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Lippische Landes-Zeitung , 17.05.2017 :

Stadt prüft Ersatz für Gedenktafeln

Jüdischer Friedhof: Nach dem Diebstahl der beiden Bronzeplatten im Eingangsbereich rechnet Margarete Wißmann nicht damit, dass sich die Tafeln nicht wieder anfinden / Die Verwaltung schlägt eine Neuanschaffung vor

Von Wolfgang Becker

Lage. Sie wurden mit Gewalt aus der Verankerung gerissen und entwendet - die Gedenktafeln am Eingang zum jüdischen Friedhof in der Flurstraße. Bislang Unbekannte hatten die beiden bronzenen Platten am 26. April gestohlen (die LZ berichtete). Bisher fehlt jede Spur von ihnen. Margarete Wißmann, die seitens der Stadt den Friedhof betreut und ehrenamtlich Führungen organisiert, geht nicht davon aus, dass sich die Tafeln mit den Inschriften wiederfinden, auch schließt sie bei dem Diebstahl einen rechtsradikalen Hintergrund aus.

Gleicher Meinung ist Lars Ridderbusch, Sprecher der Polizei in Lippe. "Der Friedhof wurde nicht geschändet. Wir gehen davon aus, dass hier Metalldiebe am Werk waren, die die Gedenkplatten aus wertvoller Bronze gestohlen haben, um sie eventuell einzuschmelzen", so Ridderbusch. Ähnliche Fälle von Metalldiebstählen seien in der Vergangenheit mehrfach im Kreisgebiet registriert worden. Die Fahndung nach den Tätern laufe zwar immer noch weiter, er sei jedoch wenig optimistisch, ihrer habhaft zu werden.

Menschen, die regelmäßig den Friedhof besuchen, um der verstorbenen jüdischen Mitbürger zu gedenken, vermissen die Tafeln, die auch an die Schrecken der Verfolgung in den Jahren 1933 bis 1945 erinnern. Margarete Wißmann will in der nächsten Sitzung des Ausschusses für Kultur und Tourismus, die am Montag, 22. Mai, im Rathaus stattfindet - Beginn ist um 18 Uhr - ihre Vorschläge und Anstöße für eine Ersatzbeschaffung vorstellen. Der erste zielt darauf ab, die zwei Bronzetafeln inhaltlich und vom Material her identisch zu ersetzen. "Da es für Außenstehende nicht erkennbar ist, warum es überhaupt zwei Gedenktafeln gibt, könnte man als Ersatz eine gemeinschaftliche Gedenktafel erstellen. Der Text müsste dann neu gemeinschaftlich ausformuliert werden", lautet eine weitere Anregung Wißmanns. Statt der wertvollen Bronze könnte auch ein anderes Material, das weniger attraktiv für Diebe ist, ausgewählt werden. Dabei könnte auch auf eine optisch edel wirkende Oberfläche geachtet werden.

Margarete Wißmann von der Stabsstelle Umwelt der Stadt Lage hatte zusammen mit Freunden und Unterstützern den Ausbau des Friedhofs zu einer Gedenkstätte vorangetrieben. Im November 2013 wurde die Fertigstellung des umgestalteten Friedhofs gefeiert. Hauptredner war Baruch Babaev, Rabbiner im Landesverband der Jüdischen Gemeinden Westfalen-Lippe. Er freute sich, dass Lage einen Ort des Gedenkens geschaffen hatte.

Älterer Teil wurde Weideland

Der jüdische Friedhof in Lage zählt zu den jüngsten in Deutschland, obwohl er vermutlich über 300 Jahre alt ist. Während der Nazi-Herrschaft wurde er 1935 verwüstet. 1938 verkaufte die Jüdische Gemeinde den älteren westlichen Teil an einen Anlieger. Seitdem wurde das Areal als Weide- und Gartenland genutzt. Im Kaufvertrag war festgelegt, die vorhandenen Grabsteine auf den verbliebenen östlichen Teil des Friedhofs umzusetzen. Statt dessen wurden sie zur Befestigung einer Böschung verwandt. 1992 stellte die Stadt den östlichen Teil des Friedhofs unter Denkmalschutz. Später konnte der Heimatbund belegen, dass auch der westliche Teil einst jüdischer Friedhof war. 2009 erwarb die Stadt auch diese Fläche.

