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Westfälisches Volksblatt / Westfalen-Blatt , 18.01.2006 :

Stolpersteine als Mahnung / Diskussion in Altenbeken über Gedenktafel

Zur Diskussion in Altenbeken über die Gedenktafel, die an das Schicksal der jüdischen Familie Ikenberg erinnern soll, schlägt dieser Leser für die anstehende Diskussion im Hauptausschuss am 19. Januar so genannte "Stolpersteine" vor. Eine entsprechende Anregung liegt auch dem Hauptausschuss vor.

Auf dem "Stolperstein" bekommt das Opfer seinen Namen wieder, jedes Opfer erhält einen eigenen Stein. Seine Identität und sein Schicksal sind ablesbar. Durch die persönliche Erinnerung an den Menschen, vor dem Haus, in dem er bis zur Deportation gewohnt hat, wird das Nichtvergessen konkret in unseren Alltag geholt.

Gunter Demnig hatte zu Beginn seines Projektes in den 1990er Jahren die Vorstellung, dass die Steine durch das Begehen immer wieder blank poliert werden und damit die Erinnerung jedes Mal neu aufgefrischt wird. Die Erfahrung zeigte jedoch, dass in kleineren Straßen die Leute nicht so häufig auf die Stolpersteine treten. Womöglich taucht dabei der ungewollte Gedanke an einen kleinen Grabstein auf, zumal es für die meisten Opfer keine Grabsteine gibt. Wenn der Stein nicht oft begangen wird, beginnt das Metall zu oxydieren und es bildet sich eine erst bräunliche, dann fast schwarze Schutzschicht. Allerdings bleibt die Schrift trotzdem gut lesbar.

In der jüdischen Philosophie gibt es eine Verbindung zwischen Begehen und Lesen, über die der französische Professor für Philosophiegeschichte Jacques Derrida in seinem Buch "Die Schrift und die Differenz" schreibt. Der 1930 geborene und 2004 verstorbene Philosoph war Sohn einer jüdischen Familie, dem entsprechend einer Verordnung des Vichy-Regimes der Schulbesuch untersagt wurde. Die antisemitischen Diskriminierungen und Repressionen gruben sich tief in das Denken Derridas ein, und Spuren davon sind in vielen seiner Schriften zu finden.

Wir alle kennen Denkmäler und Gedenktafeln für bekannte Persönlichkeiten, aber es ist ungewöhnlich, kleine Gedenksteine auf dem Pflaster vorzufinden, zu unseren Füßen, und ihre Entdeckung löst Irritationen aus. Plötzlich fühlt man sich in eine andere, vergangene Zeit versetzt, wird mit ihr konfrontiert. Die meisten Menschen blicken eher auf den Boden als an einer Hauswand empor, an der eine Tafel angebracht ist. Die Steine geraten so in den Blick der Vorübergehenden. Dazu kommt der Aspekt des Begehens und des Lesens. Die Irritation des Ungewohnten wird noch verstärkt.

Das Argument der Gegner der Stolpersteine, man trete auf einen Menschen herum, hat der Zentralrat der Juden in Deutschland dadurch restlos entkräftet, dass er im letzten Jahr u.a. Gunter Demnig mit dem "German Jewish History Award" ehrte. Diese Auszeichnung wird von der amerikanischen "Obermayer Foundation" für Nichtjuden gestiftet und im Berliner Abgeordnetenhaus übergeben.

Im Übrigen wurden bereits in den Nachbarstädten Höxter, Gütersloh und Bielefeld Stolpersteine verlegt, die jeder Interessierte dort in Augenschein nehmen kann.

Hans-Josef Schäfers
Heistermannweg 14
Altenbeken


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