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Westfalen-Blatt , 13.03.2018 :

Anwaltsschreiben: Früherer SS-Mann Gröning ist tot

96-Jähriger ersuchte bis zuletzt um Haftverschonung

Hannover (epd/dpa). Der wegen Beihilfe zum Mord verurteilte frühere SS-Mann Oskar Gröning ist laut einem Schreiben, das der Staatsanwaltschaft Hannover vorliegt, tot. Gröning sei am Freitag im Alter von 96 Jahren in einem Krankenhaus gestorben, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Abend. Zuvor hatte der »Spiegel« berichtet.

Eine unabhängige Bestätigung lag nicht vor. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover sagte »Spiegel Online« zufolge gestern: »Wir haben einen entsprechenden Schriftsatz des Anwalts von Herrn Gröning erhalten.« Eine Sterbeurkunde liege seiner Behörde nicht vor.

Oskar Gröning wurde im Juli 2015 vom Landgericht Lüneburg wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen im Vernichtungslager Auschwitz zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt. Er stellte ein Gnadengesuch an die niedersächsische Justizministerin Barbara Havliza (CDU), über das die Ministerin bis Ende dieser Woche entscheiden wollte.

Gröning war verurteilt worden, ohne dass ihm eine konkrete Tötung nachgewiesen wurde. Er habe durch das Bewachen von Gepäck und das Verwalten der Gelder der Gefangenen die Morde gefördert, hieß es in dem Urteil, das seit September 2016 rechtskräftig ist. Mitte Januar lehnte die Staatsanwaltschaft Lüneburg ein Gnadengesuch Grönings ab, mit dem er seinen Haftantritt abwenden wollte. Davor hatte bereits das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass Gröning haftfähig sei. Der 96-Jährige hatte bei seinen Eingaben auf seinen Gesundheitszustand verwiesen.

Grönings Fall markierte in der deutschen Rechtsgeschichte eine Zeitenwende im Umgang mit den Verbrechen des Holocausts. Über Jahrzehnte hatten die Behörden zuvor nur die verfolgt, die zur Leitung der Konzentrationslager gehört, selbst gemordet hatten oder durch besondere Grausamkeit aufgefallen waren.

Bildunterschrift: Oskar Gröning wurde wegen Beihilfe zum Mord im Konzentrationslager Auschwitz im Juli 2015 zu vier Jahren Haft verurteilt.

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Lippische Landes-Zeitung Online, 12.03.2018:

Anwaltsschreiben: Früherer SS-Mann Oskar Gröning ist tot

12.03.2018 - 22.13 Uhr

Hannover. Der als "Buchhalter von Auschwitz" bekanntgewordene frühere SS-Mann Oskar Gröning soll nach einem Schreiben seines Anwaltes tot sein.

Der 96-Jährige sei danach bereits am Freitag in einem Krankenhaus gestorben, sagten dazu Sprecher des niedersächsischen Justizministeriums und der Staatsanwaltschaft Hannover am Montagabend. Eine unabhängige Bestätigung lag zunächst nicht vor. Zuvor hatte der "Spiegel" darüber berichtet. "Ich möchte dazu nichts sagen, es aber auch nicht dementieren", sagte Grönings Anwalt Hans Holtermann auf Anfrage. Eine Sterbeurkunde liege noch nicht vor, hieß es beim Justizministerium.

Gröning war im Lüneburger Auschwitz-Prozess wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen verurteilt worden. Das Landgericht verhängte im Juli 2015 eine Haftstrafe von vier Jahren. Der damals 94-Jährige hatte unter anderem eingeräumt, in dem Konzentrations- und Vernichtungslager Geld aus dem Gepäck der Verschleppten gezählt und weitergeleitet zu haben.

Jahrzehntelang waren die in Auschwitz am Holocaust Beteiligten nicht zur Verantwortung gezogen worden, wenn sie zwar wie Gröning Rad im Getriebe waren, aber nicht selbst getötet hatten. Die Gerichte verlangten den Nachweis einer bestimmten konkreten Tatbeteiligung. Das Landgericht entschied, auch das Verwalten der Gelder der Verschleppten und das Bewachen ihres Gepäcks sei Beihilfe gewesen. "Dieses Urteil hat Rechtsgeschichte geschrieben", sagte damals Nebenkläger-Anwalt Thomas Walther.

Der Richterspruch von Lüneburg war die erste Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord in einem Lager seit dem Verfahren gegen den früheren Sobibor-Aufseher John Demjanjuk 2011. Doch Demjanjuk starb, bevor das Urteil rechtskräftig wurde.

