www.hiergeblieben.de

Lippische Landes-Zeitung , 13.01.2006 :

Opfern ein Gesicht gegeben / Gustav Glitt stellte sein Buch "Stadtrundgang - Geschichte der Juden in Lage vor"

Lage (be). Auf den ersten Blick haben die Juden, die früher hier lebten, im Stadtbild kaum Spuren hinterlassen. Nur der jüdische Friedhof an der Flurstraße und eine Gedenktafel an der Friedrichstraße erinnern an ihre einstiges Existenz. Dass es aber weitaus mehr Zeugnisse jüdischen Lebens gibt, zeigt das Buch von Gustav Glitt mit dem Titel "Stadtrundgang - Geschichte der Juden in Lage".

Gestern stellte es der Autor, Mitbegründer des Arbeitskreises Stadtgeschichte im Ortsverband Lage des Lippischen Heimatbundes, vor. Mit dabei neben dem Vorsitzenden Manfred Sieker auch Pastor Martin Hankemeier. Hankemeier war 23 Jahre Gemeindepfarrer in Lage und dokumentiert seit langem Schicksale und Geschichte der Lagenser Juden. Zusammen mit Stadtarchivarin Christina Pohl steuerte er viele wichtige inhaltliche Impulse zu dem Buch bei.

"Im Grunde war es Pastor Hankemeier, der mich aufforderte, die Stationen aufzuzeigen, an denen früher jüdisches Leben in Lage anzutreffen war", sagte Glitt. Von heute auf morgen war sein Werk aber nicht zu vollenden. Unterbrochen von einer längeren Krankheit konnte der 75-Jährige erst nach gut vier Jahren intensiver Arbeit das Manuskript der Druckerei übergeben. Er dankte in diesem Zusammenhang seiner Ehefrau Lilo und der Tochter Susanne Tepper für ihr Verständnis während der Arbeit für das Buch. Das Familienleben habe er in der Zeit des Schreibens doch sehr vernachlässigen müssen. "Manchmal sagten sie: Der Opa spinnt ja", so Glitt schmunzelnd, der seine ganze Kraft in die Veröffentlichung steckte.

Einen besonderen Dank richtete Glitt an Christina Pohl, die ihm mit manchem Tipp weitergeholfen und die Intention des Buches in ihrem Vorwort treffend zusammengefasst habe: "Mit diesem Rundgang kehren die Menschen, die hier einst lebten, hier aber nicht weiterleben konnten, in die Geschichte unserer Stadt zurück. Er nennt ihre Namen, zeigt ihre Häuser, Wohnungen oder Geschäfte, entreißt sie der Anonymität, gibt ihnen ein Gesicht."

Erstmals werden die jüdische Schule und die Synagoge an der Friedrichstraße 22 mit Fotomontagen so gezeigt, wie sie ursprünglich ohne Zerstörungs- und Abrissspuren ausgesehen haben. Ein gefalteter Übersichtsplan, der gleichzeitig als Markierungshilfe gedacht ist, erleichtert das Auffinden der Stationen und bietet die Möglichkeit, Abkürzungen zu nutzen. Etwas außerhalb liegende Stationen können auch bequem mit dem Fahrrad aufgesucht werden. Im Anhang wird auch auf jüdisches Leben in den Ortsteilen hingewiesen. Aus Waddenhausen und Kachtenhausen sind Übergriffe auf Juden während der Nazi-Diktatur überliefert. Außerdem zeigt Glitt in seinem reich bebilderten Buch Fakten über die Verfolgung von Juden bis zum Holocaust auf.

"Das Schwierigste war das Kürzen"
Gustav Glitt

Der 21 bisher bekannten KZ-Opfer aus Lage soll auf Betreiben von Martin Hankemeier und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe mit einer Stele im Friedenspark gedacht werden. Überlegt werden soll noch, ob dem Wunsch zur Ausgestaltung des Stadtrundgangs mit aufrecht stehenden Granitbordsteinen Rechnung getragen wird. Durch die Steine erhalten Passanten Hinweise auf ein bestimmtes Haus oder einen bestimmten Platz.

"Das Schwierigste war das Kürzen", entsinnt sich Gustav Glitt. Am Ende hatte er so viel Material zusammengetragen, dass er Probleme bekam, alles auf den 108 Seiten unterzubringen. Sein Buch kostet fünf Euro und ist freitags von 10 bis 12 Uhr in der Geschäftsstelle des Lagenser Heimatbundes (Altes Gefängnis) am Plass zu erhalten.


Lage@lz-online.de

zurück