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Mindener Tageblatt ,
17.12.2005 :
(Minden) Bewegendes Dokument / Sibylle Hellwig-Keller schreibt Geschichte ihrer Familie auf
Minden (soni). "Schreiben ist mein Hobby, da zieht es mich hin. Wenn ich am Schreibtisch sitze, fühle ich mich jung", sagt Sibylle Hellwig-Keller. Die gebürtige Polin lebt seit zwei Jahren in Minden und hat jetzt ihr erstes eigenes Buch mit dem Titel "ich gehe - Gedichte und Geschichten" herausgebracht.
Von Sonja Rudolf
"Es ist eine Art Familienchronik geworden. Ich beginne mit meinem Ururgroßvater Henry Charles Hellwig, der im Jahre 1816 nach Polen auswanderte. Der Schwerpunkt liegt auf den Geschehnissen während des Zweiten Weltkrieges", sagt die 79-jährige Autorin, die bereits polnische Lyrik von Dichtern wie Jan Twardowski ins Deutsche übersetzt und auch schon zahlreiche Gedichte und Prosabeiträge für die Zeitschrift "Weg und Ziel" geschrieben hat.
Der Leser erfährt in "ich gehe" von Hellwig-Kellers Ururgroßvater, der in Polen als "Pferdedoktor" berühmt war und noch mit 66 Jahren in der Stadt Belchatow eine Bierbrauerei mit Dampfantrieb errichtete.
Der Leser lernt die Heimatstadt der Autorin, Tuszyn, kennen, wo ihre Vorfahren eine Gastwirtschaft betrieben. "Ich bin in Bugaj, einem Ortsteil von Tuszyn, zur Welt gekommen. Übersetzt man den Namen mit etwas Fantasie ins Deutsche lautet er ,Gotteshain‘", erklärt Sibylle Hellwig-Keller.
Ein Kapitel ist der Mutter gewidmet
Ein Kapitel hat die 79-Jährige ihrer Mutter gewidmet. Jede Zeile verrät, wie sehr sie ihre Mutter bewunderte und liebte. Im weiteren Verlauf des Buches berichtet die Hobby-Autorin von den Kriegsjahren und schweren Schicksalsschlägen, die ihre Familie und Freunde erdulden mussten. Da ist Anna, die Cousine der Mutter, deren Mann in der Schlacht von Bzura starb und deren nervenkranke Tochter Lilka eines der ersten Opfer des Vernichtungsprogramms der nationalsozialistischen Herrschaft wurde.
Weiter geht es mit dem 17. Januar 1945. An diesem Tag musste die Familie die Heimatstadt verlassen. Nur der Vater blieb zurück, da er der Stellvertreter des Feuerwehrkommandanten war. Es folgte eine Odyssee, die viele Opfer forderte. Sibylle Hellwig-Keller und ihr Bruder Gerard wurden von der Mutter getrennt und landeten zwischenzeitlich in einem Arbeitslager in Petrikau. Dort musste Gerard Massengräber exhumieren. "Die Übergriffe der Zuschauer bei den Ausgrabungen, die körperliche und seelische Qual, deren Ende nicht abzusehen war, nahmen ihm den Lebenswillen. Er wollte nicht mehr", erinnert sich seine Schwester an die Zeit im Lager.
Sehr schön arbeitet sie auch den ständigen Zwiespalt heraus, in dem sich die Familie befand. Als die Deutschen in Polen einfielen, wurden die Hellwigs als polnische Bürger betrachtet. Nach dem Krieg wiederum wurden sie von den Polen als Deutsche gesehen und auch so behandelt.
Weitere Stationen der Odyssee waren Lauenburg an der Elbe, das Barackenlager in der Ortschaft Krümel sowie das Straflager für Deutsche in Piotrkow. Nach dem Krieg arbeitete Sibylle Hellwig-Keller als Lehrerin, außerdem war sie bei einem Kinderbuchverlag tätig.
Nächstes Buch wird eines für Kinder sein
Sie bekam eine Auszeichnung des Polnischen Ministeriums für Bildung und Erziehung sowie die Jablonowski-Medaille der Societas Jablonoviana an der Leipziger Universität. Ihr Bruder Gerard machte in Lübeck sein Abitur, um sich gleich im Anschluss der amerikanischen Armee anzuschließen, die zu dem Zeitpunkt noch in Deutschland stationiert war. "Gerard nahm sogar am Koreakrieg teil. Nach der Armeezeit zog er nach Chicago und wurde Belüftungstechniker", erzählt Hellwig-Keller.
Seit zwei Jahren lebt sie in Minden und arbeitet an einem neuen Buch, diesmal für Kinder: "Zum Gruseln und Schmunzeln". Ihr Erstlingswerk bedeutet ihr jedoch besonders viel. "Ich habe es für meine drei Kinder geschrieben. Sie sollen wissen, wie es damals war", sagt die Autorin und drückt die Hand ihrer jüngsten Tochter Marion, welche die Texte ihrer Mutter auf dem Computer getippt hat.
"So viele Jahre sind seither vergangen, ein ganzes Menschenalter. Von Kriegen und Völkerwanderungen wird in Geschichtsbüchern berichtet. Ob die Geschichtsschreibung wohl auch für diese menschenverachtende Zwangsvölkerwanderung der 14 Millionen Menschen ein Blatt haben wird?", fragt Sibylle Hellwig-Keller. Ihr Buch ist mehr als ein Blatt in einem Geschichtsbuch, es ist das bewegende Dokument einer Zeitzeugin.
Sibylle Hellwig-Keller, "ich gehe - Gedichte und Geschichten", Göttert-Verlag Diepenau, ISBN 3-936469-38-5.
17./18.12.2005
mt@mt-online.de
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