|
Die Glocke ,
03.01.2006 :
Heinz Löwenstein / Jüdischer Kaufmann erster Bürgermeister in Rheda
Von Gerd Daub-Dieckhoff
Rheda-Wiedenbrück (gl). Die Vertreibung der jüdischen Gemeinde in Rheda durch Nationalsozialisten ist eine historisch belegte Tatsache. Was in der Fürstenstadt weniger bekannt sein dürfte, können die lokalen Heimatforscher Jürgen Kindler und Dr. Wolfgang Lewe in aktuellen Untersuchungen belegen: Kurz nach Kriegsende kehrte eine kleine Gruppe jüdischer Bürger, darunter der Kaufmann Heinz Lšwenstein, in die Heimatstadt zurück.
Löwenstein wurde auf Befehl des amerikanischen Stadtkommandanten zum ersten Bürgermeister Rhedas nach dem Zweiten Weltkrieg bestellt. Heinz Löwenstein war mit mehreren Geschwistern von seiner christlichen Mutter, nach dem Abtransport des Vaters ins KZ, bis zum Kriegsende versteckt worden (nachzulesen in einem Buch über die Geschichte der Rhedaer Judengemeinde von Kindler/Lewe, 1988). Als er sich 1945 zum Stadtoberhaupt von Rheda ernannt sah, lag vor ihm eine sehr kurze Amtszeit: Sie dauerte ganze drei Monate. In dieser noch chaotischen Nachkriegsphase wurde ihm von den Amerikanern das Haus Gütersloher Straße 12 (das heutige Restaurant und Cafe "Emshaus") als Amtssitz zugewiesen.
Was in seiner Mini-Amtszeit passiert ist, darüber ist nichts weiter bekannt. Fest steht jedoch, dass Löwenstein und die jüdischen Mitbürger Hugo Brill und Meinhardt Brucholder Monate später als Vertreter einer neuen, indessen sehr kleinen Judengemeinde versuchten, das Landhaus auch als jüdische Kultstätte, als Ersatz für die niedergebrannte Synagoge, zu reklamieren. Der große Kaminraum sollte Betsaal werden.
Dieses Ansinnen führt in einer Stadtverordnetenversammlung im Sommer 1946 zu ersten Gegenreaktionen. Kindler/Lewe recherchierten auch in Akten der Stadt von 1946 und in Protokollen des Gemeinderates Rheda von 1947. Sie dokumentierten: "Da Wohnraum kostbar war, nahm der Verwaltungsausschuss davon Kenntnis, dass die Räumung des Hauses Gütersloher Straße 12 betrieben werden sollte, nachdem neben Löwenstein auch Brucholder mit Familie hier eingezogen war. Der Stadtdirektor selber sollte hier seine Dienstwohnung nehmen, da das Haus von den Amerikanern als städtischer Amtssitz ausgesucht worden war. Wobei Besitzrechte und die Frage, ob die heimische Firma Rawe oder die Stadt Hauseigentümerin waren, völlig ungeklärt blieben. Der Verwaltungsausschuss billigte diese beabsichtigten Maßnahmen.
Ein halbes Jahr lang tat sich in der Wohnungsangelegenheit nichts. Doch am 7. Januar 1947, vor also 59 Jahren, stand sie wieder auf der Tagesordnung des Rhedaer Gemeinderates unter Vorsitz eines Bürgermeisters namens Pohlmann. Letzterer betonte, durch das Abbrennen der Synagoge in der Nazizeit sei der jüdischen Gemeinde "starkes Unrecht" geschehen. Nun sei es "moralische Pflicht der Stadt", bei der Beschaffung einer Kultstätte behilflich zu sein. Ein Betsaal im Haus Gütersloher Straße 12 könne allerdings ohne Zustimmung der Stadtverwaltung aus "wohnungstechnischen Gründen" nicht akzeptiert werden.
In der anschließenden lebhaften Debatte, so lasen Kindler/Lewe im Protokoll nach, sei "allseits der Wille zur Wiedergutmachung zum Ausdruck gebracht worden". Ein Sonderausschuss entstand, der vorschlug, einen Betsaal im Heisingschen Haus am Steinweg oder im Haus Wilhelmstraße 20 (Nolte) zu etablieren. Doch eine einigende Lösung kam nicht in Sicht. Im Haus Gütersloher Straße 12 blieb Meinhardt Brucholder weiter wohnen und wollte den Schlüssel für den als Betsaal benutzten Raum nicht herausrücken. Ein Stadtoberinspektor Strüwer sagte aus, er habe vom jüdischen Landesverband Dortmund erfahren, dass "in Rheda eine jüdische Kultusgemeinde wegen der zu geringen Mitgliederzahl nicht besteht". Er drohte Brucholder mit Zwangsmaßnahmen. Die Betsaal-Entscheidung eskalierte zum Streit.
glocke-online@die-glocke.de
|