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Mindener Tageblatt , 27.03.2018 :

Einst Mittelpunkt jüdischen Lebens

Mindener Geheimnisse: Ein Fachwerkhaus in der Videbullenstraße beherbergte mehr als anderthalb Jahrhunderte die Synagoge

Von Jürgen Langenkämper

Minden (mt). Das Gebäude Videbullenstraße 15 ist ein in den 1980er-Jahren schmuck restauriertes Fachwerkhaus, dessen Geschichte bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts, eine Blütezeit der Stadt Minden, zurückreicht.

Doch was die wenigsten wissen: Fast zwei Jahrhunderte lang war dieses Gebäude kein reines Wohnhaus wie heute, sondern von 1680 bis 1865 die älteste bekannte jüdische Synagoge in der Stadt. Und durch diese Tür gingen gläubige Juden ein und aus.

"Schon im 13. Jahrhundert hatten sich in Minden Juden niedergelassen", berichtet Uschi Bender-Wittmann, Historikerin am Mindener Museum. Die Gemeinde besaß auch zuvor eine Synagoge, deren Standort aber nicht bekannt ist. Der vor dem Simeonstor gelegene Friedhof wurde später im Zuge des Befestigungsbaus eingeebnet. Während des Pestpogroms, zu dem es um 1350 in weiten Teilen Deutschlands im Gefolge des "Schwarzen Todes" kam, wurde die Jüdische Gemeinde in Minden wie in anderen Städten vollkommen ausgelöscht.

Nachdem sich wieder jüdische Familien unter dem fürstbischöflichen Schutz in der Stadt angesiedelt hatten, befand sich eine Synagoge seit Anfang des 17. Jahrhunderts und während des Dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648) im Haus des Berend Levi in der Greisenbruchstraße. 1688 erwarb Salomon Levi, der wie sein Vater, der Rabbiner Levi Joel Loeb, und sein Großvater Fibes Salomon Vorsteher der Jüdischen Gemeinde war, das Haus Nr. 494 in der heutigen Videbullenstraße. Die Herkunft und Bedeutung des merkwürdigen Straßennamens ist unklar. Vermutlich geht er auf einen ehemaligen Bewohner zurück. In den folgenden Jahrhunderten wechselten die Besitzer. Mehrfach wurde das Haus aber als "Judenschule" erwähnt oder auch als "eine Synagoge, welche aber ein nummeriertes Bürgerhaus ist". Zwischenzeitlich wohnte hier auch ein Gastwirt namens Levi Höllenberg und dann 1862 der Prediger und Lehrer Ebler. "Auch die Familien der beiden für die Nachwelt bekanntesten Mindener Juden, des Arztes Abraham Jacobi (1830 - 1919) aus Hartum und seines Neffen, des Anthropologen Franz Boas (1858 - 1942), müssen hier nicht nur an den religiösen Festtagen ein- und ausgegangen sein", sagt Bender-Wittmann. Auch wenn die Bindungen an die Traditionen von Generation zu Generation lockerer wurden, dürften beide Sprösslinge hier die ersten Riten erfahren haben.

Für die aufstrebende, durch Zuzug gewachsene Gemeinde zu klein

In den 1860er-Jahren war die Synagoge für die aufstrebende und durch Zuzug gewachsene Gemeinde zu klein geworden. "In der Kampstraße errichteten die Gläubigen eine neue Synagoge im maurischen Stil", weist Uschi Bender-Wittmann auf den Unterschied zu dem norddeutschen Fachwerkhaus hin. Die neue Synagoge wurde in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 niedergebrannt. Die Mindener Gemeinde zerstreute sich in alle Winde, die meisten ihrer Mitglieder wurden wie die der umliegenden Jüdischen Gemeinden in Hausberge, Petershagen, Lübbecke, Rahden und Frille ermordet. Doch im Frühsommer 1945 hielt einer der wenigen Überlebenden, Emil Samuel, mit Juden aus den Camps für Zwangsarbeiter und "Displaced Persons" rund um Minden erste Gottesdienste ab. 1946 gründete er die Jüdische Gemeinde neu. Im Juni 1958 konnte sie unter der Leitung von Emil Samuel und Max Ingberg in der Kampstraße an der Stelle der alten eine neue Synagoge eröffnen, der erste Synagogen-Neubau nach dem Zweiten Weltkrieg in Westfalen.

Das Schicksal, in der Reichspogromnacht verwüstet zu werden, blieb dem Fachwerkhaus in der Videbullenstraße erspart. Denn durch die Schließung als Synagoge 1865 wurde es ein ganz normales Wohnhaus, in dem nacheinander verschiedene Handwerker lebten. 1924 hatte dort eine Rasse-Hundehandlung nachweislich ihren Sitz. Als zehn Jahre nach der Restaurierung 1983 ein bis dahin nicht mehr bekannter Brunnenschacht unter dem aufgeschütteten Gartenland aufgedeckt wurde, kam wegen der ungewöhnlichen Lage auf dem Grundstück die Vermutung auf, dass der zwölf Meter tiefe, aus Sandsteinblöcken gemauerte Schacht zur Ausstattung einer Mikwe, eines Ritualbades, gedient haben könnte. Doch von einer Mikwe, wie sie noch in der alten Synagoge in Petershagen zu sehen ist, gibt es in der Videbullenstraße keine Überreste. Ende des 18. Jahrhunderts wurde aber auch ein Judenbad "aufm Deichhof" erwähnt, das jedoch nicht eindeutig zu lokalisieren ist und sich wohl in eher baufälligen Zustand befand, weil es in den Feuerversicherungslisten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit sehr geringem Wert aufgeführt wurde. Die Videbullenstraße 15 gehört dagegen seit ihrer Restaurierung zu den Schmuckstücken in ihrem Viertel, der oberen Altstadt - und das mit dem Geheimnis der langen sakralen Nutzung.

Die Videbullenstraße liegt zwischen Ritterstraße und Königswall.

Mindener Geheimnisse

Die Geschichte zur alten Synagoge in der Videbullenstraße ist im Buch "Mindener Geheimnisse - 50 spannende Geschichten aus der Stadt an der Weser" erschienen.

Das Buch mit 192 Seiten ist eine Kooperation des Mindener Tageblatts mit der Bast Medien GmbH.

Es ist erhältlich beim Express-Ticketservice, Obermarktstraße 26 - 30, 32423 Minden, Telefonnummer (0571) 88277, im MT-Lesershop unter www.mt-lesershop.de und im örtlichen Buchhandel und kostet 14.90 Euro.

Bildunterschrift: Das Haus Videbullenstraße 15 beherbergte fast 180 Jahre lang die Synagoge.


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