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Paderborner Kreiszeitung / Neue Westfälische , 31.12.2005 :

"Wir mussten gewaltig umdenken" / Fünf Paderborner erinnern sich an den Jahreswechsel 1945/46, aber auch an die aufregende Zeit danach

Von Jutta Steinmetz

Paderborn. Denken die fünf Paderborner Josef Neuwöhner (75) und seine vier Freunde Theo Fockele (80), Albert Gellhaus (73), Willi Ahle (76) und Heinrich Schütte (74) an den Jahreswechsel 1945/46 zurück, dann erinnern sie sich nicht an eine rauschende Party. Das Kriegsende lag ja noch nicht lange zurück und die Paderstadt war noch ein einziges Trümmerfeld. Aber die Senioren sind sich einig, wenn sie an die ersten Nachkriegsjahre denken: "Es war eine spannende und aufregende Zeit."

Das Leben hatte sich gewaltig geändert – nicht zuletzt aufgrund der gewaltigen Zerstörungen in der Paderstadt. Für die jungen Männer ging es eigentlich ganz anders weiter als vor dem Krieg geplant. Sicher, Neuwöhner war nach wie vor Lehrling bei den Stadtwerken, zog nun aber vorwiegend als Kabelhelfer durch die Gräben. Denn Paderborn sollte ja recht schnell wieder elektrifiziert werden. Willi Ahle und Heinrich Schütte kehrten aber nicht ins Gymnasium zurück. In den Betrieben ihrer Väter wurde jede Hand gebraucht und das ging einfach vor. Und während Albert Gellhaus in der Handelsschule unter anderem Trockenübungen machen musste, bis endlich funktionstüchtige Schreibmaschinen eintrafen, arbeitete Theo Fockele auf Gut Rosenkranz und dachte intensiv über eine Lehrerausbildung nach.


Nach prall gefülltem Arbeitstag hieß es für die jungen Männer, stets noch mal in die Hände zu spucken. Denn zumeist waren auch die Häuser und Wohnungen ihrer Familien zerstört. Diese wieder aufzubauen war nicht einfach. Es mangelte einfach an allem.

Und so opferte Josef Neuwöhner 14 Tage seines Urlaubs, um während dessen im Steinbruch der Zementwerke zu arbeiten. Als Lohn winkte nämlich nicht Geld, sondern Zement und Kalk – unverzichtbar für die Arbeit am Haus seiner Eltern.

Dann waren da noch die Aufräumarbeiten in der Stadt. Acht Stunden pro Monat mussten männliche Bürger zwischen 16 und 55 Jahren in der Paderstadt Schutt schippen. Dafür gabs dann das Zahlungsmittel Nr. 1 – die begehrte Raucherkarte. Hunger sei während dieser Zeit der ständige Begleiter gewesen, erinnern sich die fünf. Und Willi Ahle weiß noch, wie er sich auf dem Land Kartoffeln für 20 Pfennige zusammenbettelte.

"Wer einen Garten hatte oder Verwandtschaft auf dem Land, der war aus dem Schneider", meint Neuwöhner. Bei den bäuerlichen Familienmitgliedern habe man allerdings als Gegenleistung Hand- und Spanndienste leisten müssen.

"Futtern war das Wichtigste", erläutert Theo Fockele, der damals in der katholischen Jugendbewegung federführend war und so manche Fahrt aufs Land organisierte, "damit die Jungs sich mal richtig satt essen konnten." Klar, dass sich die jungen Männer auch so manchen Trick einfallen ließen. So hätten sie sich durchaus auch mal am Bahnhof eingeschmuggelt, erzählen sie. Dort hielt nämlich die Mission für Heimkehrer warme Mahlzeiten bereit. Die umgefärbten Uniformen, die für viele Paderborner wichtige Bekleidungsstücke waren, boten da vielfältige Möglichkeiten.

1946 trafen dann die ersten Care Pakete aus den USA ein. "Horsemeat", also Pferdefleisch sei auch mal dabei gewesen, berichtet Albert Gellhaus und lacht: "Das war etwas Herrliches." Im gleichen Jahr startete an der Pader auch die Schulspeisung, die "Erbsensuppe mit Bremsklötzen" und "Kakaosuppe" als Highlights bot. "Das Zeug schmeckte prima", schmunzelt Heinrich Schütte.

"Wir waren immer unterwegs", erzählt Josef Neuwöhner. Schließlich wurden schon kurz nach Kriegsende Sportvereine, Berufsverbände und Jugendgruppen wieder aktiv. Auch öffentliche Versammlungen aller Art zogen die jungen Männer fast magisch an. Die Wärmehalle der Caritas im Kaufhaus Klingenthal lockte, aber auch, wie Heinrich Schütte noch genau weiß, die erste Versammlung der kommunistische Partei, die 1946 auf dem Schulhof des Pelizäus-Gymnasiums stattfand.

"Da war was los, da ging man hin", sagt Neuwöhner mit einem schelmischen Lächeln und Theo Fockele ergänzt: "Was wussten wir von Kommunismus?" Woher sie als junge Männer die Zeit ihre zahlreichen Aktivitäten zwischen Arbeit, Aufbau, Kirche und Sport nahmen, wissen die fünf nicht. "Wir haben trotzdem immer Spaß gehabt", sinniert Willi Ahle.

Die Menschen hätten ein gewisses Nachholbedürfnis gehabt, erklärt Theo Fockele. "In der Nazizeit durfte das nicht sein: eine Gruppe, in der sich Menschen trafen und die nichts mit Nationalsozialismus zu tun hatte", weiß er. "Wir mussten gewaltig umdenken, was Demokratie war."


lok-red.paderborn@neue-westfaelische.de

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