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Neue Westfälische - Bielefeld West , 12.09.2017 :

Das "Bielefelder Abkommen"

Fast vergessen (36): Der beinahe unbekannte und auch weitgehend wirkungslose Vertrag, der 1920 im Rathaus unterschrieben wurde

Von Joachim Wibbing

Mitte. Wer kennt es nicht, das "Münchner Abkommen" von 1938 oder das "Potsdamer Abkommen" von 1945: Vereinbarungen, die die Weltgeschichte geprägt haben. Doch auch im ostwestfälischen Bielefeld wurde während der Weimarer Republik eine Waffenruhe zwischen der "Roten Ruhrarmee" und der Reichswehr beschlossen. Der Vertrag vom 23. und 24. März 1920 ist in die Geschichtsforschung eingegangen - und zwar als "Bielefelder Abkommen".

Ruhraufstand von 1920

1918 hatte Deutschland den Ersten Weltkrieg verloren, und Kaiser Wilhelm II. dankte ab. Erstmalig entstand auf deutschem Boden ein demokratisches Staatswesen: die Weimarer Republik. Doch die Republik war weder beliebt, noch akzeptiert. Von Anfang an wurde sie angefeindet, von links und rechts. Am 13. März 1920 putschten rechte Kräfte um den Reichswehrgeneral Walther von Lüttwitz und machten den ostpreußischen Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp zum Reichskanzler. Im Zuge des Kapp-Putsches floh das Reichskabinett zunächst nach Dresden und dann nach Stuttgart. Arbeiter und Angestellte organisierten einen Generalstreik. Die Putschregierung brach nach fünf Tagen zusammen. Nachdem die ordentlich gewählte Reichsregierung wieder die Geschäfte übernommen hatte, versuchten die Arbeiter im Ruhrgebiet weitergehende Forderungen nach Sozialisierung und Enteignung der Schwerindustrien durchzusetzen und den Generalstreik in eine zweite Revolution umzuwandeln.

Streik: 350.000 Arbeiter

Beteiligten sich zunächst rund 350.000 Arbeiter am Streik, standen bald auch noch ungefähr 50.000 Arbeiter unter Waffen. Ihr Hass galt den Industriebaronen, aber auch den örtlichen Repräsentanten, wie den Oberbürgermeistern und Bürgermeistern sowie den Orten der Repression, den Gefängnissen.

Besonders verhasst waren jedoch die Reichswehrtruppen und die Freikorps, die sich ihrerseits die blutige Niederschlagung der Aufstandsbewegung auf die Fahnen geschrieben hatten. Die Ruhrarbeiter waren keineswegs einheitlich organisiert, vielmehr gab es in der Streikbewegung Mehrheits- und Unabhängige Sozialisten, Kommunisten und Ultralinke, die so genannten Syndikalisten. Auch aus den christlichen Gewerkschaften beteiligten sich Arbeiter.

Unterhändler Severing

Carl Severing, von der Reichsregierung als Staatskommissar für das Ruhrgebiet eingesetzt, sah das Dilemma sehr deutlich. Nach dem langen trostlosen Dasein der Arbeiter im Kaiserreich hatten nunmehr die Niederländer ihre Nahrungsmittellieferungen zur Versorgung der Bevölkerung eingestellt. Die Lage drohte zu eskalieren. Severings Hauptstoßrichtung war es, einen Keil in die Arbeiterschaft zu treiben, die gemäßigteren Kräfte zu gewinnen und die Extremisten zu isolieren. Den ultralinken Forderungen sollte nicht nachgegeben werden.

Konferenz im Rathaus

Deshalb beraumte er am 23. und 24. März 1920 eine Konferenz mit gut 150 Vertretern der beteiligten Gruppierungen, Vollzugsräten der Arbeiterschaft, Regierungspräsidenten, Parteienvertretern und Gewerkschaftern, in der Stadt am Teutoburger Wald an, auf der das Bielefelder Abkommen beschlossen wurde. Das Ziel war eine Waffenruhe zwischen der Roten Ruhrarmee und der Reichswehr sowie eine begrenzte Amnestie für begangene Gewaltakte. Bielefeld war als neutraler Ort gut geeignet und von allen Beteiligten schnell zu erreichen.

Der "Geburtsfehler"

Das Bielefelder Abkommen hatte allerdings einen grundlegenden Geburtsfehler. Vertreter von Reichswehr und Freikorps waren nicht geladen worden und nahmen an der Konferenz gar nicht teil. Diese Gruppierungen fühlten sich an die Bestimmungen der Waffenruhe nicht gebunden. So hatte Severings Gegenspieler, General Oskar Freiherr von Watter völlige Interpretationsfreiheit. Die Ultralinke kümmerte sich ohnehin nicht um das Abkommen, und die Reichswehr schob Forderungen zur Entwaffnung nach. Sein Agieren bei dem Abkommen brachte Severing von kommunistischer Seite später den Vorwurf des Verrats an den Arbeitern ein.

Diese Auffassung wird von heutigen Historikern nicht mehr geteilt.

"Im Fokus"

"Das - letztlich wirkungsarme - Bielefelder Abkommen rückte unsere Stadt kurzzeitig in den Fokus der politischen Öffentlichkeit der jungen Weimarer Republik und sicherte ihr einen Platz in den deutschen Geschichtsbüchern."
Jochen Rath

Die große NW-Serie

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Heute: Bielefelder Abkommen

In Kürze erscheinen noch Texte zum Klösterchen, zum 5. Kanton und zur Mobilität und Ernährung.

Weitere Texte könnten noch folgen. Sollten Sie eine Idee haben - Merkmale: kurioser Name und historische Relevanz für Bielefeld - mailen Sie die Idee an diese Adresse: JWibbing@bitel.net.

Die Serie ist auch nachzulesen unter www.nw.de.

Bildunterschrift: 1920: Der Ruhraufstand wird blutig niedergeschlagen (Fotos in der Mitte) - Oskar von Watter (l.) als Kommandeur der Reichswehr-Brigade 7 in Münster und des neu gebildeten Wehrkreises VI in Münster spielte dabei eine entscheidende Rolle. In Bielefeld wurde dann im Rathaus (rechtes Foto) das "Bielefelder Abkommen" geschlossen.

Bildunterschrift: In diesem Buch berichtete Carl Severing über die Ereignisse.

Bildunterschrift: Wollte Extremisten isolieren: Carl Severing aus Bielefeld.


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