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Mindener Tageblatt ,
12.11.2005 :
(Minden) Suche nach Sündenbock / Öffentlicher Disput zwischen jüdischer Gemeinde, Parteien und Kirche
Minden (y). Der anwachsende Antisemitismus nach dem Ersten Weltkrieg spiegelt sich auch in mehreren Diskussionsveranstaltungen in Minden wider. Unter anderem Vertreter der evangelischen Kirche hatten Anteil daran, dass volksverhetzende Inhalte damals die Debatte nährten.
Von Kristan Kossack und Werner Dirks
In der Haltung gegenüber Juden schieden sich auch in Minden schon lange vor 1933 die Geister. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde ihnen in nationalen Kreisen die Schuld am Zusammenbruch des Kaiserreichs zugewiesen. Die Betroffenen wehrten sich gegen die neue antisemitische Welle. Am 28. November 1919 führte die Mindener jüdische Gemeinde eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zum Thema "Antisemiten und Juden" in der voll besetzten Gaststätte "Rosental" (1922 abgerissen) durch.
Für die jüdische Gemeinde leitete Nathan Michelsohn, Repräsentant im Vorstand der Mindener Gemeinde, die Veranstaltung. Michelsohn betrieb damals eine Baugesellschaft mit unterirdischen Stollen im Jakobsberg und Kiesgruben in der Weseraue. Eine Erinnerungstafel auf dem jüdischen Friedhof in Hausberge besagt, dass er auch gewählter Stadtrat von Hausberge und Minden war und 1939 nach Südafrika emigriert ist. Er ist 1953 in Johannesburg verstorben.
Hauptredner in der Versammlung war Dr. Lange aus Essen. Er war zwischen 1919 und 1923 zweiter Rabbiner der Essener Gemeinde. Die "Mindener Zeitung" berichtete, dass Lange während der Versammlung im November 1919 dargestellt habe, wie die Juden über Jahrhunderte hinweg kollektiv als Sündenböcke für alle gesellschaftlichen Missstände herhalten mussten. Zuletzt, weil sie angeblich den Weltkrieg angezettelt und die Novemberrevolution herbeigeführt hätten. Gegen die von national konservativen und völkischen Kräften behauptete jüdische Kriegstreiberei wies Lange auf die Tatsache hin, dass es im kaiserlichen Heer vor und im Krieg kaum jüdische Offiziere gab. Den Grund für die Entstehung der Revolution von 1918 sah der Redner im "moralischen Unwillen im Volk". "Wir alle hatten die Sehnsucht nach dem Ende. Will man dem deutschen Heer das Ansinnen unterstellen, dass es die Revolution um einiger Juden willen gemacht hat?"
Der Beitrag des Rabbiners richtete sich gegen eine antisemitische Hetzrede des Marinepfarrers Karl Koene aus Flensburg. Dieser war zehn Tage zuvor, ebenfalls im "Rosental", für die rechtsaußen positionierte Mindener Ortsgruppe der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) aufgetreten. Koenes Thema lautete: "Das Schicksal des Vaterlandes und wir". Der evangelische Pfarrer, so heißt es in der Mindener Zeitung vom 20. November, räumte zunächst die Existenz von sozialer Ungerechtigkeit und Standesgeist im Kaiserreich ein. Zugleich behauptete er aber, dass das "alte System" keinesfalls für die Niederlage von 1918 und das Nachkriegselend verantwortlich sei. Die Ursache für das verbreitete Elend sah er im "fremdländischen Geist der Sozialdemokratie". Unter den Regierenden befänden sich "zu 80 Prozent Juden", die aus dem Zusammenbruch des Kaiserreichs "ihren Nutzen zogen und ziehen". Die zersetzenden Kräfte hätten den Frontsoldaten "den Dolch in den Rücken gestoßen". Die Thesen des Militärpfarrers gipfelten in der Hassparole: "Die Juden vergiften unser deutsches Empfinden. Ich begrüße es als Errungenschaft der Gesundung des deutschen Volkes, dass es sich gegen solche Einflüsse zur Wehr setzt."
Ein erster Widerspruch war schon in der anschließenden Diskussion in derselben Versammlung laut geworden. Otto Michelsohn (1891-1992), der spätere Vorsitzende des jüdischen Jugendvereins in Minden und Sohn von Nathan Michelsohn, machte gegen Koenes Behauptung, Juden hätten in der Regierung zu viel Einfluss, folgende Rechnung auf: "In der Reichsregierung sitze zur Zeit nicht ein Jude, im preußischen Ministerium nur der Präsident Hirsch."
Gegen den angeblich von jüdischer Hand geführten "Dolchstoß" führte Otto Michelsohn - er war im Ersten Weltkrieg Offizierstellvertreter gewesen - die Wehrbereitschaft der deutschen Juden ins Feld: 17.000 Juden seien insgesamt vor dem Feinde gefallen, 9.000 hätten das Eiserne Kreuz erster Klasse (EK I) und 15.000 das EK II erhalten. Aus Minden stammten 53 jüdische Kriegsteilnehmer, davon seien 30 verwundet und 15 gefallen.
In der späteren Versammlung, die von der jüdischen Gemeinde organisiert wurde, gab es ebenfalls durch die Mindener Zeitung überlieferte Diskussionsbeiträge. Der SPD-Stadtrat Christian Riechmann warnte davor, in den Chor der Judenhetze einzustimmen und erklärte an die Adresse des Referenten in der DNVP-Versammlung gerichtet: "Ein Pfarrer, der sich dazu hergibt, ist als Staatsbeamter unmöglich."
DNVP-Parteisekretär Hürtgens widersprach: "Das Judentum ist ein besonderer Körper. Wir sprechen einzelnen nicht die Absicht ab, gute Deutsche sein zu wollen, können aber von einem Juden nicht dasselbe rassige Nationalgefühl erwarten." Rabbiner Lange konterte in seinem Schlusswort: "Man kann hassen. Tausende hassen, aber ein ganzes Volk hassen, heißt Unmensch sein." Die Versammelten verabschiedeten anschließend mehrheitlich folgende Resolution: "Die am 28. November im Rosental zu Minden abgehaltene Volksversammlung, zusammengesetzt aus allen Schichten und Parteien der Stadt, weist die von reaktionärer Seite ausgestreuten antisemitischen Verhetzungen zurück."
12./13.11.2005
mt@mt-online.de
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