Bünder Tageblatt / Neue Westfälische ,
05.11.2005 :
(Bünde) Wenn Musik zur Gefahr für Kinder wird / Info-Abend in der Realschule Mitte
Von Heiko Link
Bünde. Immer wieder machen rechtsradikale Gruppen Schlagzeilen, weil sie Musik mit rassistischem Inhalt kostenlos an Schülerinnen und Schüler verteilen. Auch Bünder Schulen sind dieser Gefahr ausgesetzt. Nicht zuletzt, um davor zu warnen, gab es zum Thema Rechtsradikalismus an der Realschule Bünde-Mitte einen Informationsabend mit vielen Experten.
Das wichtigste Werkzeug der rechten Szene um Nachwuchs zu gewinnen ist Musik, so die Beamten des Bielefelder Staatsschutzes. Im Zeitalter von MP3 (Musikdatei auf dem Computer) und Internet sei es einerseits schwer die Verbreitung rechter Musik zu stoppen. Andererseits veröffentliche die Szene gezielt Lieder, die vom Staat nicht verboten werden können.
Doch selbst wenn Titel verboten worden sind, finden sie ihren Weg zum Kunden. Eine CD der Gruppe "Zillertaler Türkenjäger" erzielt auf dem Schwarzmarkt Preise bis zu 80 Euro pro Stück. "Wenn Sie eine solche CD besitzen und sie zwanzig mal kopieren um diese Kopien dann auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen, ist das ein guter Grund sich auch weiterhin in der Szene aufzuhalten", erläutert Hermann Schulze vom Staatsschutz aus Bielefeld. Gewisse Nazi- Gruppen versehen Lieder wie "An der Nordseeküste" und "Sonderzug nach Pankow" mit ausländerfeindlichen Texten wie zum Beispiel "Sonderzug nach Mekka". "90 Prozent Ihrer Kinder kennen das", sagt Hermann Schulze den erstaunten Eltern. Diese Musik kann schnell leiser gestellt werden, wenn ein Lehrer den Raum betritt.
Musik ist ein Medium mit dem Emotionen transportiert werden können und damit ein ganz wichtiger Faktor. Verdeutlicht wurde dies von Hermann Schulze am Beispiel Martin Luther. "Hätte er seine heimlichen Lieder nicht weiter gegeben, dann hätte die Reformation nicht statt gefunden."
Eine Mutter berichtete, dass sie aus dem Haus eines Nachbarn schon solche Lieder gehört hat. Die Polizei forderte die Bürgerinnen und Bürger daraufhin auf, in solchen Fällen Anzeige zu erstatten: "Wir machen dann Hausbesuche", so Polizist Schulze. Schulleiter Horst Selle ergänzte, dass ihm an der Realschule Bünde-Mitte bisher kein Fall von kostenloser Nazi-Musik bekannt geworden sei. "Wenn wir davon erfahren, dass eine solche Aktion geplant ist, stellen wir uns vor der Schule auf", bekräftigt Hauptkommissar Dirk Hüsemann die Einsatzbereitschaft der Bünder Polizei.
Kommentar / Elternforum der Realschule Bünde-Mitte / Mut bewiesen
Von Heiko Link
Die Realschule Bünde-Mitte veranstaltete ihr erstes Elternforum und entschied sich zum Auftakt für das Thema Rechtsradikalismus.
Schulleitung und Lehrer beweisen Mut, indem sie ein schwieriges Thema offensiv angehen, noch bevor sie durch Vorkommnisse an der Schule dazu gezwungen werden.
Es macht Sinn, die Eltern darüber zu informieren, dass der Angriff von Rechts heute in CD- und MP3-Playern lauert und ihre Kinder nicht zwangsläufig in die Hände von Skinheads geraten müssen, um mit rechtsextremem Gedankengut in Berührung zu kommen.
Dass die Identifizierung mit einer gemeinsamen Musik in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzen ist, zeigt das Beispiel Martin Luther. Hätte er nicht für die Verbreitung seiner Lieder gesorgt, hätte die Reformation vielleicht nie stattgefunden. In der heutigen Zeit ist es sehr viel leichter, solche Musik zu verbreiten als noch zu Zeiten Luthers. Vom Volkslied bis zum Hardrock ist für jeden Geschmack etwas dabei.
Wichtig ist, dass die Eltern mit ihren Kindern über das Thema Rechtsradikalismus reden und nicht einfach nur sagen es sei schlecht. Gibt es einen ausländischen Klassenkameraden mit dem mein Kind sich gut versteht und den es nicht missen möchte? So kann man dem Kind doch am besten erklären, dass Ausländer uns nichts Böses wollen und wir voneinander lernen können. Mit diesen Gesprächen fängt man am besten schon im Kindergarten an.
Die Eltern sollten sich um ihre Kinder kümmern, für sie da sein und mit gutem Beispiel voran gehen. Zivilcourage ist dabei ein wichtiger Punkt.
Die Polizei empfiehlt, keine rechtsextremen Äußerungen zu dulden, auch nicht von guten Bekannten. 20 Prozent der Bevölkerung haben eine rechtsextreme Grundhaltung. Das macht es sehr wahrscheinlich für jeden Einzelnen in eine Situation zu kommen, in der er diesen Ratschlag befolgen kann.
05./06.11.2005
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