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Herforder Kreisblatt / Westfalen-Blatt ,
12.03.2010 :
"Ich empfinde große Freude und Dankbarkeit" / Synagogen-Einweihung am Sonntag: Interview mit Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden
Herford (HK). Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Dr. Charlotte Knobloch, nimmt am Sonntag an den Einweihungsfeierlichkeiten in der neuen Synagoge teil. Sie empfinde bei einem derartigen Anlass Freude und Dankbarkeit, sagt die 77-Jährige im Interview mit dem Herforder Kreisblatt. Die Fragen stellte Hartmut Horstmann.
Der Neubau der Herforder Synagoge wurde notwendig, weil das alte Gebetshaus zu klein geworden war. Lässt sich das Wiedererstarken der Jüdischen Gemeinde in Herford-Detmold auf ganz Deutschland übertragen?
Charlotte Knobloch: Ja. Die Jüdische Gemeinde in Herford ist auch ein gutes Beispiel für die Renaissance des Judentums in ganz Deutschland. Vielerorts wurden in den vergangenen Jahren Synagogen und Gemeindezentren eingeweiht, die dank der Zuwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion notwendig wurden.
Vor einigen Wochen war die jüdische Autorin Margot Friedlander zu Gast in Herford. Die 88-Jährige kehrt nach mehr als sechs Jahrzehnten in der Emigration nach Deutschland zurück, sie sagte beim Besuch der Synagogen-Baustelle: "Es ist schön zu sehen, dass hier etwas entsteht." Was empfinden Sie, wenn Sie eine Synagoge einweihen?
Charlotte Knobloch: Ich habe erlebt, wie im Nationalsozialismus Synagogen brannten und jüdisches Leben ausgelöscht werden sollte. Umso mehr empfinde ich heute bei jeder Synagoge, die in diesem Land eingeweiht wird, eine große Freude und Dankbarkeit.
Wie sieht der Kontakt zwischen dem Zentralrat der Juden und den einzelnen Gemeinden aus? Sind Sie zum Beispiel stets über die Entwicklungen in Herford informiert?
Charlotte Knobloch: Ich besuche viele Gemeinden, pflege mit Interesse einen engen Kontakt und informiere mich über die wichtigsten Entwicklungen. Sie dürfen aber auch nicht vergessen, dass dies bei 107 Gemeinden in Deutschland eine große Herausforderung ist.
Jüdisches Leben soll wieder blühen. Glauben Sie, dass der positive Wert der jüdischen Kultur in Deutschland mittlerweile angemessen erkannt wird? Oder wird jüdisches Leben nach dem Holocaust in vielen Fällen immer noch zu sehr auf die Opferperspektive reduziert?
Charlotte Knobloch: Jüdisches Leben wird heute in seiner Vielfalt betrachtet - ob kulturell, religiös oder in Bezug auf die Geschichte. So bringt die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft Kulturveranstaltungen und Synagogenführungen großes Interesse entgegen. Trotz aller Euphorie darf aber die Erinnerungsarbeit nicht in den Hintergrund treten. Es geht dabei nicht um eine Opferperspektive, sondern darum, dass die Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden.
Blicken wir einmal 100 Jahre in die Zukunft: Kann das Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden in Deutschland jemals frei von Verkrampfungen sein?
Charlotte Knobloch: Ich hoffe natürlich, dass sich in Zukunft Juden und Nichtjuden noch offener begegnen werden. Die Voraussetzung dafür ist allerdings die Bereitschaft, bestehende Berührungsängste oder Vorurteile abzubauen und verantwortungsbewusst aufeinander zuzugehen.
Ein Indiz für die besondere Situation jüdischen Lebens in Deutschland sind stets die hohen Sicherheitsvorkehrungen in Synagogen (z. B. Fenster aus schusssicherem Glas). Sind diese eine Normalität, an die Sie sich gewöhnt haben? Oder erschrecken Sie manchmal, dass die Sicherheitsmaßnahmen überhaupt notwendig sind?
Charlotte Knobloch: Besondere Sicherheitsvorkehrungen sind aufgrund des latenten Antisemitismus, insbesondere in rechtsextremen und islamistischen Kreisen, auch heute noch vonnöten - auch wenn ich mir eine andere Realität wünsche würde.
Sie wollen nicht noch einmal für das Amt der Präsidentin des Zentralrats der Juden kandidieren. Was erwarten Sie von einem Generationswechsel?
Charlotte Knobloch: Ich erwarte mir auch nach meiner regulären Amtszeit, die im Herbst ausläuft, dass der Zentralrat seine Kernaufgaben wie die Integration der Zuwanderer, die Verständigung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bürgern sowie den Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus weiterhin verfolgen wird.
Bildunterschrift: Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, kommt am Sonntag nach Herford, um an der Einweihung der neuen Synagoge teilzunehmen (das HK berichtete gestern ausführlich). Bei einer Einweihung empfinde sie Dank, sagt die 77-Jährige: "Denn ich habe erlebt, wie im Nationalsozialismus Synagogen brannten und jüdisches Leben ausgelöscht werden sollte."
herford@westfalen-blatt.de
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