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Neue Westfälische - Tageblatt für Schloß Holte-Stukenbrock , 10.10.2019 :

"Er stand für die Unmoral der SS"

Vortrag: Interview mit Historiker Friedhelm Schäffer über die schillernde Figur des Vereinsführers Karl Demberg und die Aufarbeitung der NS-Geschichte beim DSC

Schloß Holte-Stukenbrock. Professor Lorenz Pfeiffer musste wegen Krankheit kurzfristig seinen Vortrag absagen, doch der zweite Vortrag, zu dem die Volkshochschule in Kooperation mit dem Fanprojekt Bielefeld und dem Förderverein der Gedenkstätte Stalag 326 (Stukenbrock-Senne) in die Aula des Gymnasiums eingeladen hatte, hatte es ebenfalls in sich. NW-Mitarbeiterin Sibylle Kemna sprach mit dem Referenten Friedhelm Schäffer, der in "Vergessen, vergessen. Der Lederball rollte weiter" die Geschichte des DSC Arminia Bielefeld während der NS-Zeit beschreibt.

Vergessen, also verdrängen - eine übliche Reaktion in der Nachkriegszeit, auch bei Arminia Bielefeld?

Friedhelm Schäffer: Ja, man geht bis weit in die 80er Jahre nicht auf die eigene Geschichte ein. Danach gibt es Publikationen, aber darin werden Aussagen getroffen, die ich bestreiten würde.

Zum Beispiel?

Schäffer: Da wird behauptet, der neue Vereinsführer Karl Demberg habe 1934 die Mitgliedschaft gespalten und das Führerprinzip eingeführt. Das hält einer Überprüfung nicht statt. Vorher ging es auch nicht demokratisch zu. Er ging jugendlich forsch gegen die alte Verschrobenheit vor, doch von einer Spaltung zu sprechen ist völlig überzogen.

Zu dem Zeitpunkt sind Juden schon "unerwünscht"?

Schäffer: Ja, nach und nach wurden jüdische Mitglieder herausgedrängt oder ausgeschlossen. 1935 gab es allerdings noch einen jüdischen Ringer im Verein: Helmut Grünewald. Der prominente Funktionär Julius Hesse, der von 1909 bis 1914 Präsident der Arminia war und den Verein vor der Insolvenz gerettet hat, war Jude. Seine Verdienste stehen in jeder Festschrift, aber nicht, dass er im KZ ermordet wurde.

Unter Karl Demberg war die Arminia dann sehr erfolgreich.

Schäffer: Ja, unter ihm schaffte Bielefeld den Aufstieg in die damals höchste Spielklasse, die Gauliga Westfalen, und wurde 1940 sogar Vizemeister hinter Schalke. Er war ein sehr erfolgreicher Vereinsführer, aber stand zugleich für die ganze Unmoral der SS.

Inwiefern?

Schäffer: Er kommt zur Waffen-SS, wird in der Totenkopf-Division ausgebildet, erlangt einen Offiziersgrad und ist ab 1943 als SS- und Polizeirichter in Breslau und Kattowitz tätig. Er überwachte die "Moral" der verbrecherischen Organisation, verurteilte SS-Mitglieder für Diebstähle oder Sexualdelikte. Demberg überprüfte die SS-Mannschaft von Auschwitz und war damit zuständig für die Moral in der Unmoral. Als er aus der Kriegsgefangenschaft zurückkommt, wird er von Arminia aber mit offenen Armen aufgenommen.

Und von den Amerikanern nicht als Kriegsverbrecher eingestuft?

Schäffer: Nein, er rutscht durch das Raster und bekommt die 5, also die Einstufung als "Entlasteter", galt noch nicht mal als Mitläufer.

Das ist doch aus heutiger Sicht ein Skandal?

Schäffer: Ja, das hätte nie passieren dürfen. Aber er war Spätheimkehrer 1949, die wurden im Schnellverfahren entnazifiziert, zu dem Zeitpunkt war der Kalte Krieg aktuell, und die Amerikaner hatten ganz andere Interessen. Demberg feiert 1950 im Kreis der Arminen seine Hochzeit, stirbt aber 1952 mit Mitte 40, wohl eine Folge der vier Jahre Zwangsarbeit in Polen.

Der Referent

Friedhelm Schäffer, seit rund 50 Jahren Mitglied bei Arminia, ist freier Mitarbeiter am Kreismuseum Wewelsburg. Der pensionierte Geschichtslehrer versucht, die Geschichte von Arminia Bielefeld im Nationalsozialismus weiter zu vervollständigen.

Er arbeitet zudem ehrenamtlich für die Gedenkstätte Stalag 326 und für die Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg. 2015 hat er zusammen mit Gedenkstätten-Geschäftsführer Oliver Nickel das Buch "Ich hatte nichts gegen Deutsche, nur gegen Faschisten. Die Lebensgeschichte des Ferdinand Matuszek" veröffentlicht. Darin geht es um die Erinnerungen des ehemaligen Zwangsarbeiters.

Bildunterschrift: Teamwork: Annegret Weber von der Volkshochschule, Referent Friedhelm Schäffer, Jörg Hansmeier (r.) vom Fanprojekt Bielefeld und Oliver Nickel von der Gedenkstätte Stalag stehen hinter der Veranstaltung über die NS-Geschichte des DSC Arminia Bielefeld, die während der Fußballkulturtage NRW stattgefunden hat.

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Neue Westfälische - Tageblatt für Schloß Holte-Stukenbrock, 28.09.2019:

Arminia Bielefeld während der Zeit des Nationalsozialismus

Schloß Holte-Stukenbrock (big). Zwei Vorträge zum Thema Sportvereine zur Zeit des Nationalsozialismus und Ausgrenzung jüdischer Sportler bietet die Volkshochschule während einer Veranstaltung am Dienstag, 8. Oktober, in der Aula am Gymnasium an. In einem Vortrag geht es insbesondere um die Historie von des DSC Arminia Bielefeld. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Förderverein Gedenkstätte Stalag 326 und dem Fan-Projekt Bielefeld statt.

Um 19 Uhr beginnt ein Vortrag, in dem Professor Lorenz Pfeiffer einen umfassenden Überblick über die rechtlichen Vorgaben deutscher Turn- und Sportvereine und ihrer Verbände bezüglich der Diskriminierung und Ausgrenzung der jüdischen Sportler und Sportlerinnen in den 1930er und 40er Jahren gibt. Nach der Einführung des so genannten "Arierparagraphen".

Im zweiten Vortrag, 20 bis 21 Uhr, erhalten die Teilnehmer Informationen zum DSC Arminia Bielefeld aus der Zeit von 1933 bis 1945. Das Aufarbeiten und Reflektieren der NS-Vergangenheit in Sportvereinen wurde lange Zeit vernachlässigt, das hat sich mittlerweile geändert. Über den DSC Arminia Bielefeld lässt sich insbesondere wegen des ehemaligen Vereinsführers Karl Demberg Einiges aus der Geschichte des Vereins in der Zeit von 1933 bis 1945 darstellen. Weiterhin wird der Umgang mit ausgeschlossenen jüdischen Vereinsmitgliedern und die Reflexion der Vereinsgeschichte während der Nachkriegszeit und in der Gegenwart beleuchtet.

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Am 8. Oktober 2019 referierte der Historiker Friedhelm Schäffer zum Thema "Vergessen, vergessen - der Lederball rollte weiter. Der DSC Arminia während der Zeit des Nationalismus" in Schloß Holte-Stukenbrock.

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www.vhs-vhs.de

www.fanprojektbielefeld.de

www.stalag326.de


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