Mit einem Kollegen vertrat Walther in Lüneburg rund 50 Nebenkläger, die meisten waren Überlebende von Auschwitz-Birkenau. Gröning bestätigte vor Gericht ihre Berichte über das Grauen im Vernichtungslager. "Es geht mir nicht um die Strafe, es geht mir um das Urteil, die Stellungnahme der Gesellschaft», erklärte die Überlebende Eva Pusztai-Fahidi damals. Von einer fast heilenden Wirkung des Prozesses sprach Walther. Im Fall Gröning bestätigte der Bundesgerichtshof im September 2016 erstmals höchstrichterlich eine Verurteilung wegen Beihilfe zum massenhaften Mord in Auschwitz.

"Den Nebenklägern war stets die Feststellung der verantwortlichen Schuld am Tod ihrer Familien in Auschwitz wichtig", betonte Walther am Montagabend. "Eigenes Sterben und der Tod Grönings ändern daran nichts. Der vom Bundesgerichtshof bestätigte Schuldspruch des Schwurgerichts Lüneburg besteht über die Grenzen des Lebens hinaus."

Auch das Internationale Auschwitz Komitee würdigte am Montag das Lüneburger Urteil und dessen Bestätigung. Das bleibe für die Überlebenden "eine große Genugtuung und ein später Ausdruck deutscher Suche nach juristischer Gerechtigkeit und historischer Ehrlichkeit gegenüber ihren ermordeten Familien", erklärte Exekutiv-Vizepräsident Christoph Heubner. Gröning sei für sie einer der ganz wenigen Angehörigen der Auschwitz-SS gewesen, "der sich auf den Weg gemacht hatte, öffentlich die Wahrheit über Auschwitz zu sagen und sich selbst und die deutsche Gesellschaft mit seinen Erinnerungen zu konfrontieren".

"Gerade diese Haltung, die dennoch im Blick auf seine persönliche Verantwortung und seine Entscheidungen halbherzig blieb, macht noch einmal deutlich, dass der übergroße Teil der SS-Täter und Mittäter von Auschwitz weder ein Unrechtsempfinden besessen hat, noch sich je vor einem deutschen Gericht hat verantworten müssen." Das Simon-Wiesenthal-Zentrum bedauerte, dass Gröning nicht mehr in Haft kam. Das wäre symbolisch wichtig gewesen.

Nachdem der Rechtsweg ausgeschöpft war, richtete Gröning zuletzt ein Gnadengesuch an Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU), eine Entscheidung stand bevor. Holtermann hatte zuvor über mehrere Instanzen hinweg einen Haftantritt zu verhindern versucht. Gröning sei nach Auffassung eines Sachverständigen nicht haftfähig, erklärte er - ohne Erfolg. Eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe wurde Ende Dezember vergangenen Jahres unter anderem mit Verweis auf die Schwere der Taten abgewiesen.

Gröning war seit Herbst 1942 in der so genannten Häftlingsgeldverwaltung eingesetzt worden, weil er eine Banklehre gemacht hatte. 1944 wechselte er in eine Front-Einheit. Nach dem Krieg lebte er mit Frau und Kindern in der Lüneburger Heide. Erst Mitte der 1980er Jahre öffnete er sich. Der britischen BBC schilderte Gröning, was er in Auschwitz gesehen und getan hatte. Er sah sich dabei als "Rädchen im Getriebe".

Journalisten und Nebenkläger beschrieben den am 10. Juni 1921 in Nienburg an der Weser geborenen Gröning als jemanden, der lange die Frage seiner persönlichen Schuld umkreiste, ohne sich ihr wirklich nähern zu können. "In Auschwitz durfte man nicht mitmachen", fasste das Gericht in Lüneburg zusammen. Auch Gröning hatte den Satz von einem Opfer-Anwalt in seinem Schlusswort wiederholt.

Er habe die Überlebenden angesichts der Dimension der in Auschwitz und anderswo verübten Verbrechen nicht um Vergebung bitten können, hieß es in einer von der Verteidigung zwei Wochen vor dem Urteil verlesen Erklärung Grönings. Sie schloss mit dem Satz: "Um Vergebung kann ich nur meinen Herrgott bitten."

Bildunterschrift: Das Landgericht Lüneburg verurteilt im Juli 2015 den als "Buchhalter von Auschwitz" bezeichneten Gröning zu vier Jahren Haft wegen der Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen.

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Rechtsanwalt Thomas Walther, 12.03.2018:

Stellungnahme zum Tod von Oskar Gröning für die von mir vertretenen Nebenkläger

Am 17. Februar ist in Toronto der Nebenkläger Bill Glied mit 87 Jahren verstorben. Ich habe die Trauer um ihn in Toronto begleitet. Monate der Diskussionen um die Frage nach Gnade für den 96-jährigen Oskar Gröning und Verzicht auf Vollstreckung der Strafe wurden durch seinen Tod am 9. März beendet. Neben den Tod der ermordeten Opfer von Auschwitz gesellt sich der Tod als Teil des Lebens nach strafrechtlicher Verurteilung.

Den Nebenklägern war stets die Feststellung der verantwortlichen Schuld am Tod ihrer Familien in Auschwitz wichtig. Eigenes Sterben und der Tod Grönings ändern daran nichts. Der vom Bundesgerichtshof bestätigte Schuldspruch des Schwurgerichts Lüneburg besteht über die Grenzen des Lebens hinaus.

