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Lippische Landes-Zeitung , 13.01.2018 :

Steinerne Zeitzeugen

Eröffnung: Die Ausstellung "Der alte jüdische Friedhof in Detmold" bildet den Auftakt zu einer Veranstaltungsreihe

Detmold (bbm). Sie sind stille Zeitzeugen der Geschichte Detmolds: die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof. Eine Fotoausstellung befasst sich mit den historischen Inschriften. Am Donnerstag wurde die Schau im Rathausfoyer eröffnet. Sie ist der Auftakt der Veranstaltungsreihe rund um den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar.

Der ehemalige Stadtarchivar Dr. Andreas Ruppert führte mit einem Vortrag in die Ausstellung "Der alte jüdische Friedhof in Detmold" unter dem Motto "Grabsteine, die Geschichten erzählen" ein. Die Ausstellung, konzipiert von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, zeigt die Grabsteine des jüdischen Friedhofes, fotografiert von Ulrich Heinemann. Der Vortrag Rupperts handelte von der komplexen Geschichte der Jüdischen Gemeinde Detmolds und beschäftigte sich mit dem schwierigen Quellenstand, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg verlaufe. Ruppert: "Jüdische Geschichte wurde gewaltsam abgebrochen."

Dies untermauere die Bedeutung der Grabmale als stille Zeitzeugen. Auch die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit kam zu diesem Schluss, weshalb sie das Projekt der Inschriftendokumentierung unter ihrem damaligen Geschäftsführer Jörg Ehrlicher initiiert hatte. Das Erforschen und Dokumentieren der Grabsteine sei aber auch erforderlich, weil der Sandstein mit der Zeit verwittere und die Inschriften immer unleserlicher würden. Rund um die Geschichte der Friedhöfe, nach jüdischer Vorstellung eigentlich "Häuser der Ewigkeit", habe es in Detmold viel Bewegung gegeben. Mit ihren Inschriften und in ihrer Anordnung seien die Grabmale oftmals Ausdruck des gesellschaftlichen Status und der Beziehungen der Begrabenen zueinander gewesen.

Dr. Andreas Ruppert gab Beispiele, die zeigten, dass sich im ausgehenden 19. Jahrhundert die Juden trotz Ausgrenzungen als Deutsche und als Lipper verstanden: "Ein zu dieser Zeit immer häufiger werdendes Motiv auf den Grabsteinen war zum Beispiel die Lippische Rose". Die Grabsteine bezeugten auch den Umstand, dass die neue Jüdische Gemeinde nach dem Krieg kaum Anknüpfungspunkte an die Vorkriegsgemeinde gehabt habe.

Öffnungszeiten

Die Fotoausstellung, erstellt von Ulrich Heinemann, ist bis zum bis zum 16. Februar zu sehen. Die Öffnungszeiten im Rathaus sind montags bis donnerstags von 8 bis 17 Uhr und freitags von 8 bis 13 Uhr. Weitere Abbildungen der Grabsteine mit Übersetzungen des Salomon-Steinheim-Instituts sind unter www.gfcjz-lippe.de einsehbar.

Bildunterschrift: Gang durch die Ausstellung: (von links) Jörg Ehrlicher, Ulrich Heinemann, Barbara Klaus, Dr. Andreas Ruppert.

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- Donnerstag, 11. Januar 2018 um 17.00 Uhr -


Ausstellungseröffnung: Der alte jüdische Friedhof in Detmold - Grabsteine, die Geschichten erzählen

- Fotos von Ulrich Heinemann, Detmold


Veranstaltungsort:

Rathaus am Markt
Foyer / Großer Sitzungssaal
Marktplatz 5
32756 Detmold


Ausstellungsdauer: Vom 11. Januar bis zum 16. Februar 2018; montags bis donnerstags von 08.00 bis 17.00 Uhr und freitags von 08.00 bis 13.00 Uhr.


Begrüßung: Rainer Heller, Bürgermeister der Stadt Detmold

Vortrag: Dr. Andreas Ruppert, Stadtarchivar a.D.


Der alte jüdische Friedhof an der heutigen Richthofenstraße / Spitzenkamptwete wurde erstmals 1724 erwähnt und bis 1880 belegt. Eine Tafel an der hohen Stützmauer erinnert an diesen historischen Ort in Detmold. 1939 musste das Gelände an die Stadt veräußert werden. Anfang der 1950er Jahre wurden die 99 erhaltenen Grabsteine und die nicht verwesten Gebeine begleitet von einem Rabbiner auf den 1883 neu angelegten Friedhof an der oberen Spitzenkamptwete umgebettet. Das Gelände wurde 1954 eingeebnet.

Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Lippe e.V. hat im Rahmen eines Dokumentationsprojektes von dem bekannten Detmolder Fotografen Ulrich Heinemann die 99 Grabsteine mit Zustimmung der Jüdischen Gemeinde Herford-Detmold ablichten lassen.

