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Vlothoer Anzeiger , 12.11.2005 :

(Vlotho) " ... ob wir uns jemals wieder sehen?" / Abendveranstaltung zur jüdischen Geschichte des Ortes Valdorfs / Lesung aus Mosheim-Briefen

Vlotho-Valdorf (G.S.). Zur vollständigen Ortsgeschichte Valdorfs gehört auch eine jüdische Geschichte. Das stellten die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde und die Mendel-Grundmann-Gesellschaft in einer gemeinsamen Abendveranstaltung im Gemeindehaus heraus.

Von Gisela Schwarze

Pfarrer Christoph Beyer moderierte den zweiteiligen Programmablauf, der sich mit der Fabrikantenfamilie Mosheim sowie einer Lesung aus der Sammlung von Mosheim-Briefen befasste. " … ob wir uns jemals wieder sehen?" lautete die bange Frage, die fast alle Briefe der Familie Mosheim an das ausgewanderte Familienmitglied Herbert Mosheim durchzogen.

Der im Februar 1908 geborene Sohn von Levi und Sophie Mosheim, geborene Loeb, war durch den frühen Tod seines Vaters bereits als junger Mann gezwungen, verantwortlich die Leitung der Papierfabrik Gebrüder Mosheim zu übernehmen. Bis 1938 führte der junge Unternehmer die Fabrik für Pack- und Umschlagpapier, die dann von der Fabrikantenfamilie van Deylen gekauft wurde. Für 220.000 Reichsmark wechselte die Fabrik auf dem heutigen Gelände von Lohmeyer-Schaltschränke damals den Eigentümer.

Zu der Zeit des Zwangs-Verkaufs aus Gründen der NS-Politik waren 75 Arbeiter im Unternehmen beschäftigt. "Unionwerk" nannten die neuen Betreiber die Papierfabrik. Nach einem Aufenthalt im Konzentrationslager erging an Herbert Mosheim die Auflage, binnen sechs Monaten Deutschland zu verlassen. So verließ er seine Heimat 1939 zunächst in Richtung England und siedelte dann ein Jahr später in die USA über, wo er als Papieringenieur sein Auskommen hatte.

Ab Mai 1940 entstand ein reger Briefwechsel zur Verwandtschaft nach Vlotho. Erhalten blieben die Briefe, die aus der Weserstadt nach Amerika gingen. Innerhalb der amerikanischen Verwandtschaft wurden sie später ins Englische übersetzt, Helmut Urbschat brachte sie wieder zurück in die deutsche Fassung.

Mit verteilten Rollen lasen Vlothoerinnen und Vlothoer die Passagen in den Briefen, die unterschiedliche Familienmitglieder betrafen. Die Vortragenden waren Helmut Urbschat, Ralf Steiner, Isolde Eich, Manfred Kluge, Heidrun Stemmer, Inge Wienecke sowie Anna-Lena Sommer.

In einer anrührenden und lebendigen Atmosphäre erstand durch die Rollenverteilung ein Bild der leidvollen Familiengeschichte, in der die Sehnsucht nach einem Wiedersehen dominierte, Kinder heranwuchsen und die verwandtschaftlichen Bande durch den regen Briefverkehr innig blieben.

Äußerlich umrahmt war die Gedenkveranstaltung von Ausstellungsplakaten zur Papierfabrik der Gebrüder Mosheim am Bonneberg. Die Mendel-Grundmann-Gesellschaft bereicherte den Abend der jüdischen Geschichte mit diesen bebilderten und informativen Stellwänden.


12./13.11.2005
redaktion@vlothoer-anzeiger.de

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