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Lippische Landes-Zeitung Online, 18.02.2018 :

Auschwitz-Überlebender Bill Glied stirbt in Toronto

18.02.2018 - 19.46 Uhr

Von Silke Buhrmester

Detmold / Toronto. Der Holocaust-Überlebende Bill Glied, der im Detmolder Auschwitz-Prozess als einer der Nebenkläger gegen den Angeklagten Reinhold Hanning aus Lage auftrat, ist gestorben. Wie sein Anwalt Thomas Walther gegenüber der LZ mitteilte, starb Glied im Alter von 87 Jahren in seiner Heimat Toronto.

Glied hatte während des Prozesses im Jahre 2016 zunächst als Zeuge vor dem Detmolder Landgericht ausgesagt. Er gehörte mit seiner Familie zu den Juden, die im Rahmen der "Ungarn-Aktion" nach Auschwitz deportiert worden waren. Am 28. Mai 1944 kam die Familie an der berüchtigten Rampe von Auschwitz-Birkenau an. Seine Mutter und die achtjährige Schwester Aniko wurden von dort direkt ins Gas geschickt.

Auch zur Urteilsverkündung reiste der damals 86-Jährige nochmals nach Detmold. Die umfassende LZ-Berichterstattung zum Prozess lesen Sie hier:

www.lz.de/lz_spezial/auschwitz_prozess/

Bildunterschrift: Bill Glied während des Videointerviews mit der LZ.

Bildunterschrift: Auschwitz-Besuch 2016: Samantha steht mit ihrem Großvater Bill Glied im Mai vor der Ausstellungswand mit einem Foto, das die beiden zehn Jahre zuvor an selber Stelle zeigt.

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Lippische Landes-Zeitung Online, 20.06.2016:

Nebenkläger bedankt sich bei Richterin Anke Grudda

20.06.2016 - 07.04 Uhr

Von Silke Buhrmester

Kreis Lippe. Der Tag der Urteilsverkündung gegen den 94-jährigen Reinhold Hanning - es war ein großer Tag, aber auch ein anstrengender für den Holocaust-Überlebenden Bill Glied (86). Am nächsten Morgen sitzt er mit seiner Familie und Anwalt Thomas Walther im Wintergarten des Hotels "Bärenstein" nahe der Externsteine beim Frühstück.

Die Anspannung ist von dem 86-Jährigen gefallen. Er lächelt. "Wenn ich den Tag kurz schildern müsste, würde ich sagen: Sie stand auf, sagte schuldig, fünf Jahre", sagt er. Doch um die Länge der Gefängnisstrafe ging es Bill und den anderen Nebenklägern nie. Nicht das Strafmaß, wohl aber die klaren Worte der Richterin haben Erna de Vries, Bill Glied, Leon Schwarzbaum und Hedy Bohm - vier von 19 Nebenklägern, die ihre nächsten Angehörigen in Auschwitz verloren und die zur Urteilsverkündung nach Detmold reisten - tief berührt.

Bill nutzte die Gelegenheit, im Anschluss an die Urteilsverkündung kurz persönlich mit den Mitgliedern der Schwurgerichtskammer zu sprechen: "Ich habe mich bei der Richterin bedankt. Und zum Abschied hat sie gesagt, sie hoffe, dass er nun mit einem etwas besseren Bild von den Deutschen nach Hause fahren werde."

Dann geht es zu einem Treffen mit den Mitgliedern der Gesellschaft für Deutsch-Jüdische Zusammenarbeit und der Initiative "Gegen das Vergessen" sowie Bürgermeister Rainer Heller im Haus Münsterberg. Auch Rechtsanwalt Thomas Walther ist mitgekommen. Seinen beiden Mandanten Hedy Bohm und Bill Glied ist Walther eng verbunden - der Prozess von Lüneburg gegen den "Buchhalter von Auschwitz", Oskar Gröning, hat sie zusammen gebracht.

Enkeltochter Samantha, die ihren Großvater gemeinsam mit ihrem Verlobten Rafael Yablonsky und ihrer Mutter Tamara Glied nach Detmold begleitet hat, ist in Toronto selbst als Anwältin tätig. Das Urteil, sagt sie, sei für kanadische Verhältnisse milde. Dort nehme das Gericht bei der Strafzumessung keine Rücksicht auf das Alter eines Angeklagten, so wie es hier geschehen sei. Doch die Worte der Richterin, sagt Samantha, hätten auch sie zu Tränen gerührt.

