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Lippische Landes-Zeitung , 06.12.2017 :

Ein Stück Holz erzählt eine spannende Geschichte

Lippische Mitteilungen: Der Naturwissenschaftliche und Historische Verein stellt einen neuen Band vor / Darin geht es unter anderem um eine Synagoge in Detmold, die durch Zufall wiederentdeckt worden ist / Das ist aus Sicht der Forscher eine Sensation

Kreis Lippe (sew). Der Eigentümer wollte es abreißen lassen, doch daraus wird nichts. Das Gebäude an der Bruchmauerstraße 37 in Detmold ist zwar verfallen, aber Experten haben von dem Holz eine Probe entnommen und etwas historisch sehr Bedeutsames entdeckt: Es stammt von 1633, und das Gebäude war ein jüdisches Bethaus. Damit befasst sich einer der spannendsten Aufsätze, die in den druckfrischen Lippischen Mitteilungen veröffentlicht worden sind.

Der Naturwissenschaftliche und Historische Verein für das Land Lippe hat den 86. Band im Landesarchiv vorgestellt. Es geht unter anderem um "Keine Stunde Null - Schule und Bildung nach 1945", um die Erdbeben von 1756 und 1767, um Neophyten, also Pflanzen aus anderen Ländern, wie den Riesenbärenklau oder das Indische Springkraut, die einheimische Arten verdrängen - und um das alte Gebäude, dessen Entdeckung Dr. Heinrich Stiewe als "Sensation" bezeichnet. "Es gibt keine schriftlichen Unterlagen, und angesichts der Juden-Vertreibung 1614 hat man lange vermutet, dass es zu der Zeit keine Jüdische Gemeinde in Detmold gab", sagt er. Doch der Fund rücke alles in ein anderes Licht. Fred Kaspar und Peter Barthold haben die Geschichte des Gebäudes erforscht, Auslöser war der Antrag des Eigentümers, der das Haus gern abreißen lassen wollte. "Das ging bis vor das Verwaltungsgericht, das nunmehr bestätigt hat, dass es sich um ein Baudenkmal handelt. Damit darf es nicht abgerissen werden", erklärt Stiewe.

Das Besondere sei, dass einzig die dendrologische Untersuchung, also die Datierung des Alter des Holzes, vorgelegen habe. Die Gebäudestruktur sei später verändert worden. "Eine Geschossdecke gab es nicht, sondern einen offenen Raum mit Empore", erklärt Stiewe. Dass überhaupt ein Bethaus zu der Zeit erbaut worden war, lasse den Schluss zu, dass es eine größere Anzahl jüdischer Bürger in Detmold gegeben hatte. "Mindestens zehn Männer braucht es, um einen jüdischen Gottesdienst abzuhalten, rechnet man die Angehörigen dazu, kommt man schnell auf 50 Leute. Und Detmold hatte damals keine 1.000 Einwohner", sagt Dr. Wolfgang Bender.

Wie es jetzt weitergehe, könne man noch nicht sagen. "Man muss gemeinsam mit der Stadt Detmold entscheiden, wie man diesen Teil der Geschichte bewertet. Es geht nicht um einen kompletten Rückbau, sondern man sollte die unterschiedlichen Einflüsse kenntlich und es öffentlich zugänglich machen. Ein Arbeitskreis könnte dazu Vorschläge erarbeiten", meint Stiewe.

Die Bände

Die Lippischen Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde erscheinen seit 1903. Die Bände bis 2003 sind digitalisiert worden, der Link ist unter www.nhv-lippe.de zu finden. Die Mitglieder des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins bekommen den aktuellen Band 86 kostenlos. Er ist aber auch im Buchhandel für 24 Euro erhältlich, ISBN 978-3-7395-1096-5.

Bildunterschrift: Arbeiten im Team: (von links) Dr. Heinrich Stiewe, Michael Zozmann, Dr. Wolfgang Bender, Dr. Volker Hirsch, Jürgen Scheffler und Dr. Thomas Steinlein zeigen ihr neuestes Werk - die 86. Lippischen Mitteilungen, die auch im Buchhandel erhältlich sind.

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WDR-Nachrichten aus Ostwestfalen-Lippe, 19.02.2015:

Gerichtsverfahren um jüdisches Bethaus

19.02.2015 - 15.11 Uhr

Das Verwaltungsgericht Minden befasst sich am Donnerstag mit einem Detmolder Fachwerkhaus. Dabei geht es um die Frage, ob es aus dem 17. Jahrhundert stammt und besonders geschützt werden muss, weil es ein jüdisches Bethaus war. Juden auf dem Land trafen sich im 17. Jahrhundert zum Beten in Privathäusern, meistens nach außen nicht erkennbar. Deshalb sind nur wenige solcher Bethäuser erhalten geblieben. Eines dieser Häuser soll aber in Detmold stehen. Deshalb will das Denkmalamt es unter besonderen Schutz stellen. Doch die Eigentümerin wehrt sich, führt Akten und Untersuchungen an, die belegen sollen: Das Haus hat im 17. Jahrhundert noch gar nicht gestanden und kann daher kein Bethaus gewesen sein. Für das Gericht ein schwieriges Verfahren.

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Lippische Landes-Zeitung, 11.04.2014:

Denkmal-Streit liegt vorerst auf Eis / Befangenheitsantrag gegen Richter

Detmold / Minden. Gartenhaus oder doch Betsaal? Das sollte gestern das Verwaltungsgericht Minden entscheiden, aber dazu kam es nicht. Hendrik Schnelle, Anwalt der Hauseigentümerin, lehnte Richter und Beisitzer wegen Befangenheit ab.

