www.hiergeblieben.de

Neue Westfälische Online , 11.08.2017 :

AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel trifft auf Gegenwind in Gütersloh

11.08.2017 - 22.13 Uhr

Wahlkampf: Die aus Harsewinkel stammende Politikerin wird in der Innenstadt von Parteianhängern und Gegendemonstranten in Empfang genommen

Von Christina Zimmermann und Eike J. Horstmann

Gütersloh. Die Veranstaltung war definitiv nicht zu überhören. Trotzdem drehten sich mehrere Passanten beim Überqueren des Berliner Platzes verblüfft zur Bühne um, auf der neben dem Konterfei der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel der Slogan "Hol dir deine Heimat zurück!" prangte. Nicht minder überrascht schauten die Passanten auf die Demonstranten, die sich mit bunten Plakaten und Trillerpfeifen am Rande des Platzes aufgebaut hatten und versuchten, die Kundgebung der rechtspopulistischen Partei lautstark zu stören.

Mit "Haut ab!" und "Nazis raus!"-Rufen wurde die aus Harsewinkel stammende AfD-Politikerin und ihr Anhang in Gütersloh begrüßt. Sowohl der Protest als auch die Kundgebung selbst fielen deutlich kleiner aus, als sie ursprünglich angekündigt wurden. Jeweils 100 Gegner und Sympathisanten lieferten sich auf dem zentralen Platz ein akustisches Gefecht, bewacht von einem großen Aufgebot der Polizei. "Irgendwas muss doch getan werden", erklärt ein junger Mann, warum er zur AfD-Kundgebung gekommen ist. "Wir können doch nicht die ganze Welt aufnehmen."

Was bei den einen zustimmendes Nicken auslöste, sorgte bei den anderen für verständnisloses Kopfschütteln. "Wir zeigen an diesem Tag, dass Gütersloh bunt und weltoffen ist", sagte Matthis Haverland, Vorsitzender der Jusos Gütersloh, die zur Gegendemonstration aufgerufen hatten. Nicht nur die Jungsozialisten waren dem Aufruf gefolgt. Auch Anhänger der überparteilichen Bewegung "Pulse of Europe" waren an die Moltkestraße gekommen, um gegen die AfD-Veranstaltung anzuschreien. "Die AfD hat in Gütersloh nichts zu suchen", sagte Gegendemonstrant Aisan Dixon. "Wir brauchen eine solche Politik hier nicht, denn Gütersloh ist weltoffen und das muss so bleiben." Mit seiner Pfeife im Mund hoben er und seine Freunde ihr Plakat, auf dem neben einer Fotomontage der AfD-Politikerin auch "Alice im Wunderland" stand, hoch in die Luft. Dazu ertönten laute Pfiffe.

"Alice Weidel hatte hier in Gütersloh vielleicht auf einen Heimvorteil gehofft", sagte Haverland. "Die Gütersloher haben aber bewiesen, dass das nicht der Fall ist." Für ihn war die Gegendemo laut genug. Tatsächlich war unter dem lauten Getriller kaum ein Wort von dem zu verstehen, was auf der Bühne gesprochen wurde. Ohnehin pflegten die Demonstranten nicht gerade einen direkten Austausch.

Neben den genannten Sprechchören flogen von den Gegendemonstranten blaue Europa-Ballons zu den AfD-Anhängern herüber, die dann unter anderem mit den zuvor von den Organisatoren verteilten Stäben von Deutschlandfahnen zerstochen wurden. Der erste laute Knall sorgte kurzfristig für Nervosität an der Bühne und unter den Beamten. In die andere Richtung sparten die Redner - neben Weidel kamen auch der hiesige Kandidat Udo Hemmelgarn und der bayerische AfD-Politiker Peter Boehringer zu Wort - nicht mit Häme und deutlichen Worten in Richtung des politischen Gegners. Als "Pseudo-Demokraten", "Witz", "Schande" oder als personifizierte "Bildungsmisere Deutschlands" wurden die Protestler bezeichnet. Die ließen sich aber nicht beirren und pfiffen noch lauter.

Kurzfristig kam es dann doch zu einem unmittelbaren Kontakt zwischen AfD-Befürwortern und Gegnern, als sich ein junger Mann mit einem Schirm mit der Aufschrift "FCK AFD" unter die Kundgebungsbesucher mischte. Umgehend entwickelten sich Wortgefechte, kurz darauf entriss ihm ein AfD-Anhänger mit Deutschlandfahne den Schirm und trampelte ihn kaputt. Die Polizei schritt umgehend ein und schlichtete - es sollte die einzige Handgreiflichkeit bleiben.

Nach etwas mehr als einer Stunde war der Spuk dann auch schon wieder vorbei. Die Teilnehmer beider Seiten zerstreuten sich, die meisten ganz offensichtlich froh, aus dem Dauerregen heraus zu kommen. Die Lautsprecher auf dem Berliner Platz verstummten, ebenso die Trillerpfeifen der Gegner. Die akustische Hoheit in der Innenstadt übernahmen dann wenige Meter weiter die "Dead Lovers" bei ihrem Konzert von "Freitag 18" auf dem Dreiecksplatz.

Bildunterschrift: Mit Ratschen und Trillerpfeifen: Die Gegendemonstranten waren während der gesamten Kundgebung zu hören.

Bildunterschrift: Deutlich: Alice Weidel kanzelt die Protestler ab.

Bildunterschrift: Gerangel: Die Polizei schlichtete zwischen den Kontrahenten.


zurück