Die junge Frau hatte ihren Großvater bereits zu dessen Zeugenaussage im Februar nach Detmold begleitet. Und fuhr mit ihm Anfang Mai nach Auschwitz zum Marsch der Überlebenden (March of the living). Einmal im Jahr - dieses Mal am 5. Mai - gedenken Tausende Angehörige bei einem rund drei Kilometer langen Gang vom Stammlager bis zum Vernichtungslager Birkenau und anschließender Kundgebung der Ermordeten von Auschwitz. Vor zehn Jahren war Samantha mit Bill erstmalig hier. Das Foto der beiden von damals ist Teil einer Ausstellung, die zunächst im UN-Gebäude in New York gezeigt wurde und nun dauerhaft vor dem Eingang zum Stammlager Auschwitz aufgebaut ist.

Bill Glied bemüht sich seit langem, die Geschichte des Holocaust zu bewahren. Er selbst hat historische Dokumente zu seiner Person gesammelt. Über seine Zeit in Auschwitz gibt es nicht viel. Zu viele Menschen, mehr als 400.000, wurden während der "Ungarn-Aktion" von Mai bis Juli 1944 nach Auschwitz deportiert - die meisten davon sofort nach der Ankunft vergast. Da machten sich selbst die für ihre Akribie bekannten Nazis nicht mehr die Mühe der Registrierung. Bill und seinem Vater wurde keine Nummer in den Oberarm tätowiert, als sie am 28. Mai 1944 ankamen.

Bills Mutter und seine achtjährige Schwester Aniko wurden noch an der Rampe selektiert und umgebracht. "Die eigentliche Hölle auf Erden war diese Rampe. Dort wurde über Leben und Tod entschieden. Danach war alles nur noch Abwicklung. Das weiß ich heute", sagt Bill Glied. Mit seinem Vater blieb er nur 20 Tage in Birkenau, dann wurden sie erneut deportiert, nach Dachau, zur Zwangsarbeit. Als Bill am 29. April 1945 von der amerikanischen Armee befreit wird, ist sein Vater tot - acht Tage zuvor gestorben an Typhus.

Viele Details erzählt er über die Zeit im KZ nicht. "Ich glaube, er hat dort furchtbare Gewalt und Grausamkeiten erlebt. Aber das hat er in seinem Herzen verschlossen. Er sagt immer, das spiele keine Rolle für die Geschichte", sagt Tochter Tamara.

Dennoch nimmt Bill Glied seine Kinder und Enkelkinder schon früh mit an die Orte des Schreckens. Mit 18 fährt die heute 43-jährige Tamara erstmals mit ihren Eltern nach 
Dachau. Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs besucht die Familie dann endlich auch Auschwitz. Und Bill Glied spricht in seiner Heimat Kanada, in die er 1947 als 17-jähriger Waise immigrierte, regelmäßig in der Öffentlichkeit - vor allem in Schulen, denn die jungen Menschen möchte er erreichen, möchte er mahnen.

Die Worte der Detmolder Richterin Anke Grudda haben deshalb eine besondere Bedeutung für ihn: "Wenn man mir künftig als Überlebendem die Gräueltaten nicht glaubt, kann ich jetzt sagen: Frag’ doch das deutsche Gericht in Detmold!"

Bildunterschrift: "Ich wollte mich bei ihr bedanken": Bill Glied mit Richterin Anke Grudda nach der Urteilsverkündung.

Bildunterschrift: Auschwitz-Besuch 2016: Samantha steht mit ihrem Großvater Bill Glied im Mai vor der Ausstellungswand mit einem Foto, das die beiden zehn Jahre zuvor an selber Stelle zeigt.

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Neue Westfälische, 20./21.02.2016:

Erschütternde Zeugnisse der SS-Willkür

Auschwitz-Prozess: Irene Weiss zeigt Bilder eines unbekannten NS-Fotografen aus dem Konzentrationslager / William Glied und Mordechai Eldar schildern die Gewalttätigkeiten der Wachmannschaften

Von Dirk-Ulrich Brüggemann

Detmold. Auch am vierten Verhandlungstag brauchte der 94-jährige Reinhold Hanning wieder den Rollstuhl, um den Gerichtssaal in der Industrie- und Handelskammer zu Detmold zu betreten. Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Detmold setzte die Zeugenvernehmungen in einem der letzten großen NS-Prozesse fort.

Dem ehemaligen SS-Wachmann aus Lage wird Beihilfe zum Mord an mindestens 170.000 Menschen im Konzentrationslager Auschwitz vorgeworfen. Hanning saß während der Aussagen von Irene Weiss aus den USA, William "Bill" Glied aus Kanada und Mordechai Eldar aus Israel mit nach unten gesenktem Kopf zwischen seinen beiden Verteidigern, Andreas Scharmer und Johannes Salmen.

Irene Weiss, die heute in Virginia / USA lebt, zeigte dem Gericht ein Kindheitsbild von sich und ihrer Schwester Serena mit drei Freunden. Dann präsentierte sie ein Foto eines unbekannten NS-Fotografen, der sie an der Rampe bei der Ankunft in Auschwitz fotografiert hatte, als sie verzweifelt nach ihrer Mutter suchte. "Die Menschen hatten keine Ahnung, was sie erwarten würde", sagte sie im Zeugenstand und erklärte, dass viele der Wartenden von der Rampe direkt in die Gaskammern gebracht wurden. "Meine Familie zu sehen, wie sie auf dem Weg in die Gaskammer ist, ist für mich zerstörend", sagte sie zu den im Saal an die Wand projizierten Bildern.

