Westfälisches Volksblatt ,
02.01.2006 :
Nur Johannes-Nepomuk-Glocke blieb / Drei der vier Hövelhofer Glocken wurden im Kriegsjahr 1942 eingeschmolzen
Hövelhof/Ostenland (WV/spi). In diesem Jahr feiert die katholische Kirchengemeinde St. Johannes Nepomuk Hövelhof das 300-jährige Bestehen. Anlässlich dieses Jubiläums hat sich der pensionierte Lehrer Hubert Schier (71) aus Paderborn, gebürtig aus Hövelhof, mit der Konfiszierung der Kirchenglocken in den Sennegemeinden im Kriegsjahr 1942 befasst. Drei der vier Hövelhofer Glocken wurden damals eingeschmolzen - nur die kleine Johannes-Nepomuk-Glocke blieb an Ort und Stelle.
Schon 1940 hatte Generalfeldmarschall Hermann Göring zur "Metallspende des Deutschen Volkes zum Geburtstag des Führers" aufgerufen, wobei er besonders "großherzigen Spendern" eine Ehrenurkunde in Aussicht stellte. Da im Zweiten Weltkrieg der deutschen Rüstungsindustrie nicht so viel Recourcen zur Verfügung standen, wie die ungeheure Kriegsmaschinerie sie verschlang, ordneten die NS-Behörden an, dass alle Kirchenglocken konfisziert und für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen werden sollten. Nur die jeweils kleinste Glocke eines Geläutes durfte einer Kirche belassen werden.
Wie Hubert Schier berichtet, wurden die Hövelhofer Glocken im März 1942 beschlagnahmt. Vor ihrem Abtransport wurde die größte Glocke an Ort und Stelle mit Vorschlaghämmern zerschlagen. Für die Ministranten jener Zeit war es Ehrensache, ein Stück Glockenbronze als Andenken zu "organisieren". Einige dieser Trophäen wurden über die Jahrzehnte hin bis in die Gegenwart aufbewahrt.
Die übrigen Glocken wurden mit Flaschenzügen beziehungsweise Seilwinden unversehrt vom Turm abgeseilt.
Dem Materialbedarf für die Rüstungsindustrie fiel in Hövelhof auch die in Kupfer getriebene Großplastik "St. Georg" zum Opfer, die das alte Kriegerdenkmal nahe der heutigen Senne-Apotheke zierte. Lange Zeit hindurch lag diese Plastik dann auf dem Schrottplatz eines metallverarbeitenden Betriebes an der Allee.
Bevor in den Kirchengemeinden die Glocken beschlagnahmt und abtransportiert wurden, gab es allerorten ein "Abschiedsläuten". Letztmalig hatten die Menschen Gelegenheit, dem Klang und Zusammenklang der Glocken zu lauschen; beispielsweise in "St. Johannes" Stukenbrock, wo das Abschiedsläuten am 15. März 1942 erfolgte. Die älteste Stukenbrocker Glocke war 1630 gegossen worden.
Mehr Glück hatte die Kirchengemeinde "St. Achatius" in Stukenbrock-Senne. Auch ihre Glocken wurden beschlagnahmt. Da sie jedoch aus Briloner Sonderbronze gegossen waren - vermutlich einer nicht wieder verwertbaren Legierung - blieben sie erhalten. Voller Freude holten Gemeindemitglieder sie im Jahr 1947 aus Lünen heim in ihre Kirche.
Ebenso konnten Vertreter der Pfarrvikarie "St. Joseph" Ostenland am 4, November 1947 ihre Josephs-Glocke aus Lünen zurückholen. Im gleichen Jahr komplettierte die Herz-Jesu-Glocke der Gießerei Junker aus Brilon das Geläute der Ostenländer Kirche.
So weit die Ausführungen von Hubert Schier.
Fotos vom damaligen Abseilen und Abtransport der Hövelhofer Glocken existieren offenbar nicht. Das ergaben Nachfragen des Westfälischen Volksblattes beim langjährigen Ortsheimatpfleger und Chronisten Realschuldirektor a.D. Johannes Buschmeier, bei der Pfarrgemeinde sowie bei Hubert Reddeker, der 35 Jahre Küster in Hövelhof war. Auch eine Liste, aus der hervorgeht, wie alt die eingeschmolzenen Hövelhofer Glocken waren, wie schwer sie waren, auf welchen Ton sie gestimmt waren, wie sie hießen und auf welchen Namen sie gesegnet waren, liegt nicht vor.
Neues Geläut für die Pfarrkirche St. Johannes Nepomuk Hövelhof wurde 1948 angeschafft.
Glocken als Kanonenfutter / Zwei Weltkriege forderten 150.000 Glocken
Auf Glockenbronze hatten es die Militärs schon in früheren Zeiten abgesehen. Napoleon ließ etwa 100.000 Glocken in Kanonen umgießen, die größte Glocke von Notre Dame in Paris wurde sogar mit einer speziellen Glockenzerstörungsmaschine vernichtet.
Kurt Kramer, Glockensachverständiger des Erzbistums Freiburg und Vorsitzender des Beratungsausschusses für das Deutsche Glockenwesen (Karlsruhe), hat nach eingehenden Recherchen festgestellt, dass in den beiden Weltkriegen etwa 150.000 (!) Glocken der Kriegsmaschinerie geopfert werden mussten. Die Nazis wollten die Glocken in Deutschland am liebsten ganz zum Schweigen bringen; nach dem "Endsieg" sollten maximal zwölf Glocken übrig bleiben, die über dem Berliner Reichstag hätten läuten dürfen.
Im Zweiten Weltkrieg waren etwa 45.000 Glocken in Deutschland eingeschmolzen worden, hinzu kamen etwa 35.000 Glocken aus den besetzten Gebieten. Es gab zwar eine Klassifizierung der Glocken nach ihrer historischen Bedeutung - einen wirksamen Schutz für wertvolle alte Glocken bedeutete das allerdings nicht. Allein auf dem "Glockenfriedhof" in Hamburg-Vdeel warteten bei Kriegsende noch weit mehr als 10.000 Glocken auf den Schmelzofen.
redaktion@westfaelisches-volksblatt.de
|