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Lippische Landes-Zeitung , 24.12.2005 :

Mit alten Wurzeln neue Bodenhaftung / Ehemalige "Boat people" aus Vietnam sind in Barntrup heimisch geworden und pflegen die Gemeinschaft im buddhistischen Gemeindehaus

Von Cordula Gröne

Barntrup. Das zweistöckige Einfamilienhaus unterscheidet sich architektonisch nicht groß von den Nachbarhäusern. Und doch fällt es aus dem Rahmen: Am Eingang hängen große rote Kugellampen, die die winterliche Tristesse der übrigen Vorgärten angenehm durchbrechen. In der Emil-Zeiss-Straße befindet sich ein buddhistisches Gemeindehaus, von den Bewohnern Pagode genannt - Treffpunkt für die Vietnamesen aus Barntrup und Umgebung.

Mai Huy Lam Tran ist 17, als er mit seiner Mutter, Urgroßmutter und zwei jüngeren Brüder in einem Boot vor der Küste Vietnams sitzt und um sein Leben bangt. "Unsere Uroma haben wir buchstäblich auf dem Buckel mitgenommen", erzählt der heute 42-Jährige von der Flucht. Mit ihnen schafften es 42 Menschen, die zunächst von einem Frachter, dann von einem Vorgängerschiff der Cap Anamur gerettet wurden.

"Wir kamen aus Südvietnam, damals war der Krieg zu Ende", erzählt Tran. Sein Vater sei Militär-Ausbilder gewesen und deshalb ins Gefängnis gekommen. Dorfpolizisten hätten die Menschen durch Besuche in ihren Häusern bespitzelt. Er habe nicht eine höhere Schule besuchen dürfen und auf einer Suchliste gestanden, weil er gegen das Regime gewesen sei.

Ein Teil der so genannten "Boat people" kommt 1979 nach Barntrup: 4 Familien mit 14 Menschen. Tran und seine Brüder lernen fleißig, um weiterzukommen. Einer wird buddhistischer Pastor, der andere ein erfolgreicher Modedesigner, Tran eine medizinische Fachkraft. 1986 errichten die vietnamesischen Familien aus eigener Kraft und rein privaten Mitteln in Barntrup ein buddhistisches Gemeindehaus, das sie auch allein unterhalten, ohne öffentliche Mittel, wie Tran betont.

"Wir sind dankbar, dass wir die Freiheit erreicht haben. Die Hilfe, die wir in Barntrup bekommen haben, möchten wir weitergeben", erklärt Tran. Das Haus ist deshalb nicht nur eine Anlaufstelle für Vietnamesen, sondern auch für andere Menschen, die Hilfe brauchen. Ob Ehe- oder andere Probleme: für Gespräche sind die Bewohner immer offen.

Dabei sind Christen ebenso willkommen wie Moslems. "Nach der buddhistischen Lehre ist jede Religion zu achten, Besucher können bei uns mitnehmen, was sie möchten, wir missionieren nicht", beteuert Tran.

Derzeit wird das Haus von drei Menschen bewohnt: zwei Nonnen und einem Jugendlichen, der Mönch werden möchte. Die Nonnen üben die Funktion einer christlichen Pastorin aus: Sie predigen, sind als Seelsorgerinnen aktiv und vollziehen die Riten bei Taufen, Tod und Heirat.

Anlaufstelle auch für ältere Vietnamesen

"Am Wochenende ist die Familie meistens hier, wir sprechen zusammen, kochen, beten und bereiten Feste vor", berichtet Tran. Ab und an werden Seminare angeboten, zu denen bis zu 150 Gäste aus einem Einzugsgebiet bis zum Ruhrgebiet kommen. "Ältere Vietnamesen haben oft keine Anlaufstelle und reisen dann mehrere hundert Kilometer weit an."

Sind die Wohnräume wie in einem traditionellen deutschen Haushalt eingerichtet, fällt der Gebetsraum aus dem Rahmen. Sicher hunderte von Buddhas und Statuen befinden sich in den Vitrinen - Geschenke von Gästen, teils auch selbst gemacht. Am Altar stehen Schalen mit Obst und Blumen, und es gibt eine Ecke, wo der Verstorbenen gedacht wird, darunter auch ein Barntruper, der oft zu Besuch kam. In einer Besinnungsglocke kleben kleine Zettel mit Wünschen, beispielsweise für mehr positive Energie im nächsten Leben.

Auch der Garten kann seinen religiösen Hintergrund nicht verleugnen. Einen schlafenden Buddha und kleinen Gebetstempel haben die Besucher im Blick, wenn sie im Wintergarten gemeinsam tafeln - fleischlos, weil nach der buddhistischen Lehre Tiere nicht getötet werden dürfen.

Mai Huy Lam Tran hat in seiner Familie vieles von der Kultur seines Heimatlandes bewahrt, aber auch deutsche Bräuche übernommen - wie das Feiern am Weihnachtsbaum. "Die Gemeinschaft hat uns gestärkt, wie man die eigene Kultur behält, sich aber gleichzeitig anpasst", beantwortet er die Frage, ob das Leben zwischen zwei Kulturen für ihn einen Spagat darstellt.

"Uns ist wichtig, dass die Kinder wissen, wo sie hingehören und wo ihre Wurzeln sind." Dazu gehört für ihn, dass seine Tochter neben Deutsch auch Vietnamesisch beherrscht und die Bräuche aus der alten Heimat kennt. Um Sprache und Schrift zu beherrschen, treffen sich die Kinder und Jugendlichen ebenfalls im Gemeindehaus. Aber die Gemeinschaft ist nach außen offen und beispielsweise Mitglied im Barntruper Heimatverein.

"Für die Vietnamesen ist Deutschland eine zweite Heimat. Sie wissen, dass sie nicht mehr zurück können", sagt der 42-Jährige. Und so wird Weihnachten ebenso gefeiert wie das vietnamesische Neujahrsfest am 29. Januar. "In Vietnam wird in der Gemeinschaft gefeiert, mit Nachbarn und mehreren Familien", erklärt der Familienvater. Dabei wird nur wenig organisiert - "das mit dem Essen ergibt sich so". Und während zu Weihnachten kleine Päckchen am Baum liegen, gibt es zu Neujahr traditionell Geld, das Glück bringen soll. Das kann man bekanntlich immer brauchen.


Blomberg@lz-online.de

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