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Bad Oeynhausener Kurier / Neue Westfälische , 15.11.2005 :

Auf den Spuren der 41 Holocaust-Opfer / Bündnis gegen Collegium Humanum unternimmt Erinnerungsgang zu Orten jüdischer Geschichte Vlothos

Vlotho (ab). Während des Erinnerungsgangs durch die Vlothoer Innenstadt starteten knapp 70 Personen auf eine Zeitreise. Die Schicksale vieler der 41 heimischen Opfer des Holocaust wurden von der Mendel-Grundmann-Gesellschaft beleuchtet.

"Dass Millionen Menschen umgebracht worden sind, ist vielen Menschen zu abstrakt. Erst durch konkrete Schicksale können sie das Geschehene nachvollziehen", erklärt Gerhart Schöll vom veranstaltenden Bündnis gegen das Collegium Humanum. Zudem solle "ein Zeichen gesetzt werden" gegen die zeitgleich auf dem Winterberg stattfindende Mitgliederversammlung des Collegium-Vereins.

"Wenn man den Holocaust leugnet, leugnet man auch die Opfer in unserer Stadt. Dann wären wir ja nur Traumtänzer, die etwas erforschen, was es gar nicht gegeben hat", äußerte Manfred Kluge von der Mendel-Grundmann-Gesellschaft sein Unverständnis für die Sichtweisen des Collegiums. An dieser Leugnung knüpfte der Erinnerungsgang an: "Wir wollen zeigen, dass es auch in Vlotho, unmittelbar vor der Haustür, Opfer gegeben hat", so Gerhart Schöll.

Diese jüdischen Mitmenschen wurden den Teilnehmern des Erinnerungsgangs während der gut 100 Minuten sehr vertraut. Die Namen der 41 Opfer trugen sie als Schilder den ganzen Weg über mit. An insgesamt sieben Stationen erfuhren die Interessierten außerdem viele Details über die Wohnorte, Leben und Sterben der Vlothoer Opfer. Die Mendel-Grundmann-Gesellschaft hatte den Erinnerungsgang geplant und mit vielen fesselnden und erschütternden Informationen über die Vlothoer gespickt. Nach dem Start an der ehemaligen Papierfabrik der Gebrüder Mosheim, dem damals einzigen größeren jüdischen Industrieunternehmen im Amt Vlotho, führte der Weg an der Herforder Straße entlang. "Margarete Bräutigams Schicksal ist in vielerlei Hinsicht etwas ganz Besonderes", erläuterte Inge Wienecke vor dem ehemaligen Wohnhaus der Jüdin. Bräutigam hatte einen katholischen Ehemann geheiratet, war konvertiert und wurde deshalb von ihrer Familie verstoßen.

"Aufgrund der Rassenideologie wurde sie aber wieder zur Jüdin gemacht und verfolgt", erklärte Inge Wienecke.

In der eigenen Stadt einsam und isoliert

Kurz nachdem ihre Wohnung am 10. November 1938 verwüstet worden war, zog Margarete Bräutigam nach Neeheim an der Ruhr, von wo aus sie nach Theresienstadt und schließlich Auschwitz deportiert wurde. Sie war eine der 7.000 Überlebenden in Auschwitz und kehrte im Jahre 1948 nach Vlotho zurück. "Aber hier traf sie auf eine eisige Wand des Schweigens und fühlte sich in ihrer eigenen Stadt einsam und isoliert", erzählte Inge Wienecke, die auch auf den sarkastischen Satz verwies, den Margarete Bräutigam bei ihrer Abreise gesagt haben soll: "Jetzt ist Vlotho wieder judenrein." Bei der nächsten Station, dem ehemaligen Haus von Adolf Simon an der Höltkebruchstraße erfuhren die Teilnehmer Erschütterndes über die Verwüstungen der Nazis. In einem Brief schrieb Simon: "In Vlotho haben die Nazis gehaust wie Wilde. Wir hatten nichts mehr in der Wohnung, nicht mal einen Teller, alles ist entzwei." Ähnlich hart traf es auch das Geschäftshaus Loeb an der Langen Straße. "Die Vlothoer kauften gerne bei Loeb und anderen jüdischen Geschäften ein und hielten ihnen trotz der Boykottmaßnahmen die Treue", informierte Manfred Kluge, der auch viel über den Vlothoer Ehrenbürger Hans Loeb erzählte. Über das Haus von Louis Steinberg an der Mühlenstraße führte der Erinnerungsgang zum ehemaligen "Judenheim" an der Langen Straße 81 und 83. "Die Menschen konnten nur das Notwendigste mitnehmen und mussten hier zusammengepfercht leben", erinnerte Manfred Kluge.

Schlusspunkt des Erinnerungsgangs war der Gedenkstein vorm Weser-Center und damit der Standort der zerstörten jüdischen Synagoge.


lok-red.oeynhausen@neue-westfaelische.de

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