Wie berichtet, hat die Stadt Detmold als Untere Denkmalbehörde die Denkmalwertbegründung eines Fachwerkhauses an der Bruchmauerstraße erweitert. Denn nach einem Gutachten der Oberen Denkmalbehörde beim Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) gibt es Hinweise darauf, dass es 1633 als Synagoge errichtet und 110 Jahre lang als Betsaal genutzt wurde.

Dafür sprächen die Konstruktion, bei der man Hinweise für einen hohen Saal gefunden habe und die für eine Hofsynagoge typische Lage. "Daher muss das Gebäude als ein nahezu einzigartiges Beispiel von zentraler wissenschaftlicher Bedeutung für die Geschichte dieses Bautyps vor dem späteren 18. Jahrhundert bezeichnet werden", so der LWL.

Gegen die entsprechende Denkmalwerterweiterung aus dem Jahr 2011 wendet sich die Klage der Hauseigentümerin, die im Jahr zuvor bereits den Abriss des Gebäudes beantragt hatte. Wenn die Denkmalwerterweiterung rechtens ist, "hätten wir erhebliche Probleme, das Haus abzureißen", argumentierte Schnelle.

Dr. Dimitrij Davydov von der LWL-Rechtsabteilung sah dies anders. Für einen Abriss müsse der Denkmalschutz so oder so aufgehoben werden. Richter Roland Schomann erkannte dagegen einen Unterschied ob Gartenhaus oder Synagoge und damit ein Rechtsschutzbedürfnis der Klägerin.

In deren Namen zweifelte Schnelle das Gutachten an und legte Karten auf Basis von Akten aus dem 17. / 18. Jahrhundert vor, in denen das Haus nicht verzeichnet ist. Er argumentierte, dass es erst später an der Stelle aufgebaut worden sei und beantragte die Hinzuziehung der historischen Akten durch das Gericht.

Dieses lehnte ab, um das Material stattdessen vom Gutachter des LWL prüfen zu lassen. Daraufhin erging ein Befangenheitsantrag gegen Richter und Beisitzer. Nun liegt der Fall erst einmal auf Eis.

Bildunterschrift: Fachwerkbau: Um dieses Haus an der Bruchmauerstraße geht es.

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Lippische Landes-Zeitung, 10.04.2014:

Amt findet Hinweise auf jüdischen Betsaal / Hauseigentümerin klagt gegen neue Denkmalwertbegründung - Verhandlung heute in Minden

Von Jana Beckmann

Um ein denkmalgeschütztes Haus an der Bruchmauerstraße ist ein Streit entfacht. Die Eigentümerin wollte es abreißen lassen, doch dann tauchten Hinweise auf einen jüdischen Betsaal auf. Nun ist die Sache vor Gericht.

Detmold. Bei dem zweistöckigen Fachwerkbau handelt es sich laut der bisherigen Denkmalwertbegründung um eines der "ganz seltenen Beispiele eines innerstädtischen größeren Gartenhauses". Es sei vermutlich um 1800 als Gartenhaus zur Krummen Straße 28 erbaut worden. Die Fassadenverbretterung und der Innenausbau stammten dagegen aus dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts, was sich unter anderem an den Rahmentüren mit Füllungen und profilierten Bekleidungen sowie am Treppengeländer ablesen lasse.

Was genau nun dafür spricht, dass sich in dem Gebäude einmal ein jüdischer Betsaal aus dem 17. Jahrhundert befunden haben könnte, war im Vorfeld zur heutigen Verhandlung ab 11.15 Uhr am Verwaltungsgericht Minden nicht zu erfahren. Die Obere Denkmalbehörde beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster, die bei einer Untersuchung im Zusammenhang mit dem Abrissantrag entsprechende Hinweise entdeckt hatte, verwies auf eine detaillierte Stellungnahme, die vor Gericht gemacht werden soll.

Und auch von der Stadt Detmold, die in diesem Fall als Untere Denkmalbehörde von der Hauseigentümerin beklagt wird, waren keine konkreteren Angaben zu bekommen. "Es handelt sich um einen laufenden Rechtsstreit, daher wird sich die Stadt dazu nicht äußern", erklärte Bernd Zimmermann, Leiter des Fachbereichs Stadtentwicklung. Dass Denkmalamt und Hauseigentümer einmal unterschiedlicher Meinung seien, sei nicht ungewöhnlich. In dem entsprechenden Abstimmungsverfahren habe der Eigentümer die Möglichkeit, Rechtsmittel einzulegen, und dies sei hier erfolgt.

Konkret wendet sich die Klägerin gegen die Erweiterung der Denkmalwertbegründung. "Die Begründung ist schwach beziehungsweise nicht vorhanden. Ein jüdischer Betsaal lässt sich nicht nachweisen", sagt Rechtsanwalt Hendrik Schnelle, der die Detmolderin vertritt. Das wolle er bei dem Prozess nachweisen. Das Haus sei in einem extrem schlechten Zustand und seit Ende der 1980er Jahre unbewohnt, nachdem ein Versuch seiner Mandantin zur Sanierung des Denkmals an hohen Auflagen gescheitert sei. Es sei wirtschaftlich unvernünftig, es wieder herzurichten.

Bildunterschrift: Thema vor Gericht: In diesem Haus an der Bruchmauerstraße könnte sich einmal ein jüdischer Betsaal befunden haben - sagt die Obere Denkmalbehörde. Der Anwalt der Eigentümerin will dies widerlegen.


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