Irene Weiss und auch William Glied machten ihre Aussagen in englischer Sprache, die simultan ins Deutsche übersetzt wurden. Hannings Verteidiger Andreas Scharmer bemängelte, dass es durch die Simultanübersetzung für seinen Mandanten besonders schwierig sei, den Aussagen der Zeugen zu folgen.

William "Bill" Glied hatte sich aus Toronto auf den Weg nach Detmold gemacht, um vor dem Landegericht auszusagen. Der heute 85-Jährige wurde in Subotica im ehemaligen Jugoslawien, dem heutigen Serbien, in eine wohlhabende jüdische Familie geboren. 1941 wurde seine Heimat Ungarn zugeschlagen. 1944 verschlechterte sich das Leben für die ungarischen Juden drastisch. Als 13-Jähriger wurde Bill Glied nach Auschwitz deportiert. Noch heute verfolgen ihn seine Erfahrungen und Erinnerungen an Auschwitz in Alpträumen.

Die Ankunft an der Rampe des Konzentrationslagers blieb ihm als Chaos voller Brutalität im Gedächtnis: Er berichtete von schreienden Kindern, weinenden Frauen, schlagenden SS-Soldaten.

Am schlimmsten sei die Willkür der Selektion gewesen, wenn die Arbeitsfähigen von jenen getrennt wurden, die in die Gaskammern getrieben werden sollten: "Diese herzlosen Mörder entschieden mit einem Fingerschnippen, wer leben durfte und wer sterben musste." Eingeprägt habe sich auch das Gefühl der Erniedrigung, als sein Vater von einem SS-Mann geschlagen und beschimpft wurde, weil er die Mütze nicht abgenommen hatte. Zu sehen, wie sich sein Vater demütig entschuldigte, sei eine schlimme Erfahrung gewesen, die er immer mit sich tragen werde.

Als weiterer Zeuge sagte der Israeli Mordechai Eldar aus. Eindrücklich schilderte der heute 86 Jahre alte ehemalige Oberst der israelischen Armee die Gewalttätigkeit der zu Aufsehern gemachten Blockältesten unter den Gefangenen. Sie hätten die Häftlinge bei jeder Gelegenheit drangsaliert, geschlagen, gequält oder getötet. Er sprach von sexuellem Missbrauch an Kindern sowie Schaukämpfen zwischen Gefangenen.

Mit Mordechai Eldar kamen mehr als 100 Verwandte mit ins Konzentrationslager Auschwitz. Nur 36 von ihnen überlebten den Holocaust. Eldar, der mit gerade 14 Jahren ins Lager kam, fragte seinen 18-jährigen Bruder: "Sieht Gott, was hier geschieht?" Der Bruder antwortete nicht. Als Eldar andere Mitgefangene nach dem Verbleib seiner Eltern fragte, bekam er als Antwort. "Eure Eltern sind durch den Schornstein in den Himmel gestiegen."

Später dachte Mordechai Eldar sogar darüber nach, sich am elektrischen Lagerzaun umzubringen ...

Der nächste Prozesstag

Am Freitag, 26. Februar wird die Verhandlung um 10 Uhr fortgesetzt.

Als Zeugen werden Judith Kalman und der Ermittler des Landeskriminalamtes Düsseldorf, Stefan Willms, vor dem Schwurgericht ihre Aussagen machen.

Bildunterschrift: Schilderten ihre Erlebnisse in Auschwitz: Irene Weiss (von links), William "Bill" Glied und Mordechai Eldar.

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Bill Glied, 18.02.2016:

Zeugenaussage vor dem Landgericht Detmold im Prozess gegen Reinhold Hanning

Mein Name ist William Glied, aber jeder nennt mich Bill.

Ich wurde 1930 in der Stadt Subotica im ehemaligen Jugoslawien, heutigen Serbien, in eine wohlhabende jüdische Familie geboren.

Mein Vater betrieb die örtliche Getreidemühle, während meine Mutter sich um meine Schwester Aniko und mich kümmerte. Wir führten in Jugoslawien ein gutes Leben, ich besuchte die öffentliche Schule und erfuhr von meinen Klassenkameraden nie Antisemitismus.

Am 6. April 1941 griffen die Achsenmächte unter der Führung Deutschlands Jugoslawien an und eroberten es rasch.

Meine Stadt Subotica und meine Heimatprovinz Batschka wurden an Ungarn abgetreten und fortan von der faschistischen ungarischen Regierung beherrscht.

