www.hiergeblieben.de

Vlothoer Anzeiger , 11.11.2005 :

Stilles Gedenken an Vlothoer Opfer / Mendel-Grundmann-Gesellschaft erinnert an Deportation und Ermordung / Gedenkstein seit 1988

Vlotho (va). Es war eine stille Stunde des Gedenkens: angemessen und ergreifend. Dann ganz besonders, als Manfred Kluge und Helmut Urbschat die Namen der 41 getöteten Kinder, Frauen und Männer vorlasen, die auf den Stelen neben dem jüdischen Friedhof eingemeißelt sind.

Von Oliver Plöger und Bodo Kohlmeyer

"Wir begehen diesen Gedenktag am 10. November, weil die Zerstörungswut der Nazis an diesem Tag 1938 über Vlothoer Juden und ihre Synagoge hereingebrochen ist", sagte Urbschat, Vorsitzender der Mendel-Grundmann-Gesellschaft. Damals sei die Entrechtung und Ausgrenzung schon unerträglich gewesen, dann gab es den 10. November und bald die "tiefsten Tiefen" der Deportation und Ermordung.

"Gegen das Vergessen" wandte sich auch Bürgermeister Bernd Stute bei der gestrigen Kranzniederlegung. Dabei lobte er das Engagement der Mendel-Grundmann-Gesellschaft, die das Andenken an die jüdische Bevölkerung wahrt. Stute zeigte sich erfreut, dass die Zahl derer, die diese alljährliche Gedenkveranstaltung besuchen, immer größer wird. Auch Rat und Politik zeigten gestern neben interessierten Bürgerinnen und Bürgern Präsenz und nahmen auch an der anschließenden Friedhofsbesichtigung teil.

"Ich muss aber auch den Bogen zur heutigen Zeit spannen", erinnerte Bernd Stute an die Aktivitäten im Collegium Humanum, der rechten "Tagungsstätte" auf dem Winterberg. Er erinnerte an die große Anteilnahme an der Demonstration im Frühjahr und sagte: "Es war von Anfang an klar, dass dies keine einmalige Veranstaltung war."

So wies Stute auf die heutige Mahnwache und den am morgigen Samstag geplanten Erinnerungsgang hin.

Im Blick auf ein weiteres dauerhaftes Gedenken an die von den Nazis ermordeten Mitglieder der jüdischen Kultusgemeinde, die es seit dem 17. Jahrhundert in Vlotho gab, werden im Frühjahr so genannte "Stolpersteine" dort ins Pflaster der Straßen und Gehwege gesetzt, wo jüdische Menschen ihren letzten selbst gewählten Wohnsitz in Vlotho hatten.

Stolpersteine werden gesetzt

Der Kölner Künstler Gunter Demnig, der schon mehr als 5.500 dieser Erinnerungssteine in fast 100 Städten und Gemeinden eingebracht hat, wird am Freitag, 10. März, seine Arbeit in Vlotho beginnen. Gegen 10 Uhr wird Bürgermeister Bernd Stute an diesem Tag den Künstler offiziell in unserer Stadt begrüßen. "Ich gehe davon aus, dass die politischen Parteien und ihre Ratsfraktionen mich bei dieser Sache begleiten werden", erklärte Stute im Gespräch mit dem VA. "Diese Sache ist so wichtig, dass sie einen offiziellen Rahmen haben muss. Die Stadt unterstützt natürlich diese Initiative, die vom Verein Moral und Ethik und der Mendel-Grundmann-Gesellschaft ins Leben gerufen wurde und weiter getragen wird."

Am 10. März wird Demnig natürlich nicht Stolpersteine für alle 43 ermordeten jüdischen Frauen und Männer setzen können. Wie in den Nachbarstädten Bünde, Bielefeld, Höxter, Gütersloh und demnächst auch in Minden wird lediglich ein Anfang gemacht, dem weitere Termine zur Vollendung der Arbeit folgen sollen. In Minden wird sich an die Pflasterarbeit am Nachmittag des 21. November noch eine Abendveranstaltung mit einem Vortrag von Gunter Demnig anschließen, erfuhr der VA von Ulrike Faber-Hermann im Kulturbüro des Mindener Rathauses.

Die Mendel-Grundmann Gesellschaft wird jetzt die Namen und Daten zusammenstellen, die auf den zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatten, die die Stolpersteine aus Beton abdecken werden, festgehalten werden. Das setzt auch voraus, dass Helmut Urbschat und die anderen Verantwortlichen der Mendel-Grundmann-Gesellschaft die Entscheidung treffen, an welche Vlothoer Juden bei dieser ersten Aktion beispielhaft gedacht werden soll. Der Verein Moral und Ethik, der die Aktion ins Rollen gebracht hat, wird jetzt die Finanzierung des Ganzen vorantreiben.

Zusagen von Einzelpersonen, Institutionen und Vereinen sowie Parteien liegen dem M&E-Vorsitzenden Dieter Ellerbrock und seinem Kassierer Willi Friedrichs bereits vor. Ein "Stolperstein" kostet 95 Euro und dieser Betrag ist als Spende sogar von der Steuer absetzbar. Einen Einfluss auf die Auswahl der Person, an die erinnert werden soll oder auf den Text der Schlagbuchstaben haben die Spender allerdings damit nicht erworben. Mit der Stolperstein-Aktion bekommt die Arbeit zur Erinnerung an die erst schwungvolle Geschichte, die dann schrittweise Entrechtung, die endgültige Vertreibung und letztlich die Ermordung der Bevölkerungsgruppe der Juden in Vlotho eine weitere Facette.

Immerhin hatte man es sich auch in Vlotho lange Zeit nicht leicht gemacht, des Schicksals der Juden der Stadt ehrenvoll zu gedenken. So kam es erst 1988 nach langen Bemühungen dazu, dass ein Gedenkstein für die jüdische Synagoge in der Innenstadt vor dem Weser Center aufgestellt wurde. Das war vor allem den Bemühungen seitens der schon in den 60 Jahren gegründeten und dann nach Jahren der Agonie wieder belebten Mendel-Grundmann zu danken.

Bevor Vlothos damaliger Bürgermeister Gerd Wattenberg in einer Feierstunde den Text verlesen konnte, der auf der Gedenktafel stand, mit der an die am 10. November 1938 zerstörte jüdische Synagoge, die auf einer Fläche gestanden hatte, auf der sich heute das Weser Center befindet, erinnern sollte, war dem ein langes Ziehen und Zerren um den Standort, die Form des Denkmals und das ganze Drumherum vorausgegangen.


redaktion@vlothoer-anzeiger.de

zurück