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Lippische Landes-Zeitung , 06.12.2017 :

Trio will das Tabu brechen

Flüchtlinge in Lippe: Drei Detmolderinnen wollen das Thema Abschiebung in die Öffentlichkeit ziehen / Sie wünschen sich einen menschlicheren Umgang mit Betroffenen

Von Marianne Schwarzer

Kreis Lippe. "Es ist nicht menschlich, und es ist nicht christlich", sagt Cordula Seiwert. Zum Thema Abschiebung haben sie und ihre Mitstreiterinnen Monika Junker und Madlyn Herrmann eine klare Meinung. Die Detmolderinnen engagieren sich seit 2015 für Flüchtlinge, und deren Schicksal lässt sie nicht kalt.

Die drei wollen nichts schönreden, sie wissen, dass auch vieles schiefläuft mit der Integration - aber auf beiden Seiten. Und dennoch: "Wir sind hier in einem der reichsten Länder der Erde, und wenn wir nicht helfen, wer soll es denn dann tun?", sagt Madlyn Herrmann.

"Wir wollen das Thema Abschiebung aus der Tabuzone holen" - mit diesem klaren Vorsatz ist das Trio angetreten, darum haben sie jüngst auch vor etwa 50 Zuhörern einen Infoabend zu dem Thema in der Versöhnungskirche organisiert, zu einem Folgetreffen kamen 25.

Sie haben zuvor bei der Stadt Detmold das Gespräch mit der Ausländerbehörde gesucht, die gemeinsam mit der Polizei die Abschiebung betreibt und begleitet. "Da wird gesagt: "Wir sind nur ausführendes Organ, es geht darum, die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen."" Gelinge es der Behörde nicht, die Betroffenen von einer freiwilligen Ausreise zu überzeugen, werde abgeschoben.

18 Abschiebungen waren es 2016, 36 bis Ende September dieses Jahres. "Es werden künftig noch mehr", sagen die drei, weil viele Gerichtsverfahren bald abgeschlossen seien. Die Frauen glauben, dass die Behörden ihre Spielräume besser nutzen könnten, um Flüchtlingen noch eine Chance zu geben hierzubleiben.

"Wir hören immer wieder, was die Menschen in den Unterkünften erleben, wenn nachts jemand geholt wird, um ihn abzuschieben", sagt Frank Gockel von der Flüchtlingshilfe Lippe. Durchaus mit Hand- und Fußfesseln, "vor allem bei alleinstehenden Männern ist das gängige Praxis", weiß er.

Vorgewarnt werde keiner: "Den Behörden ist es untersagt, den Abschiebetermin anzukündigen, das ist das große Problem." Wenn es nächtens klingele, gehe in den Unterkünften die Panik um, sagt Gockel: "Jeder schließt sich ganz schnell ein und hofft, dass es ihn nicht trifft." Die Leute hätten Angst. "Wir hatten allein im Oktober vier Suizidversuche, drei wegen der drohenden Abschiebung."

Auch für Nachbarn sei die nächtliche Abschiebepraxis ein Problem, sagt Madlyn Herrmann: "Mittlerweile wohnen ja viele Flüchtlinge in privaten Wohnungen. Ich stelle mir vor: Plötzlich ist mein Nachbar weg, weil er nachts geholt worden ist. Das ist sehr beängstigend."

Der Gedanke an das, was die Abgeschobenen erwartet, lässt die drei Frauen frösteln. Aber auch die Unwissenheit und Gleichgültigkeit, die ihnen hierzulande begegnet: Monika Junker hat neulich einer Bekannten von einem Afghanen erzählt, der sich zur freiwilligen Ausreise entschlossen hatte. Die Antwort: "Ach, hat es ihm hier nicht gefallen?" Von dem langen inneren Kampf zur freiwilligen Ausreise in das vermeintlich sichere Heimatland, von den Ängsten vor der noch gefährlicher gewordenen Situation in seinem Dorf, ahnte die Bekannte ja nichts. "Ein Grund mehr, davon zu erzählen", sagt Monika Junker.

Wer die Drei unterstützen will, kann ihnen mailen: hier-bleiben@gmx.net.

Abschiebung aus Sicht der Behörde

Uwe Rieks, Fachgebietsleiter bei der Stadt Detmold, kann die Argumente der drei Frauen zwar gut nachvollziehen, sagt er. Der Ausländerbehörde seien nun mal die Hände gebunden. Dass Menschen nachts zur Abschiebung abgeholt würden, liege im System: "Die Flüge werden oft für morgens früh gebucht, und wir müssen die Betroffenen bereits zwei oder drei Stunden vor dem Einchecken zum Flughafen bringen." Das sei für die Kollegen im Ausländeramt viel aufwendiger, als tagsüber zu agieren: "Um eine Wohnung nachts betreten zu dürfen, brauchen wir jedes Mal einen richterlichen Beschluss." Viel besser sei es, wenn es gelänge, Menschen zur freiwilligen Ausreise zu bewegen. "Wenn alle Rechtsmittel ausgeschöpft sind, führen wir immer ein Asyl-Abschlussgespräch, in dem wir sehr genau erläutern, wie die Lage aussieht." Rechtzeitig den Abschiebetermin mitzuteilen, sei leider verboten. "Früher haben wir das gemacht, aber jetzt haben wir da keinerlei Spielraum mehr." Es werde sehr genau geschaut - genauer als in mancher anderen Kommune - ob nicht doch noch Gründe gegen eine Abschiebung sprechen. "Aber wenn das nicht der Fall ist, bleibt uns nichts anderes übrig." Spaß mache das nicht: "Es ist schon eine hohe psychische Belastung für das Team. Aber so ist unser Rechtsstaat."

Bildunterschrift: Die drei Detmolderinnen sind nicht allein: Bereits im März dieses Jahres hat in der Residenz eine Demonstration unterschiedlicher Gruppen gegen Abschiebung stattgefunden.

Bildunterschrift: Engagieren sich: Cordula Seiwert, Monika Junker und Madlyn Herrmann (von links) wollen das Tabu brechen.


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