In den folgenden Jahren wurden viele, gegen die beachtliche jüdische Bevölkerung gerichtete antisemitische Gesetze verabschiedet. Ich durfte jedoch zur Schule gehen, was ich auch tat, trotz der ständigen Schikanen seitens meiner Lehrer und Klassenkameraden, ganz im Gegensatz zu den Jahren zuvor.

Ich musste einen großen gelben Stern auf meiner Jacke tragen, was bei meinen Mitschülern nur noch mehr Hohn und Spott auslöste.

Unsere Mühle wurde konfisziert und wir wurden täglich schikaniert und verfolgt. Dennoch gelang es uns, auch unter diesen schwierigen Umständen unseren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Im Frühjahr 1944 fand die deutsche Nazi-Regierung heraus, dass die Ungarn heimlich mit den Alliierten um einen Waffenstillstand verhandelten. Infolgedessen besetzten deutsche Truppen am 19. März 1944 Ungarn und setzten eine von Ferenc Szálasi und den Pfeilkreuzlern geführte Marionettenregierung ein.

Von diesem Moment an wurde das Leben der Juden, und somit auch meines, noch viel schlimmer.

In den nächsten paar Wochen wurden eine ganze Reihe antijüdischer Gesetze verkündet. Ich wurde von der Schule verwiesen und alle Juden standen von nun an unter einer strengen nächtlichen Ausgangssperre. Binnen weniger Tage war die ganze Stadt mit Anschlägen plakatiert, mit der Aufforderung an alle Juden, sich für die „sofortige Umsiedlung nach Osten“ bei der Polizeihauptwache zu melden.

Meine Familie wurde zuerst in die Stadt Szeged verfrachtet, wo wir in der ehemaligen jüdischen Schule untergebracht wurden, doch ein paar Tage später ging es schon weiter, nun in die Stadt Baja in Ungarn, in eine sehr große Ziegelei. Alle Juden aus den umliegenden Städten und Dörfern waren in diesem Hof versammelt, unsere Unterkunft bestand lediglich aus offenen Hütten, wo früher die Ziegel zum Trocknen ausgelegt wurden.

Ich weiß nicht, wie viele Tage wir in dieser Ziegelei verbrachten, aber es handelte sich um Tage, nicht Wochen. Ungarische Gendarmen und ein paar deutsche Offiziere bewachten uns.

Eines Tages wurde uns mitgeteilt, dass wir in ein paar Tagen zum Arbeitseinsatz nach Osten gebracht würden. Dabei versicherte man uns aber, dass nur die gesunden Männer arbeiten würden, dass wir anständig untergebracht und versorgt würden.

Man sagte uns, dass zwei Züge abfahren würden und wir uns aussuchen konnten, ob wir im ersten oder im zweiten Zug fahren wollten. Nach langem Hin und Her entschied sich meine Familie - meine Eltern und Verwandten - für den ersten Zug, in der Annahme, dass wir so eine bessere Auswahl an Unterkunft hätten.

Oh! Wie falsch! Die schreckliche Ironie unserer Wahl. Der zweite Zug fuhr nach Wienerneustadt! Alle Passagiere des zweiten Zuges, einschließlich einer Tante und einer Kusine, überlebten alles unbeschadet. Ich vermute, bin mir aber nicht sicher, dass das Teil der Abmachung zwischen Eichmann und Kasztner war.

An dem schicksalhaften Tag erwartete ich einen Personenzug, doch als er ankam, bestand er aus einer Reihe Viehwaggons. In diesen ersten Zug, in diesen finsteren Viehwägen wurden wir hineingepfercht wie Sardinen. Ich weiß nicht, wie viele von uns hineingezwängt wurden, Männer, Frauen, Kinder, Kranke, jemand im Rollstuhl, überall Pakete, drängelnde Menschen, die alle einen Platz suchten, wo sie sich hinsetzen konnten.

Meine Schwester und ich fanden in der Nähe der Tür einen Platz zum Hinsetzen und meine Eltern setzen sich gleich hinter uns auf den Koffer, den wir dabei hatten. Der Zug fuhr los und die ersten paar Stunden hatten meine Schwester Aniko und ich noch keine Schwierigkeiten, Mama hatte Essen mitgebracht, doch dann ergab sich im Viehwagen ein Problem: Jemand musste auf Toilette. Gab es denn einen Waschraum? Einen Vorhang? Einen Behälter?

Und in diesem schrecklichen Viehwaggon waren wir zwei Tage und Nächte lang, nichts zum Essen, kein Wasser, keine Rücksicht auf persönliche Hygiene. Nur Erniedrigung - nur eine neue Art, uns zu entmenschlichen. Der Zug hielt hin und wieder an, manchmal ein paar Stunden lang. Sie hätten uns versorgen oder den Waggon sauber machen können, aber nichts dergleichen geschah. Wir waren eingesperrt wie das Vieh, für das diese Waggons ursprünglich gedacht waren.

