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Leipziger Volkszeitung ,
22.12.2005 :
(Borna) "Sie haben die Faschisten in der Stadt"
Borna. Übergriffe rechtsextremer Jugendlicher, Nazi-Lieder in Plattenbauten und eine wieder aktiver werdende Skinhead-Szene - Politiker und Polizei haben Borna zum neuen Schwerpunkt ihrer Präventionsbemühungen erkoren. Und das ist offenbar weit mehr als einNebenprodukt der aktuellen Diskussion um die Kriegsopfer-Gedenkstätte.
"Wir haben seit Jahren Probleme mit rechtsextremen Kreisen", räumte etwa Oberbürgermeister Bernd Schröter beim Bürgerforum am Montag ein. Er verwies zwar auf die Aktivitäten der städtischen Streetworkerin. "Aber es ist sehr schwer, in diesen Gruppen reinzukommen", weiß der Rathauschef. Landrätin Petra Köpping erwähnte die zehn Prozent NPD-Wähler im Landkreis und sprach von ihren Erfahrungen mit Präventionsveranstaltungen in Schulen: "Ich musste mich da regelrecht aufdrängen." Polizeichef Bernd Merbitz berichtete von jungen Bornaern, die mehrfach bei ihm um Hilfe gebeten hätten, weil sie von Rechtsradikalen verfolgt würden. Und Lutz Metzger vom Friedenszentrum Leipzig konstatierte: "Sie haben die jungen Faschisten in der Stadt."
All dies soll nun eine Welle von Aktivitäten auslösen, damit Borna nicht zu einer Neonazi-Hochburg wird. "Es wird an den Schulen massive Prävention geben", forderte Merbitz, der seine dafür geschulten Mitarbeiter eigens dafür nach Borna abkommandiert. Das Leipziger Friedenszentrum schlug Deeskalationsteams an den Schulen vor. Der DGB will Beratungspersonal für Schulungsveranstaltungen mit Erwachsenen entsenden, weil, wie es hieß, Rechtsextremismus nicht allein ein Jugendproblem sei.
Die Zuständigen sehen die Wurzel des Übels vor allem im sozialen Bereich. Köpping sprach von 30 Prozent sozial gefährdeten Jugendlichen allein an der Bornaer Dinterschule. "Dort ist der Brennpunkt", meinte sie. "Wir wollen deshalb so schnell wie möglich da eine Ganztagsschule einrichten."
Auch bei der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt wollen die Politiker den Hebel ansetzen. "Wir müssen uns zumindest dem Durchschnitt angleichen", sagte Schröter. "Wir haben zurzeit die höchste Arbeitslosenquote im Kreis und eine sehr hohe Zahl an Bedarfsgemeinschaften."
All diese Vorschläge sollen von dem neuenAktionsbündnis aufgenommen werden, dass sich gestern Abend in Borna gründen sollte. An Optimismus in diesem heiklen Kampf gegen Neonazis mangelt es den Verantwortlichen jedenfalls nicht. "Wir werden gewinnen", sagte Petra Köpping am Montag. Keiner widersprach.
Frank Döring
chefredaktion@lvz.de
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