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Mindener Tageblatt ,
31.12.2005 :
Juden unter Beifall abtransportiert / Zahlreiche Familien polnischer Juden müssen am 28. Oktober 1938 Minden für immer verlassen
Minden (y). In einer Deportationswelle am 28. Oktober 1938 wurden die aus Polen stammenden und seit dem Ersten Weltkrieg in Minden lebenden Juden in polnische Lager abgeschoben. Später wurden sie ermordet.
Von Werner Dirks und Kristan Kossack
Isidor Kirschroth machte auf seinem Emigrationsweg von Polen nach England im Frühjahr 1939 eine Kurzvisite bei seinem Onkel Max Ingberg, der als Mindener Reichsbannerführer und Redakteur der hiesigen SPD-Zeitung "Weserwarte" schon 1933 vor den Nazis nach Brüssel geflüchtet war. Über diesen Onkel in Belgien hielt Isidor noch bis Mai 1942 Kontakt mit seiner Familie in Polen. Er erhielt Nachricht, dass das Lager Bentschen/Sbascyn kurz nach Kriegsbeginn aufgelöst wurde.
Isidors Familie, zu der inzwischen auch Bruder Herbert gestoßen war, wurde in das Ghetto Miedzeszyn bei Warschau verschoben. Über die US-Armee hat Isidor nach Kriegsende erfahren, dass dieses Lager in einer Nacht von der SS überfallen worden ist und dass alle Insassen ermordet wurden.
Land erstattet 1959 Kosten für Schleuser
Die Ermordeten, Helene, Charlotte und Herbert Kirschroth wurden vom Amtsgericht Minden mit dem 8. Mai 1945 für tot erklärt. Vater Samuel Kirschroth wurde vom Amtsgericht Minden mit dem 31. Dezember 1945 für tot erklärt. Nach Isidors Angaben waren auch alle anderen am 28. Oktober 1938 verhafteten "polen-stämmigen Juden" aus Minden ins Lager Bentschen verbracht worden.
Von Chaim Widawsky aus der Simeonstraße 8 ist überliefert, dass er sich aus Polen noch einmal brieflich beim Vorsitzenden der Mindener jüdischen Gemeinde, Albert Müller, gemeldet hat. In der Synagoge befanden sich noch Wertgegenstände des Ehepaars Widawskys, darunter 1.000 Reichsmark. In den Trümmern der Synagoge in der Kampstraße wurden in einem Stahltresor tatsächlich neben verbrannten Geldscheinen 773 Reichsmark gefunden, die unbeschädigt waren. Niemand bezweifelte den Eigentumsanspruch der Familie Widawsky.
Nach einigem Hin und Her einigten sich Regierungspräsidium, Landratsamt, Gestapo und das Finanzamt darauf, das Geld auf einem neu eingerichteten "Ausländersperrkonto" festzulegen. Vermutlich durfte Minden das Geld behalten.
Der Schneidermeister Abraham Gerstensang aus der Süntelstraße 6 entzog sich der Abschiebung nach Polen, indem er untertauchte. Er wollte nach Dänemark emigrieren, doch die Dänen erteilten Juden keine Einreisevisa. Mit Hilfe eines bezahlten Schleusers gelangte Abraham Gerstensang illegal über die Grenze. Dabei wurde er gefasst und sollte wieder nach Deutschland "abgeschoben" werden. Die Deutschen verweigerten jedoch die Rückkehr. Gerstensangs Frau folgte ihrem Mann mit den drei Kindern nach Dänemark, ebenfalls mit Hilfe eines Schleusers. Das Land NRW erstattete 1959 der Familie Gerstensang die Kosten für die Schleuser, weil die Fluchthilfe objektiv der Familie das Leben rettete.
Bei Plünderung Sachen auf Straße geworfen
Die Familie Moses Kutschinski wurde teilweise nach Polen abgeschoben. Ihr Textilwaren- und Schuhgeschäft an der Simeonstraße 16 wurde am Tage nach der Pogromnacht restlos geplündert. Die Familie war zu diesem Zeitpunkt bereits nach Polen abgeschoben. Die Eltern und Sohn Ferdinand wurden im KZ getötet. Sohn Max emigrierte 1934 nach Dänemark und 1936 weiter nach Palästina, wohin es auch die beiden Geschwister, Adolf und Charlotte schafften.
Die Nachbarin und Kundin von Kutschinskis, Hilde Hoppenstock, schilderte gegenüber dem Amtsgericht Minden, dass die Plünderer während der Pogromnacht aus dem Laden heraus, immer mehr Gegenstände auf die Straße geworfen hätten. Dort seien Berge von Schuhen und Arbeitskleidung den Dieben anheimgefallen. Die Nachbarin, Schubert, habe damals die Polizei angerufen, damit sie den Plünderern Einhalt gebiete. Doch die Ordnungshüter hätten darauf verwiesen, dass dies Sache der SA sei. Nach etwa zwei Stunden seien dann alle Sachen von der Straße verschwunden gewesen und der Mob sei zur nächsten Etappe weitergezogen.
Zur Familie Isaak Schweid gehörten insgesamt neun Personen. Die Familie besaß ein Schuhgeschäft in der Obermarktstraße 18 und wohnte an der Simeonstraße 14. Nach dem Tode des Vaters im Februar 1935 kehrte der älteste Sohn, Adolf-Abraham (Jahrgang 1910), aus Hannover nach Minden zurück und führte das Schuhgeschäft weiter. Im Herbst 1936 wurde er überfallen und zusammengeschlagen. 1937 emigrierte die älteste Tochter Sylvia in die USA. Anschließend folgte, mit einer Ausnahme, der Rest der Familie; einer nach dem anderen in Richtung Paris und Jahre später weiter in die USA.
Nur Sohn Joseph, der zu seiner Verlobten, der Tochter von Hartogsohns gezogen war, hielt es zu lange in Minden. Er wurde 1938 ebenfalls nach Polen abgeschoben und am 28. Mai 1942 im KZ Sachsenhausen erschossen. Mutmaßlich im Rahmen einer so genannten Vergeltungsmaßnahme für das am 27. Mai 1942 in Prag von Exiltschechen verübte Attentat auf Heydrich.
Die Familie von Althändler Hirsch Ingberg wurde mit drei kleinen Kindern nach Polen abgeschoben. In ihrem Geschäft an der Kampstraße 32 wurde unmittelbar nach ihrer Abschiebung mit der Plünderung begonnen. Die damals 16-jährige Tochter Paula kehrte am Tage der Abschiebung, einige Stunden nachdem ihre Familie bereits aus Minden abtransportiert worden war, in die Stadt zurück. Sie hatte auswärts als Kindermädchen gearbeitet. Als sie vom Bahnhof kommend das elterliche Geschäft an der Kampstraße 32 erreichte, fand sie alle Fenster eingeschlagen, sämtliche Schaufensterauslagen waren verschwunden und eine Gruppe von Menschen lungerte vor dem Haus herum. Mit den Worten: "Da ist Paula die dreckige Jüdin" wurde sie von der Menge begrüßt. Hilflose Fragen nach ihrer Familie wurden belacht. Einige Gesichter in der Menge waren ihr vertraut. Darunter waren ehemalige Klassenkameraden.
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