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junge Welt , 11.01.2006 :

Borna als Mekka für Holocaust-Leugner? / Rechte planen Wallfahrtsort mit "Kriegsopfergedenkstätte" / Auch revisionistischer Verlag sollte Räume bekommen

Von Michael Bartsch

"Ein Ort stiller Trauer über die Ahnen" solle die geplante Kriegsopfergedenkstätte im sächsischen Borna werden. Diesen Eindruck versucht zumindest die Familie Limmer aus dem nordrheinischen Meerbusch zu erwecken. Im Vorjahr hatte sie für einen Verein "Gedächtnisstätte" das ehemalige Verwaltungsgebäude des Braunkohlenkombinats in Borna mit einem großen Freigelände gekauft. Nachdem aber rechte Kreise aus dem Rheinland und Holocaust-Leugner als Hintermänner des Vereinsprojekts bekannt wurden und Bürgerproteste aufkamen, zog die Stadt die Baugenehmigung für ein zwölf Meter hohes Metallkreuz zurück. Es wird befürchtet, dass in Borna ein neuer Wallfahrtsort für Alt- und Neonazis entstehen soll. Unklar blieb bislang, wie das Gelände gestaltet und das Gebäude eigentlich genutzt werden sollte.

Dokumente, die junge Welt vorliegen, belegen, daß die Hälfte des Hauses ursprüglich von einem Bremer Verlag genutzt werden sollte. Der Roland-Versand ist als Herausgeber völkisch-pseudoreligiöser und geschichtsrevisionistischer Schriften, zum Beispiel des Holocaust-Leugners David Irving, bekannt. Ihm angeschlossen ist das Archiv der Arndt-Bibliothek, und auch so etwas wie die "Kleine Runenkunde" findet sich im Programm. Ursprünglich frischte Verleger Roland Körner mit seinem Faksimile-Verlag auch Bücher aus dem Faschismus wieder auf, darunter das "Handbuch der Judenfrage" des Antisemiten Theodor Fritsch. Die Denkschrift "Die neue Sicht von Auschwitz" trug Körner zwar einen Prozess ein, der aber lediglich den Einzug der Restauflage zur Folge hatte.

Grundstückskäufer Ludwig Limmer versuchte, Verleger Körner, der stets in Geldnöten steckt, zu helfen und bot ihm 800 Quadratmeter des Bornaer Gebäudes mietfrei an. Über die Beteiligung an den Betriebskosten aber konnte man sich nicht einigen, so dass Körner von Borna abrückte und sich nun in einem billigen Lagergebäude in Frankfurt/Oder niederlassen will. In einem Brief amüsierte er sich nebenbei über den "Spottpreis" von 99.000 Euro, für den die bundeseigene Braunkohle-Verwaltungsgesellschaft LMBV das sanierte Gebäude an die Limmers verschleuderte. Die LMBV soll von den Plänen gewußt haben, hier einen rechten Verlag mit Archiv einzuquartieren.

200 Quadratmeter des Hauses waren außerdem für eine Dokumentation, eine Art Gegenkonzept zur Wehrmachtsausstellung, vorgesehen. Einer Korrespondenz der wegen Volksverhetzung verurteilten Ursula Haverbeck-Wetzel, wichtigste Ideengeberin des Vereins "Gedächtnisstätte", sind Pläne zur Gestaltung der Außenfläche zu entnehmen. Um das riesige Kreuz sollte ein Kreis von Gedenksteinen mit Widmungen plaziert werden. "Es geht um den Geist, den Lebensatem des jeweiligen Gaues, dessen Gedenken wir pflegen, der jeweiligen Opfergruppe", schreibt Haverbeck. Dieser Geist läßt die Gerüchte von Hunderttausenden Toten in Dresden und sechs Millionen "verschwundener" Vertriebener wieder aufleben. Und sie attackiert die bundesdeutsche Gedenkkultur: "Unsere Feinde haben den Heldengedenktag umbenannt in Volkstrauertag."

Im Dezember hatten Landrätin Petra Köpping und Oberbürgermeister Bernd Schröter zugesichert, alles gegen einen möglichen Neonazi-Wallfahrtsort in Borna unternehmen zu wollen. Die LMBV prüft mittlerweile die rechtlichen Möglichkeiten einer Rückabwicklung des Verkaufs.


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