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Paderborner Kreiszeitung / Neue Westfälische ,
15.11.2005 :
Hass nicht das letzte Wort / "Ein kleines Flämmchen" erzählt auch über Nachkriegsjahre in Bad Lippspringe
Bad Lippspringe (NW). Es ist eine Geschichte von Vertreibung, Gewalt, Verzweiflung und Flucht, aber auch eine Geschichte von Mut und Hoffnung: Die Biographie der russischen Zwangsarbeiterin Lydia Gawrilowa, die mit 17 Jahren aus ihrer Heimat verschleppt wurde, stand im Mittelpunkt einer Veranstaltung der ökumenischen Friedensdekade in der Evangelischen Kirche Bad Lippspringe.
Erst nach 60 Jahren wendet sich Lydia Gawrilowa mit einem Buch an die Öffentlichkeit: "Ein kleines Flämmchen – wie eine Zwangsarbeiterin überlebte" erschien 2005 im Verlag für Regionalgeschichte. Mitherausgeber Dieter Hohaus und Matthias Wagner aus Lüdenscheid lasen vor rund 50 Zuhörern in Bad Lippspringe Auszüge: Wie Lydia gemeinsam mit 25.000 Leidensgenossen aus ihrer Heimatstadt Taganrog entführt wurde, über die Zwangsarbeit in Recklinghausen und Herten, einen Streik wegen der völlig unzureichenden Ernährung, die Flucht auf einen Bauernhof im Münsterland, über erneute Gefangennahme und Internierung in Bergen-Belsen, die Gewalt und Morde in den Lagern und den Missbrauch ihres Körpers für medizinische Experimente.
"Das Schicksal der Lydia Gawrilowa ist nur eines von vielen", mahnte Matthias Wagner. "Allein aus der Sowjetunion wurden drei Millionen Menschen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt." Die Nachkriegsjahre erlebt Lydia Gawrilowa übrigens als Kinderpflegerin in einem Heim für Waisen und für Kinder, die aufgrund ihres "arischen" Erscheinungsbildes aus den von den Nazis besetzten Gebieten nach Deutschland entführt worden waren.
"Das Buch endet mit dem Wunsch, dass der Hass nicht das letzte Wort haben möge zwischen den Völkern", führte Matthias Wagner aus und hätte damit keine passendere Überleitung für die folgenden Teile der Veranstaltung finden können:
Der Lippspringer Thomas Peters berichtete über sein anstelle des Zivildienstes absolviertes Freiwilligenjahr im Edith-Stein-Haus in Breslau, das sich für die Versöhnung von Juden und Christen sowie für die Begegnung von polnischen und deutschen Jugendlichen einsetzt. "Die Möglichkeiten eines freiwilligen sozialen Jahres im Ausland werden viel zu wenig bekannt gemacht", konstatierte er und empfahl allen Schulabgängern, sich bei der Aktion Sühnezeichen zu informieren.
Ebenfalls engagiert für die Aufarbeitung der Themen Krieg und Zwangsarbeit zeigten sich Helene Kiefel und Meike Neugebauer als Vertreterinnen einer Klasse des Ludwig-Erhard-Berufskollegs in Paderborn. Sie präsentierten die Dokumentation einer Reise ihrer Klasse nach Polen und der dortigen Befragung von Zeitzeugen.
Die Schautafeln, die zunächst im Kreismuseum ausgestellt worden waren, informierten anschaulich, mit viel Liebe zum Detail und gut ausgewählten Hintergrundinformationen über Menschen, die im Kreis Paderborn zu Zwangsarbeit herangezogen wurden. Ein Buch zum Thema ist in Vorbereitung.
lok-red.paderborn@neue-westfaelische.de
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