930 schufen sich dort die Seelenfelder Anhänger des völkisch-germanisch- und antisemitischen "Tannenbergbundes" des Generals Erich Ludendorff ihren "sichtbaren Sammelpunkt" (so die "Mindener Heimatblätter" 1934). Den Friedhof gibt es heute noch. Auch wenn die naturbelassenen Findlinge mit Moos bewachsen, die Runen und die Grabsteininschriften verwittert sind, ist längst noch kein Gras über den Friedhof gewachsen. Einige Grabstellen sind frisch, immer wieder werden hier Bestattungen zelebriert.

Vieles weist darauf hin, dass Ludendorff-Anhänger für die stetige Belegung des Friedhofes sorgen. Zwar wird die Ahnenstätte inzwischen von einem "Ahnenstättenverein Niedersachsen e.V." verwaltet, der sich "als unpolitische Gemeinschaft von Heiden" sieht - der zuständige Ahnenstätten-Wart jedoch mag "indirekte Verbindungen" zur Nachfolgeorganisation des Tannenbergbundes, dem "Bund für Gotterkenntnis" nicht abstreiten. Des Weiteren tragen die Grabsteine Ortsangaben wie Ostpreußen, Pommern, Braunschweig - ganze "Sippen" aus dem gesamten Bundesgebiet lassen sich hier beerdigen.

Erich Ludendorff persönlich hätte gerne daneben gelegen. Der Hitler-Kumpan beim Putsch in München und Schirmherr des 1925 gegründeten Tannenbergbundes erklärte seinen Seelenfeldern Anhängern, dass er sich auf dem Gelände der Ahnenstätte begraben lassen wollte. Das allerdings war nicht im Sinne Adolf Hitlers: Der gab 1937, nach dem Tod des Generals, Order zum nationalsozialistischen Staatsbegräbnis in dessen Heimatort Tutzing. Dort ist inzwischen die "Weltanschauungsgemeinschaft Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V." (Vorsitzender ist Dr. G. Duda) ansässig - eine rege Organisation (vgl. hierzu: "Ludendorffer tummeln sich in Ostwestfalen" in "roter Winkel" Nr. 17, sowie "Sonnenwendfeier der Ludendorff-Sekte" in dieser Ausgabe, d. Red.). In Seelenfeld selbst sind der Friedhof, die Ludendorff-Anhänger und ihre Geschichte allerdings kaum noch Gesprächspartner. Die Ahnenstätte wird brav geduldet, ist sonntägliches Ausflugsziel.

Das Friedhofsamt der Stadt Petershagen gibt sich tolerant: "Es hat noch nie jemand Anstoß daran genommen. Da geht es sehr unauffällig und in kleinem Rahmen vor sich." Auch dem zuständigen Pfarrer begegnet der betont heidnische Friedhof, dessen Wegzuführung sogar die Kreuzesform vermeidet, in seiner Arbeit "überhaupt nicht mehr". Das ging dem früheren Amtsinhaber Pastor Hof nicht so. Er führte Mitte der 20er Jahre ein "autoritäres Regiment", der Konflikt mit den Dorfbewohnern blieb nicht aus. Als der junge Ludendorff-Anhänger und Dorfschullehrer Peithmann kam, hatte er leichtes Spiel. Die Ideen des Tannenbergbundes (Kampf den überstaatlichen wie Christen-, Juden-, Freimaurertum und Marxismus) faszinierten die Seelenfelder, schon bald war die Einwohnerschaft in zwei Hälften gespalten: Tannenberger und Christen. Die Tannenberger gewannen an Einfluss, setzten die Errichtung der Ahnenstätte auf dem germanischen Hügelgräberfeld durch und konnten 1933 sogar einen Gemeindevorsteher ins Amt wählen. Der allerdings wurde vom damaligen NSDAP-Landrat nicht bestätigt. Kurz darauf wurde der Tannenbergbund verboten. Der Nationalsozialismus fraß einen seiner Wegbereiter.

Doch 1937 kam es zur bereinigenden Aussprache zwischen Mathilde Ludendorff und Adolf Hitler: Der Bund für Deutsche Gotterkenntnis wurde gegründet. Kein Wunder, schließlich waren die ideologischen Ansätze sehr eng verknüpft. So schrieb Mathilde Ludendorff 1937 in einem Aufsatz: "Mann und Frau als Schöpfer und Hüter der Sippe und die tüchtigsten Männer und Frauen als Hüter des Volkes, jeder den Segen seines Geschlechtes dem Volksganzen sichernd, so sieht die deutsche Gotterkenntnis die beiden Geschlechter im Volke und schafft hiermit erst wieder geweihte Sippe und ein deutsches, lebendiges und nicht mehr verjudetes Volk."

Bildunterschrift: Der Grabstein mit Sechskreuz auf dem Germanenfriedhof. Der Name Weecke ist im Lippischen gut bekannt. B. Weecke unterhält in Horn eine einschlägige Buchhandlung.

Bildunterschrift: Auch der Hoheitsadler des Tannenbergbundes findet sich auf dem Ahnenstätten-Friedhof Seelenfeld, eingeschnitzt über dem Zugang zum Geräteraum.


zurück