Am dritten Morgen blieb der Zug stehen. Es vergingen ein paar Stunden, dann hörten wir draußen Geräusche. Die Türen wurden aufgerissen. Ich blickte hinaus, es war ein heller, sonniger Morgen, der 28. Mai, um genau zu sein. Ich sah einen Bahnsteig aus Kies. Auf der anderen Seite standen Soldaten mit Gewehren vor einem Zaun, auf dem Gleis selbst liefen einige Nazi-Soldaten mit Gehstöcken herum - zumindest hielt ich es für Gehstöcke. Unter ihnen waren ein paar Männer mit kleinen runden Kappen in blaugrauen Schlafanzügen. Sie brüllten:

"RAUS. RAUS. Lasst euer Gepäck im Waggon. Das bekommt ihr später."

Wir kamen aus dem Waggon gehetzt. Ich hielt Papas Hand und meine Schwester Aniko klammerte sich an Mama.

Das Chaos, der Tumult, der dann ausbrach, ist unbeschreiblich. Babies weinten, Frauen riefen nach ihren Männern, Leute stritten miteinander. Und über dem Ganzen hing dieser widerwärtige Gestank.

Die ganze Zeit über schlängelten sich SS-Leute durch die tosende Menge und hieben rabiat mit ihren Stöcken auf Leute ein, trennten Familien, schleusten uns wie eine Schafherde auf dem Weg zum Schlachthof. Ich hatte verzweifelte Angst. Ich klammerte mich an die Hand meines Papas, und als die Männer in den Schlafanzügen befahlen, dass die Frauen und Mädchen sich in Fünferreihen aufstellen sollten, und die Männer ebenfalls in einer anderen Fünferreihe, bekam ich Panik. Mein Papa versuchte, mich zu beschwichtigen, sagte mir, alles würde schon gut und ich müsse mich jetzt wie ein Mann verhalten und nicht wie der dreizehnjährige Junge, der ich war.

Als die Reihen endlich zur Zufriedenheit der Grau-Gestreiften aufgestellt waren, hörte ich von dieser verzweifelten Menge nur noch ein stetiges, qualvolles Stöhnen und Murmeln, durchsetzt mit Kinderweinen.

Jedes Mal, wenn ich eine lärmende Menschenmenge höre, sogar bei einem Fußballspiel, hallt mir dieses Geräusch heute noch in den Ohren wider und ich bekomme Platzangst.

Endlich begann sich meine Marschkolonne vorwärts zu bewegen und binnen weniger Minuten war unsere Reihe ganz vorne. Es herrschte Ruhe. Drei oder vier SS-Soldaten standen da, ganz entspannt, sahen uns lässig an. Einige der Männer in Schlafanzügen standen an der Seite. Ein Offizier fiel mir auf, er war groß und gut aussehend, aber an sein Gesicht kann ich mich nicht erinnern. Er stand da und sagte kein Wort.

Eine Reihe von uns verwahrlosten Juden kam an ihm vorbei. Er sah uns voller Verachtung an und zeigte dann auf die Person neben mir. Er winkte mit der Hand nach rechts, und der Mann ging zu einer Gruppe, die sich da bereits formiert hatte.

Dann sah er mich an - ich schwöre, nicht länger als eine Sekunde - sagte nichts, fragte nicht nach meinem Namen, meinem Alter, wo ich herkam. Er deutete nur nach rechts. Ich rührte mich nicht. Einer der Männer in Schlafanzügen fuchtelte frenetisch mit der Hand und sah mich dabei an. Ich hastete zu der Gruppe der Männer, die schon in einer Menschentraube beieinander standen. Eine Sekunde später kam mein Vater auch dazu.

Was war mit der Kolonne der Frauen geschehen? Alles war so schnell, so chaotisch gegangen, ich war gar nicht zum Nachdenken gekommen. Ich weiß nur, dass ich meine Mama und Schwester nie wieder gesehen habe - nie wieder. Ich habe mich nicht von ihnen verabschiedet, ich habe sie nicht umarmt oder geküsst. Sie sind für immer aus meinem Leben verschwunden.

Heute weiß ich es natürlich. Und in meinen Alpträumen sehe ich die Kolonnen immer wieder verschwinden.

Rückblickend, in meinen Gedanken, denen ich fast täglich nachhänge - und ja, diese Gedanken kommen mir jeden Tag - sehe ich dieses Stück gottverlassener Erde - diese Rampe als das schlimmste Stück Boden auf Erden. Schlimmer als Dantes siebter Höllenkreis. So schlimm die Bombardements von Hiroshima, Dresden oder London auch waren, diese Rampe, nicht größer als ein Fußballplatz, diese Hölle auf Erden übertrifft alles. Dieser Ort ist der stumme Zeuge des unglaublichen Ereignisses, dass eine kleine Gruppe Männer, unterstützt von ein paar Tausend SS-Männern, die den Ort bewachten, unschuldige Menschen zu einem schrecklichen Tode verurteilten. Sie verurteilten Kinder mit ihren Müttern, alte Männer, Frauen. Diese herzlosen Mörder entschieden mit einer Handbewegung, wer überlebte und wer starb. Kein Haftbefehl, kein Dokument, kein Richter, keine Geschworenen. Sie konnten eine Person verschonen, wenn sie ihnen gefiel, oder jemandem zum Tode verurteilen, weil er einen Zwirbelbart trug.

