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Mindener Tageblatt , 13.09.2017 :

Auf Stimmenfang bei den Aussiedlern

Die AfD spricht bei ihrer Veranstaltung in Espelkamp vor allem die "Russlanddeutschen" an - das ist kein Zufall

Von Karsten Schulz

Espelkamp. Vor dem Bürgerhaus, auf dem Bürgersteig an der zentralen Bushaltestelle am Wilhelm-Kern-Platz, hatten sich gut 100 Demonstranten aufgestellt. Nur mit bunten Luftballons und einigen Plakaten ausgestattet, machten sie ihrem Unmut über die gegenüber laufende AfD-Wahlkampfveranstaltung in stillem Protest Luft. Sie hatten bewusst das Motto der "bunten Stadt Espelkamp" aufgegriffen, um damit deutlich zu machen, dass in der nach dem Krieg neu aufgebauten Stadt viele Nationalitäten eine neue Heimat gefunden haben und alle friedlich in der neuen Stadtgesellschaft zusammenleben. Bis heute.

Etwa gleichviele Menschen waren im Gesellschaftsraum des Bürgerhauses zusammengekommen, der jedoch auf Grund des großen Interesses durch das Mittelfoyer erweitert werden musste. Auffällig war die große Zahl vieler junger Männer, die im Einheitslook, schwarzer Anzug und weißes Oberhemd, erschienen waren. In Espelkamp hatte die AfD im vergangenen Landtagswahlkampf eines ihrer besten Ergebnisse in ganz NRW erzielen können. In einem Wahlbezirk konnte die Partei 23,5 Prozent der Stimmen holen. Auf die Gesamtstadt bezogen waren es immerhin noch elf Prozent.

Grund genug für die Protestpartei, ihren Blick ganz besonders auf Espelkamp zu richten. Nach eigenen Analysen war man zu der Erkenntnis gekommen, dass man vor allem in den Stimmbezirken mit hohem Spätaussiedleranteil die meisten Stimmen bekommen hatte. So hatten sich die Redner Montagabend im Bürgerhaus aus wahltaktischen Gründen vor allem auf besagte Personengruppe konzentriert, die auch stark unter den Zuhörern vertreten war.

AfD-Bundestagskandidat Jürgen Sprick begann deshalb seine Ansprache auch gleich in Platt und mit dem Hinweis, dass er früher einmal für die Partei Bibeltreuer Christen (PBC) angetreten ist. Diese hatte in besagten Stimmbezirken vor vielen Jahren bereits sehr hohe Stimmanteile erhalten.

Er appellierte an die anwesenden Russlanddeutschen, sich zu dem zu bekennen, was sie sind. Er wies den Aufruf vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Reinhard Bösch aus Espelkamp zurück, gegen die Rechtspopulisten in der AfD einen Aufruf zu starten (die NW berichtete). Außerdem sollten die Espelkamper zur Kenntnis nehmen, dass "der Elternwille derjenigen, die ihre Kinder in christliche Schulen schicken möchten, ernst genommen werden soll". Direkt an "seine" Spätaussiedler wandte sich AfD-Spätaussiedlerbeauftragter Eugen Schmidt. Sie hätten "geduldig ihre Kinder großgezogen, keine Sonderrechte verlangt und Jahrzehnte die CDU gewählt". Unter Frau Merkel sei "unsere Identität, immer Deutsche zu sein, mit Dreck beworfen worden".

"Wenn wir uns gut aufstellen, werden wir in Espelkamp stärkste Kraft." Mit schneidigen Worten wurde der AfD-Beauftragte noch deutlicher. Es würde eine "Politik gegen das eigene Volk" betrieben. Er sprach von der Gefahr der "Umvolkung". Der in Espelkamp beheimatete Dietrich Janzen kündigte in seinem Beitrag an, dass in "absehbarer Zeit auch in Espelkamp ein AfD-Stadtverband" gegründet werden soll.


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