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Westfälisches Volksblatt / Westfalen-Blatt ,
11.01.2006 :
(Büren) Das Judentum unter die Lupe genommen / Schüler recherchieren Geschichte
Von Heinz-Peter Manuel
Büren (WV). MP3-Player, angesagte Klamotten, getunte Roller: Die Jugendlichen von heute haben nur noch Konsum im Kopf. So jedenfalls lautet ein weit verbreitetes Vorurteil. Dass es auch ganz anders und ernsthaft geht, haben nun 16- und 17-jährige Schülerinnen und Schüler des Kurses Gesellschaftswissenschaften des Bürener Liebfrauen-Gymnasiums bewiesen, indem sie ernsthaft, engagiert und ausdauernd ein bedrückendes Kapitel deutscher Geschichte unter die Lupe nahmen.
"Das Judentum - seine Geschichte, seine Gebräuche, seine Richtungen allgemein und im Bürener Land": Unter diesem Thema hat die Gruppe nun ihre Recherchen im zweiten Schulhalbjahr 2004/2005 in einer Präsentation auf einer CD zusammen gestellt und gestern zusammen mit Kurslehrer Jürgen Kemper und Schulleiterin Schwester Anneliese Stelzmann der Öffentlichkeit vorgestellt.
Nachdem im ersten Halbjahr der verbindliche Themenkatalog abgearbeitet war, gab Kemper dem Kurs die Möglichkeit, projektbezogen zu arbeiten. Mehrheitlich entschied sich die Gruppe dann für eine Beschäftigung mit dem Judentum. Und die entwickelte sich ganz anders, als es zunächst geplant war - viel intensiver nämlich.
Zunächst arbeiteten sich die Jungen und Mädchen ganz allgemein in die Themenstellung ein: Das Judentum als Religion, die Geschichte im Überblick, verschiedene Arten des Judentums, Verfolgung, Auswanderung, Koscheres Essen, Lebensregeln und Gebetskleidung sind denn auch die ersten Kapitel überschrieben. Doch dann erhielt der Unterricht (drei Wochenstunden) eine ganz eigene Dynamik.
Denn einige Teilnehmer äußerten den Wunsch, konkret in ihren Heimatgemeinden die Geschichte der Juden erforschen zu wollen. Einige Schülerinnen machten überlebende Augenzeugen aus der Zeit von 1933 bis 1945 aus Bad Wünnenberg und Haaren ausfindig, die über ihr persönliches oder das Schicksal anderer Juden berichteten. Andere Schüler stellten aus verschiedenen Materialien, unter anderem aus Zeitungsberichten, das Leben und den Besuch der Bürener Jüdin Frieda Stein in ihrer Heimatstadt Büren zusammen.
Eine besondere Bedeutung kam dabei dem Kontakt zwischen der Schülerin Cornelia Hüser aus Bad Wünnenberg und der überlebenden Jüdin Lottie Salton, geborene Aaronstein, ehemals wohnhaft in Wünnenberg, zu. Der Kontakt, der telefonisch und per Brief mit der heute 82-Jährigen, in New York mit ihrem gerade verstorbenen Ehemann lebenden Frau geführt wurde, zeigt zum einen - per Brief-Interview - das Schicksal Lottie Saltons und ihre Flucht vor dem Nationalsozialisten auf, aber auch das Interesse Frau Saltons daran, dass junge Menschen heute sich mit ihrem und dem Schicksal anderer Juden aus Wünnenberg beschäftigen, es schulisch aufarbeiten und so nicht dem Vergessen anheim fallen lassen wollen.
Dieses Interview, ein weiteres Gespräch mit der Augenzeugin Maria Künsting über die Judenverfolgung in Haaren, eine Begehung und daraus erwachsende Fotodokumentation über die jüdischen Friedhöfe in Bad Wünnenberg, Büren, Haaren und Lichtenau, das Schicksal der Jüdin Frieda Stein aus Büren sowie der Besuch der jüdischen Kultusgemeinde in der Synagoge Paderborn sind die Schwerpunkte des heimatgeschichtlich orientierten Teils des Unterrichtsprojektes, das schließlich in einer Powerpoint-Präsentation zusammen gestellt wurde. Nach gründlicher Überarbeitung und zusätzlicher Illustration durch Fotos und Dokumente haben Katharina Hillebrand, Tatiana Klute und Cornelia Hüser die CD-ROM engültig fertig gestellt.
Und das Projekt stößt bereits auf beachtliches Interesse. So haben zum Beispiel die Heimatvereine Wünnenberg und Haaren angefragt, ob sie die Ergebnisse nutzen dürfen.
redaktion@westfaelisches-volksblatt.de
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