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Vlothoer Zeitung /Westfalen-Blatt ,
12.11.2005 :
"Aber man muss zufrieden sein" / Die jüdische Familie Mosheim - Briefe aus Vlotho während der NS-Zeit
Von Hartmut Horstmann
Vlotho-Valdorf (VZ). Die Valdorfer haben das Jubiläum der 950. Ersterwähnung groß gefeiert. Doch zur Geschichte zählt auch der Blick auf die dunklen Kapitel eines Ortes. Diese werden in den Mosheim-Briefen thematisiert.
Vlothoer kennen die Loeb-Briefe, welche die Mendel-Grundmann-Gesellschaft in Buchform herausgegeben hat. Auch bei den Mosheims handelt es sich um eine jüdische Familie, die in Vlotho beziehungsweise Valdorf gelebt hat. 24 Briefe aus den Jahren 1940/41 wurden jetzt im Valdorfer Gemeindehaus von wechselnden Sprecherinnen und Sprechern vorgelesen. Wichtige Erläuterungen gab Manfred Kluge. Eingeladen hatten die Grundmann-Gesellschaft und die evangelische Kirchengemeinde.
Die Mosheims kamen in die Weserstadt, als sie 1906 die Papierfabrik auf dem Bonneberg übernahmen. Sie sorgten für einen großen Modernisierungsschub, mussten den Betrieb allerdings 1938 im Zuge der so genannten "Arisierung" an einen nichtjüdischen Käufer zwangsverkaufen.
Bereits in jungen Jahren hatte Herbert Mosheim die Verantwortung für die Leitung des Betriebes übernehmen müssen. Nach Pogromnacht und Zwangsenteignung gelang es ihm, Deutschland zu verlassen. Von den USA aus führte er die Korrespondenz mit seiner Familie in Deutschland - wobei nur die Briefe an Herbert Mosheim erhalten geblieben sind.
Hilde, die Schwester von Herbert, ahnte offenbar Schlimmes, als sie im Februar 1941 aus Vlotho nach Amerika schrieb, die Mutter sei gestorben: "Ihr sind viele, viele Dinge erspart geblieben, die uns vielleicht noch bevorstehen. Sie hatte solche Angst vor der Zukunft."
Diese Andeutung ist eine Ausnahme. Denn meist versuchten die aus Deutschland Schreibenden, den Bruder in den USA nicht zu beunruhigen. Ihre Beschreibung der Heimat während der NS-Zeit fällt aus heutiger Sicht an vielen Stellen überraschend milde aus. So, wenn es um die "Zwangseinweisung in Judenhäuser" ging. Mutter Sophie schrieb ihrem Sohn davon am 17. Dezember 1940: "Die Stadt hat uns veranlasst, ihr unser Haus an der Hochstraße zu verkaufen. Und jetzt wohnen wir seit dem 14. Dezember bei den Silberbergs, Lange Straße 81." Die räumlichen Verhältnisse sind beengt, die Schlafzimmer seien winzig und primitiv, so Sophie Mosheim, die dann jedoch versucht, den Sohn zu beruhigen: "Aber man muss zufrieden sein."
Mutter bleibt Mutter - auch über eine Entfernung von vielen Kilometern. So hält Sophie mit einer gewissen Antipathie gegenüber Herberts Verlobter nicht hinterm Berg: "Ihr lautes Lachen fällt mir manchmal auf die Nerven."
Die Schreibenden bemühen sich um das Gefühl von Normalität in einer Situation, die infolge der eingetretenen Entrechtung alles andere als normal war. Dass sie die Bedrohung immer deutlicher wahrnehmen mussten, zeigen die Überlegungen, Deutschland zu verlassen. Am 21. Januar 1941 äußert sich Sophie Mosheim noch hoffnungsvoll: "Wir sind sehr glücklich zu hören, dass es einfacher wird, nach Amerika auszuwandern." Doch ein halbes Jahr später hat sich die Situation gewandelt. Schwester Hilde teilt aus Lauenförde mit: "Unsere Hoffnungen, bald in die USA zu kommen, sind wieder den Bach hinunter gegangen, und jetzt, da die amerikanischen Konsulate geschlossen sind, scheint unsere Auswanderung in weiter Ferne."
Einige Monate weiter, und alle Hoffnungen sind begraben. Gerda Mosheim schreibt ihrem Bruder: "Mit meiner Auswanderung ist es vorbei - mir tut es so leid!" Den Brief schickte sie am 21. November 1941 ab. Am 30. März 1942 wurde Gerda Mosheim deportiert.
Mit der jüdischen Geschichte Valdorfs beschäftigt sich ein "Erinnerungsgang", der am heutigen Samstag um 11 Uhr an der früheren Fabrik Mosheim (heute Firma Lohmeier-Schaltschränke) startet.
12./13.11.2005
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