Die schwierigen hebräischen Texte wurden im Auftrag der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Lippe e.V. von Nathanja Hüttenmeister, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Salomon Ludwig Steinheim-Institutes für deutsch-jüdische Geschichte e.V. in Essen, fachkundig übersetzt und teilweise erläutert. Jeder Stein erzählt seine individuelle Geschichte. Die Übersetzungen hat die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Lippe e.V. auf ihrer Internetseite - www.gfcjz-lippe.de - veröffentlicht. Die Ausstellung präsentiert ausgewählte Fotografien.


Veranstaltung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Lippe e.V. in Kooperation mit der Stadt Detmold.

www.gfcjz-lippe.de

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Lippische Landes-Zeitung, 06.12.2017:

Ein Stück Holz erzählt eine spannende Geschichte

Lippische Mitteilungen: Der Naturwissenschaftliche und Historische Verein stellt einen neuen Band vor / Darin geht es unter anderem um eine Synagoge in Detmold, die durch Zufall wiederentdeckt worden ist / Das ist aus Sicht der Forscher eine Sensation

Kreis Lippe (sew). Der Eigentümer wollte es abreißen lassen, doch daraus wird nichts. Das Gebäude an der Bruchmauerstraße 37 in Detmold ist zwar verfallen, aber Experten haben von dem Holz eine Probe entnommen und etwas historisch sehr Bedeutsames entdeckt: Es stammt von 1633, und das Gebäude war ein jüdisches Bethaus. Damit befasst sich einer der spannendsten Aufsätze, die in den druckfrischen Lippischen Mitteilungen veröffentlicht worden sind.

Der Naturwissenschaftliche und Historische Verein für das Land Lippe hat den 86. Band im Landesarchiv vorgestellt. Es geht unter anderem um "Keine Stunde Null - Schule und Bildung nach 1945", um die Erdbeben von 1756 und 1767, um Neophyten, also Pflanzen aus anderen Ländern, wie den Riesenbärenklau oder das Indische Springkraut, die einheimische Arten verdrängen - und um das alte Gebäude, dessen Entdeckung Dr. Heinrich Stiewe als "Sensation" bezeichnet. "Es gibt keine schriftlichen Unterlagen, und angesichts der Juden-Vertreibung 1614 hat man lange vermutet, dass es zu der Zeit keine Jüdische Gemeinde in Detmold gab", sagt er. Doch der Fund rücke alles in ein anderes Licht. Fred Kaspar und Peter Barthold haben die Geschichte des Gebäudes erforscht, Auslöser war der Antrag des Eigentümers, der das Haus gern abreißen lassen wollte. "Das ging bis vor das Verwaltungsgericht, das nunmehr bestätigt hat, dass es sich um ein Baudenkmal handelt. Damit darf es nicht abgerissen werden", erklärt Stiewe.

Das Besondere sei, dass einzig die dendrologische Untersuchung, also die Datierung des Alter des Holzes, vorgelegen habe. Die Gebäudestruktur sei später verändert worden. "Eine Geschossdecke gab es nicht, sondern einen offenen Raum mit Empore", erklärt Stiewe. Dass überhaupt ein Bethaus zu der Zeit erbaut worden war, lasse den Schluss zu, dass es eine größere Anzahl jüdischer Bürger in Detmold gegeben hatte. "Mindestens zehn Männer braucht es, um einen jüdischen Gottesdienst abzuhalten, rechnet man die Angehörigen dazu, kommt man schnell auf 50 Leute. Und Detmold hatte damals keine 1.000 Einwohner", sagt Dr. Wolfgang Bender.

Wie es jetzt weitergehe, könne man noch nicht sagen. "Man muss gemeinsam mit der Stadt Detmold entscheiden, wie man diesen Teil der Geschichte bewertet. Es geht nicht um einen kompletten Rückbau, sondern man sollte die unterschiedlichen Einflüsse kenntlich und es öffentlich zugänglich machen. Ein Arbeitskreis könnte dazu Vorschläge erarbeiten", meint Stiewe.

Die Bände

Die Lippischen Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde erscheinen seit 1903. Die Bände bis 2003 sind digitalisiert worden, der Link ist unter www.nhv-lippe.de zu finden. Die Mitglieder des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins bekommen den aktuellen Band 86 kostenlos. Er ist aber auch im Buchhandel für 24 Euro erhältlich, ISBN 978-3-7395-1096-5.

Bildunterschrift: Arbeiten im Team: (von links) Dr. Heinrich Stiewe, Michael Zozmann, Dr. Wolfgang Bender, Dr. Volker Hirsch, Jürgen Scheffler und Dr. Thomas Steinlein zeigen ihr neuestes Werk - die 86. Lippischen Mitteilungen, die auch im Buchhandel erhältlich sind.

13./14.01.2018

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