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Vlothoer Anzeiger , 27.12.2005 :

(Vlotho) Europäische Erinnerungsarbeit / Holocaust-Überlebende berichten jungen Leuten / Große Ausstellung im GESW bis Ende Januar

Vlotho (BoDo). Erzählte Geschichte ist keine selbst erlebte Geschichte. Aber sie vermittelt authentischer als Bücher, wie Menschen mit Menschen umgegangen sind. Deshalb betreibt die Stätte der Begegnung das deutsch-polnische Geschichtsprojekt "Oral History" und erweitert es jetzt mit einer Ausstellung.

Von Bodo Kohlmeyer

Johannes Schröder, Projektleiter bei der Stätte der Begegnung, dem Institut für Bildung und Kommunikation auf dem Amtshausberg, hält viel von erzählter Geschichte und Zeitzeugenberichten, weil sie den Zuhörenden ohne Umweg Erfahrungen vermitteln können. Außerdem gibt es Gelegenheit zur Nachfrage und damit zu einer Vertiefung des Gehörten, was Fachliteratur aus der Distanz nicht liefern kann.

Zusammen mit der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim (früher Auschwitz), dem Institut für Geschichte an der Jagiellonen Universität in Krakau und der Fakultät für Pädagogik an der Universität Bielefeld hat die Stätte der Begegnung junge Leute aus Polen und Deutschland zusammengeführt, die in 16-tägigen Workshops mit den Auschwitzüberlebenden Tadeusz Sobolewicz und Zofia Posmysz gearbeitet haben (der Vlothoer Anzeiger berichtete).

Der polnische Schauspieler aus Krakau und die Journalistin und Schriftstellerin aus Warschau haben den Dialog mit den jungen Menschen genutzt, um ihre Erlebnisse darzustellen und ihr Wissen weiterzugeben. Wobei beide sich, vielleicht für ihre Gesprächspartner anfangs überraschend, auch bemüht haben, den Täterinnen und Tätern, mit denen sie in ihren langjährigen Aufenthalten in verschiedenen Lagern zu tun hatten, in der Beurteilung ihres Handelns gerecht zu werden.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Krakau und Bielefeld haben jetzt wiederum ihre Erfahrungen und Arbeitsergebnisse unter der Fragestellung "Was es für mich bedeutet?" für eine binationale Ausstellung aufgearbeitet.

Die Präsentation ist im Erdgeschoss des Gesamteuropäischen Studienwerks (GESW) an der Steinstraße bis Ende Januar zu sehen. Johannes Schröder sieht in ihr eine lebendige Dokumentation deutsch-polnischer Zusammenarbeit und ein Produkt europäisch orientierter Erinnerungsarbeit. Johannes Schröder und Dr. Zbigniew Wilkiewicz betonten, dass die Kooperation der Zeitzeugen und der Studenten in ihrer Bedeutung im krassen Gegensatz zu dem stehe, was "in einer so genannten Bildungsstätte in Vlotho auf dem Winterberg gegen geschichtliche Wahrheit und Toleranz in Bildungsfragen betrieben" wird. "Wir wollen Erinnerung wach halten und die Möglichkeit nutzen, den wenigen noch lebenden Zeitzeugen zuzuhören", erklärte Johannes Schröder.

Zbigniew Wilkiewicz machte deutlich, dass es gerade angesichts der "Machenschaften im Collegium Humanum und der Leugner des millionenfachen Mordes" wichtig sei, Konsequenzen zu ziehen und zur Verantwortung der politischen Bildung zu stehen.


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