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Tageblatt für Enger und Spenge / Neue Westfälische ,
23.12.2005 :
Auf Judaika spezialisiert / Die Jüdische Verlagsanstalt Berlin firmiert jetzt in Enger / Kinderbuchreihe geplant
Von Maraike Patock
Enger. Verlage, die Literatur zum Judentum herausgeben, gibt es in Deutschland viele. Nur ein Unternehmen aber hat sich nach eigenen Angaben ausschließlich auf Judaika spezialisiert: die Jüdische Verlagsanstalt Berlin. Sie hat jetzt den Besitzer gewechselt und ihren Firmensitz nach Enger verlegt.
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bestätigt die Einschätzung der neuen Inhaber Irith Michelsohn und Paul Yuval Adam: Es gebe in der Bundesrepublik viele Häuser, die jüdische Literatur verlegten - allerdings nicht ausschließlich.
Der Schwerpunkt der Verlagsanstalt liege auf Literatur zum liberalen Judentum, berichten die beiden Geschäftsführer im Gespräch mit der Neuen Westfälischen. Hierbei handele es sich um eine Richtung des jüdischen Glaubens, die sich im 19. Jahrhundert in Deutschland entwickelt habe, erklärt Adam.
Jede Generation steht demnach neu vor der Herausforderung, sich der jüdischen Tradition zu stellen und zeitgemäße Antworten auf die heute dringenden Fragen zu finden. Das liberale Judentum engagiere sich darüber hinaus für ein tolerantes und friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und fördere den Dialog zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften. Einer der zentralen Unterschiede zum orthodoxen Judentum sei "die völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau", erklärt Michelsohn.
Ausschließlich mit religiöser Sachliteratur wollen Michelsohn und Adam die deutschen Buchhändler indes nicht beliefern. Publiziert werde, was gefragt sei, sagt der 47-jährige Adam: "Wir schauen, wo es Bedarf gibt." Romane, Bildbände oder auch ein Kochbuch mit Rezepten prominenter deutscher Juden gehören ebenso dazu wie etwa ein Taschenkalender mit jüdischen Feiertagen.
Für das kommende Jahr planen die Verleger außerdem eine Serie mit jüdischen Kinderbüchern. Davon habe es vor 1933 "erstaunlich viele" gegeben, berichtet Adam. Mit Beginn der Nazi-Herrschaft indes seien jene Kinderbücher, die aus einem jüdischen Umfeld heraus geschrieben wurden, nicht weiter verlegt worden. Das sei in Deutschland bis heute so geblieben.
Auch Literatur zum Holocaust - der Ermordung von Millionen von Juden in der Nazi-Zeit - klammern die Geschäftsführer nicht aus. "Wir haben einige Titel, die sich darauf beziehen", sagt Michelsohn. Präsent sei das Thema vor allem immer dann, wenn Autoren auf jüdische Geschichte eingingen.
Eine Marktlücke sehen Michelsohn und Adam in Religionsbüchern. Sei seien in den jüdischen Gemeinden in Deutschland Mangelware. Adam begründet das mit einem wachsenden Bedarf: Eine Einwanderungswelle lasse die jüdischen Gemeinden seit 1990 wachsen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hätten nur noch rund 15.000 Juden in der Bundesrepublik gelebt, teilt der Zentralrat der Juden in Deutschland mit. 1994 seien 45.000 Menschen jüdischen Glaubens registriert worden. Nach dem Zusammenbruch der Ostblockstaaten sei die Zahl "rapide" angestiegen: Durch Zuwanderung besonders aus der ehemaligen Sowjetunion registrierten die Gemeinden jährlich rund 6.000 Neuzugänge. Laut Zentralrat haben die 87 jüdischen Gemeinden in Deutschland heute rund 106.000 Mitglieder.
Meist haben die von Adam und Michelsohn publizierten Titel eine Auflage von 1.500 bis 2.000 Exemplaren. Angaben zum Umsatz ihrer Verlagsanstalt können die Geschäftsführer indes noch nicht machen. Erst im Juni haben die beiden das Unternehmen übernommen. Konkrete Zahlen gebe es darum erst in einer Bilanz Anfang 2006.
Gemeinsam sichten Adam und Michelsohn die ihnen angebotene Literatur, die zu 90 Prozent aus jüdischer Feder stammt. Auch über das Profil ihrer Verlagsanstalt entscheiden die beiden zusammen. Zwar sei Literatur des liberalen Judentums der Themenschwerpunkt ihres Verlages. Die Möglichkeiten ihres Unternehmens wollen sie dadurch allerdings nicht einschränken. "Wir orientieren uns überall hin", sagt Michelsohn. Auch im orthodoxen Judentum gebe es brillante Literatur. Geplant sei darum auch, die Verlagsanstalt künftig "hin zu mehr Pluralität" zu führen.
lok-red.enger@neue-westfaelische.de
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