www.hiergeblieben.de

Bielefelder Tageblatt (MW) / Neue Westfälische , 30.12.2005 :

Sprachlos in Bielefeld / Integrationskurse sind nicht so erfolgreich wie vom Bund verlangt / Streit um Stunden

Von Elmar Kramer

Bielefeld. Die Integrationskurse für Einwanderer drohen ins Leere zu laufen. Einer der größten Anbieter der neuen Kurse schlägt nach knapp einem Jahr Alarm: Die Zahl der Deutschstunden reichen im Normalfall nicht aus, um die Prüfung zu bestehen, die der Gesetzgeber verlangt. Sprachschulexperten fordern eine Verdopplung der Stundenzahl.

Die so genannten Integrationskurse gehören zum Zuwanderungsgesetz der rot-grünen Bundesregierung, das im Januar in Kraft trat. Im Kursus sollen Sprachkenntnisse und Landeskunde vermittelt werden. Für Sprache sind 600 Stunden, für den Rest 30 Stunden veranschlagt.

Die Angebote können auf eigenen Wunsch wahrgenommen werden, aber auch verpflichtend sein, wenn etwa Arbeitsagentur oder Ausländerbehörde die weitere Förderung einer Person davon abhängig macht, ob sie einen Kursus besucht oder nicht.

Bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) zieht man eine durchwachsene Zwischenbilanz. Zum ersten Mal sind gerade in einer Feierstunde Zeugnisse an Absolventen ausgegeben worden. Die meisten aber hätten die Prüfung nur geschafft, weil sie über gute Vorkenntnisse verfügten, berichtet Sabine Stallbaum, Leiterin der AWO-Sprachschule. "Die Kurse reichen bei weitem nicht aus, um das B1-Niveau zu erreichen."

Diesen Level erwartet der Gesetzgeber, um eine erfolgreiche Teilnahme bescheinigen zu können. Die Einwanderer sollen sich im Alltag allein in Wort und Schrift verständigen können

Die Erfahrung zeige, dass viele Kursbesucher verzweifeln, wenn sich abzeichnet, dass sie die Prüfung nicht schaffen oder sich gar nicht dafür anmelden. "Die bekommen dann nach sieben Monaten Kursbesuch Bescheinigungen, die nicht mal offiziell abgestempelt sind", sagt Stallbaum. Im schlimmsten Fall müssten diese Teilnehmer damit rechnen, dass sie deshalb keinen Job finden oder ihnen staatliche Leistungen gekürzt werden. Die AWO-Sprachexpertin hält 1.000 bis 1.200 Stunden für erforderlich, um die selbst gesteckten Ziele des Gesetzgebers zu erreichen.

Annegret Grewe vom Interkulturellen Büro der Stadt Bielefeld spricht von einem "sehr unterschiedlichen Niveau" der Einwanderer. Teilnehmer aus bildungsfernen Schichten hätten es enorm schwer, voran zu kommen. Entscheidend sei die Anwendung in der Praxis.

Genau die ist das Glück von Erion Mocka. Der heute 27-jährige Albaner kam nach Zwischenstation auf Kreta im Jahr 2003 nach Deutschland, wo er inzwischen verheiratet ist – mit einer deutschen Frau. Für ihn waren die Sprachkurse mit Prüfung machbar, dank des vielen Deutsch-Sprechens zuhause. Mocka arbeitet als 400-Euro-Jobber. Auf sein Sprachzeugnis ist er stolz. Er geht ab Januar in die Abendrealschule.

Die zuständige, eigens für das Zuwanderungsgesetz umbenannte Bundesbehörde sieht keinen Grund zur Sorge. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg (vormals "Bundesdienststelle für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge" und "Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge") geht davon aus, dass 70 Prozent der Kursteilnehmer, die sich zur Prüfung anmelden, bestehen.

Die 600 Stunden Deutschkurs seien nach langen Diskussionen von Fachleuten und Sprachkurs-Anbietern von der Politik beschlossen worden, erklärt Bundesamts-Sprecherin Felizitas Graute.

Eine Bewertungskommission werde die Arbeit in den Kursen unter die Lupe nehmen. Ob sie auf die von der AWO geforderten 1.000 bis 1.200 Stunden aufgestockt werden, scheint fraglich. Sicher sei nur so viel: "Die Zahlen kommen auf den Prüfstand."

Frauenanteil 60 Prozent

In knapp 70 Kursen sind 2005 nach Angaben des Bundesamtes Einwanderer unterrichtet worden, davon 55 Integrationskurse. 60 Prozent der Teilnehmer sind Frauen, fast zwei Drittel der Teilnehmer sind schon mehrere Jahre in Deutschland. Mehrere hundert Einwanderer in Bielefeld sind zur Kursteilnahme verpflichtet worden.

Allein die Arbeiterwohlfahrt hat 2005 insgesamt 500 Sprachschüler in ihren Kursen betreut (circa 10.000 Stunden), hinzu kommen 200 Teilnehmer, die von der Arbeitplus-GmbH veranstaltet wurden, und schätzungsweise Hunderte weiterer Teilnehmer bei Anbietern wie Volkshochschule, Internationalem Begegnungszentrum und privaten Dienstleistern.

Eine Stunde kostet 2,05 Euro pro Person. Für Arbeitslosengeld-II-Empfänger bezahlt der Bund. Alle anderen müssen 1 Euro pro Stunde zuzahlen.


lok-red.bielefeld@neue-westfaelische.de

zurück