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Neue Westfälische - Schloß Holte-Stukenbrock , 17.10.2017 :

Vergesst die Kinder nicht

Geraubt: Bis zu 200.000 Mädchen und Jungen aus Europa werden von den Nazis in Erziehungsanstalten verschleppt, sollen "eingedeutscht" werden / Einige überleben nicht

Von Kristoffer Fillies

Schloß Holte-Stukenbrock. "Zu den schlimmsten Verbrechen, die Menschen anderen Menschen antun, gehört es, wenn man ihnen die Kinder raubt", sagt Christoph Schwarz. "Die Nazis haben dieses Verbrechen zehntausendfach auf ihren Raubzügen durch Europa getan." Damit diese Kinder - deren Heimat und Familie sie entrissen wurden - nicht vergessen werden, hat der Freiburger Lehrer Christoph Schwarz 2013 den Verein "Geraubte Kinder, Vergessene Opfer" gegründet. Zum Vortrag in der Dokumentationsstätte Stalag 326 auf dem heutigen Gelände der Polizeischule in der Senne brachte er einige dieser Leidensgeschichten mit.

Zum Beispiel die Kindheit von Kostja Pablowitsch Harelek. Ein Propagandafilm von 1941 zeigt, wie der damalige Reichsführer SS, Heinrich Himmler, den Jungen auf einer Inspektionsreise in Weißrussland zur "Eindeutschung" auswählt. Kostja wird nach Deutschland verschleppt, und in einer "Nationalpolitischen Erziehungsanstalt" assimiliert. Er erhält den Namen Konstantin Gerelek, und jedes halbe Jahr lässt sich Himmler über die Entwicklung des Kindes unterrichten.

Himmler ging davon aus, dass vereinzelt nordisches Blut auch in den Adern feindlicher Völker fließe. Deshalb, so führte er in zahlreichen Reden aus, habe es oberste Priorität, "rassisch wertvolle Blutsträger" auch aus den besetzten Gebieten im Osten Europas "herauszusieben".

Unter den bis zu 200.000 geraubten Kindern aus Polen, Norwegen oder der damaligen Sowjetunion waren einige dabei, die sich gegen die Arisierung wehrten. "Die kamen dann gleich ins KZ, viele sind dort getötet worden", sagt Referent Schwarz. Jedes geraubte Kind wurde vor der Eindeutschung von Ärzten und Psychologen untersucht. "Die Jungen und Mädchen, bei denen eine Erbkrankheit festgestellt wurde oder die aus anderen Gründen nicht passten, wurden aussortiert und kamen in Verwahrlager." Auch dort starben mehrere hundert Kinder und Jugendliche an den schlechten Bedingungen und der Zwangsarbeit.

Christoph Schwarz erzählt die Leidensgeschichten der Opfer. Aber auch von den Taten der Täter. "Der Nazi-Arzt Fritz Cropp, der an der Selektierung der Kinder und an der Euthanasie mitwirkte, und wegen seiner Karriere in der NS-Zeit nach Ende des Krieges vom Landesentnazifizierungsausschuss in Oldenburg als "politisch nicht tragbar" eingestuft wurde, hat bis zu seinem Lebensende eine stattliche Ministerialbeamten-Pension erhalten." Zur Verantwortung sei er nicht gezogen worden, so Schwarz.

Von Kostja Pablowitsch Harelek verliert sich die Spur nach 1944. "Vielleicht ist er gestorben, vielleicht lebt er heute noch und schweigt", sagt Schwarz. "Viele der geraubten Kinder haben lange Zeit geschwiegen oder schweigen noch immer. Andere waren zu jung und wissen gar nicht, dass sie geraubt wurden. Wir vom Verein versuchen, diese Menschen zu finden. Damit ihre Geschichten nicht vergessen werden."

www.geraubte-kinder.de

Mehr Raum für das Erinnern

Das Konzept für eine neue Ausstellung zu Kinder im Stalag 326 soll Ende des Jahres stehen.

An dem Projekt arbeiten die Historiker und Dokumentationsstätten-Mitarbeiter Oliver Nickel, Jens Hecker und Victoria Evers.

Für 2018 müsse dann der geeignete Raum für die Ausstellung gefunden werden, sagt Historiker Jens Hecker.

Überlegungen zu diesem Ort seien derzeit noch nicht spruchreif. Es bedürfe aber der finanziellen Hilfe des Landes NRW.

Bildunterschrift: Vor der Dokumentationsstätte: Der Historiker Jens Hecker (l.) hält ein Plakat mit Infos zur Leidensgeschichte des Jungen Nikolaj Monaschko, der im Stammlager 326 interniert war. Christoph Schwarz kennt die Erfahrungen geraubter Kinder in der NS-Zeit.


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