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Bielefelder Tageblatt (MW) / Neue Westfälische , 20.12.2005 :

(Bielefeld) Polizisten sollen zugeschlagen haben / Kommissare wegen Körperverletzung angeklagt / Von Kollegen beobachtet / Prozess vor dem Schöffengericht

Von Peter Johnsen

Bielefeld. Als sich zwei Männer an der Ecke Herforder Straße/Stresemannstraße plötzlich auf ihn stürzten, da dachte der 34-jährige Bielefelder Michael D., Junkies hätten ihn überfallen. Kurze Zeit und eine Menge Schläge und Tritte später wusste D. es besser: "Ich konnte gar nicht glauben, dass das Polizisten sind".

Der Aufsehen erregende Fall ereignete sich, wie berichtet, am 20. Mai diesen Jahres gegen 2.10 Uhr. Seit gestern haben sich die Polizeikommissare Gerhard W. (38) und Heinz B. (33, beide Namen geändert) wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht zu verantworten.

Die Angeklagten stellten den Sachverhalt am ersten Prozesstag so dar: Nachdem sie an der "Blaulicht-Party" im "Elephant-Club" teilgenommen hatten, empfingen die Beamten über Handy den Hilferuf eines Kollegen, der in eine Schlägerei verwickelt worden war. Sie beteiligten sich auf eigene Faust an der Suche nach den Schlägern und gelangten dabei an den späteren Tatort.

Dort, so Heinz B., sei Michael D. auf sie zugekommen und habe ihnen mehrfach "Sore" – im Jargon der Drogenszene Rauschgift – angeboten. Der Mann habe sie hartnäckig verfolgt und sich nicht abwimmeln lassen. Schließlich sei er aggressiv geworden und habe die Beamten mit Faustschlägen attackiert. Mit speziellen Selbstverteidigungstechniken hätten sie D. niedergestreckt, auf dem Boden fixiert und einer von ihnen selbst angeforderten Funkstreifenbesatzung übergeben.

Michael D. gab an, er habe sich an der Stresemannstraße auf der Suche nach seinem drogenabhängigen Bruder und einem Cousin befunden, als er auf W. und B. traf. Weil er die beiden für Angehörige der Rauschgiftszene hielt, habe er sie gefragt, ob sie "etwas mit Sore zu tun haben". Er sei daraufhin angesprungen und mit einem Hagel von Schlägen und Tritten an Kopf und Körper eingedeckt worden – auch noch als er wehrlos und in Embryonalhaltung zusammengekauert am Boden lag.

Man habe ihn dann ins Polizeigewahrsam gebracht und ihm zu verstehen gegeben, dass eine Anzeige zwecklos sei, weil man Polizeibeamten mehr glauben würde als ihm, so der Zeuge weiter.

Der Zwischenfall war damals zufällig von den Polizeibeamten Wiebke W. (25) und Matthias U. (32) beobachtet worden, die aus einer Wohnung des Eckhauses Herforder Straße/Friedrich-Ebert-Straße die Geldautomaten an der Stresemannstraße observierten. Beide Zeugen hatten gesehen, dass das Opfer auch noch getreten wurde als es sich nicht mehr wehrte.

Nach diesen Aussagen wurde die Verhandlung vorübergehend in einem anderen Saal verlegt, in dem die Justizwachtmeister sich gelegentlich in Kampfsportarten üben. Die Angeklagten mussten die gegen D. angewandten Techniken – "Stockkick" und "Kopfhebel" – an einem Bediensteten, der die Rolle des Opfers übernahm, demonstrieren. Der Prozess wird am 3. Januar 2006 fortgesetzt.


lok-red.bielefeld@neue-westfaelische.de

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