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Lippische Landes-Zeitung , 22.12.2005 :

(Horn-Bad Meinberg) Nächtlicher Angriff / Jugendliche attackieren Spaziergänger im Kurpark: Schläge und Hitlergruß

Horn-Bad Meinberg (upf). Es sollte nur ein kleiner Spaziergang werden. Aber für Otto V. und seine Schwägerin Gertrud G. (Namen von der Redaktion geändert) wurde die Runde im Bad Meinberger Kurpark zum Schreckenserlebnis, als sie einer Gruppe Jugendlicher begegneten. Der Spaziergang endete mit Schlägen und einem Hitlergruß, für die sich einer der Beteiligten demnächst vor Gericht verantworten muss.

Otto V. möchte seinen richtigen Namen nicht öffentlich genannt wissen. Denn durch die Ereignisse in jener Nacht fürchtet er, die Aufmerksamkeit von Rechtsradikalen auf sich gezogen zu haben - eine Folge der Strafanzeige, die er auf Bitten der Polizei gestellt hat. V. und seine Schwägerin wollten im Kurpark frische Luft schnappen - das war am 21. August gegen 3 Uhr. Während sie in Richtung Brunnentempel gingen, hörten sie Lärm: "Sehr laut, Gegröle, aggressiv", schildert V. seinen Eindruck.

Dann kamen acht junge Leute auf sie zu, auf der gesamten Breite des Weges - eine Situation, die Gertrud G. Angst einjagte. Als dann einer der acht in einem herausfordernden, unfreundlichen Ton "Guten Abend" sagte, wurde V. ärgerlich. "Da habe ich mich hinreißen lassen und im Vorbeigehen 'Fuck off' gesagt. Das war in der Tat eine Dummheit."

Zunächst wurde er beschimpft, dann schlug ihm einer der jungen Männer mit der flachen Hand ins Gesicht und forderte ihn immer wieder auf, seine Worte zu wiederholen. "Ich bin ruhig geblieben und habe mich schlagen lassen, um zu deeskalieren", sagt V. - sonst wäre wohl die ganze Gruppe auf ihn los gegangen, vermutet er.

"Ich dachte, der schlägt gleich zu"
Gertrud G.

Das habe schließlich auch funktioniert, allerdings habe er sich danach noch schützend vor seine Schwägerin gestellt, die von einem zweiten aus der Gruppe in bedrohlicher Haltung lautstark angeschrieen wurde. "Ich dachte, der schlägt gleich zu", schildert Gertrud G. die Situation. V.s Frage: "Was macht euch so sicher, dass ihr nicht angezeigt werdet?" habe diesen zweiten Angreifer dazu gebracht, mehrmals auf ihn einzuschlagen und ihn mit Gewalt auf eine Parkbank zu drücken - seine Antwort lautete: "Weil du nicht deutsch aussiehst."

Schließlich habe eine Frau aus der Gruppe interveniert, der erste Angreifer habe den zweiten anschließend von V. weggezerrt, worauf dieser noch den Hitlergruß gezeigt und "Heil Deutschland" geschrien habe.

Nach dem Vorfall informierte V. die Polizei, die offenbar auch der Gruppe habhaft wurde. Ihm wurde nahegelegt, Anzeige zu erstatten. "Ich wollte das eigentlich nicht, aber ich dachte, wenn die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden, hast du das nächste Opfer mit auf dem Gewissen." Er ist sicher, dass der Übergriff - zumindest was den einen Angreifer angeht - politisch und rassistisch motiviert war. "Egal was ich gesagt hätte, es wäre dazu gekommen."

Das Ergebnis der Anzeige befriedigt V. und seine Schwägerin jedoch nicht. Während der mutmaßliche zweite Täter am 3. Januar in Höxter - sein Wohnort ist Steinheim - wegen Körperverletzung und Zeigen des Hitlergrußes vor Gericht stehen wird, wurde das Ermittlungsverfahren gegen den ersten Angreifer aus Horn-Bad Meinberg von der Staatsanwaltschaft Detmold eingestellt. Die Begründung, die Oberstaatsanwalt Diethard Höbrink gegenüber der LZ noch einmal bekräftigte: Es handele sich um einen weniger schweren Fall von Körperverletzung, dessen Verfolgung nicht im öffentlichen Interesse liege. Er selbst sei zunächst geneigt gewesen, Anklage zu erheben, habe aber dann die Tatsache berücksichtigt, dass der Verdächtigte den mutmaßlichen Haupttäter von weiteren Attacken abgehalten habe und darüber hinaus auch nicht vorbestraft sei. Außerdem habe V. damit rechnen müssen, dass auf die Worte "Fuck off" eine Reaktion aus der Gruppe erfolgen könnte. "Da müssen wir überlegen, ob wir so einen Fall an uns ziehen", erklärte Höbrink. Immerhin stehe V. frei, seine Interessen auf dem Privatklageweg durchzusetzen.

"Nicht schön für einen kleinen Kurort"
Otto V.

Otto V. kann mit dieser Argumentation nichts anfangen: "Ich habe den Beschuldigten nicht einfach mit den Worten 'Fuck off' herausgefordert; vielmehr ging dem ein Geschehen voraus, das keinesfalls friedlicher Natur war." Hier sei es um Gewalt der Gewalt willen gegangen. Was Otto V. und Gertrud G. geahndet wissen möchten. Denn außer der persönlichen Betroffenheit sehen sie auch ein schlechtes Bild für Bad Meinberg erwachsen: "Es ist nicht gerade schön, wenn so etwas in einem kleinen Kurort passiert."


Detmold@lz-online.de

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