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Lippische Landes-Zeitung ,
12.01.2006 :
(Detmold) Gedenken durch Erinnerung / Leopoldinum thematisiert nationalsozialistische Verbrechen auf indirekte Art
Detmold (der). Bei der zentralen Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus werden die Schüler des Leopoldinums am 27. Januar den Fokus nicht primär auf die Verbrechen der Jahre 1933 bis 1945 richten. In dem Gymnasium, in dem um 17 Uhr eine Gedenkfeier mit szenischen Darstellungen, Ausstellungen und Installationen beginnt, wird der Prozess des Erinnerns und des daraus resultierenden Veränderns selbst schwerpunktmäßig thematisiert.
Karsten Lämmchen, Fachlehrer für Geschichte und Religion, erarbeitet seit November mit einer jahrgangsübergreifenden Schülergruppe des Leopoldinums ein chronologisch dreigeteiltes szenisches Spiel. Geprobt wird seit den Weihnachtsferien. Die Jugendlichen hätten mit ihren Texten das Erinnern in der Vergangenheit, der Gegenwart, aber auch in der Zukunft beschrieben, eröffnet der Pädagoge.
Dass die Phase der Vergangenheit nicht bis in die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft zurückreicht, deutet die konzeptionelle Ausrichtung der Darstellungen wie der gesamten Gedenkfeier an. "Es ging uns um die Zeit des Erinnerns nach den Ereignissen bis 1945. Wir wollten beschreiben, welche Bedeutung die Themen Faschismus, Nationalsozialismus und Völkermord nach '45 in der Erinnerung besaßen", erklärt Karsten Lämmchen. So beginnt die Vergangenheit des Spiels 1945 und reicht bis 1989. Protagonisten der Epochen treten auf: Trümmerfrauen, 68er-Studenten und schließlich die wiedervereinten Deutschen des 9. November.
Schülerin Friederike Adamitz, die auf der Bühne pantomimisch die Veränderung verkörperlicht, spricht über Erfahrungen während der Proben: "Mir war bislang nicht so klar, dass der 9. November eine Art Konkurrenzkampf darstellt: Sollen wir uns freuen, sollen wir gedenken?" In der Gegenwart erinnern sich Täter, Privatmensch, Opportunist, Spätgeborene, Opfer, Widerstandskämpfer, und schließlich spricht die Zukunft von Aufbruch und Veränderung.
Erinnerung findet im Leopoldinum am 27. Januar indes nicht allein auf der Bühne, sondern auch in Ausstellungen und Installationen statt. Unter anderem werden Schüler des Literaturkurses von Anja Schalow in Kooperation mit Teilnehmern des Berufsgrundschuljahres am Felix-Fechenbach-Berufskolleg, die das handwerkliche Know-how beisteuern, zwei Schulräume für die Ausstellung "Was ist Erinnern? Perspektiven des Erinnerns" umbauen.
Die radikalste, weil wohl abstrakteste Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Erinnern beschreibt Schüler Jonatan Missfeldt. In dem Raum, dessen Modell er gestern zusammen mit der Schülerin Magareta Nieling vorstellte, können Besucher ihre Gedanken auf Folien schreiben und an Wände heften. Allein, lesbar sind die Worte dort nicht. So wird der Prozess des Schreibens zu einem unmittelbaren Vehikel des Erinnerns - abstrakt, weil das Schreiben dabei mitnichten dem Zwecke der Veröffentlichung dient. "Die Schrecklichkeit der Ereignisse ist nicht mehr kommunizierbar, und wir wollen den Besucher in den Vordergrund stellen", sagt Jonatan Missfeldt. Der Raum sei ein Experiment.
Die zentrale Gedenkveranstaltung ist Teil eines Programms, das am 25. Januar mit einer Ausstellung im Landesarchiv beginnt. Über weitere Veranstaltungen wird die LZ in den kommenden Tagen berichten.
Detmold@lz-online.de
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