www.hiergeblieben.de

Neue Westfälische - Schloß Holte-Stukenbrock , 14.09.2017 :

Handstock erzählt vom Soldatenleben

Historie: Es handelt sich um feinste Handwerkskunst, die Teil einer neuen Ausstellung werden soll / Weil es sich um ein Stück aus der NS-Zeit handelt, war es lange in einem Keller verschwunden

Von Sabine Kubendorff

Schloß Holte-Stukenbrock. Leningrad, Sablino, Saizewo, Kaitolowo, Kowrowo. Stationen eines Schloß Holters, der für Hitler im Russlandfeldzug kämpfen musste, überlebt hat und noch vor Kriegsende in die Heimat zurückkehren konnte. Das alles und noch viel mehr erzählt ein Handstock aus Holz, in den die Städtenamen eingraviert sind. Feinste Handwerkskunst. Wenn es nach Heimatforscher Günter Potthoff geht, müsste er in der neuen Ausstellung der Gedenkstätte Stalag 326 gezeigt werden.

Der Handstock hat fast 70 Jahre lang in einem Keller gelegen, bis sich eine 95 Jahre alte Schloß Holterin entschlossen hat, sie Günter Potthoff zu geben. Er sammelt seit Jahrzehnten Material aller Art über das Lager für sowjetische Kriegsgefangene, das Stalag 326 in Stukenbrock-Senne. Der Handstock wurde von einem der Kriegsgefangenen geschnitzt.

Das hat die alte Dame Günter Potthoff erzählt. Und dass sie begonnen habe, den Keller in ihrem Haus unweit des Holter Schlosses aufzuräumen, weil sie wohl nicht mehr lange leben werde. Sie starb vier Wochen nach dem Gespräch.

Den Handstock hatte Potthoff seinerzeit der Gedenkstätte als Leihgabe überlassen und jetzt aber vorübergehend zurückbekommen mit der Bitte, mehr über die Bedeutung der unbekannten Städtenamen herauszufinden. "Kein Problem", sagt Günter Potthoff. "Ich hatte gerade Besuch aus Weißrussland."

Das hat die Recherche ergeben:

Sablino ist der Name einer Eisenbahnstation am Fluss Sablinka.

Saizewo, das ist ein weit verbreiteter Name. Es gibt mehr als 40 Dörfer und Siedlungen, die so heißen, unter anderem nahe Leningrad und Kaliningrad.

Kaitolowo war ein Dorf im Gebiet von Leningrad, das 1942 im Krieg vernichtet und nicht wieder aufgebaut wurde.

Kowrowo ist ebenfalls ein weit verbreiteter Name. Unter anderem gibt es eine Siedlung im Gebiet von Leningrad und ein Dorf nahe Moskau.

Über den Namen und direkt unter dem Griff des Handstocks ist der Reichsadler mit Hakenkreuz eingraviert. Das ist wohl der Grund, weshalb er so lange im Keller verborgen blieb.

Der sowjetische Kriegsgefangene, der ihn vor mehr als 70 Jahren schnitzte, hatte damals in der Holter Eisenhütte direkt gegenüber dem Schloss zusammen mit etwa 50 anderen Soldaten Zwangsarbeit geleistet.

Aufruf: Alteingesessene sollen nach Material aus und über Stalag suchen

Sie alle nutzten damals ihre schmale Freizeit, um bei Privatleuten zu arbeiten und mit Lebensmitteln entlohnt zu werden. Die alte Dame, die Günter Potthoff den Handstock überlassen hat, berichtete damals, dass jener ein Graubrot gekostet habe. Ein Brot aus der Backstube von August Barlmeyer, der im heutigen Holter Schloßkrug sein Geschäft hatte.

Der Handstock ist durchaus eine Besonderheit. Es seien, so Potthoff, ansonsten hauptsächlich Strohkästchen, die handwerklich wie künstlerisch begabte Kriegsgefangene gefertigt hatten und zum Teil heute in der aktuellen Ausstellung der Gedenkstätte in Stukenbrock-Senne zu sehen sind.

Diese Ausstellung, die "eine sehr kurze Übersicht über die Geschichte des Lagers" gibt, wie es der Geschäftsführer der Gedenkstätte, Oliver Nickel, formuliert, wird derzeit neu konzipiert. Sie soll größer werden mit mehreren Schwerpunkten und auch die Nachkriegsgeschichte umfassen. Details will Oliver Nickel aber nicht preisgeben. Fest stehe aber, sagt der Geschäftsführer, dass bis zur Umsetzung der Konzeption noch Jahre vergehen könnten.

Dessen ungeachtet setzt sich Heimatforscher Günter Potthoff dafür ein, dass alteingesessene Schloß Holte-Stukenbrocker der Gedenkstätte Material zur Verfügung stellen sollen. Dabei muss es sich nicht zwingend um ein so wertvolles Stück wie den Handstock handeln. Wichtig sind auch Briefe und Fotos, gerne auch Tonbandaufnahmen mit festgehaltenen Erinnerungen an die Zeit zwischen 1941 und 1945.

Es müsste auch noch allerhand Material aus der so genannten Löffelwerkstatt geben, die im Stalag eingerichtet gewesen ist (siehe Zusatztext).

Material für die Gedenkstätte sammele er gerne, sagt Günter Potthoff. Er ist in seinem Haus an der Mergelheide erreichbar unter Tel. (05207) 8395.

Bericht eines Zeitzeugen

Dimitrij Pawlowitsch Orlow war am 9. Oktober 1942 im Kaukasus in deutsche Gefangenschaft geraten. Zwei Monate später kam er in Stukenbrock-Senne an. Im Stalag 326 arbeitete der Künstler in der so genannten Löffelwerkstatt, die aber eigentlich eine Werkstatt war, in der nach Entwürfen von Dimitrij Orlow kunstvoll gearbeitete Geschenkartikel hergestellt wurden. "Die verkaufte das Wachpersonal dann, um sich zu bereichern", sagte Orlow 2005 in einem Interview mit der Neuen Westfälischen. "Wir schmuggelten heimlich einiges nach draußen. Diejenigen, die auf Höfen außerhalb des Lagers arbeiteten, tauschten das bei den Bauern gegen Kartoffeln und Brot, so dass wir etwas zu essen hatten. Das ist sicherlich der Grund, warum wir am Leben geblieben sind. Die Gefangenen, die erwischt wurden, prügelte das Wachpersonal bis zum Tode." Dimitrij Orlow, den eine enge Freundschaft mit Heimatforscher Günter Potthoff verband, verstarb im Alter von 102 Jahren am 21. Oktober 2010 in Moskau.

Bildunterschrift: Seltenes Stück: Günter Potthoff zeigt den mehr als 70 Jahre alten Handstock, in den nicht nur kunstvoll Muster geschnitzt wurden, sondern auch Städtenamen.

Bildunterschrift: Nazi-Symbol: Direkt unter dem Griff des Handstocks, den ein russischer Kriegsgefangener geschnitzt hat, findet sich der Reichsadler mit Hakenkreuz. Der Soldat hatte als Entlohnung ein Graubrot bekommen.


zurück