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Lippische Landes-Zeitung ,
14.01.2006 :
Als Captain Goldsmith kommandierte / Barntruper Chronist August Marxmeier übersetzte jetzt Augenzeugenbericht vom 4. April 1945
Barntrup. Täglich wartet August Marxmeier auf Post. Über jeden Brief freut sich der 83-Jährige - und nur selten geht er leer aus. Seit mehr als zehn Jahren widmet sich Marxmeier der Chronik seines Heimatortes Barntrup. Jetzt übersetzte er historische Dokumente aus der amerikanischen Besatzungszeit ins Hochdeutsche. Aufzeichnungen des Zeitzeugen Hans Hartten, die bis zum Sommer 2005 in Bremerhaven lagerten.
Was sich am Mittwoch, 4. April, vor 61 Jahren in Barntrup abspielte, kann August Marxmeier nicht aus eigener Perspektive berichten. "Als die Amerikaner einmarschiert sind, war ich noch im Ruhrkessel", erinnert sich der Pensionär.
Bei seiner Rückkehr in den Südosten Lippes, am 20. April 1945, bot sich dem damaligen Soldaten kein schöner Anblick. "Durch den Bombenangriff auf Barntrup war alles zerstört", blickt er zurück. Acht Tage später habe er vom amerikanischen Captain James E. Goldsmith die offizielle Arbeitsgenehmigung erhalten, als Kassenleiter des Barntruper Rathauses zu arbeiten. "Ich war damals einer der wenigen Männer, die schon zurück gekehrt waren", erzählt Marxmeier. "Leutnant Grote und ich brauchten zehn Tage, um von der Ruhr nach Lippe zurückzukehren. Wir haben uns auf unserem Weg überwiegend in Wäldern aufgehalten."
Heute sagt August Marxmeier: "Ich musste, nachdem ich den überraschenden Brief von Hannelore Molkentin aus Bremerhaven erhalten hatte, einfach noch mal 60 Jahre zurück blenden." Die inzwischen über 70 Jahre alte Dame hatte dem Barntruper Chronisten 30 Seiten lange Augenzeugenberichte ihres Großvaters Hans Hartten - in altdeutscher Sprache verfasst - übersandt. "Ich habe sie komplett ins Hochdeutsche übersetzt, um alle Zweifel über den genauen Einmarsch zu beseitigen."
Hartten und seine Ehefrau waren Anfang des 2. Weltkriegs von Bremerhaven nach Barn-trup gekommen und hatten zusammen mit ihrer Tochter, der Hausdame Hanny Hartten in der Villa des Fabrikanten und Generals Walter Steneberg gelebt. Nach Stenebergs Tod im Jahr 1945 suchten sich die drei Norddeutschen ein neues Zuhause in Barntrup und kehrten erst zehn Jahre später in ihre Heimatstadt Bremerhaven zurück.
Hans Hartten schrieb in seinen Erinnerungen: "Ich hörte am Mittwochmorgen, dass sich die Kämpfe immer mehr unserem Ort näherten. Barntrup sollte verteidigt werden, wie der kommandierende General Steneberg gesagt hatte ...
Dabei waren zum Schutz des Ortes nur 80 Mann vorhanden, die übrigen Truppen lagen in den umliegenden Wäldern, in denen noch tagelang geschossen wurde, was aber den Vormarsch nicht aufgehalten hat. . .
Nach dem Essen kam das Kampfgetöse näher, und wir gingen in den Keller. Da aus den Nachbarhäusern noch Leute hinzu kamen, waren wir 24 Personen ... Die Verteidigung von Barntrup ist so beweglich geführt worden, dass wir sehr wenig davon gemerkt haben. Die US-Panzer rollten durch die Hauptstraßen ... Wir haben auch 5 Schüsse abbekommen, die bis ins Treppenhaus, Esszimmer und in den Wintergarten durchgegangen sind ...
Sie rollten auf den Straßen nach Hameln und Rinteln weiter ... Um 16.30 Uhr am 4. April war die Eroberung vollendet und wir konnten unseren Keller wieder verlassen ...
Die nächsten Tage haben nun viel Aufregung gebracht. Der Durchzug hält noch ununterbrochen an. Fußtruppen scheinen die USA überhaupt nicht zu haben, alles ist motorisiert. Alle paar Tage werden einzelne Häuser als Quartiere beschlagnahmt ...
Herr Steneberg verhandelte täglich mit der Besatzungsmacht und mit dem Bürgermeister Johmann ... Steneberg ist am 19. April an einem Herzschlag gestorben."
"Erinnerungen für Nachwelt verwahren"
August Marxmeier
Einen Tag später kehrte August Marxmeier nach Barntrup zurück. Sein Berufsleben verbrachte er im Rathaus, war mehrere Jahre stellvertretender Stadtdirektor. "Jetzt möchte ich die Erinnerungen an den 4. April 1945 für die Nachwelt verwahren", sagt er. Vielleicht erhält der 83-Jährige in nächster Zeit noch mehr historische Post in gleicher Angelegenheit.
14./15.01.2006
Blomberg@lz-online.de
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