Keiner wurde zur Rechenschaft gezogen, solange er in der Fabrik des Todes seine Tagesquote an Leichen erfüllte.

Und so schlimm die Todesfabrik, die folgte, auch war, es war - wie Oscar Gröning es erst kürzlich sagte - einfach der "Prozess", das Abwickeln eines vorbestimmten Schicksals, das von diesen paar SS-Männern auf der Rampe entschieden wurde.

Wie war es möglich, dass im zwanzigsten Jahrhundert Menschen aus der kultiviertesten europäischen Nation darauf aus waren, ein ganzes Volk auszulöschen, und dass es ihnen beinahe gelungen wäre.

Letztlich wurden wir in ein großes Gebäude geführt und uns wurde befohlen, uns auszuziehen. Wir standen nackt da - vor all diesen nackten Erwachsenen war ich schüchtern und peinlich berührt. Dann kamen die anderen "Schlafanzüge" herein und schoren uns die Haare ab. Wir wurden in eine weitere große Halle geschleust. Auf den Balken über uns waren Duschköpfe installiert und bald kam heißes Wasser herausgeschossen. Ich versuchte, den ganzen Dreck von meinem Körper zu waschen, mein Papa half mir, aber es gab keine Seife, und das Wasser versiegte nach ein paar Minuten. Es gab keine Handtücher und wir wurden, nass wie wir waren, wieder ins Freie gescheucht, wo blaugraue Schlafanzüge auf langen Tischen auslagen. Nun begriff ich, dass es Uniformen waren, Jacke, Hose, Holzpantoffeln und eine kleine runde Mütze. Wir zogen die Sachen über unsere nassen Körper und man führte uns in eine leere große Baracke, wo wir die nächsten zwei Wochen wohnten.

Ich könnte stundenlang von den Schrecken sprechen, die mein Vater und ich in diesen kurzen Wochen in dieser Baracke entdeckt und erlebt haben.

Das Trauma, zu entdecken und zu begreifen, was den "Arbeitsunfähigen" widerfuhr, die Gaskammern und Krematorien, und was meiner Mutter und Schwester und den anderen 18 nahen Verwandten passiert sein muss, die mit uns im Viehwaggon waren.

Der tägliche "Appell", die wahllosen Prügel.

Einen kleinen Vorfall schleppe ich mit mir herum und werde das wohl für immer tun. Im größeren Zusammenhang von Auschwitz ist er völlig unbedeutend, doch er hat mein Leben verändert. Mein Vater und ich standen draußen auf der Lagergasse zwischen den Baracken, als ein SS-Offizier auf uns zukam, meinen Vater ansah und ihm mit voller Wucht mit dem Handrücken ins Gesicht schlug. "Wenn ich mich dir nähere, dann nimmst du gefälligst die Mütze ab, du Schweinehund." Und mein Vater stand da, nun mit der Mütze in der Hand, und entschuldigte sich. Mein Vater, zu dem ich aufschaute wie zu einem Gott, den alle, die ihn kannten, achteten und bewunderten, der nichts falsch machen konnte, stand da, geohrfeigt und gedemütigt.

Diesen Vorfall werde ich weder vergessen noch vergeben. Dieser Vorfall belastet mich jeden Tag und wird es bis an mein Lebensende.

Ich habe nur zwanzig Tage in Auschwitz / Birkenau verbracht, aber diese zwanzig Tage erschienen mir wie zwanzig Jahre. Wir wurden erneut in Viehwaggons verfrachtet und mitten nach Deutschland gebracht, nach Dachau, und von dort aus direkt nach Kaufering. Mein Vater und ich erkrankten beide an Typhus und mein Vater starb am 21. April 1945, acht Tage vor der Befreiung. Ich habe überlebt und wurde am 29. April 1945 in Dachau von der amerikanischen Armee befreit.

Als 17-jähriges Waisenkind wanderte ich 1947 nach Kanada ein. Ich bin mit einer wunderbaren Frau verheiratet, habe drei Töchter, die auch alle verheiratet sind, und acht Enkel.

Warum bin ich heute hier als Zeuge und Nebenkläger? Nicht aus Hass - ich kenne Herrn Hanning nicht. Ich kam her, weil ich zwar nicht hasse, aber auch nicht vergessen kann. Meine Hoffnung ist, dass die Verurteilung dieses SS-Offiziers helfen wird, die verbleibenden Holocaust-Skeptiker zum Schweigen zu bringen. Und dass die Welt erfährt, dass die Menschheit mitfühlt.

Danke.


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