Bildunterschrift: Betroffen über den Diebstahl: Margarete Wißmann von der Stabsstelle Umwelt der Stadt Lage ist die Hege und Pflege des jüdischen Friedhofs an der Flurstraße eine besondere Herzensangelegenheit.

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Lippische Landes-Zeitung, 13./14.05.2017:

Leserbriefe / Nur ein Metallklau?

Zur Berichterstattung "Beutezug auf jüdischem Friedhof", LZ vom 28. April, äußert sich diese Leserin.

Mit Erschrecken habe ich am Freitag, 28. April, die Meldung in der Lippischen Landes-Zeitung vom Diebstahl der beiden Gedenktafeln am jüdischen Friedhof in Lage gelesen.

Dass sowohl die Stadt wie auch die Polizei nur einen Metalldiebstahl vermuten, ohne nach einem politischen Hintergrund zu fragen, hat mich ebenso erschreckt wie die Tatsache als solche.

Gertrud Wagner, Detmold

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Lippische Landes-Zeitung, 28.04.2017:

Beutezug auf jüdischem Friedhof

Diebstahl: Die Polizei und die Stadtverwaltung vermuten Metalldiebe hinter der Tat in Lage

Lage (ero). Vom jüdischen Friedhof an der Flurstraße in Lage sind am Mittwochnachmittag zwei Gedenktafeln gestohlen worden. Stadt und Polizei gehen davon aus, dass der Diebstahl keinen politischen Hintergrund hat, sondern Metalldiebe am Werk waren.

Der Wert der Gedenktafeln liegt nach Angaben von Margarete Wißmann von der Stadt Lage bei "mehreren Tausend Euro". Der ideelle Schaden sei nicht bezifferbar, weil da "viel Herzblut drinsteckt", fügt Wißmann hinzu. Die beiden Gedenktafeln, 90 mal 70 sowie 70 mal 50 Zentimeter, sind jeweils in deutscher Sprache verfasst und waren 1984 angebracht worden. Sie erinnern an jüdische Mitbürger, die während der Nazi-Zeit verfolgt und ermordet wurden. "Die beiden Tafeln waren an Findlingen im Eingangsbereich des Friedhofs befestigt", sagt Wißmann, die am Mittwochvormittag noch auf dem Friedhof war. "Da standen die Tafeln noch." Gegen 17 Uhr habe sie vom Diebstahl erfahren und sofort die Polizei verständigt.

"Wir haben bisher keine Hinweise auf die Täter. Vieles deutet auf einen klassischen Metalldiebstahl hin", sagt Polizeisprecher Uwe Bauer. Er vermute, dass die Täter die schweren Bronzeplatten mit einem Fahrzeug abtransportiert haben.

Hinweise nimmt die Kripo in Lage unter Tel. (05232) 95950 entgegen.

Bildunterschrift: So sah sie aus: Die große Gedenktafel aus Bronze, die im Eingangsbereich des jüdischen Friedhofs stand, wurde gestohlen.

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Polizei Lippe, 27.04.2017:

Lage: Diebstahl vom Friedhofsgelände

27.04.2017 - 11.41 Uhr

Lippe (ots). Unbekannte Diebe haben vom Gelände des jüdischen Friedhofes an der Flurstraße zwei Gedenktafeln gestohlen. Die Täter müssen die beiden Bronzeplatten der Größe von etwa 70 x 50 Zentimeter am Mittwoch in der Zeit zwischen 13.45 Uhr und 17.00 Uhr aus ihrer Verankerung gerissen und mitgenommen haben. Die Tatzeit lässt sich relativ gut eingrenzen, da vorher noch Grünschnitt-Arbeiten auf dem Gelände durchgeführt wurden und die Gedenktafeln bis 13.45 Uhr noch an den vorgesehenen Aufstellorten installiert waren.

Derzeit gibt es keine Anhaltspunkte dahingehend, dass es sich um eine Tat mit politisch motiviertem Hintergrund handelt. Vielmehr spricht vieles für einen klassischen Metalldiebstahl. Der Staatsschutz des PP Bielefeld ist dennoch informiert worden. Hinweise auf verdächtige Personen oder Fahrzeuge im vorliegenden Fall nimmt die Kripo in Lage unter 05232 / 95950 entgegen.


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