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Mindener Tagebaltt ,
07.01.2006 :
Zweiter Weltkrieg beendete Lebensträume / Hiller Senioren berichten von ihren Berufswünschen und Hoffnungen und was schließlich daraus geworden ist
Hille (is). Eigentlich hatten sie etwas ganz anderes werden wollen. Aber die nationalsozialistische Herrschaft und der Zweite Weltkrieg beendeten ihre Träume, bevor sie überhaupt eine Chance zur Verwirklichung hatten.
Von Ingrid Schütte
Vier Mitglieder des DRK-Altenklubs Hille erinnern sich während ihrer letzten Zusammenkunft im abgelaufenen Jahr an ihre Hoffnungen und Wünsche.
Statt Kunstgewerblerin wurde die junge Vera Braesch BDM-Führerin. Statt eine weitere Schulbildung zu genießen, musste Marie Schütte auf dem Hof arbeiten. Statt die Ausbildung zum Maschinenschlosser zu beenden, wurde Helmut Gerling mit knapp 17 Jahren als Kriegshelfer eingezogen und geriet in Gefangenschaft.
Nur Helene von Behren konnte ihren Wunsch, Zigarrenmacherin zu werden, von Anfang an in die Tat umsetzen. Dafür musste sie einen anderen Traum aufgeben.
Die aus Thüringen stammende Vorsitzende des Hiller Altenklubs, Vera Braesch (87), wollte sich nach dem Abitur in Erfurt zur Kunstgewerblerin ausbilden lassen. In ihrer Schulzeit hatte sie die Voraussetzungen dafür kennen gelernt und erträumte sich diesen Beruf.
Stattdessen machte sie aber "Karriere" als BDM-Führerin, wurde auf Rittergütern eingesetzt, hatte mehrere Mädel und junge Männer unter sich.
Dann kam der Krieg. "Ich wurde als BDM-Führerin ins Verhör genommen und aufgrund meines Vornamens verdächtigt, eine russische Propagandistin zu sein", sagt Vera Braesch.
Schließlich schaffte sie es aber, mit Hilfe einer Ärztin ihre Heimat - gegen ihren ursprünglichen Willen - zu verlassen, und landete mit dem letzten Transport in Bayern.
Helmut Gerling, Jahrgang 1926, war mitten in der Ausbildung zum Maschinenschlosser, als er 1943 zum Arbeitsdienst eingezogen, als Flakhelfer eingesetzt wurde und die Bombardierung Münsters erlebte. "Im darauf folgenden Jahr kam ich zur Wehrmacht, bin in den Osten abkommandiert, dort eingekesselt worden und bis Januar 1949 in Gefangenschaft geraten."
Nach einem Unfall verbrachte er als junger Mann ein halbes Jahr in einem russischen Lazarett. Seine Erinnerungen gehen zurück zu dem Transport per Güterwagen in ein Lager südlich von Moskau - Tod und Entbehrungen als ständige Begleiter.
Friss oder stirb sei, sagt Helmut Gerling, seit dem Wirbelbruch, bei dem ihm niemand hätte helfen können, sein Motto gewesen. "Ein eiserner Wille zu überleben, gab mir Kraft." Bis heute behielt er ihn bei.
Mit knapp 17 Jahren war er eingezogen worden, ein Jahr später schon hinter Gittern. Im Dezember 1949 wurde er entlassen und holte das nach, was er ursprünglich vorgehabt hatte: Er vollendete seine Lehre, sein Berufsleben als Maschinenschlosser begann.
Für Marie Schütte (79) ging ihr Jugendtraum nie in Erfüllung: "Wie gern wäre ich weiter zur Schule gegangen, aber das kam für mich wie für viele andere junge Mädchen damals nicht in Frage." Die Brüder zogen in den Krieg, sie musste auf dem Hof bleiben und dort arbeiten.
Und auch für Helene von Behren gab es im Laufe ihres Lebens einen Wunsch, den sie aufgeben musste. Sie hatte zwar kein Problem, ihr Berufsziel Zigarrenmacherin zu verwirklichen. Und sie gründete auch, wie sie es sich gewünscht hatte, eine Familie, Kinder aber blieben ihr versagt.
Lebensträume hatte auch Pastor Daniel Brüll, Pfarrer in der Kirchengemeinde Hille. Was daraus wurde, berichtet er in der nächsten Woche.
07./08.01.2006
mt@mt-online.de
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